Partner von
Partner von

Der Milliardärsflüsterer

Der Ökonom Falko Paetzold will reiche Menschen davon überzeugen, die Welt zu verbessern. Die Geschichte eines Missionars.





• An diesem Herbstmorgen im Oktober 2015 gibt es vermutlich keinen anderen Ort auf der Welt, an dem sich zeitgleich so viele reiche Menschen befinden. Es sind 30, die alle zum reichsten Prozent der Menschheit gehören, Männer und Frauen, die mehr Geld haben, als sie ausgeben können. Jetzt sitzen sie hier, in einem holzgetäfelten Raum der Harvard-Universität, vor Falko Paetzold, zu dem Zeitpunkt 33 Jahre alt, ein ehemaliger DDR-Flüchtling, der gern Snowboard-Profi geworden wäre und nun als Ökonom eine ganz andere Mission verfolgt: Er will Superreiche dazu bewegen, möglichst viel von ihrem Vermögen so zu verwenden, dass es einer guten Sache dient. Er hat Monate damit zugebracht, diese Menschen nach Boston zu bekommen. Er hat sich mit ihnen zum Kaffee getroffen, hat mit ihnen per E-Mail kommuniziert und mit ihnen telefoniert. Ob sie seiner Einladung wirklich folgen würden, wusste er nicht. Bis zu diesem Morgen.

Sie sitzen da wie Studenten, willig, sich belehren zu lassen, während draußen der Wind die vom Indian Summer rot gefärbten Blätter von den Bäumen bläst. Manche tragen T-Shirts, Sneakers und Pullover, andere Anzug oder Hemd und Loafers. Paetzold blickt in die Runde, sieht auf einem Stuhl auf der linken Seite des Raumes einen Prinz der saudi-arabischen Herrscherfamilie Al Saud. In einer der vorderen Reihen sitzen die Nachkommen einer schweizerischen Investorenlegende, der seiner Familie wohl mindestens 20 Milliarden US-Dollar hinterlassen wird.

Ebenfalls anwesend ist der Enkel eines amerikanischen Magnaten, in dessen Familie es mindestens ein Dutzend Milliardäre gibt. Er hat sich in der Mitte des Raumes platziert, um eifrig dem versprochenen Weiterbildungsprogramm zu folgen.

Wie kriegt Paetzold reiche Erben dazu, sich von ihm drei Tage lang über nachhaltiges Investieren unterrichten zu lassen? 9000 Dollar zahlen sie für zwei Kurszyklen, Flug, Unterkunft und Verpflegung inklusive.

Ein Teil der Antwort liegt in der Weltsicht einer neuen Generation von Reichen begründet, die laut Milliardärsreport der Schweizer Bank UBS ein besonderes Bewusstsein für wirtschaftliche und soziale Probleme hat und nach Wegen sucht, „den Klimawandel anzusprechen, staatliche Bildung zu verbessern, Armut zu lindern, Malaria zu eliminieren, eine Behandlung für Alzheimer zu finden und so weiter“.

Das allein erklärt aber nicht das Zustandekommen des bemerkenswerten Weiterbildungsprogramms – das hat vor allem mit dem missionarischen Eifer von Falko Paetzold zu tun. Überzeugt davon, dass die ungleiche Vermögensverteilung eines der größten Übel ist, hat er sich nicht weniger vorgenommen, als die Reichsten der Reichen persönlich zu bekehren.

Will man diesem Motiv auf den Grund gehen, kommt man nicht an seiner persönlichen Geschichte vorbei, der ersten Begegnung mit seinem Vater, seinem erlernten Umgang mit Vermögenden und auch seiner Faszination für Geld.

All dies führt ihn im Jahr 2016 nach Amsterdam, wo das Unternehmen Pymwymic die „Impact Days“ veranstaltet, laut Eigenbeschreibung eine Konferenz „für Wohlstandsträger, die einen positiven Fußabdruck in dieser Welt hinterlassen möchten“. Paetzold kauft sich ein Tagesticket für 1000 Euro. Am Vorabend der Konferenz zieht er einen Anzug an, versucht, Einlass zu einem Abendessen zu bekommen, das den wichtigsten Teilnehmern vorbehalten ist, doch Paetzold wird von den Türstehern abgewiesen. Die Nacht verbringt er in einem Hostel, seine Zimmergenossen sitzen auf dem Boden und kiffen, während er Ruhe finden will, um am nächsten Tag fit zu sein.

