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Wolf Lotter über Reste

Was bleibt uns übrig? Und was machen wir daraus? Reste sind Chancen, kein Abfall.






Da sind diese zwei jungen Fische, die herumschwimmen, und sie treffen einen älteren Fisch, der ihnen entgegenkommt. Dieser nickt ihnen zu und sagt: ,Guten Morgen, Jungs, wie ist das Wasser?‘ Die jungen Fische schwimmen für eine Weile weiter, und dann schaut schließlich der eine hinüber zum anderen und sagt: ,Was zum Teufel ist Wasser?‘
This is Water (2009) David Foster Wallace

1. Das Ganze und der Rest

Es war zum Verrücktwerden.

Was immer die beiden amerikanischen Physiker Arno A. Penzias und Robert W. Wilson auch anstellten, es gelang ihnen nicht, ein anständiges, rauschfreies Signal zu empfangen.

Weit über ihnen kreiste damals, im Frühjahr 1964, ein Satellit namens Echo, der im Grunde genommen so funktionierte wie ein Spiegel, nur eben im All und mit einem Durchmesser von 30 Metern. Von Erdfunkstationen wurde der künstliche Trabant mit Daten bestrahlt, die er, wenn alles klappte, auf die Erde zurückreflektierte – wie ein Echo also. Unten hatten Penzias und Wilson ein Ungetüm von Antenne gebaut, das aussah wie jene länglichen Trichter, mit denen sich Schwerhörige vor der Erfindung kleinerer, elektronischer Apparaturen behelfen mussten.

Was immer sie damit an Echo empfingen, war zwar als Testsignal erkennbar, aber es rauschte, ein massives „excess radio noise“, wie die Fachleute das Phänomen nannten. Wahrscheinlich, so mutmaßten Penzias und Wilson, waren Tauben, deren Kot die Antennen bedeckte, das Problem. Aber nach der Grundreinigung war das Rauschen immer noch da. Auch die übrige Empfangstechnik, die Leitungen, mit denen die Daten im Labor übertragen wurden, und alles, was dazugehörte, konnte man drehen und wenden. Es rauschte.Beim Physiker Robert Dicke von der Princeton University hingegen klingelte es. Er hatte von dem merkwürdigen Vorfall gehört und sofort an eine auch von ihm vertretene Hypothese gedacht, dass der Urknall, der vor 13,8 Milliarden Jahren gefallene Startschuss fürs Universum, immer noch zu hören sein musste. Das Hintergrundrauschen war das Echo der Explosion. Penzias und Wilson hatten den Rest vom Großen und Ganzen empfangen, den Rest der Reste. Dafür erhielten sie 1978 den Nobelpreis für Physik.

Für den Rest der Menschheit wäre das eine gute Gelegenheit gewesen, mit Begriffen wie endlos und ewig etwas vorsichtiger umzugehen. Und zu lernen, dass Reste nichts Schlechtes sind, sondern nichts anderes als ein Echo dessen, was war, und das bis heute andauert.

2. Bei Hempels

Wer genau zuhört, der lernt, auch wenn die späte Konsumgesellschaft andere Töne anschlägt. Bei ihr sind Reste immer ein Problem. Reste sind Abfall, Müll, erzeugen Schuldgefühle. Reste müssen entsorgt werden, aus der Welt geschafft also. Das höchste der Gefühle, das wir den Resten entgegenbringen, ist, sie der Wiederverwertung zuzuführen, womit man in der Regel meint, dass man aus einem einst guten Stoff einen schlechteren macht – Recycling ist meist Downcycling. Mehr als das kleinere Übel kriegen wir nicht hin. Der Rest ist, wenn uns nichts anderes übrig bleibt.

