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Wolf Lotter über „Reset“

Das System hakt, es hat sich verklemmt? Dann muss es nicht gleich auf den Müll. Ein Reset hilft.





We Can Work it Out – The Beatles (1965)

1. Freeze

Nichts ist perfekt. Alles hakt mal. Doch wenn das immer wieder passiert, dann heißt es schnell: Das System ist am Ende, die Welt steht am Abgrund.
Dann schüttelt sich die Welt – und weiter geht’s. Nichts ist perfekt, nicht mal Probleme – irgendwann erledigen sie sich. Aber wie kriegt man die Zeit bis dahin rum? Wie kommt man durch Krisen und wird sie los? Was tut man, wenn der Absatz stagniert, das Chaos regiert, die Kunden maulen und das Personal gleich dazu? Wenn alles scheinbar immer schlechter wird, bis nichts mehr geht? Muss man da durch? Oder macht man alles dicht und fängt neu an? Aussteigen oder umsteigen?

Aufräumen – oder besser weitermachen?

Man könnte jetzt ja mal die Alten fragen, die die Achtziger- und Neunzigerjahre bei vollem Bewusstsein erlebt haben. Sie sind auch heute, wo jeder glaubt, die Digitalisierung eben erst erfunden zu haben, nicht ganz ahnungslos. Manchmal ist ihre Erinnerung an damals so frisch, dass einem ganz kalt wird. Ein Gefrierschock. Freeze.

Wie bitte? Nun, in der Frühphase der Digitalisierung gab es viele unausgereifte PC-Systeme, die schnell an ihre Grenzen gerieten. Rechner stürzten regelmäßig und meist dann ab, wenn man was Wichtiges eingegeben und natürlich nichts gespeichert hatte. Auf dem Monitor bewegte sich nichts mehr, und aus dem Gehäuse hörte man sonore Geräusche, die zu nichts führten. Das war so wie in manchen Betrieben, in denen Emsigkeit vorgetäuscht wird, obwohl sie längst dem Untergang geweiht sind. Blinder Eifer. Das System hatte sich längst aufgehängt. Es simulierte nur noch. Alles war mit allem aneinandergeraten. Altlasten stauten sich an. Ungelöste Probleme. Wie zu Hause und im Büro. Dann legte sich das System hin. So machen es Rechner. Unternehmen. Alle. Ihr könnt mich mal gernhaben.

Freeze.

2. Strg + Alt + Entf

Systemstaus machen einige wütend. Man kann sich auf Youtube kleine Filme ansehen, die einst von Überwachungskameras in Büros gemacht wurden, auf denen enervierte Benutzer ihrem Furor Luft machen. Computer samt Zubehör und restlicher Büroeinrichtung werden kurz und klein geschlagen. Mach kaputt, was dich kaputt macht?

Die Mehrheit der Leute verhielt sich duldsamer – und tut das auch heute, wenn das System einfriert. Insgeheim, auch wenn man sich über den Stau ärgert, weiß man, dass es dazu noch keine bessere Alternative gibt. Das gilt in Unternehmen ebenso wie im entwickelten Staat. Es gibt eine Menge zu verlieren, wenn man alles hinter sich lässt. Der Reset beginnt mit diesem grundlegenden Gedanken: Wir haben ein Problem, aber wir werden nicht untergehen. Die Idee vom Reset des Systems bedeutet: Man schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus.

Mit anderen Worten: Löse das Problem im System.

Der Reset ist der Versuch, ein System, das man hat, neu in Gang zu bringen. Technisch gesehen ist es ein Neustart mit den Mitteln, die vorhanden sind – zur Lösung oder Umgehung der Probleme, die den Stau verursacht haben.

Es ist kein Neuanfang, bei dem man das alte System über Bord schmeißt und alles neu denkt. Der Reset ist dort zu Hause, wo die Einsicht herrscht, dass das, was man tut, im Grunde richtig ist. Aber der Müll muss mal rausgebracht werden. Der Knoten gelöst. Das ist der Preis der Entwicklung.

Organisationen bürokratisieren sich. Menschen verrennen sich. So was passiert schnell. Und es bleibt meist so lange unbemerkt, bis nichts mehr läuft – und der Bildschirm einfriert. Instabilitäten und Abstürze sind keine Ausnahmen, sie sind erwartbar.