Die Konferenz findet im ehemaligen Hauptquartier der Westindien-Kompanie statt, ein Prachtbau aus dem 17. Jahrhundert. Während der Vorträge über Geschlechtergleichheit im Globalen Süden und über nachhaltige Landwirtschaft hält Paetzold unermüdlich Ausschau nach Teilnehmern, die er ansprechen kann. „Mein Name ist Falko Paetzold“, sagt er dann, „ich veranstalte an der Harvard-Universität einen Workshop zum Thema nachhaltiges Investieren. Darf ich Ihnen kurz davon berichten?“ Er macht das an diesem Tag Dutzende Male, immer in der Hoffnung, auf jemanden zu stoßen, der sich für sein Programm interessiert oder zumindest nicht völlig abgeneigt ist und sich vielleicht später noch überzeugen lässt.

Diese Art der Akquise kostet ihn keine Überwindung. Wie ein Hausierer hat er sich daran gewöhnt, abgewiesen zu werden. Überhaupt habe er mit Ablehnung kein Problem, sagt er. „Ich kenne das ja seit meiner Kindheit.“

Falko Paetzold wurde in der ehemaligen DDR geboren, in Ostberlin. Er ist fünf, als seine Mutter beschließt zu fliehen, 1988, ein Jahr bevor die Grenze fällt. Mutter und Sohn machen sich auf den Weg nach Ungarn, überqueren von dort, im Kofferraum eines Mercedes versteckt, die Grenze zu Österreich. Von dort geht’s weiter nach Westberlin. Plötzlich befindet er sich in einer neuen Welt, mit vielen Waren, die er noch nie gesehen hat, und fern von seinen Freunden. Er tut sich schwer, neue zu finden, ist bei seinen Mitschülern in der Grundschule nicht besonders beliebt. Er sei damit offensiv umgegangen, erinnert sich seine Mutter – nach dem Motto: „Hey, ich bin das Ossi-Kind, was wollt ihr von mir?“ Diese Erfahrung helfe ihm heute, sagt Paetzold selbst. „Ich tue das, was ich für richtig halte, egal was andere denken.“

Wenn er seine Biographie zusammenfasst, erscheinen seine DDR-Vergangenheit und sein Außenseiterdasein als logische Vorgeschichte seines heutigen Kampfes gegen die ungleiche Vermögensverteilung. Dabei ist sein Leben keineswegs so gradlinig verlaufen.

Sein Vater spielt, wie man erst auf Nachfragen erfährt, eine nicht unwesentliche Rolle für sein Lebensthema. Er lernt ihn erst richtig kennen, als er 17 Jahre alt ist. Der Vater – ein Angehöriger der DDR-Truppen – und seine Mutter hatten sich getrennt, als Paetzold drei Jahre alt war. Anschließend hatte die Mutter beschlossen, dass es besser wäre, wenn der Vater aus dem Leben ihres Sohnes verschwände. Mehr als ein Jahrzehnt später, die DDR war längst Vergangenheit, überraschte sie ihn mit den Worten: „Falko, ich denke, es ist eine gute Idee, wenn du deinen Vater kennenlernst.“

Im Spätsommer kurz nach der Jahrtausendwende kommt es in einem teuren italienischen Restaurant in Westberlin zu einem Treffen. Am Anfang stockt das Gespräch, worüber sollen Vater und Sohn nach so langer Zeit auch reden? Doch dann legen beide ihre Zurückhaltung ab, und sie unterhalten sich, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Der Vater erzählt, dass er inzwischen Unternehmer ist, ein Millionär, der sein Geld im Kunststoffhandel verdient. Dass er zwei weitere Kinder bekommen hat. Später verabschiedet sich Paetzold von ihm mit einer herzlichen Umarmung.

Er macht seinem Vater keine Vorwürfe, dass er sich so lange nicht hat blicken lassen, sondern nutzt pragmatisch den neuen Kontakt. Die beiden sehen sich nun regelmäßig, fahren zusammen in den Urlaub. Paetzold beginnt sich für Wirtschaft zu interessieren. „Vorher hat das überhaupt keine Rolle in meinem Leben gespielt“, sagt er heute. Paetzold abonniert die »Financial Times«, begleitet seinen Vater hin und wieder zu Treffen mit anderen Unternehmern, übernimmt dessen Leistungsdenken. Er bewirbt sich um einen Studienplatz im Fach Wirtschaft an einer privaten Fachhochschule in Berlin. „Ich bin da richtig aufgegangen“, sagt Falko Paetzold heute. „Das war exakt das Richtige für mich.“