Dass wir Reste nur als Problem sehen, als unerwünschte Nebenwirkung von Konsum, Produktion, Kultur und Lebensstil, liegt vielleicht daran, dass es in unserem Kopf aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Die sind ein Mythos der Konsumgesellschaft: Leute, die alles unter den Teppich kehren, womit sie nichts anfangen können. Wer dabei nur an Verpackung und Plastiktüten denkt, denkt zu kurz. In der Wissensgesellschaft geht es auch um ganz andere Überbleibsel: So, wie wir mit Ressourcen und Stoffen umgehen, gehen wir erst recht mit Ideen und geistigen Artefakten von früher um, aus denen sich, wenn man nicht immer alles gleich besser wüsste, viel machen ließe. Doch die Tipps zur Restevermeidung sind oft ebenso einfältig und trostlos wie jene, die zu ihrer Herstellung geführt haben. Wir laufen, wohlständig wie nie, auf wackeligem Untergrund, auf einem Teppich, der einen gewaltigen Müllberg verpasster Chancen zudeckt, in dem verbuddelt wird, was als unbrauchbar gilt – von gestern, überholt und ausgedient.

Und gleichsam setzen wir auf Reste, die tatsächlich Müll sind und zu nichts anderem taugen, als eine Ordnung zu erhalten, die wir für ewig halten. Wer bei Hempel unters Sofa guckt und auf dem Teppich läuft, geht auf instabilem Grund.

Reste sind tückisch.

Der Rest ist kein Abfall, sondern ein Hinweis auf etwas, was unbewusst vorhanden ist. Geschichte, die unser Handeln in der Gegenwart bestimmt. Routinen, die wir gar nicht mehr wahrnehmen, aber für normal halten.

3. Fundis und Realos

Der deutsche Historiker Johann Gustav Droysen ersann im 19. Jahrhundert das Konzept des Überrestes, was wiederum eine Form des kulturellen Hintergrundrauschens der menschlichen Art darstellt. Traditionen und Denkmäler gehören nicht dazu, denn sie werden in voller Absicht für die Menschen hergestellt, die nach uns kommen. Sie erfüllen einen ganz bestimmten Zweck. Die Nachgeborenen sollen sich an etwas genau so erinnern, wie es die Stifter beabsichtigten.

Wer es verstand, seine eigenen Positionen dauerhaft zu überliefern, legitimierte seinen Einfluss, aber eben auch seine Macht über den Tod hinaus, für seine Erben und Nachfolger, die Dynastie, das politische System, eine Organisation oder bestimmte Glaubensrichtung. Traditionalisten und Fundamentalisten sind aus einem Holz. Sie behaupten, dass es immer und ewig nur einen Weg geben wird. Das ist Resteverwaltung, eine Form des geistigen Recyclings.

Überreste sind etwas anderes. Sie entstehen nicht, um eine ewige Wahrheit zu verbreiten, sie sind Zeugen der Praxis. Es sind private Briefe und Aufzeichnungen, Fotografien, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, vertrauliche Mails und Aktennotizen, Verträge und Quellen aller Art, die uns viel mehr über die jeweilige Realität berichten als die von vornherein absichtsvoll in die Welt gesetzten Denkmäler. Um Überreste nutzbar zu machen, braucht man Realisten. Sie betrachten die Welt, wie sie ist, nicht als feste Ordnung und für die Ewigkeit gebaut, sondern als Spielmasse, als Labor. Reste sind nicht ihr Feind, sondern Rohstoff für Neues. Mit der Aufklärung und dem Aufstieg der Naturwissenschaften wurden die Skepsis und der konstruktive Zweifel zum wichtigsten Denkwerkzeug der Realos. Sie sind Resteverwerter im besten Sinn. Sie fragen, was sich daraus machen lässt, was hinter ihnen steckt, wo sie herkommen. Das Hintergrundrauschen ist für sie keine Störung. Sie machen aus dem, was da ist, das Beste.

Fundis hingegen punkten immer dann, wenn Unsicherheiten durch Veränderungen anstehen, das Neue noch zu wenig Kontur hat, um keine Angst auszulösen. Dann verkaufen die Traditionalisten, die Fundis, ihren alten Plunder wieder mal als ewige Wahrheit. Und wenn sich dann zeigt, dass das für den Müll ist, wird das Ergebnis schön unter Sofas und Teppiche gekehrt. Es riecht komisch, aber man hat sich daran gewöhnt.

Reste sind schlechte Angewohnheiten, Vorurteile, alte Denkarten – und gleichzeitig aber auch ein fernes Echo ungelöster Probleme und offener Antworten. Das also, was noch zu erledigen ist. Sie machen den Unterschied deutlich zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir gern wären.

