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Helsinki

Würde man Helsinki in einer der dunklen Winternächte durchleuchten, sähe man ein Labyrinth aus Tunneln und Gängen. Über eine Metropole, die in die Tiefe wächst.




• Die Arbeit fängt unter der Erde an und hört unter der Erde auf. Tageslicht gibt es höchstens in der Mittagspause. Manchmal drücke das schon aufs Gemüt, sagt Oleg Jauhonen. Er ist kein Minenarbeiter oder U-Bahn-Fahrer, er leitet ein Schwimmbad in Itäkeskus, am Ostrand von Helsinki. Womöglich das einzige Hallenbad, das in einen Felsen gesprengt wurde. Nicht weil die Finnen unbedingt in einer Höhle schwimmen wollen. Sondern eher aus pragmatischen Gründen: Ursprünglich diente das Bad als Bunker. Und in den kann es sich schnell zurückverwandeln. Im Notfall könnten hier 3800 Menschen unterkommen, geschützt durch meterdicke, doppelte Türen. „Hier wären wir sogar vor einem Atomangriff sicher“, sagt Jauhonen. Zurzeit zieht der Ort aber vor allem Touristen an, die den Stein bestaunen wollen, der sich über Sportbecken und Rutschbahn wölbt – sie kommen sogar aus China.

Weil alle 650 000 Menschen in Helsinki so wie alle Einwohner Finnlands Anspruch auf einen Luftschutzraum haben, gibt es noch mehr solcher Orte in der Stadt. Metrostationen zum Beispiel. Die Rolltreppen nach unten, in Itäkeskus oder auch im Zentrum – sie hören und hören nicht auf. Schier endlose Röhren führen hinab in den Schlund der Stadt und enden in riesigen, hallenartigen Stationen.

Wenn Helsinki durchsichtig wäre, oder wenn man es in einer der dunklen Winternächte durchleuchten würde, dann sähe man ein Labyrinth aus Tunneln und Gängen, die in Sackgassen enden. 


Die unterirdische Schwimmhalle im Osten der Stadt (links), Reinigung einer neuen Anlage des Energieversorgers Helen (rechts

In 20, 50 oder 80 Metern Tiefe. „Wie ein Schweizer Käse“, sagt der Historiker Seppo Hentilä. Aber nicht alle dürfen hinein. „Viele Gänge sind nicht öffentlich. Sie sind für die Armee, für die Verteidigung gedacht.“

Hentilä hat sich in seiner Forschung vor allem mit der Geschichte der finnisch-russischen Beziehungen beschäftigt. Der Kalte Krieg ist längst vorbei. Aber Russlands Politik wird aggressiver und unvorhersehbarer – Skandinavien befindet sich im Alarmzustand. Schweden rüstet auf und führt die Wehrpflicht wieder ein, Finnland hat sie erst gar nicht abgeschafft.

Ein großer Teil der wuchtigen Unterwelt ist in den Siebziger- und Achtzigerjahren entstanden, als Finnland sich im Kalten Krieg zwischen den sowjetischen und den westlichen Machtblöcken befand. Und das nah dran am übermächtigen Nachbarn: Russland ist gerade mal 200 Kilometer entfernt, die gemeinsame Grenze 1300 Kilometer lang.

Oberirdisch wirkt heute alles ziemlich friedlich. In der Mitte des zentralen Senatsplatzes steht eine Statue des russischen Zaren Alexander II., geachtet für seine finnlandfreundliche Politik. Daneben glitzern die Sterne der Domkuppel.

Nicht jeder dunkle Ort in Helsinki hat auch eine dunkle Geschichte. Zwei Blocks weiter führt eine Seitenstraße in ein unterirdisches Parkhaus. Es geht tief hinunter ins Gestein, der schmale Tunnel ist eingefasst von hartem, grauem Granit, ein düsterer und beengender Weg. Das Parkhaus stammt aber nicht aus dem Kalten Krieg, sondern aus den Neunzigerjahren. Es ist eines von etwa 20 Parkhäusern unter der Erde.

