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Was vom Start-up übrig blieb

Nur wenige Gründungen sind erfolgreich. Was passiert mit den Überbleibseln der anderen? Ein Mehrfachgründer erzählt.





• Im Jahr 2007 gründete ich mit mehreren Kollegen in Berlin ein Social Network. Wir gingen nicht pleite wie so viele andere Start-ups, sahen 2011 aber trotzdem keine Zukunftsperspektive mehr. Also entschieden wir uns, die Firma abzuwickeln. Dann kommt kein Insolvenzverwalter, sondern ein Liquidator. Während bei einer Insolvenz immer noch die Chance besteht, die Firma zu retten, ist bei einer Liquidierung das Ende beschlossene Sache. Die Rolle des Liquidators kann die Geschäftsführung selbst übernehmen, oder sie kann jemanden damit beauftragen. Für uns hat das ein ehemaliger Mitarbeiter übernommen. Geschäfte machen darf man als Firma „i. L.“, also „in Liquidation“, nur noch bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Alles, was der Liquidator tut, soll der Beendigung der laufenden Geschäfte dienen, eventuelle Gläubiger zufriedenstellen und einen möglichst großen Teil des Firmenwertes in Geld umwandeln.

Was bleibt übrig? Erst mal die Büroausstattung. In Sachen Schreibtischstühle und Büromöbel gab es bei uns keine Designklassiker zu holen, wir hatten uns eher mit Ikea-Ware ausgestattet. Da kommt jemand, fotografiert das ab und verkauft es, sehr unspektakulär. Wenn man selbst eine Firma gründet, kann eine solche Auflösung ein guter Weg sein, um günstig an eine Büroeinrichtung zu kommen.

In den USA gibt es Firmen, die sich auf die Abwicklung von Tech-Start-ups spezialisiert haben. Ich habe auch schon erlebt, dass sich Insolvenzverwalter die Hilfe von Unternehmensberatern holen, um zu verstehen, was von den Resten eines Start-ups wichtig und womöglich lukrativ ist und was nicht. Lukrativ können zum Beispiel Patente oder anderes geistiges Eigentum sein.

Meine Firma befand sich zum Zeitpunkt der Liquidierung leider gerade in einer Auseinandersetzung mit einem Patenttroll. Der behauptete, er habe schon längst erfunden, was wir entwickelt hatten. Nachdem wir das Verfahren in allen Instanzen gewonnen hatten, waren unsere Patente leider nichts mehr wert. Sie hatten ein technisches Problem gelöst, das aufgrund neuer Entwicklungen einfach nicht mehr existierte.

Auch ein Softwarecode hat eine gewisse Halbwertszeit. Wenn er sehr frisch ist, kann er noch etwas wert sein – ich kenne diverse Gründer, die heimlich einen USB-Stick oder eine externe Festplatte nach Hause getragen haben, bevor ihr Start-up dichtmachte. Wo unser Code inzwischen ist, kann ich offen gestanden gar nicht sagen. Verkauft worden ist er bei der Liquidation sicherlich nicht, da hätten wir eher Geld drauflegen müssen. Die meisten Programmierer entwickeln Software lieber selbst, als sich in einen fremden Code einzuarbeiten, der zudem nicht mehr gepflegt wird und deren Urheber nicht mehr erreichbar sind.

Kundendaten hingegen müssen vernichtet werden, wobei es auch hier sicherlich Anreize gibt, Datenbanken oder Mailadressen mitzunehmen und vielleicht bei der nächsten Firma zu verwenden. Erwischen lassen sollte man sich dabei allerdings nicht. Denn um solche Daten im Rahmen einer Liquidierung an eine andere Firma zu verkaufen, müsste man sich die Genehmigung jedes einzelnen Kunden holen.

Für meine Firma hatten wir Serverkapazitäten in Frankfurt angemietet. Als wir die Firma abwickelten, beantragten wir dort, alle Kundendaten und sonstigen sensiblen Daten zu vernichten. Die Mitarbeiter überschreiben das dann zigmal – oder schmeißen die Datenträger, wenn man das möchte, in eine Vernichtungsbox. Ein Zertifikat bescheinigt einem dann, dass die Daten gelöscht wurden.