Spätestens dort, wo es um Veränderung geht, um Transformation, wird es spielentscheidend, den Unterschied zwischen brauchbaren Resten und Müll von gestern zu kennen. Ist das noch nützlich, oder kann das weg?

Reste sind auch schlechte Angewohnheiten, Vorurteile und alte Denkarten – und ein Hinweis auf ungelöste Probleme. Reste sagen uns: Das musst du noch erledigen. Dalli.

4. Die allwissende Müllhalde

Das klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. Reste sind gefährlich, wo man sie gar nicht erst groß bemerkt, weil man sie für die Normalität hält, immer schon da gewesen, nichts Besonderes. Sie sind wie ein Riff im Wasser. Wer sich nicht bewusst macht, dass unter der Oberfläche etwas sein kann, läuft auf Grund und geht unter. Doch die meisten Leute halten ihre Ignoranz gegenüber Untiefen für eine kulturelle Errungenschaft.

Die deutschen Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Aleida und Jan Assmann, die 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielten, haben den Begriff des kulturellen Gedächtnisses geprägt, die, wie Jan Assmann es formulierte, „Tradition in uns, für die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen“.

Das ist das Hintergrundrauschen, vor dem wir unsere Entscheidungen treffen, ohne es bewusst zu hören. Der Muppets-Erfinder und Puppenspieler Jim Henson hat dafür ein alltagstaugliches Gleichnis geschaffen, die allwissende Müllhalde aus seiner Serie „Die Fraggles“. Dieses Orakel, das von den Fraggles regelmäßig konsultiert wird, besteht aus einem Haufen Abfall mit Brille, das mit dunkler Stimme zu seinen Klienten spricht. Dabei kommt natürlich nichts heraus, was man nicht schon vorher hätte wissen können, aber darum geht es ja. Die Fraggles wollen nicht wirklich wissen, was kommt, sondern ob es so bleibt, wie es ist. Die allwissende Müllhalde ist unser kulturelles Gedächtnis, das uns die Antworten gibt, die wir hören wollen, weil wir es genau so gelernt haben. Es geht um Bestätigung, nicht um Erkenntnis, eine geistige Kreislaufwirtschaft sozusagen. Fraggles sind Traditionalisten.

Die meisten Leute, die so denken, sind mit diesem Recycling zufrieden, weil sie weitermachen können, wie sie es gelernt haben, in Schule, Kirche, Firma, Partei, Familie und Freundeskreis, die alle mit ihren „gehärteten Texten, Bildern und Riten“ arbeiten.

Realos hingegen versuchen, den Rest mit der Realität abzugleichen. Was könnte die Ursache für das Hintergrundrauschen sein? Warum wurde zu Ende des 19. Jahrhunderts ein Sozialversicherungssystem für Arbeiter eingeführt? Welchen Zweck hatte die Vollerwerbsarbeit in der Industriegesellschaft? Und was machen wir in Zeiten der digitalen Wissensgesellschaft daraus? Was ist die offizielle Unternehmenskultur, und wie geht’s in den Fluren und Büros wirklich zu? Was sagt ein Politiker in Interviews und Sonntagsreden und was hinter verschlossenen Türen? Wie reden wir über Gerechtigkeit, Fortschritt, Umwelt und Mitgefühl – und was tun wir eigentlich für all das? Werden wir die Geister, die wir riefen, nie los, oder können wir auch anders, weil wir wissen, weshalb wir sie einst gerufen haben?

So gewendet, lehren uns Reste den Sinn und Zweck der Entscheidungen im Hier und Jetzt. Dann werden sie von einer dumpfen Routine zu einer Ressource des Neuen, die helfen kann, Veränderungen leichter voranzutreiben.

Es mag für Berufsrevolutionäre merkwürdig klingen, aber früher waren die Leute auch nicht alle doof. Wer die Regeln brechen will, muss sie nicht nur kennen, sondern sollte sich auch fragen, warum sie einst geschaffen wurden. Was war ihr Zweck? Diese Suche nach einem Zusammenhang hilft uns dabei, den Restmüll, der längst raus gehört, von wertvollen Rohstoffen zu trennen.