400 unterirdische Bauten aller Art gibt es bereits: ein Shoppingcenter, ein Fitnessstudio, eine Müllanlage. Den weltweit größten unterirdischen Busbahnhof, ein Rechenzentrum, die größte Shopping-Meile Nordeuropas mit Geschäften und Saunen, eine Kirche, eine Leichtathletik- und Eisbahn sowie eine Eishalle, in der die Eishockey-Erstligisten trainieren. Und das ist erst der Anfang. Während andere Städte nach oben bauen, baut Helsinki nach unten.


die Stadtplanerin Eija Kivilaakso in der U-Bahn-Station Kamppi im Zentrum von Helsinki und die Station Keilaniemi;


Oleg Jauhonen, Leiter des mehr als 20 Jahre alten Schwimmbads Itäkeskus

Helsinki wächst zehnmal schneller als Berlin

Die Schaltzentrale der Stadtplaner liegt am anderen Ende des Zentrums, zehn Minuten Fußweg vom Parkhaus. Der Stadtplan, den Eija Kivilaakso auseinanderfaltet, eine Frau im schwarzen Kleid, mit schwarzer Brille und einem freundlichen, runden Gesicht, ist so groß, dass er über die Kanten des Konferenztisches hängt. Der Plan ist voller feiner roter und grüner Linien, ein filigranes Geäst aus vorhandenen und geplanten Tunneln, Gängen und Bauten unter der Stadt, die auf Granit gebaut ist. Dann legt Kivilaakso noch einen fingerdicken Katalog auf den Tisch: ein Masterplan für eine unterirdische Stadt.

Kivilaakso ist Helsinkis oberste Stadtplanerin, ihre Aufgabe ist der Ausbau dieser Stadt mit zwei Lebensräumen. Bis 2020 soll der unterirdische so groß sein wie der oberirdische: neun Millionen Kubikmeter. Wie viel das kosten wird, ist schwer zu schätzen – schließlich sind sowohl private Investoren als auch Stadt und Land beteiligt. Auch die Europäische Chemikalienagentur ECHA hat sich schon ein Stück Unterwelt gesichert. In den Fels lassen sich vier Stockwerke mit Lagerräumen und Konferenzsälen bauen. Angeblich halten sie einer Atombombe stand.

Der Masterplan war Kivilaaksos Idee: Die Nachfrage nach unterirdischen Bauten aller Art sei einfach zu groß gewesen, sagt sie. Die vielen teils öffentlichen und teils privaten Projekte sollten sich nicht in die Quere kommen, außerdem ging es um Versorgungssicherheit. In dem umfassenden Plan kann sie jetzt Platz reservieren für große technische Projekte wie Kraftwerke, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Kivilaaksos Abteilung arbeitete jahrelang an dem Konzept. 2011 war es so weit: grünes Licht von ganz oben.

Die im Stadtteil Etu-Töölö gelegene Temppeliaukio-Kirche

Aber schon vorher wurde unten offiziell gebaut, weil man oben den Verkehr entlasten und Platz schaffen wollte. Das ist noch immer so: Die Bevölkerung Helsinkis wächst zehnmal so schnell wie die von Berlin. In bis zu 80 Metern Tiefe fahren bereits heute 3000 Laster täglich ihre Waren umher.

Auch an Schutzräume denke man bei den neuen Plänen, sagt Kivilaakso. Tatsächlich wäre Helsinki im Notfall schon ziemlich gut vorbereitet: Die strategisch wichtigsten Infrastrukturen befinden sich längst geschützt unter der Erde. Sensible Informationen aus der Bibliothek des Regierungsarchivs etwa. Oder Verbindungswege zwischen Parlamentsgebäude, öffentlichem Rundfunk und Flughafen.

Ideale Fluchtwege im Falle einer Belagerung, möchte man meinen. Aber Kivilaakso winkt ab: Nur ungefähr ein Drittel der unterirdischen Stadt sei für die Öffentlichkeit zugänglich, sagt sie. Denn zu einem großen Teil befinden sich dort Anlagen, um die Menschen mit Strom oder Wärme zu versorgen. Auf Kivilaaksos Faltplan ist dieses Versorgungssystem zu sehen, mit einem zweieinhalb Kilometer langen Tunnel als Hauptschlagader. Vor allem der städtische Energieversorger Helen entwickelt innovative Energiekonzepte für die Unterwelt.

Von oben bemerkt man sie fast nicht. Ihre Eingänge verwechselt man leicht mit denen zur U-Bahn oder zu öffentlichen Parkplätzen. Auch der Zugang zu einem von Helens Kraftwerken ist eine Art Garagentor, eingerückt in einen Felsen.

Bei der U-Bahn-Station in Koivusaari führen Rolltreppen in den Schlund der Stadt.