Die Schweizerin Flora Keller gehört zu denjenigen, die extra nach Boston geflogen sind, um sich von Paetzold belehren zu lassen

Er ist bis dahin ein Suchender gewesen, offen für vieles. Zwischenzeitlich ist er leidenschaftlicher Snowboarder, verbringt viel Zeit in Skigebieten, trainiert intensiv, lernt Leute kennen, die mit dem Sport ihr Geld verdienen, und erwägt, das ebenfalls zu tun. Bis er merkt, dass er es in diesem Metier zu nichts Besonderem bringen kann. Dass das Snowboarden nicht als Lebensthema taugt.

Dann also Wirtschaft. Nach seinem Bachelor-Abschluss optimiert er für ein deutsches Unternehmen Produktionsprozesse in Belgien und China. Und dort in Fernost, an einem Abend in einer Bar, trifft er sich mit einer Frau, die bei einem großen Unternehmen für Nachhaltigkeit zuständig ist. „Eigentlich war ihre Aufgabe bloß, dass in dem Unternehmen weniger Papier verbraucht wird“, sagt Paetzold. Aber ihn beeindruckt das trotzdem. Ein neuer Impuls. Er trifft die Frau nie wieder, doch er hat ein neues Ziel: die Rettung der Welt. Armut und Hunger besiegen, Klimawandel aufhalten, Bildung für alle zugänglich machen, Waffenexporte verringern, für die Einhaltung von Menschenrechten eintreten.

Er schreibt sich für einen Master of Business Administration in St. Gallen ein, konzentriert sich auf das Thema Nachhaltigkeit. Nach dem Abschluss arbeitet er für eine Schweizer Privatbank in Zürich. Dort, im Zentrum der globalen Vermögensverwaltung, folgt er unermüdlich seinem Plan. Zunächst bildet er Nachhaltigkeitsfonds, arbeitet von morgens früh bis in die Nacht, verdient eine Menge Geld, merkt dann aber, dass ihm die Wirksamkeit seines Tuns nicht reicht, dass er so seinem Ziel nicht näherkommt, und sucht nach einem neuen Weg.

Er hält sich dabei drei Fakten vor Augen. Erstens: Knapp die Hälfte des Weltvermögens konzentriert sich in den Händen von etwa 0,7 Prozent der Bevölkerung. Zweitens: In den nächsten 20 Jahren werden Milliardäre etwa 2,4 Billionen US-Dollar an ihre Erben weiterreichen. Drittens: Viele dieser neuen Milliardäre wollen mit ihrem Reichtum Sinn stiften.

„Als ich das begriffen habe“, sagt Paetzold, „habe ich mir gedacht: Wenn wir diese Erben dabei unterstützen können, auch nur einen Teil ihres Vermögens nachhaltig zu investieren, dann ist das eine Revolution.“

Dafür ist er bereit, alles zu geben. Er lässt sich durch nichts aufhalten. Auch seine Doktorarbeit stellt er in den Dienst seines größeren Plans. Er führt Interviews mit den Bankberatern und Vermögensverwaltern der Reichen und Ultrareichen, um herausfinden, ob sie ihren Kunden nachhaltige Investitionen nahelegen. Dabei stellt er fest, dass das nur sehr selten der Fall ist, dass sie selbst kaum etwas darüber wissen. Nun hätte Paetzold bei den Banken und Vermögensverwaltern ansetzen können. Doch die, sagt er, seien große und träge Institutionen. Er beschließt, etwas zu tun, das vor ihm noch keiner getan hat: Weiterbildungskurse einzurichten für Ultrareiche, die etwas Gutes bewirken wollen.

Er entwickelt das Programm an der Harvard-Universität, wo er als bezahlter Fellow kurz vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit steht. Die Universität ist in seinem Konzept als offizieller Ausrichter der Kurse vorgesehen und soll die 9000 Dollar bekommen, die jeder Teilnehmer für das All-inclusive-Angebot bezahlen würde. Paetzold selbst hat davon erst mal keinen finanziellen Vorteil, für ihn zählt etwas anderes: Er kann mit dem guten Namen von Harvard hausieren gehen.

Nur: Wie kommt er an die Milliardäre heran, die ihm als Zielgruppe vorschweben?

