Certain Measures – Mine the Scrap

Berliner Designer erschaffen aus Bauschutt neue Objekte. Big Data hilft ihnen dabei.

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• Der ganze Spuk dauert nur 45 Sekunden. Vier Monitore hängen nebeneinander. Auf dem linken wandern Dreiecke und Vierecke von links nach rechts über den Bildschirm, als würden sie auf einem Fließband transportiert. Auf den beiden Monitoren in der Mitte sieht man, wie ein Computerprogramm diese einzelnen Teile in Kategorien sortiert. Auf dem Bildschirm rechts scheint eine unsichtbare Hand die Splitter in Windeseile zu einem dreidimensionalen Objekt zusammenzufügen. Jede Scherbe erhält ihren Platz. Sekunde für Sekunde nimmt das Gesamtobjekt Gestalt an. Am Ende sieht es aus wie ein Würfel, aus dem ein Bildhauer einzelne Ecken mit Hammer und Meißel herausgebrochen hat. Eine neue Form ist entstanden. Ein Torso, vom Zufall geschmiedet, einzigartig – die Welt mag Ähnliches gesehen haben, doch nichts, was ihm völlig gleicht.

Mine the Scrap heißt die Installation, die aus diesem virtuellen Spiel auch real entstanden ist. Den ersten öffentlichen Auftritt hatte sie beim Forecast-Festival im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Im Sommer 2018 wurde sie schließlich vom Centre Pompidou in Paris gekauft – und gehört damit zur Sammlung eines der renommiertesten Museen der Welt. Die Geschichte hinter der Installation begann mit einer einzigen Frage: Wie können maschinelles Sehen und Big Data helfen, einen chaotischen Haufen Schrott in Schönheit zu verwandeln?

Im ersten Moment klingt das wie eine Spinnerei von Leuten, die ein paar Semester zu viel an der Kunstakademie verbracht haben. Bei genauem Hinsehen offenbart sich jedoch mehr: Mine the Scrap könnte den Blick öffnen für einen völlig neuen Umgang mit all dem, was beim Bauen übrig bleibt. Mit dem Abfall. Mit den Resten.

Ersonnen wurde das Werk von der Design-Agentur Certain Measures mit Sitz in Berlin-Schöneberg und Boston, Massachusetts. „Es geht uns nicht ums Recyceln“, sagt Tobias Nolte, „sondern um Redistribution. Also darum, Dinge auf neue, womöglich bessere Art und Weise anzuordnen.“ Nolte, 39, ist einer der beiden Gründer von Certain Measures. Er hat viel gearbeitet in diesem Sommer, das merkt man ihm an. Trotzdem lächelt er oft, dabei wirkt er jungenhaft.


Mine the Scrap könnte den Blick öffnen für einen völlig neuen Umgang mit all dem, was beim Bauen übrig bleibt.

Das mächtigste Werkzeug seiner Agentur ist das maschinelle Sehen, also jene Technik, die es selbstfahrenden Autos ermöglicht, unfallfrei durch eine komplexe Umwelt zu navigieren. Im Prinzip funktioniert sie wie die menschliche Wahrnehmung, das biochemische System, das uns allen die bunten 3D-Bilder im Kopf beschert: zwei Sensoren von mäßiger Qualität (die Augen), kombiniert mit einem hochkomplexen Rechenapparat (dem Gehirn). Dort werden Flächen, Grenzen, Formen, Farben und Strukturen dechiffriert, zu Gestalt und Hintergrund geordnet, Leerstellen durch Gedächtnis-Daten und Schätzungen gefüllt.

Menschliches Sehen, das erkannten Wahrnehmungspsychologen schon vor dem Zweiten Weltkrieg, ist im Prinzip Datenverarbeitung plus Kreativität. Tobias Nolte und sein amerikanischer Geschäftspartner Andrew Witt versuchen das zu imitieren mithilfe von Software. Sie lernten sich an der Universität Harvard kennen. Im Dienste von Gehry Technologies – dem Unternehmen des Architekten Frank Gehry – nutzten sie anschließend ihr Wissen, um komplexe Bauvorhaben umzusetzen. „Irgendwann hatten wir aber keine Lust mehr, uns nur beratend mit den Ideen anderer Leute zu befassen. Wir wollten selbst gestalten“, sagt Nolte. So gründete er mit Witt seine eigene Firma, die er als „hypothesengetriebenes Gestaltungsbüro“ bezeichnet.

Doch was sind das für Hypothesen, die seine Arbeit treiben? Eine lautet: Maschinelles Sehen kann helfen, Design völlig neu zu denken. In einem Projekt zerlegten die Mitarbeiter von Certain Measures ein altes Gartenhäuschen aus dem Berliner Umland in seine Einzelteile, jagten sie durch einen Scanner – und ließen wie bei Mine the Scrap eine Software berechnen, welche neuen Formen man aus diesen Gegenständen erstellen könnte. So verwandelte sich – zumindest am Rechner – eine der langweiligsten Architekturformen des Abendlandes, die Datscha, in atemberaubende neue Objekte.

© Certain Measures
© Certain Measures

Urban Mining, der neue Markt

Einige davon erinnern an die Architektur von Noltes und Witts altem Arbeitgeber Frank Gehry, einem Vertreter des Dekonstruktivismus. Er zerstörte in seinen Entwürfen traditionelle Formen und Strukturen, um die Bruchstücke wiederum in Neues zu verwandeln. Die Ergebnisse rangieren irgendwo zwischen modern und abgefahren.