Eine Wärmepumpenanlage, versteckt unter dem Esplanadi-Pena-Park

Tief unten ruht still ein See

Klack. Hinter dem Auto schließt sich das Tor, das Gestein verschluckt den Hall. Dann ist es schwarz. So schwarz, wie es oben selbst nachts nie wird. Der Tunnel führt zwei Kilometer lang 50 Meter in die Tiefe, er ist kaum breiter als das Fahrzeug. Es hält vor einer gigantischen Höhle mit einem Labyrinth aus Pumpen, das aussieht, als sei es in Alufolie gewickelt. Die zehn Millionen Euro teure Heiz- und Kühlanlage wurde im August dieses Jahres eröffnet.

Kleine Elektrofahrzeuge rollen fast geräuschlos durch die Anlage, an deren Wänden sich riesenhafte Röhren entlangziehen. Die perfekte Szenerie für einen James Bond. Statt „Liebesgrüße aus Moskau“ könnte man hier welche aus Helsinki versenden. Eine Metalltreppe führt auf eine Miniaturplattform. „Höhenangst ist schlecht hier unten“, sagt Helen-Manager Tuomas Ojanperä. Er blickt auf eine spiegelnde Wasserfläche, im Schein der Halogenlampe schimmert das Wasser türkisfarben. Zu sehen ist nur ein kleiner Teil des künstlichen Sees, er ist 40 Meter tief und 80 Meter breit. Er dient nicht als Badesee, sondern um Energie zu erzeugen und zu sparen. Der See ist ein Kältespeicher und Teil der Anlage, die Immobilien in der Stadt beheizen und kühlen soll.

Helsinki ist zwar die kalte Hauptstadt eines kalten Landes, aber gekühlt werden muss trotzdem. Und das wegen steigender Temperaturen auch immer mehr: in Shoppingcentern, Hotels, Gewerbeeinheiten, Büros und Privatwohnungen.

Das Wasser ist kalt, wenn es das Becken und die mächtigen Kältemaschinen verlässt. Wenn es Räume klimatisiert und kühlt, erwärmt es sich und strömt zurück in den Untergrund. Der Kreislauf beginnt von vorn. Fernkälte heißt dieses Konzept. Ähnlich wie bei der Fernwärme ersetzt eine zentrale Kältemaschine einzelne Anlagen in den Gebäuden. „Das lohnt sich ökonomisch und ökologisch“, sagt Ojanperä. Die Abwärme wird als treibende Kraft genutzt, um Kälte oder Strom zu erzeugen – Energie, die sonst verloren ginge.

Deshalb nennt der Ingenieur die Anlage einen „großen Schritt Richtung Klimaneutralität“. Dass Helsinkis Luftqualität sich in den vergangenen Jahren verbessert hat, liege auch am Ausbau des Fernwärme- und Kühlungsnetzes. Das langfristige Ziel sei, die Energieproduktion mit fossilen Brennstoffen auf null zu senken. Die neue Anlage spart schon mehr als 20 000 Tonnen CO2 pro Jahr – ungefähr so viel, wie 10 000 Autos ausstoßen.

Ein Mitarbeiter radelt vorbei, mit Fahrradkorb und Ohrschützern, seine Beine drehen sich beim Treten o-förmig nach außen, er ist ein bisschen groß für das kleine Rad. Theoretisch könnte der Mann allein in den Helen-Tunneln eine 65 Kilometer lange Radtour machen.

Und in nur 15 bis 20 Minuten wäre er bei Katri Vala im Stadtteil Sörnäinen, bei der weltweit größten Anlage zur Erzeugung von Fernwärme und Fernkälte.

Oberirdisch sieht man einen Lidl und einen Park auf einem großen Felsen. Nicht weit davon entfernt trifft sich die hiesige Drogenszene. Unterirdisch gibt es eine Wärmepumpenanlage, die mit Abwärme aus Abwasser arbeitet. Ihre Energieeffizienz liegt bei bis zu 90 Prozent – bei Kohle beträgt sie nur etwa 30 bis 50 Prozent.

Auf einem Pfeil auf einem der Rohre steht, woher das Abwasser kommt: aus Viikinmäki, einer unterirdischen Kläranlage im gleichnamigen Außenbezirk von Helsinki. Sie hat eine begrünte Holzterrasse, auf der ein paar robuste Topfblumen ohne Tageslicht wachsen. Ihr Standort im Untergrund hat einen Vorteil: Die Temperatur des Abwassers ist höher. Sie liegt bei 10 bis 16 Grad Celsius, draußen sind es oft nur 5 Grad Celsius. Beste Bedingungen für die Mikroben.