Je nachdem, wie gut sie etabliert ist, kann natürlich auch die Marke einen Wert haben. Man muss sie allerdings auch nutzen, sonst laufen die Rechte am Markennamen irgendwann ab. Ich habe die Namensrechte meiner liquidierten Firma erst gekauft und später für einen symbolischen Preis an einen meiner Mitgründer weitergegeben, der damit jetzt T-Shirts bedruckt und verkauft. T-Shirts, Aufkleber und solche Handysocken, wie sie damals in Mode waren, sind ebenfalls zu Hunderten übrig geblieben, als wir die Firma abwickelten. Ein paar von diesen Shirts habe ich noch zu Hause, aus sentimentalen Gründen.

Das vielleicht Schönste, was von der Firma geblieben ist, sind Liebespaare, die sich durch uns kennengelernt haben. Wir waren ja ein sehr frühes soziales Netzwerk, und es kamen immer wieder lange Briefe und Hochzeitsfotos von Menschen, die durch uns ihren Partner gefunden hatten. Das war ein sehr schönes Gefühl. Ich weiß nicht, ob wir eine „Delle ins Universum“ gemacht haben, wie Steve Jobs das mal formuliert hat, aber es ist auf jeden Fall toll zu sehen, dass von der Idee, die man hatte, etwas bestehen bleibt. Ich selbst habe über unsere Plattform auch Leute kennengelernt, mit denen ich heute noch befreundet bin.

Auch innerhalb unserer Firma lernten sich Menschen kennen. Manche freundeten sich an, manche zogen zusammen, andere wurden Paare. Die Leute, die mit und für uns arbeiteten, hatten in der Start-up-Szene hinterher auf jeden Fall einen guten Ruf. Vielleicht nicht auf dem Niveau der „Paypal-Mafia“ im Silicon Valley, aber man wusste: Die können was. Wir hatten zu unserer besten Zeit eine Bewertung im zweistelligen Millionenbereich, das gab es damals in Berlin selten. Zu vielen der ehemaligen Mitarbeiter und einem Teil der Mitgründer habe ich auch noch ein sehr gutes Verhältnis.

Mit einigen meiner Mitgründer habe ich mich aber auch komplett überworfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich mit seinen Mitgründern entzweit, ist leider relativ hoch. Persönliche Probleme im Team sind der häufigste Grund, warum Start-ups scheitern – noch vor einem fehlenden Product-Market-Fit und einer fehlenden weiteren Finanzierung. Wenn ich deshalb Gründer berate, sage ich oft: Überleg dir gut, ob du mit deinen Freunden ein Unternehmen gründen willst. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie hinterher nicht mehr deine Freunde sind.

Erfahrungen sind die vielleicht wichtigsten Reste eines beerdigten Start-ups. Ich habe zum Beispiel erlebt, was falsche Loyalität ist: Ich war einigen meiner Mitgründer gegenüber zu lange zu loyal und hätte die Investoren früher darauf aufmerksam machen müssen, dass etwas falsch läuft. Den Krawall, den das mit sich bringt, würde ich heute sofort in Kauf nehmen. Ich habe auch gelernt, wie man Leute dazu motiviert, wirklich über ein Problem nachzudenken, von dem sie glauben, dass es unmöglich zu lösen ist. Wenn es dann doch klappt, ist das ein wahnsinnig gutes Gefühl.

Manchmal stoße ich im Netz auf Über- reste meiner alten Firma. Den Youtube-Kanal gibt es immer noch – vermutlich weiß niemand mehr die Login-Daten. Dort kann man unsere Werbevideos sehen und anhand dieser ganz schön die Entwicklung der Firma verfolgen. Die ersten Filmchen haben wir an einem Nachmittag in der eigenen Wohnung selbst gedreht. Dann wurden die Clips immer professioneller. Auch das Twitter- und das Flickr-Konto gibt es weiterhin.

Die vielleicht kuriosesten Reste der Firma sind zum einen Aufkleber, die ich ab und zu noch auf den Toiletten von Bars oder in einem unserer alten Bürogebäude sehe. Und zum anderen die Tätowierung, die sich ein Mitarbeiter von unserem Logo stechen ließ. Ich prophezeite ihm damals, dass er das eines Tages bereuen werde, aber er sagte, ihm gefiele das Motiv so oder so. Ich hoffe, er ist immer noch glücklich damit. ---

Daniel Schubert (Name geändert), 40, hat drei Start-ups mitgegründet. Fünf Jahre nachdem er sein erstes Unternehmen verlassen hatte, meldete das neue Management Insolvenz an. Schubert kaufte es mit seinem Mitgründer zurück und betreibt es gemeinsam mit seiner dritten Firma bis heute.