Man kann diesen Zusammenhang natürlich auch unters Sofa kehren, aber er kommt dann eben wieder darunter hervor. Fragen Sie die Hempels oder die Leute, die sie schon mal besucht haben. Wie sieht’s hier denn aus! Kann hier mal jemand aufräumen?

5. Die Raumpfleger der Wissensarbeit

Klar, und am besten lässt man das die Profis machen. Die Raumpfleger der Wissensarbeit sind die Historiker. Sie sind an Zusammenhängen interessiert, an der Frage, was Menschen bewegte. Und einer, den der Begriff Reste gleich elektrisiert, ist Professor Joachim Radkau.

Er ist der unbestrittene Doyen der Umweltgeschichte, seine Arbeiten über den Aufstieg und die Krise der deutschen Atomwirtschaft genießen weltweites Ansehen. Der Historiker, sagt Radkau verschmitzt, lebt ja von Resten: „Gib mir den Rest! – das hat bei unsereins eine existenzielle Bedeutung.“

Radkau nimmt das Thema persönlich. Er ist Jahrgang 1943, hat die schlechten Zeiten nach dem Krieg erlebt. Reste gab es nur in Form vielfach verdrängter Vergangenheit und Gegenwart. Aber sonst? „Wenn wir mal ein Paket bekamen, haben wir jedes Teilchen davon wiederverwendet, das Packpapier glatt gestrichen und den Bindfaden aufgelöst.“ Er empfand es „als eine ungeheure Befreiung, dass wir später, als es uns besser ging, etwas wegwerfen konnten“. Was man leichtfertig und stets mit scheelem Unterton Verschwendung nennt, hat eben mehr als die eine Seite, die wir ihr zuschreiben. Nicht mehr auf die materiellen Reste angewiesen zu sein ist eben auch das Glück, der schlimmsten Not entronnen zu sein.

Dem mit der Umweltbewegung seit Jahrzehnten verbundenen Radkau ist diese Ambivalenz stets bewusst gewesen. Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie schaltet nur gelegentlich auf Wiedervorlage. Das Vergangene ist nicht ganz aus der Welt, seine Reste sind da. Und die Menschen reagieren, weil sie das, was war, längst verdrängt haben, meist noch panischer auf ein erneutes Auftauchen von Phänomenen als beim ersten Mal, als sie davon überrascht wurden. „Wer hätte schon gedacht, dass wir heute wieder die Globalisierung diskutieren? Und dass wir uns mit der Frage der Nationalstaaten und dem Nationalismus beschäftigen müssen“, sagt Radkau.

Das waren für seine Generation, die der 68er, längst abgehakte Angelegenheiten. Oder: Wer hätte noch in den Sechziger- oder Siebzigerjahren an das nahende Ende der Atomwirtschaft geglaubt? „Davon wollte niemand etwas wissen.“ Radkau erzählt über die Atom-Euphorie von Ernst Bloch, dem Schöpfer des Werkes „Das Prinzip Hoffnung“, der sich zu enthusiastischen Hymnen über die Atomkraft verleiten ließ.

Was davon übrig blieb, summiert sich in Deutschland pro Jahr auf rund 450 Tonnen radioaktives Material, das je nach Beschaffenheit noch Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre vor sich hat, bis es seine Gefährlichkeit verliert. Noch nicht einmal die Endlagerung, die Müllhalde für die Atomwirtschaft, ist gefunden. Erst im Jahr 2130, so berichtete der Wissenschaftsdienst Spektrum.de vor drei Jahren, werden die letzten Behälter aus deutschen Atomkraftwerken versiegelt werden. Atomausstieg ist ein großes Wort, jedenfalls größer als die dazugehörige Politik. Und man versteht in diesem Zusammenhang auch, warum es der sonst der Industriearchäologie sehr zugetane Joachim Radkau irgendwie merkwürdig fand, als man ihn fragte, ob man Atomkraftwerke als Denkmäler erhalten sollte. Die ausgediente Technik gehört zu den wenigen Dingen, die sich von selbst immer wieder in Erinnerung bringen werden. Dieser Rest ist sein eigenes Mahnmal.

Und wir verdrängen auch das. Wer glaubt, alles neu zu machen, hat nur den Rest im Neuen nicht erkannt.