Nun beginnt die Zeit, in der er den Reichen hinterherreist, die Clubs und Konferenzen besucht, die sie besuchen, wie jene in Amsterdam, wo er 1000 Dollar für den Eintritt investierte. Als sehr hilfreich erweist sich, dass die Harvard-Universität für sein Programm mit dem Weltwirtschaftsforum zusammenarbeitet und er dadurch Zugang zu den ultrareichen Familien erhält, die sich über das Forum miteinander vernetzt haben. Er darf die Mitglieder dieses exklusiven Clubs anschreiben, ihnen sein Kursprogramm vorstellen. So findet er tatsächlich Interessenten, telefoniert mit ihnen, trifft sie.

Um zu erklären, was ihn antreibt, erzählt Paetzold, dass er als ehemaliger DDR-Flüchtling und Sohn eines Millionärs verschiedene Welten kennt und sie in Verbindung bringen kann. „Viele Reiche sorgen sich vor allem um ihre Privatsphäre“, sagt Paetzold, „sie möchten sich eigentlich nicht in einem öffentlichen Raum bewegen. Aber dann spüren sie, wie sehr ich für das Thema brenne. Das finden sie gut, damit kann ich einige überzeugen.“

Hausaufgaben für Superreiche

Im Herbst 2015 kommen die ersten 30 Teilnehmer zu seinem Kurs nach Boston. Sie alle erfüllen die erforderlichen Bedingungen: Sie sind zwischen 18 und 45 Jahre alt, verfügen persönlich über Vermögen oder werden es bald erben und stammen – das wohl exklusivste Kriterium – aus einer Familie, deren Vermögen mindestens 100 Millionen Dollar beträgt. Da einige der Teilnehmer sich noch nie mit Geldanlagen auseinandergesetzt haben, beginnt Paetzold mit den Grundlagen, er erklärt, was Aktien und Anleihen sind, was eine Rendite ist und was ein Portfolio. Jene Teilnehmer, die sich mit Geldanlagen auskennen, helfen den Anfängern.

Ein wichtiger Kursinhalt ist zudem: Wie überzeugt man die eigene Familie von dem Thema? Wer entscheidet über das Geld? Eine Teilnehmerin will wissen, wie sie ihren Onkel zum nachhaltigen Investieren bringen kann. Der glaube ja nicht mal an den Klimawandel. Paetzold und die Teilnehmer raten ihr, vorsichtig zu beginnen und sich dann langsam vorzuarbeiten.

„Das ist eigentlich der wichtigste Teil der Schulung“, sagt Flora Keller, die Nachfahrin eines großen Schweizer Unternehmers, der im 19. Jahrhundert mit Geschäften im Fernen Osten reich geworden ist. Sie hat im Jahr 2016 an Paetzolds Kursen teilgenommen. Dort habe sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie mit ihren Problemen nicht ganz allein dastehe.

„Nachhaltiges Investment“, erfährt sie von Paetzold, muss sowohl eine soziale als auch eine finanzielle Rendite bringen. Aber was bedeutet das konkret? Reicht es schon, Firmen, die Öl produzieren, aus den Investitionen auszuschließen? Oder sollte man gezielt Unternehmen fördern, die erneuerbare Energien entwickeln? Oder sollte man Ölfirmen sogar im Portfolio behalten, um mit den eigenen Stimmanteilen von innen heraus einen Wandel des Unternehmens herbeizuführen?

Am Ende des ersten Kurszyklus entlässt Paetzold seine Schüler mit einer Hausaufgabe: Sie sollen einen als nachhaltig angepriesenen Fonds analysieren, die wichtigsten Mitglieder ihrer Familien treffen und sie zu überzeugen versuchen, dass sich nachhaltige Investitionen lohnen, auch finanziell.

Häufig würden die finanziellen Entscheidungen in diesen Familien von einer Generation getroffen, für die Geschäft und Wohltätigkeit zwei vollkommen unterschiedliche Sphären sind, erläutert Falko Paetzold. „Dass beides gleichzeitig geht, ist dieser Generation oft nicht bewusst“, sagt er. Deswegen müsse das über die jüngeren Familienmitglieder an sie herangetragen werden.

Diesen Teil der Hausaufgaben, berichtet Flora Keller rückblickend, habe sie als „große Herausforderung“ empfunden. „Wenigstens konnte ich sagen, dass es eine Hausaufgabe ist.“ Richtigen Erfolg, glaubt sie, habe sie bei dem Versuch, ihre Verwandten zu überzeugen, noch nicht gehabt.

