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Was wäre, wenn …

… die Menschheit nicht mehr existierte?

Ein Szenario.





• Die Freiheitsstatue ist im Sand versunken, Efeu und Lianen haben New Yorks Brücken eingehüllt, Giraffen grasen zwischen eingestürzten Wolkenkratzern – so sehen Endzeitszenarien in Katastrophen- und Science-Fiction-Filmen aus. Diese Bilder beruhen auf einer realistischen Annahme: Gibt es keine Menschen mehr, holt sich die Natur den Planeten Schritt für Schritt zurück. Aber was genau würde passieren, wenn die Menschheit eines Tages tatsächlich nicht mehr existierte? Wie würde sich der Planet verändern? Wann wären unsere Spuren getilgt?

„Es ist nicht wirklich eine Frage, ob die Menschheit irgendwann ausstirbt, sondern eher eine Frage, wann“, sagt Luc Bussiere, Biologe und Umweltwissenschaftler an der schottischen Universität Stirling. „99,9 Prozent aller Arten, die bislang auf der Erde gelebt haben, gab es irgendwann nicht mehr. Und es ist extrem unwahrscheinlich, dass der Mensch eine Ausnahme darstellt, auch wenn wir das gerne glauben wollen, weil wir uns für etwas Besonderes halten.“

Viele mögliche Folgen hängen davon ab, was – wenn es einmal so weit sein wird – der Grund für das Verschwinden der Menschheit ist. Dennoch lassen sich einige Aussagen treffen, wie die Erde sich ohne unsere Zivilisation entwickeln wird. „An dem Tag, an dem die Menschheit verschwindet, beginnt die Natur augenblicklich mit dem Hausputz“, schreibt der Wissenschaftsautor Alan Weisman in seinem Buch „Die Welt ohne uns“. „Sie putzt unsere Häuser vom Antlitz der Erde. Alle werden sie verschwinden.“ Weisman hat mit Dutzenden von Experten gesprochen und zahlreiche Orte bereist, an denen der Mensch war und sich wieder zurückgezogen hat. Gewöhnliche Holzhäuser halten seinen Recherchen zufolge „50, bestenfalls 100 Jahre“.

Und künftig ließe nicht nur der Frost-Tau-Wechsel Asphalt und Beton aufplatzen. In wärmeren Gefilden würden das vor allem die Samen von Blumen und Bäumen übernehmen. Sie dringen durch Risse ein, keimen, und das von Zelle zu Zelle nach oben transportierte Wasser kann in den Spitzen der Sprösslinge einen Druck erzeugen, der so hoch ist, dass die Pflanzen Asphalt aufbrechen können.

Andere Veränderungen wären nur eine Frage von Stunden oder Tagen: So müssen beispielsweise 50 Millionen Liter Grundwasser jeden Tag daran gehindert werden, in die New Yorker U-Bahnschächte zu fließen, bei Regen noch mehr. Ohne Menschen, die das Pumpsystem überwachen, würde das U-Bahn-Netz in 36 Stunden volllaufen. Die meisten Atomkraftwerke würden ohne menschliche Aufsicht und Wartung binnen einer Woche überhitzen, wodurch enorme Mengen Radioaktivität in die Luft und in nahe Gewässer gelangten. Bereits nach rund einem Jahr würden jedoch wieder Tiere an die Orte zurückkehren, an denen Reaktoren abgebrannt oder geschmolzen sind.

Ohne Strom könnten Elektrozäune die meisten Nutztiere nicht zurückhalten, sie wären frei. Ein Großteil dürfte jedoch wie zahlreiche Haustiere ohne Fütterung durch Menschen verhungern. „An Orten, an denen es keine großen Fressfeinde gibt, könnten viele dieser Tiere jedoch auch überleben“, sagt der Biologe Bussiere. „Schafen in England oder Pferden im australischen Outback würde es sehr gut gehen.“

Auch die Zahl an Vögeln nähme zu. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in den USA bis zu 80 Millionen Vögel jährlich durch den Aufprall auf Kühlergrills und Windschutzscheiben ums Leben kommen. Innerhalb eines Jahres sollen dort etwa eine Milliarde von ihnen durch Pestizide sterben sowie durch Kollision mit Fensterscheiben, Stromleitungen und Sendemasten – die zwar nicht sofort, aber doch nach und nach verschwänden.

Die Elefantenpopulation würde sich ohne Elfenbeinhandel und Wilderer binnen 100 Jahren verzwanzigfachen.

„Sogenannte anthropophile Tiere, die sich stark an den Menschen angepasst haben oder von ihm leben, dürften es hingegen sehr schwer haben“, sagt Bussiere. „Die Zahl von Ratten, Stubenfliegen oder Kopfläusen wird sich beispielsweise radikal reduzieren.“

Und welche Arten könnten eine menschenlose Erde dominieren? „Zahlenmäßig dieselben wie jetzt: Bakterien und mikroskopisch kleine Fadenwürmer“, sagt Bussiere. „Bei den größeren würde ich weder auf die Affen noch auf die Ameisen setzen, die bei Science-Fiction-Autoren so hoch im Kurs stehen. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Evolution komplett neue Arten entstehen lässt, um das Vakuum zu füllen, das der Mensch hinterlässt.“

Auch die großen Bauwunder der Menschheit verschwänden, wenn auch sehr langsam: Der Kalkstein der Cheopspyramide würde nach und nach abgetragen; in einer Million Jahren dürfte nichts mehr von ihr übrig sein, vermutet Weisman. Deutlich länger könnte es den Eurotunnel geben: Durch eine tief in der Erde liegende Schicht aus robustem Mergelgestein geschützt, hat er gute Aussichten, einige Jahrmillionen zu überstehen – bis die Kontinentaldrift ihn auseinanderreißt oder zusammenstaucht.

Sehr unterschiedlich ist die Lebensdauer von Atomwaffen: Die Hülle von Interkontinentalraketen würde laut Weisman rund 5000 Jahre brauchen, um durchzurosten. Das in vielen Sprengköpfen enthaltene waffenfähige Plutonium-239 mit einer Halbwertszeit von 24 110 Jahren würde sich nach rund 250 000 Jahren der natürlichen Hintergrundstrahlung der Erde angleichen. Das Isotop Uran-235, das ebenfalls in Atomwaffen und Kernreaktoren eingesetzt wird, hat hingegen eine Halbwertszeit von 703,8 Millionen Jahren.

Noch länger überdauern Radio- und Fernsehwellen. Vor dem Ende der Menschheit ausgestrahlt, würden sie auch danach weiter ins All hinauswandern – immer fragmentierter, aber ohne je völlig zu verschwinden. ---