In Radkaus Buch „Geschichte der Zukunft“ kann man das nachlesen, die ganzen Utopien und Visionen der Bundesrepublik, die heute als Hype um die künstliche Intelligenz und die Digitalisierung wiederkehren. Eine neue Technologie wird, oft unbewusst, in die Reste der alten Hoffnungen eingesetzt. Die Reste wirken nach, manchmal weit mehr, als man denkt.

Das Wichtigste wäre heute, sagt Radkau, „die Erziehung zum konkreten Denken. Dass das nicht geschieht, macht die Bildungskrise aus.“ Konkretes Denken ist Realitätssinn. Wo der fehlt, entsteht Müll.

Es sind Sätze wie „Das hat sich bewährt“ oder „Der Erfolg gibt ihnen recht“, die Hans Wüthrich aufbringen. Sie sind die Parolen des Determinismus. Das ist, wenn man den Rest mit dem Ganzen verwechselt.

6. Resteverwertung, aber richtig

Es geht also darum, sich klarzumachen, was wir tun, weil wir es immer schon getan haben, und es von dem zu unterscheiden, was man sonst noch machen kann. Innovationen entstehen dort, wo man sich dessen bewusst ist – sagt der Managementforscher Hans A. Wüthrich. Das Bewusstmachen alter Routinen ist die Voraussetzung des neuen Denkens. Doch diesen Vorgang, warnt Wüthrich, darf man nicht mit simpler „Traditionspflege und nostalgischer Rückbesinnung verwechseln, die nur vereinfachen und in die Irre führen“, wie er sagt. „Lösungsraumbegrenzende Muster“ wären das: „Man setzt von vornherein enge Grenzen dessen, was man sich ansieht, und verwirft gleich mal neue Ansätze.

Und man merkt das schon an der Sprache: Rückblick, Mitnehmen, Recyceln – Begriffe, die heute in Wirtschaft und Gesellschaft sehr populär sind, die legen ja nahe, dass es so etwas wie eine ideale Lösung schon gibt, man muss nur auf den Knopf drücken und sie abrufen.“ Aber diese „bewährten Wissensstände“, meint Wüthrich, führen allesamt zu nichts Neuem, zu keiner Lösung für aktuelle Probleme. Dennoch glaubt man an Sätze und Formeln wie Das hat sich bewährt und Der Erfolg gibt ihnen recht. Was Wüthrich beschreibt, nennt man Determinismus. Dabei wird der Rest mit dem Ganzen verwechselt.

Die Idee des Determinismus besteht darin, dass man aus den Resten – also den Daten der Vergangenheit – Schlüsse für künftige Ereignisse ziehen könnte. Das hieße aber, die Macht des Hintergrundrauschens falsch zu verstehen. Der Rest beeinflusst die Zukunft, aber er macht sie nicht. Niemand kann das Morgen aus dem Gestern ableiten, auch wenn er noch so laut Big Data ruft. Verlässliche Muster jedenfalls, findet Wüthrich, ergeben sich daraus nicht: „Um wirklich objektive Bewertungen zu haben, bräuchten wir stabile Referenzen, die haben wir aber nicht“, fügt er hinzu. Man möge, rät der Forscher stattdessen, „den gesellschaftlichen Anspruch entsorgen, die Lösung für ein Problem finden zu können, egal ob in Sachen Arbeit, Rente, Gesundheit oder sonst etwas. Und die ganze mit ihr verbundene Logik von richtig und falsch gleich mit.“ Das gehöre auf den Müll, bescheidet Wüthrich, wohingegen „das ergebnisoffene Experimentieren als Grundlage des Erkenntnisfortschritts als Leitbild in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik etabliert werden müsste. Denn wir suchen nicht die beste, sondern die jeweils beste Lösung.“ Die, die jetzt passt – und jetzt, nur zur Erinnerung, das heißt nicht auf immer und ewig.