Vor Kurzem hat sie einen zusätzlichen Weiterbildungskurs bei Paetzold begonnen. Das Aufbauprogramm sozusagen. Es erstreckt sich über ein ganzes Jahr und beinhaltet unter anderem einen mehrtägigen Aufenthalt in Südafrika. In diesem Kurs sollen konkrete Strategien zur nachhaltigen Geldanlage besprochen werden.

Laut Nadja Bleuler, Chefökonomin des Marcuard Family Office, das einige wenige ultrareiche Familien in ihrer Vermögensverwaltung berät, ist das Thema für ihre Klientel ein zunehmend wichtiges Thema geworden. „Es ist in den vergangenen drei, vier Jahren immer häufiger vorgekommen, dass Erben bei uns saßen, die ihr Geld nachhaltig investieren wollten“, sagt sie. „Am Anfang ist es uns recht schwergefallen, diesen Wünschen nachzukommen und konkrete Antworten auf die Frage zu geben, wie man nachhaltige Investitionen überhaupt definiert.“ Paetzolds Ideen seien da sehr hilfreich.

Aber was nützen sie? Durch seine wissenschaftliche Beschäftigung mit Wirtschaft ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass die ungleiche Vermögensverteilung neben der Bedrohung der politischen Freiheit und der Umweltzerstörung zu den drängendsten Problemen der Welt gehört. Inwiefern hilft sein Kurs, daran etwas zu ändern, da er seinen reichen Schülern doch beibringt, dass sich nachhaltige Investitionen auch finanziell auszahlen? Macht er nicht die Reichen nur noch reicher?

Die Vermögensverwalterin Nadja Bleuler hat festgestellt, dass ihre Kunden zunehmend Wert auf sinnvolle Geldanlagen legen

„Ich kann diesen Gedanken nachvollziehen“, sagt Paetzold, „und bin mir dessen vollkommen bewusst. Aber ich weiß auch, dass wir an der Vermögensverteilung im Moment wenig ändern können. Daher denke ich pragmatisch und versuche, das Beste für die Allgemeinheit herauszuholen.“

Der heute 36-Jährige lebt inzwischen zusammen mit seiner Freundin in Zürich, leitet dort an der Universität ein neues Forschungszentrum, das er selbst entwickelt hat und das dem Institut für Banking und Finance angehört. Finanziert wird es hauptsächlich durch die Spenden reicher Leute.

Wenn man mit ihm einen Tag verbringt, stellt man fest, dass er ein merkwürdig zwiegespaltenes Verhältnis zu Reichtum hat. „Hier“, sagt er lachend, während er am Schaufenster eines Designergeschäfts vorbeigeht, „kann man sich einen Gürtel für 1000 Euro kaufen. So verrückt muss man erst mal sein.“ Um kurz darauf bewundernd zu erzählen, dass die Familie des saudi- arabischen Prinzen, der an seinem Kurs teilgenommen hat, ein Vermögen von geschätzt 1,4 Billionen US-Dollar besitzt. „Fantastisch!“, ruft Paetzold. Auf einer Dachterrasse der Universität breitet er einmal die Arme aus, sagt pathetisch: „In dieser kleinen Stadt befindet sich das Zentrum des Geldes.“

Es ist nicht die Welt, aus der er kommt. Es ist aber auch keine Welt, die ihm Furcht einflößt. Er gehört zu den wenigen, die es über die Schwelle des globalen Clubs der Superreichen schaffen, ohne selbst dazuzugehören.

Dafür arbeitet er hart, und wenn er über sein Lebensthema spricht, tut er dies ohne Punkt und Komma, eloquent und leidenschaftlich. Seltsamerweise wirkt er trotzdem kühl, was vermutlich daran liegt, dass er frei von Zweifeln ist, dass er hartnäckig seinen Plan verfolgt, Schritt für Schritt.

Muss jemand, der die Welt verbessern will, nicht ständig hinterfragen, ob er die richtigen Mittel wählt? Gehört der Zweifel nicht zwangsläufig dazu? Bei Falko Paetzold nicht. Er hat seine Mission gefunden, und die lässt er sich von niemandem schlechtreden. „Ich habe es mal durchgerechnet“, sagt er. „Wenn die Absolventen meiner Kurse nur ein Prozent ihres Vermögens nachhaltig investierten, käme eine Summe von etwa einer Milliarde US-Dollar zusammen.“ ---