Es ist allerdings weitaus einfacher, ein abgestürztes System wütend kurz und klein zu schlagen oder es links liegen zu lassen, als sich mit den Ursachen seiner Lahmheit zu beschäftigen.

Es klingt einfach: Ein paar Griffe, ein paar Tricks, ein paar Veränderungen, etwas weglassen und vielleicht etwas hinzufügen – mehr Renovierung und Sanierung statt Abriss und Neubau also –, und das Ganze läuft wieder. Das gilt erst recht in Zeiten, in denen die öffentlichen Kassen prall gefüllt sind – noch nie gab es in Deutschland so viel Geld und so wenig Zukunft. Wann wäre denn der richtige Zeitpunkt, um zu renovieren? Bis zur nächsten Krise, mit der man dann einmal mehr eine prima Ausrede hat, nichts zu tun? Wieder mal?

Seid unnachgiebig, aber auch etwas nachsichtig, denn Resets sind eine Heidenarbeit. Ein Neuanfang ist leichter. Man macht reinen Tisch, Tabula rasa, und bastelt sich was Neues. Schwamm drüber. Der Reset hingegen ist an viele Voraussetzungen gebunden: an das Alte, an Versprechungen, an Deals, an Gewohnheiten und Rücksichtnahmen, aber auch an Erwartungen und Regeln – und an Menschen und Beziehungen, dem Allerwichtigsten im ganzen System. Das ist komplexer, schwieriger, Resets sind Operationen am offenen Herzen. Sage keiner, das falle leicht.

Deshalb drückt man sich da so merkwürdig rum, verdruckst irgendwie, obwohl man weiß, was man tun sollte. Man macht Klammergriffe, wie die IT-Leute sagen. Um einen Personal Computer zu resetten, ersann das marktbeherrschende Software-Unternehmen Microsoft einst die schräge Tastenkombination Steuerung-Alt-Entfernen (Strg+Alt+Entf). Ein Mensch, der so was macht, sieht irgendwie merkwürdig verkrampft aus. Die Alten kennen das gut, sie haben viel Zeit damit verbracht. Microsoft-Gründer Bill Gates entschuldigt sich seit Jahren immer wieder dafür. IBM, sein wichtigster Geschäftspartner in den frühen Achtzigerjahren, sei schuld, sagt er. Der Computerkonzern habe auf den merkwürdigen Griff bestanden.

Der Projektverantwortliche von IBM, der Ingenieur David Bradley, streitet das gar nicht ab. Er sieht bloß nicht, wo der Fehler sein sollte. Es sei Blödsinn, einen Reset mit nur einem Finger, einem Tastendruck zu erlauben. Dann würden die Leute ja ständig was resetten, aus Versehen, wegen eines Missverständnisses oder weil sie zu ungeduldig wären.

Es gilt also: erst nachdenken, dann neu starten

Das ist nicht dumm.

Wer sich den Reset zu leicht macht, übersieht seine Ursache und wird immer wieder und immer öfter das Knöpfchen drücken müssen. Das System fährt vielleicht brav hoch, aber schon bald sind die Probleme wieder da und meist nicht kleiner als vorher. Wer nichts tut, nicht rausfindet, woran es liegt, kann gleich die Finger am Abzug lassen. Das sieht komisch aus, verkrampft irgendwie und ein wenig bescheuert, entspricht also ziemlich genau dem Eindruck, den viele Organisationen hinterlassen, in denen die armen Leute ständig den Klammergriff machen müssen, weil die Ursachen für den Systemabsturz nicht beseitigt werden dürfen. Geht das auch anders?