Statt eines nostalgischen Traditionalismus, der die Reste von früher, etwa der Industriegesellschaft, als einzigen Rettungsanker fürs Morgen beschwört, möge man Geschichtsbewusstsein setzen – das man vielleicht als alles zu seiner Zeit umschreiben könnte. Nicht recyceln, wiederholen, im Kreis laufen, sondern immer wieder ausloten, was gerade Sinn ergibt. Ein auf den französischen Historiker Jean Jaurès zurückgehender Ausspruch bringt das konstruktive Verständnis von Tradition auf den Punkt: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“

Überall dort, wo es um Kontinuität geht, in Organisationen, Familien, Gesellschaften, kann man die dahintersteckende Logik nicht ernst genug nehmen.

7. Express yourself

Das kann man im fränkischen Heroldsberg lernen.

Sebastian Schwanhäußer führt das fränkische Familienunternehmen Schwan-Stabilo in fünfter Generation. Was im Jahr 1865 mit Bleistiften begann, ist zu einem Unternehmen mit gut 713 Millionen Euro Umsatz und mehr als 5000 Mitarbeitern geworden. Schwan-Stabilo produziert Schreibgeräte aller Art, ist aber auch einer der bedeutendsten Kosmetikstiftanbieter, besitzt die Outdoor-Marken Deuter, Ortovox, Maier Sports und Gonso. Was hat das alles miteinander zu tun? „Es sind anfassbare Produkte. Eine gegenständliche Welt, die dabei hilft, die Defizite einer digitalen Welt auszugleichen“, sagt Sebastian Schwanhäußer. Das ist bereits im Ursprung des Unternehmens so angelegt. Ein Bleistift ist ein Schreibgerät, das weiß auch im Zeitalter des Smartphones noch jedes Kind. Ein Schreibwerkzeug ist dazu da, um Gedanken aufzuzeichnen, über den Augenblick hinaus, sich auszudrücken, sich deutlich – kenntlich – zu machen. Das ist nun weit mehr als bloß die Beherrschung einer nützlichen Kulturtechnik. Wer lesen kann, erschließt sich die Welt, wer schreiben kann, teilt sich selber mit, zeigt sich den anderen und macht sich unterscheidbar.

Und Kosmetik? Wer die verwendet, drückt sich ebenfalls aus, unterstreicht sich, hebt sich hervor. Und in einer Welt, in der Wissensarbeit und Abstraktion die Tätigkeit bestimmt, wird das Erleben von Natur, von persönlichem Freiraum zu einer wesentlichen Ausdrucksform. In allen Sparten geht es um Handfestes und Ausdrückliches. Das sei, was man anbiete, von jeher, sagt Schwanhäußer. „Der Sinn, der Zusammenhang, der bleibt, aber die Mittel ändern sich ständig.“ Das „System Familienunternehmen“, wie es Schwanhäußer nennt, gilt vielen als ökonomische Variante des Adels, der Dynastie. Alles hat seinen Platz, seine Ordnung, seine Regeln, alles ist geplant. Damit kann Schwanhäußer nichts anfangen: „Man kann seinen Erben den Sinn und den Zusammenhang weitergeben oder wenigstens näherbringen, aber ganz sicher kann man nicht heute darüber nachdenken, was in 50 Jahren geschieht.“

Was es also zu vererben gibt, ist in erster Linie der Spirit des Zusammenhangs. Nachhaltig denken ist kein Recycling, sondern Entwicklung. Der Unterschied von Feuer und Asche.

8. Restlos glücklich

Entwicklung ist nicht nur etwas Technisches, Soziales, Sachliches. Entwicklung ist in erster Linie eine persönliche Angelegenheit.

Und wo es persönlich wird, wird es heikel. Ein Wechsel an der Führung, die Frage der Nachfolge, die Generationendebatte sind die Sollbruchstellen des vernünftigen Umgangs miteinander. In der Regel wird das so gedeutet: Das Alte ist schlecht und muss restlos entsorgt werden. Das Neue ist großartig. Wo man so redet, ist Misstrauen angebracht.

Die alten Ägypter meißelten die Kartuschen mit dem Antlitz und dem Namen von in Ungnade gefallenen Pharaonen aus Tempel und Grabanlagen. In Rom fielen Kaiser, die man wegputschte, wie etwa Nero, umgehend der „Damnatio memoriae“, zu Deutsch „Verdammung des Andenkens“ anheim. Und Stalin ließ alte Mitstreiter, mit denen er sich überworfen hatte, nach ihrer Vertreibung und Auslöschung auch aus Büchern und gemeinsamen Fotos entfernen. Wo vorher Leo Trotzki stand, war hinterher ein Kirschlorbeer. Ungefähr so laufen aber auch viele Generationswechsel ab, nicht nur in Familienunternehmen. Die berühmte neue Zeit beginnt, und die Reste werden zu Müll.