Die Macher von Certain Measures gaben ihrem Datscha-Projekt den Namen Cloudfill. Der Begriff der „Cloud“ steckt darin, also der Speicherplatz im Nirgendwo. Die Silbe „fill“ entstammt dem englischen Wort „Landfill“. Die gescannte Gartenlaube, so die Anspielung, ist nicht mehr als eine digitale Müllhalde. Und natürlich ist dieser Titel zugleich eine Erklärung dafür, wie etwas aus seinem Gegenteil entstehen kann: Schönheit aus Abfall, Krasses aus Banalem, Heiles aus Kaputtem, Eleganz aus Resten. „Traditionell entwirft man zunächst die Form und produziert anschließend die Einzelteile“, sagt Nolte. „Wir wollen mit unseren Prototypen zeigen, dass man diesen Prozess auch umdrehen und mit dem Material beginnen kann. Wie in der Küche: Man öffnet seinen Kühlschrank und überlegt sich, was wohl das leckerste Sandwich wäre, das man aus den vorhandenen Zutaten erschaffen kann.“ Ziel ist also nicht die Resteverwertung als solche, sondern das neue Gericht. Möglicherweise schmeckt es viel köstlicher als alles, was man in den üblichen Rezeptbüchern findet. „More desirable“ müsse das Endprodukt sein, so Tobias Nolte.

Der Charme solcher Projekte liegt in ihren Versprechen für die Zukunft. Die Ressourcen unseres Planeten sind begrenzt. Die Menschen könnten diese besser nutzen, wenn sie Großstädte nicht allein als Wohnraum betrachteten, sondern zugleich als Lagerstätte für Rohstoffe. Jede Stromleitung wird unter diesem Blick zu einer kleinen Kupfermine; jedes Bankgebäude aus den Neunzigerjahren zum Depot für Glas; Beton kann geschreddert und recycelt werden.

Dieses Urban Mining, so glauben Fachleute, könnte einer der ganz heißen Märkte der Zukunft werden für eine sehr konservative Branche, die Bauindustrie. Die Projekte von Certain Measures zeigen einen besonders radikalen Weg für solche Stadtschürfungen: Statt alte Baustoffe mit hohem Energieaufwand zu zerkleinern und neu zu formen, recyceln sie nicht nur das in den Resten enthaltene Material, sondern auch die Gestalt, in der sie die Stücke vorfinden. „Jedes Bauteil bleibt erhalten“, erklärt Nolte. „Es landet nur an einem neuen Ort. Idealerweise: am besten aller denkbaren Orte.“

© Certain Measures

Was passiert, wenn man die Idee der Resteverwertung weiterspinnt? Die Antwort von Certain Measures lautet: Urban Fracking. Die Mitarbeiter scannen Stadtpläne und identifizieren mithilfe des maschinellen Sehens all die unbebauten Flächen, die möglicherweise für eine Nachverdichtung taugen. Das Prinzip läuft wie bei Mine the Scrap: Jede Fläche wird vermessen, kategorisiert und katalogisiert in einer Art urbanen Reste-Datenbank. Man könnte, sagt Tobias Nolte, zum Beispiel genau jene Flächen herausfiltern, die sich für eine Bebauung mit Tiny Houses eignen, in denen Einzelpersonen auf etwa 20 Quadratmetern alles finden, was sie zum Wohnen brauchen.

Am Beispiel der Stadt Chicago identifiziert die Agentur nicht die Restflächen von heute – sondern die Restflächen von morgen. Derzeit erfüllen Autos in 95 Prozent der Zeit nur eine Funktion: Sie parken statt zu fahren. Das könnte sich bald ändern, nämlich dann, wenn selbstfahrende Taxis einen Großteil des Stadtverkehrs übernehmen. Weil diese Fahrzeuge von vielen genutzt würden, wären sie deutlich häufiger unterwegs und stünden seltener am Straßenrand. Für dasselbe Maß an Mobilität bräuchte man auch erheblich weniger Autos.

Eine aktuelle Studie des Massachusetts Institute of Technology sagt voraus, dass zwischen 16 und 48 Prozent der Parkplätze bald überflüssig sein werden. Doch wo genau wird sich dieser wertvolle neue Rohstoff namens Raum finden? Um das zu beantworten, scannt die Software den Stadtplan von Chicago. Block für Block. Danach werden jene Gegenden gelb gefärbt, in denen vermutlich die meisten Nuggets zu holen sind. Stadtplaner könnten sich heute schon überlegen, was sie mit dem neuen Raum anstellen wollen. Und wenn alles gut geht, wird das Ergebnis „more desirable“ sein als die Haltestreifen oder Parkhäuser von heute.

Noch sind die Resteverwertungen von Certain Measures kaum mehr als Fiktion und Modell. Wo lagert man all die Teile? Wer macht sie sauber? Wer fügt sie zusammen? All diese Fragen sind noch weitgehend offen. Die Arbeit endet bisher dort, wo das Leben staubig und schmutzig wird. Doch das könnte sich bald ändern: Die Design-Agentur führt gerade Gespräche mit dem Beton-Unternehmen Rieder, das an einer Kooperation interessiert ist. In wenigen Jahren könnten erste Gebäudefassaden nach dem Mine-the-Scrap-Verfahren entstehen. Außerdem wird Certain Measures für das Berliner Futurium nächstes Jahr ein Computerbild in ein reales Objekt verwandeln.

Michelangelo soll einmal gesagt haben, das Kunstwerk sei im Marmorblock bereits gegenwärtig. Er müsse nur alles Überflüssige hinfortmeißeln. Kann sein, dass Certain Measures einen Weg gefunden hat, diesen Gedanken umzudrehen: Das neue Objekt ist bereits vorhanden. Es geht nur darum, die größtmögliche Schönheit in all dem zu erkennen, was einem zu Füßen liegt – die in den Resten verborgene Pracht. ---