3. Updates

Der Reset wird gern mit dem Neuanfang verwechselt. Und er ist nicht so neu, wie er tut. Das griechische Wort „Metamorphosis“ wird meist mit „Verwandlung“ ins Deutsche übersetzt, aber genau genommen bedeutet es etwas anderes, nämlich „Umgestaltung“. Das ist ein sehr handfestes Wort, das gleichsam auf den harten Kern des Resets verweist. Man erfindet die Welt nicht neu, sondern verändert sie (und sich) so, dass alles wieder funktioniert. Umgestaltung ist natürlich spießiger als Revolution machen und so, also was Langweiliges, man nennt das auch Entwicklung. Metamorphosen sind ein evolutionärer Prozess, und in der Evolution gehen die Dinge langsam voran. Veränderungen sind das Ergebnis zäher und mühsamer Anpassungsverhandlungen mit der Umwelt, sie bedeuten nicht zwangsläufig einen Bruch mit allem, was war. Entwicklung ist Lernen in kleinen Schritten, so wie es Karl Popper als Grundmuster der offenen Gesellschaft empfahl, „Stückwerk“, wie er es nannte, statt großer Würfe. Nichts für Deppen also, die alles kurz und klein schlagen wollen, weil sie mit dem, was ist, nicht klarkommen.

Das ist auch die Idee des Updates, das im Grunde nichts anderes ist als ein dynamischer Anpassungsversuch an sich verändernde Bedingungen und Ansprüche. Das Update endet in der Regel mit einem Reset, und weiter geht’s.

Aber in der Praxis ist fürs Müllrausbringen wieder niemand zuständig. Niemand hat die Absicht, etwas anders zu machen. Die Welt ist voller Mitläufer. Und so staut sich alles an bis zum Zusammenbruch. Dann kracht es.

4. Die Stunde null

Wird jetzt reiner Tisch gemacht? Kann man jetzt endlich voraussetzungsfrei anfangen, ohne Altlasten, Verbindlichkeiten, materielle und moralische Verpflichtungen? Ein neues Leben als unbeschriebenes Blatt?

In der jüngeren deutschen Geschichte spielt dieser Gedanke eine entscheidende Rolle. Dafür hat sich der Begriff der Stunde null eingebürgert. Dieses Schlagwort steht für das Ende des Zweiten Weltkriegs, den Untergang des Nazi-Regimes und den Neuanfang in den Wochen und Monaten danach. Dass man damals, 1945, buchstäblich aus dem Nichts neu anfangen musste, wer könnte daran schon zweifeln? War nicht alles verloren? Die Städte für alle sichtbar zerstört? Alles, woran man geglaubt hatte, untergegangen? Und musste nicht alles, alles neu gemacht werden?

Historiker antworten darauf meist mit einem klaren Nein. Die Stunde null ist ein Mythos. Alexander Gallus, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Chemnitz, schreibt dazu etwa: „(…) sowohl auf geistiger als auch auf realgeschichtlicher Ebene erwiesen sich die Vorstellungen einer Stunde null oder Tabula rasa letztlich als Illusion“.

Niemand bestreitet den Zusammenbruch. Aber das bedeutet eben nicht, wie man an zeitgenössischen Dokumenten und Aussagen unschwer erkennen kann, dass es nach dem Kriegsende um etwas anderes ging als um die Aufrechterhaltung der Ordnung. Das ist das Leitmotiv aller Resets. In Unternehmen. Privat. Nach Weltkriegen. Es muss weitergehen. Alles ist darauf ausgerichtet, den Alltag, das öffentliche Leben, die Normalität herzustellen und zu stabilisieren – oder so bald wie möglich zurückzugewinnen. Kontinuität, nicht Brüche, bestimmen das Sein. Selbst dort, wo alles den Bach runtergeht.

Und dies gilt auch – oder gerade – unter den unfassbaren Bedingungen des Jahres 1945, der totalen Niederlage. Es gab ja nicht nur das Ende der Nazis und ihrer Diktatur. Die Menschen brauchten auch dringend Krankenhäuser und eine grundlegende medizinische Versorgung, Schulen und jemanden, der den Verkehr regelte, eine Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser, gelegentlich Strom und etwas Kohle zum Heizen.

Man brauchte eine funktionierende Verwaltung und Gerichte und Rechtsprechung – aus der man zwar die übelsten NS-Gesetze entfernte, aber in der eine bemerkenswerte personelle Kontinuität herrschte. Es waren ausgerechnet die Juristen, Lehrer, Verwaltungsbeamten, Polizisten, kurzum stets staats- und damit auch regimenahe Berufsgruppen, die in der neuen Welt nach der Stunde null gebraucht wurden, händeringend. Es dauerte Jahrzehnte, bis man sich diese Wahrheit des löchrigen „Neuanfangs“ abrang, und auch das nur widerwillig und halbherzig. Die schlampige Entnazifizierung, die vielfach unterbliebene Re-Education, sie alle sind nur Symptome einer Ursache: Die Stunde null schlug nicht wirklich, sie bimmelte vorwiegend im Kopf.

