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Wolf Lotter über Reste

Was bleibt uns übrig? Und was machen wir daraus? Reste sind Chancen, kein Abfall.






Da sind diese zwei jungen Fische, die herumschwimmen, und sie treffen einen älteren Fisch, der ihnen entgegenkommt. Dieser nickt ihnen zu und sagt: ,Guten Morgen, Jungs, wie ist das Wasser?‘ Die jungen Fische schwimmen für eine Weile weiter, und dann schaut schließlich der eine hinüber zum anderen und sagt: ,Was zum Teufel ist Wasser?‘
This is Water (2009) David Foster Wallace

1. Das Ganze und der Rest

Es war zum Verrücktwerden.

Was immer die beiden amerikanischen Physiker Arno A. Penzias und Robert W. Wilson auch anstellten, es gelang ihnen nicht, ein anständiges, rauschfreies Signal zu empfangen.

Weit über ihnen kreiste damals, im Frühjahr 1964, ein Satellit namens Echo, der im Grunde genommen so funktionierte wie ein Spiegel, nur eben im All und mit einem Durchmesser von 30 Metern. Von Erdfunkstationen wurde der künstliche Trabant mit Daten bestrahlt, die er, wenn alles klappte, auf die Erde zurückreflektierte – wie ein Echo also. Unten hatten Penzias und Wilson ein Ungetüm von Antenne gebaut, das aussah wie jene länglichen Trichter, mit denen sich Schwerhörige vor der Erfindung kleinerer, elektronischer Apparaturen behelfen mussten.

Was immer sie damit an Echo empfingen, war zwar als Testsignal erkennbar, aber es rauschte, ein massives „excess radio noise“, wie die Fachleute das Phänomen nannten. Wahrscheinlich, so mutmaßten Penzias und Wilson, waren Tauben, deren Kot die Antennen bedeckte, das Problem. Aber nach der Grundreinigung war das Rauschen immer noch da. Auch die übrige Empfangstechnik, die Leitungen, mit denen die Daten im Labor übertragen wurden, und alles, was dazugehörte, konnte man drehen und wenden. Es rauschte.Beim Physiker Robert Dicke von der Princeton University hingegen klingelte es. Er hatte von dem merkwürdigen Vorfall gehört und sofort an eine auch von ihm vertretene Hypothese gedacht, dass der Urknall, der vor 13,8 Milliarden Jahren gefallene Startschuss fürs Universum, immer noch zu hören sein musste. Das Hintergrundrauschen war das Echo der Explosion. Penzias und Wilson hatten den Rest vom Großen und Ganzen empfangen, den Rest der Reste. Dafür erhielten sie 1978 den Nobelpreis für Physik.

Für den Rest der Menschheit wäre das eine gute Gelegenheit gewesen, mit Begriffen wie endlos und ewig etwas vorsichtiger umzugehen. Und zu lernen, dass Reste nichts Schlechtes sind, sondern nichts anderes als ein Echo dessen, was war, und das bis heute andauert.

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