Das alles geschieht natürlich auch gern im Namen der Gerechtigkeit, der Moral oder gar, besonders irre, des Respektes. Vor allem jedoch dient die Verdammung des Vorhergehenden dazu, von den eigenen Schwächen abzulenken. Das Neue ist gut, weil es gut ist. Der Rest ist Schweigen. Damit kommt man nicht weit, schon gar nicht bei Veränderungen, die den Namen auch verdienen und sich nicht großspurig nur als solche ausgeben.

Nehmen wir Bodo Janssen. Der Geschäftsführer der Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH & Co KG und erfolgreiche Buchautor („Die Stille Revolution“) wurde mit 32 Jahren Erbe und Chef seines Familienunternehmens und durchlebte einen harten Kulturwandel als Führungskraft (siehe brand eins 05/2014: „Wir haben keine Angst mehr“), der auch seine Firma radikal veränderte. Was vorher ein erfolgreiches, aber konventionelles Immobilienunternehmen war, wird zum Musterfall des werteorientierten Unternehmens umgebaut. Geht noch mehr Revolution?

Janssen winkt ab. „Ich habe gelernt, das wertzuschätzen, was da war. Ich habe die gleiche Sehnsucht wie mein Vater, aber eine andere Herangehensweise.“ Und überhaupt: Überall und immer, wo von Veränderung die Rede sei, würde man das Alte schlechtmachen, sagt Janssen: Wer zu den Alten gehört, müsse sich in einer solchen Welt extrem gering geschätzt fühlen. Damit will er nichts zu tun haben, und er glaubt auch, dass es methodisch falsch ist: „Entwicklung heißt eben genau hinschauen, was kann man brauchen, was ist richtig, was kann ich anders machen.“

Es gelte aber: alles zu seiner Zeit. Das ist nicht nur klug gedacht, wenn es ums Geschäft geht, sondern auch sonst im Leben, auch dort, wo es um weit mehr geht als um Geld oder eine gelungene Übung der Transformation.

Nachhaltigkeit ist kein Recycling, sondern Entwicklung. Nicht vergessen, woher man kommt, und gleichzeitig nicht stehen bleiben. Gib mir den Rest – ich mach’ was daraus.

Janssen war als 24-Jähriger Opfer einer Entführung. Acht Tage war er in der Gewalt seiner Peiniger, die zehn Millionen D-Mark Lösegeld forderten. Nach 20 Jahren, erzählt Janssen, habe er seinen Entführern verziehen und dabei gelernt, „wie stark das Gefühl der Vergebung sein kann, die Möglichkeit, jemand anderem eine Last zu nehmen“.

Dazu gebracht haben ihn seine Erfahrungen in dem von Völkermord und Bürgerkrieg heimgesuchten Ruanda: „Dort leben Opfer und Täter nebeneinander, und damit es nicht endlos so weitergeht, müssen sie einander vergeben. Sie sagen: ,Wenn mich jemand um Verzeihung bittet, dann muss ich sie ihm gewähren.‘“ Das erschien ihm anfangs absurd, aber bald, sagt Janssen, habe er bemerkt, was man daraus lernen kann. Daheim habe er sich von den Resten der Entführung, den Beklemmungen und Ängsten, gelöst. „Ich habe vergeben und mich seither nicht mehr, wie vorher, so oft gefragt: Warum ist ausgerechnet dir das passiert?, sondern: Wozu war das gut? Was hast du daraus gelernt?“

Wenn Erlösung etwas bedeutet, dann, mit sich ins Reine gekommen zu sein. Inventur gemacht zu haben, die Reste sortiert, die guten wie die bösen, und zu wissen, wer man ist. Und das Hintergrundrauschen nicht zu ignorieren, sondern verstehen zu lernen.

Wenn man damit mal anfinge, besteht Hoffnung, aus der Zuversicht wird.

Der Rest ergibt sich. ---