Man brauchte sie zur eigenen Entlastung als Mitläufer und Mitmacher, und auch als Nachgeborener war man froh über dieses Denkmodell, weil man meinte, einen Schlussstrich ziehen zu können, den es aber in Wahrheit nie gab – und auch nicht geben kann. Das hat nicht allein mit der Schwere der Taten zu tun. Seiner Geschichte kann man nicht entrinnen. Es ist, wie es ist. Man kann versuchen, es unter den Teppich zu kehren, aber früher oder später stolpert man drüber. Als Land, als Firma, als Mensch.

5. Utopien

Die Stunde null ist also einer der vielen Versuche, aus Fehlern nicht zu lernen. Man beschwört zwar den Irrtum, aber man beseitigt seine Ursachen nicht. Das ist Verdrängung. Sie herrscht überall, wo man sich die wahren Gründe für Fehlentwicklungen und Systemabstürze nicht eingesteht, etwa ihre kulturellen und sozialen Voraussetzungen. Dort guckt man nicht gern hin. Wenn man einer Sache auf den Grund gehen will, muss man in den Keller, und dort liegt oft der Müll.

Mancher Aufbruch ist nur Flucht, bei der man zu allem Überdruss noch alles im Gepäck mitführt, was sie erst nötig gemacht hat.

Organisationen sind von Menschen gemacht, und die sind keine unbeschriebenen Blätter. Sie haben eine Geschichte, auch wenn sie die nicht hören wollen. Deshalb wird eine Welt erfunden, aus dem Nichts heraus. Was, wenn es keine Voraussetzungen mehr gäbe? Keine Verbindlichkeiten?

Armin Nassehi kennt das gut. Der Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München nennt das den „typischen Irrtum der Intellektuellen. Sie neigen dazu, sich die Welt als weißes Blatt Papier vorzustellen, und alle haben nur drauf gewartet, dass sie es nun mit ihrem Plan beschreiben.“ Transformationszeiten wie die heutigen sind voller „Sozialingenieure, die glauben, man könnte Gesellschaften und Menschen nach Lust und Laune gestalten und formen“. Ohne Rücksicht auf Verluste werde dann eine Realität entworfen, die das Vorhandene ignoriert – und unweigerlich damit in Konflikt gerät. Derlei werde, so Nassehi, unter der Bezeichnung Vision und Utopie in Verkehr gebracht, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Lebenswirklichkeiten links liegen gelassen werden. Man kennt das. Wenn man Glück hat, ist es viel Lärm um nichts. Wenn man Pech hat, fällt man dem starrsinnigen Eifer der Visionsmissionare zum Opfer.

Warum läuft es oft so? Erstens, sagt Nassehi, könne man sich damit der härteren Arbeit des Resets entziehen. Man braucht keine Rücksichten zu nehmen, kann es durchziehen: auf Konsens und Kompromisse verzichten, nicht verhandeln, keine Gefangenen machen. Visionen und Utopien verkaufen Wahrheiten am Stück. Sie differenzieren nicht. Das macht weniger Arbeit und geht schneller.

Deshalb spielten die Utopisten so gern Gott, wie Nassehi sagt: „Sie erschaffen ein System im luftleeren Raum – aber den gibt es nicht. Alles auf dieser Welt hat Voraussetzungen.“ Das werde früher oder später auch deutlich, so der Soziologe, aber dann eben mit Schaden.

