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Das Geschäft mit den letzten Dingen

Jeongja Han kümmert sich um die Hinterlassenschaften von Verstorbenen. Ihr Unternehmen beruht auf der speziellen japanischen Kultur des Bewahrens.




• Wenn Jeongja Han die Wohnung eines Toten ausräumt, dann behandelt sie jeden persönlichen Gegenstand mit Respekt. Denn die Dinge hatten eine Bedeutung im Leben eines Menschen, und etwas davon ist auf sie übergegangen, so ihre Überzeugung. „Ich denke immer an die Toten, während ich ihre Zimmer leer räume. Ich stelle mir vor, was für eine Person der Mensch war. Wenn ich die Dinge sehe und berühre, ist es für mich ganz natürlich, sich so etwas zu fragen.“ Professionelle Distanz gibt es bei der Unternehmerin nicht, die Nähe zu den Toten erschreckt sie nicht, sie gehört zu ihrer Arbeit.

Vor sieben Jahren hat Jeongja Han die Firma Tail Project in der Nähe von Tokio gegründet. Damals las sie in einer Zeitung einen Artikel über das Reinigen und Aufräumen der Wohnungen, in denen Menschen gestorben sind. „Da das Altern eines der gesellschaftlichen Probleme Japans ist und es viele Menschen gibt, die zu beschäftigt sind, sich um solche Sachen zu kümmern, dachte ich: Vielleicht könnte ich diesen Menschen helfen.“

Der Hausrat der Toten wird von Han und ihren Mitarbeitern gesammelt und geschätzt, verkauft oder versteigert. Japans Behörden erheben hohe Gebühren auf die Müllentsorgung, was, wie das Wirtschaftsmagazin »Bloomberg Businessweek« schreibt, den Markt für gebrauchte Waren in den vergangenen Jahren sehr begünstigt hat. Secondhand-Firmen wie EcoRing Co. oder die Onlineplattform Mercari Inc. akzeptieren alles, was ihnen angeboten wird – egal ob Möbel, Kleidung oder Haushaltswaren.

Das Geschäft von Jeongja Han mit den letzten Dingen fußt aber auch auf einer Kultur des Bewahrens, die Japaner mit dem Wort „mottainai“ beschreiben. Übersetzt bedeutet es „Was für eine Verschwendung“ und drückt ein Gefühl des Bedauerns darüber aus, den inneren Wert eines Objektes zu verkennen. Mottainai ermutigt dazu, Objekte bis zum Ende ihrer Lebensdauer zu verwenden. Der Begriff spiegelt die Überzeugung vieler Japaner wider, dass alle Dinge in der Natur einen Geist (Kami) haben. Auch von Menschen gemachte Objekte können demnach beseelt sein.


Vorige Seiten: Schlaf- und Wohnzimmer vor und nach dem Aufräumen. Die Bewohnerin lebte nach dem Tod ihres Mannes allein und lag zwei Jahre im Krankenhaus, bevor sie starb. Ihr Sohn hat Jeongja Hans Firma damit beauftragt, die Wohnung auszuräumen und zu putzen Diese Seiten: Mitarbeiter von Tail Project und Hamaya und Dinge, die dank ihnen eine neue Verwendung finden: Nähmaschinen, Videorekorder, Mikrowellen, Reiskocher und Waschmaschinen

Diese Überzeugung und die mit ihr verbundene Praxis war lange Zeit Teil des japanischen Alltags, besonders während der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, ging dann in der rasenden Entwicklung zur bewunderten Industrienation verloren. Und wurde wieder lebendig mit dem wachsenden Umweltbewusstsein vieler Japaner – auch als Folge des Tsunamis und der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011. Mottainai bedeutet heute, die Umwelt zu schützen, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren, gebrauchte Dinge wiederzuverwenden oder, falls das nicht möglich ist, zu recyceln.


Wer war dieser Mensch? Was erzählen seine Hinterlassenschaften über ihn? Solche Fragen beschäftigen Jeongja Han beim Putzen der Wohnung einer Frau, die zwei Monate zuvor starb Foto unten: Lager der Firma Hamaya. Das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Gegenstände aus Häusern – die unter anderen von Jeongja Han ausgeräumt werden – zu sortieren, zu lagern und nach Südostasien zu exportieren. Vor allem nach Vietnam und auf die Philippinen – wo gebrauchte Dinge aus Japan einen guten Ruf haben

Hans Dienste lassen sich die Angehörigen der Verstorbenen bis zu 2000 Euro pro Tag kosten. In einer der ältesten Gesellschaften weltweit hat sie viel zu tun. Schätzungen zufolge wird die japanische Bevölkerung in den kommenden 50 Jahren etwa um ein Drittel schrumpfen. Das Unternehmen könnte also enorm wachsen. Für Han spielt das keine große Rolle, sagt sie, ihre Firma werde nicht expandieren. „Ich bin der Typ Mensch, der alles mit seinen Augen sehen will. Ich will, dass alles um mich herum gewissenhaft passiert.“ Sie hat Sorge, dass die Qualität ihrer Arbeit leiden könnte, sollte ihre Firma wachsen. Stattdessen will sie lieber noch fürsorglicher mit ihren Kunden und mit den Dingen umgehen. ---