Auch andere Anlagen profitieren von der Tiefe: Das Gestein wirkt isolierend, und die Erdwärme hält die Temperatur konstant warm. Selbst wenn sie oben auf 20, 30 oder 40 Grad minus fällt – einmal auf eine Temperatur gebracht, schwankt sie unten kaum mehr, und die Betreiber können Heizkosten sparen.

Müll wird in die Tiefe gesogen

Auch Abfall wird unterirdisch verarbeitet. Im ehemaligen Hafenviertel Kalasatama etwa gibt es eine Müllabsaugungsanlage, die wie eine Rohrpost funktioniert. An manchen Häuserwänden sind beispielsweise farbige Bullaugen aus Kunststoff eingelassen. Papier, Bio, Restmüll: Jede Müllsorte hat ein eigenes Fenster und eine eigene Farbe. Die Anwohner bekommen einen Chip, um die Bullaugen an einem Griff zu öffnen. Schließen sie sie wieder, nachdem sie ihre Beutel hineingeworfen haben, wird im Inneren der Anlage wie bei einem Staubsauger ein Unterdruck erzeugt. Dieser saugt den Inhalt durch ein unterirdisches Kanalsystem in die Müllzentrale des Viertels. Die Chips helfen den Müllunternehmen abzuschätzen, welche Abfälle wo und zu welchem Zeitpunkt anfallen. Ein Vorteil für die Anwohner: Sie werden frühmorgens nicht von der Müllabfuhr geweckt, die bei laufendem Motor und mit viel Lärm die Tonnen leert.

So viele Vorteile – doch einfach kopieren kann das Konzept nicht jede Stadt. Helsinki ist auf 100 Millionen Jahre altem Granit gebaut, der sich gut aushöhlen lässt. Eine Million Kubikmeter Stein sind schon ausgegraben worden – das entspricht etwa 120 000 Lkw-Ladungen. Und damit schließe sich wieder ein Kreis, sagt Tuomas Ojanperä vom Energieerzeuger Helen: „Unsere Ausgaben haben wir zum Teil mit dem gesprengten Stein gedeckt, den wir an die Stadt und an Baufirmen verkaufen.“


Kai Kartio, Direktor des Amos-Rex-Museums für moderne Kunst, in den neuen Räumen unter der Erde. Durch Bullaugen können die Besucher in der Tiefe nach oben sehen

Bauen mit Granit hat in Helsinki Tradition. Der Hauptbahnhof mit seinem Glockenturm und den riesigen Statuen am Eingang stammt von 1919, aus der Zeit der Nationalromantik. Er ist aus dem rohen grauen Stein gebaut, genau wie das etwas ältere Jugendstil-Nationaltheater.

Das neueste Vorzeigeprojekt der Stadt aber ist nicht aus Granit, es ist – wie sollte es anders sein – im Granit. Das Amos-Rex-Museum für moderne Kunst ist gerade aus einem engen Altbau unter die Erde gezogen, weil im Museumsviertel kein Platz mehr war für einen Neubau. Jetzt befindet sich das Amos Rex in der Unterwelt, in Wellen wölbt sich die Decke über den Kunstwerken: eine Verbeugung vor dem Designer und Architekten Alvar Aalto. Damit die Besucher sich nicht fühlen wie in einer Höhle, ist das 15-Millionen-Euro-Projekt mit bullaugenartigen Fenstern mit der Außenwelt verbunden.

Für die Zukunft der unterirdischen Stadt steht noch einiges auf dem Masterplan: eine weitere Kläranlage, ein Eishockey-Stadion und eine Hochgeschwindigkeitsstrecke für Züge, die unter dem Meer bis nach Tallin, der Hauptstadt von Estland, fahren könnten. Machen, was machbar ist, alles rausholen aus dem, was man hat – das haben die Finnen nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft im Blut.

Vielleicht haben sie deshalb vor 50 Jahren auch die Fundamente ihrer lutherisch geprägten Kultur tief in den Stein gemeißelt. Von der Temppeliaukio-Kirche im Stadtteil Etu-Töölö ist nicht viel zu sehen. Nur ein Fels, in den eine Glastür eingelassen ist. Der Granit glänzt grausilbrig im Abendlicht. Auf seinem unebenen Buckel picken Vögel nach Resten aus einer Chipstüte.

Daneben sitzen Jugendliche und trinken Bier. Auf den ersten Blick wirkt Helsinki wie jede andere Großstadt. ---