6. Revolutionen und Eheberater

Ein – neben der Utopie und der Vision – klassisches Verfahren für diesen Irrtum nennt sich Revolution. Das heute inflationär genutzte Wort steht für alles, was das Vorhandene klein schlägt und das Neue in den Himmel hebt. Dabei bedeutete es ursprünglich etwas ganz Vernünftiges, nämlich Umlauf. Der Astronom Nikolaus Kopernikus verwendete den Begriff für seine richtungsweisenden Erkenntnisse der regelmäßigen Bahnen der Planeten um die Sonne. Man kann es nicht oft genug sagen: Kopernikus hat dabei festgestellt, was ist, nicht das, was man gern angenommen hätte. Seine Einsichten waren keine Utopie, keine Vision – und keine Illusion, die bis dahin in der Vorstellung bestand, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und damit auch seine Erde im Mittelpunkt des Universums stehe. Revolution war einmal eine ganz solide Arbeit. Kopernikus hat nichts weiter getan, als sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Das ist Reset-Arbeit. Die nüchterne Frage danach, warum die Dinge so sind, wie sie sind – und was sich, im nächsten Schritt, daraus ergeben könnte. Der Reset will wieder eine Ordnung herstellen, aber er will keine neue Ordnung schaffen. Die neue Bedeutung von Revolution verdeckt diesen Pragmatismus fast vollständig. Hier setzt die Revolution das Neue durch, notfalls mit Gewalt, Widerstand ist zwecklos. Alte Probleme beseitigt man in Bausch und Bogen, schlagartig. Das ist die Logik der missverstandenen Revolution. Sie kehrt die Wirklichkeit unter den Teppich.

Ein Beispiel liefere die russische Oktoberrevolution, findet Nassehi: „Die Revolution hat die alten Strukturen Russlands nur überdeckt und damit auch die Probleme, die Kultur und Gesellschaft haben. Und nun, 100 Jahre später, sehen wir, dass auch das neue Russland von den alten Problemen auf Trab gehalten wird.“

Das Problem dahinter ist eigentlich banal. Wo immer man auch hingeht, man nimmt sich immer mit. Und weil man sich auch in Zeiten der umfassenden Digitalisierung nicht auf Bedarf „neu erfinden oder neu laden kann“, so Nassehi, hätten so viele heute das Problem, das Leute gut kennen, die schon mal beim Eheberater waren. „Der sagt dann den Satz: Ihr müsst noch mal ganz von vorn anfangen. Aber die sind nicht neu. Die kennen einander. Die haben eine Geschichte, und wegen dieser Geschichte sind sie ja da.“

Ein Reset wäre, mit dieser Wirklichkeit umzugehen – und zu versuchen, auf ihrer Grundlage einen Kompromiss zu schließen. Reset heißt, mit Sachzwängen zu leben. Reset heißt, sich den eigenen Problemen zu stellen und sie zu lösen. Oder eben die klare Entscheidung zu treffen, dass das nicht geht – was zu Neuem führen würde, das keiner Laune entspränge, sondern das Ergebnis von etwas Nachdenken wäre.

Und so führt die Forderung – und Überforderung – des Neuanfangs oft nur zu mehr Heuchelei und Verdrängung und damit zu Ärger. Dann wird zwar an jeder Ecke Reue geschworen und Besserung gelobt, aber wer gelegentlich mal Bilanz macht und Kassensturz, der merkt, dass meist nicht viel dahintersteckt. Es ist ein wenig wie in der Politik: Eine neue Regierung übernimmt, beschwört Neuanfänge und verspricht eine glänzende Zukunft. Tatsächlich, sagt Armin Nassehi, „richtet sich der Job nicht an der Zukunft aus, an dem, was man möglicherweise tun möchte oder könnte, sondern daran, ob man die Altlasten und Probleme, die liegen geblieben sind, anpackt“. Politik habe immer eine Perspektive zum Vorhandenen hin.

Doch hier lauert der Reset, die Kärrnerarbeit, der Sachzwang, das Verzwickte – und das anzupacken wäre eine Revolution für Erwachsene, ziemlich unsexy und wenig populär. Da geht es um Nachfolgeregelungen, um Gesundheit, Altersvorsorge, Steuern. Wer will das schon hören? Können wir was Neues haben? Nö.

7. Grundlagen

Mit solchen Fluchtbewegungen kennt sich der Ökonom Bernd Raffelhüschen ganz gut aus. Er ist ein viel zitierter und viel kritisierter Experte für die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die sozialen Sicherungssysteme. In den letzten Regierungsjahren von Helmut Kohl und der gesamten Strecke, die sein Nachfolger Gerhard Schröder hingelegt hat, war das ein brandheißes Thema. Doch seit einigen Jahren ist es in den Hintergrund getreten. Gelegentlich streitet man sich über Beitragshöhen und Renteneintrittsalter. Aber wo überall von der Digitalisierung und der Allmacht der Roboter geredet wird, mag keiner mehr so recht nachrechnen, wer bis zum Systemwechsel, wenn er denn kommt, wann wie viel Rente kriegt – oder ob das Gesundheitssystem noch bezahlbar ist. Raffelhüschen tut es und wiederholt, was gern verdrängt wird. Im Detail ist das manchmal kompliziert, aber dennoch nicht so schwer zu verstehen.

Die Leute leben länger, der medizinische Fortschritt schreitet voran, das ist alles gut und schön, kostet aber viel Geld. Es gibt immer weniger Einzahler ins Umlagesystem und immer mehr Rentner, die mehr aus dem System erhalten, als sie einbezahlt haben. Im Jahr 2030 wird das Rentenniveau bei 43 Prozent liegen. Dafür zahlt man dann einen Beitragssatz von rund 22 Prozent. Es ist klar, dass man damit keine großen Sprünge machen kann, wenn man nicht länger arbeitet, als man muss – und in einigen Berufen sogar darf. Es bedarf immer wieder eines Resets, sonst friert das System ein.

In einem generationenübergreifenden Sozialsystem müsse das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden, sagt Raffelhüschen. Innerhalb der Logik des bestehenden Systems gebe es keine Alternativen dazu: „Das sind die Voraussetzungen – die kann man akzeptieren oder ignorieren, aber das verändert sie nicht. Demografie beschäftigt sich nicht mit der Zukunft. Die Entwicklung der Gesellschaft ist diesbezüglich bereits gelaufen.“ Die Menschen sind da. Und die dazugehörigen Versprechungen, Verpflichtungen, die „Altlasten“ auch. Alles, was also übrig bleibt, wenn man das System nicht grundsätzlich verändern will, ist, sich nach der Decke zu strecken. Zu resetten, was man hat.

Im Gesundheitssystem empfiehlt Raffelhüschen in diesem Sinne eine starke Orientierung am Schweizer Modell, das mehr Selbstbehalte kennt und mehr Selbstverantwortung der Patienten – bei einem nur leicht höheren Anteil der Gesundheitskosten am Bruttoinlandsprodukt von 12,4 Prozent (Deutschland 11,3) – und mit dem die Kunden, die Bürger, hochzufrieden sind (siehe auch brand eins 10 / 2016, „Der mündige Patient“ *). Das alles wäre noch ein Reset, bei dem man im System bleibt, eine auf dem Solidarprinzip aufbauende Gesundheitssicherung. Will man darauf nicht verzichten, dann gehört in einer Welt der steigenden Kosten für den medizinischen Fortschritt und einer höheren Lebenserwartung die Zukunft einer „Grundversorgung mit Selbstbehalt“, wie Raffelhüschen sagt. Er macht sich dabei weder großer Illusionen noch Visionen verdächtig. Wenn aber alles so bleibt, wie es ist, also ein altes System aus dem 19. Jahrhundert künstlich am Leben erhalten wird, wie das heute geschieht, dann werden immer öfter Klammergriffe nötig. Bis zum Kollaps.

8. Experimente

Thomas Straubhaar, Ökonom an der Universität Hamburg, glaubt hingegen, dass es auch anders geht. Was wäre Ihr Reset-Programm für Deutschland? Der wirtschaftsliberale Straubhaar sagt unumwunden, das müsste sich so anfühlen wie einst „der Aufbruch der Grünen – ein Programm, bei dem man merkt, dass es sich von dem, was ist, deutlich unterscheidet, eine Perspektive hat und eine nachvollziehbare Strategie“. Ist das noch Reset? Oder schon ein Neuanfang? „Jedenfalls reicht es nicht, wenn man als politisches Ziel nicht mehr zu bieten hat als eine schwarze Null, schon gar nicht in Zeiten, in denen sich durch Digitalisierung und Individualisierung – der Übergang zur Wissensgesellschaft – die Grundlagen jedes einzelnen Bürgers verändern“, sagt Straubhaar. „Die Leute leben doppelt so lang wie früher und wissen nicht mal halb so viel, wie es weitergeht.“ In einer solchen Lage ist die Frage „Was wollen wir eigentlich?“ die alles entscheidende Formel. Das zentrale Problem des Landes, sagt der Professor, „ist dieses ewige ,Weiter so!‘ Darin haben wir uns verstrickt.“ Und deshalb friert die Kiste ständig ein.

Ein Resetter, der den Namen verdient, ist für ihn zum Beispiel der französische Präsident Emmanuel Macron. Nicht weil er alle Antworten parat habe, „sondern so konsequent mit dem ,Weiter so!‘ bricht. Er hat es als eigentliches Problem erkannt. Und das ist bei den Menschen angekommen – vielleicht weniger bei den Eliten, die vom ,Weiter so!‘ profitieren“, sagt Straubhaar. Jedenfalls, so darf man hinzufügen, glauben die Eliten das. Vielleicht sollten sie gelegentlich ein gutes Buch lesen, der Lesetipp wäre in dieser Hinsicht Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Gattopardo“. Darin gibt es eine Stelle, bei der die Protagonisten – sie gehören zum alten sizilianischen Adel, der von der neuen Zeit der Industriegesellschaft bedroht wird – eine tief greifende Erkenntnis haben: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.“

Ein kluger Satz, der den Reset, den Straubhaar anmahnt, am besten beschreibt. Der Code, der unser Leben bestimmt, die alten Organisationen und Denkmuster, ist nicht mehr gut genug, damit das System läuft. „Da müssen wir ran. Es geht um Selbstermächtigung, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung“, sagt Straubhaar, „und das Betriebssystem dazu muss erlauben, zu versuchen, wie diese Ziele für jeden Einzelnen am besten zu erreichen sind.“ Ein System wäre dann sozial, wenn es seine Bürger optimal darin unterstützte, den für sie richtigen Weg herauszufinden, sich zu updaten, wo immer das möglich ist. Die neue Welt ist nur dann unsicherer und schlechter als die alte, wenn man diese Kulturleistung nicht erbringt, die Möglichkeit zum Versuch verhindert.

Straubhaar weiß aber: „Es geht nicht um weniger Sicherheit, sondern um weniger Illusionen.“ Am Ende komme bei einem Reset, das in eine experimentierfreudigere, offene Gesellschaft mündet, auch was anders heraus: ein stabileres Gesamtsystem, das sich nicht wegen jeder Kleinigkeit aufhängt, sondern fehlertolerant ist. Eines, bei dem nicht alle verkrampft mit dem Klammergriff versuchen, das Alte wieder und wieder zum Laufen zu bringen – den nächsten Crash schon vor Augen. Ein System, das Vielfalt aushält – weil es sogar damit rechnet. Ein menschengerechtes System eben, eines mit Zukunft.

Wann, wenn nicht jetzt, fangen wir damit an? ---

Reset-Arbeit heißt, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, nicht mit Revolutionsromantik

* b1.de/Gesundheit_Schweiz

Man schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus. Ein Reset bedeutet, ein System wieder zum Laufen zu kriegen, und das ist meist bedeutend schwieriger. Da gibt es alte Verpflichtungen und Versprechen, Interessen und Widerstände, die alle ihren Ausgleich suchen. Der Reset ist die Kärrnerarbeit der Erneuerung – und deshalb auch die Königsdisziplin des Leadership. Es ist eine Operation am offenen Herzen, Renovierungsarbeit im Kartenhaus.

Die Stunde null ist ein deutscher Mythos, der Selbstbetrug vom totalen Neuanfang. Man brauchte das, um sich vom geschlagenen NS-Regime zu entlasten und von seiner eigenen Geschichte, die zu diesem Regime führte. Die Stunde null war kein Neuanfang, sondern der bis heute anhaltende Versuch, die Ursachen für das, was geschah, unter den Teppich zu kehren. So macht man das in den meisten Unternehmen ja auch, jeden Tag.

Intellektuelle, sagt der Soziologe Armin Nassehi, stellten sich die Welt gern voraussetzungslos vor, wie ein weißes Blatt Papier, das sie mit ihrem Plan beschreiben könnten. Es wimmelt wieder von Sozialingenieuren, die die Menschen und die Gesellschaft formen wollen. Das hat stets ins Unglück geführt.