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Wladimir Klitschko im Interview

Wladimir Klitschko über das Gute am Verlieren, die Zukunft in der Ukraine und die Korruption im Boxen.




brand eins: Herr Klitschko, haben Sie sich einen anderen Abschied gewünscht, als Sie im August Ihr Karriereende bekannt gaben?

Wladimir Klitschko: Jein. Wieso?

Sie hatten zuvor Ihren letzten Kampf gegen den 14 Jahre jüngeren Briten Anthony Joshua nach technischem K. o. verloren. Ein eher unglückliches Ende einer sportlichen Laufbahn.

Ganz im Gegenteil. Besser hätte es aus meiner Sicht gar nicht laufen können. Ich hatte mir vor diesem Kampf viel vorgenommen, und natürlich hätte ich mir gewünscht, Joshua in der fünften Runde K. o. zu schlagen. Gott sei Dank kam es anders.

Ist das Ihr Ernst?

Voll und ganz. Hätte ich gewonnen, hätte sich einfach nur das wiederholt, was ich im Sport ohnehin schon immer erlebt hatte: einen Sieg nach dem anderen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mit einer Niederlage so viel gewinnen kann.

Und zwar?

Ich war niemals Champion der Herzen, das muss ich mir eingestehen. Doch nach dieser Niederlage habe ich zum ersten Mal die Zuneigung der Zuschauer gespürt, und das, obwohl Joshua in London Gastgeber war. Dieser Kampf im Wembley-Stadion war ein einmaliges Event, bei dem alle gewonnen haben. Auch ich. Zwar nicht den Kampf, aber den Respekt der Fans. Mein Ego, meine Ambitionen haben an diesem Abend verloren. Doch diese Niederlage erlebt zu haben war wichtig. Sie hat meinen Blick auf mich verändert. Hätte ich gewonnen, hätten alle gelangweilt gesagt: Na gut, alles so wie immer.

Ihr Bruder Vitali hält sich für verantwortlich für Ihre Niederlage. Er hat Ihnen geraten, Joshua nach der sechsten Runde nicht stärker anzugreifen, als der bereits müde wirkte. Hat das tatsächlich eine Rolle gespielt?

Nein, gar keine. Vitali liegt völlig falsch. Die Wahrheit ist: Ich habe immer allein entschieden, was ich im Boxring gemacht habe, auch an jenem Abend. Der gefährlichste Boxer ist der, der selbst entscheidet. Denn nur dann ist man für den Gegner so gut wie nicht lesbar. Vitali hat mit dieser Niederlage also nichts zu tun, und das sage ich nicht nur, weil ich meinen Bruder liebe.

Als Amateurboxer waren Sie 1996 Olympiasieger im Superschwergewicht, als Profi zweifacher Weltmeister im Schwergewicht. Sie halten mit insgesamt 29 Weltmeisterschaftskämpfen den Rekord noch vor Joe Louis. Haben Sie trotz dieser Bilanz auch Fehler gemacht, die Sie heute bedauern?

Selbst wenn ich die Chance hätte, im Nachhinein etwas in meinem Leben zu ändern, würde ich sie mit Sicherheit nicht nutzen. Ich habe meine erste Karriere nun abgeschlossen. Punkt. Ich habe in 69 Profikämpfen fünfmal verloren. Diese Niederlagen sind eine große Erfahrung, die ich niemals aus meinem Leben streichen würde. Ohne sie wäre ich ein anderer Mensch geworden.

Wann haben Sie begonnen, sich auf Ihr Leben nach dem Boxen vorzubereiten?

Ich habe nie geglaubt, dass meine Boxkarriere so lang und erfolgreich sein würde. Und dass ich bis zum Alter von 41 Jahren auf höchstem Niveau würde boxen können, war für mich absolut unvorstellbar. Als ich mit 14, noch zu Zeiten der Sowjetunion, mit dem Boxen anfing, wollte ich einfach mal das Land verlassen. Das war damals nur für Politiker und Sportler möglich. Der Sport war für mich damals nicht das Hauptziel. Ich habe mich also auf das Leben nach dem Boxen schon vom ersten Tag an vorbereitet, weil ich nicht im Traum solch eine Karriere erwartet habe.

Welches Ziel haben Sie jetzt?

Das wird wahrscheinlich verrückt klingen, aber: Ich will die Welt besser machen. Ja, das will ich tatsächlich. Meine Sportart zum Beispiel ist eine der profitabelsten und attraktivsten überhaupt. Doch leider ist die Korruption im Boxen so groß, dass sie die ganze Sportart auffressen kann. Die Grundlage des Sports sind die Sportler und Fans. Viele Promoter, Manager und Verbände stellen aber ihr eigenes Interesse an die erste Stelle und vernichten diese Grundlage damit langfristig. Ohne Sportler und Fans gibt es den Sport nicht, das geht irgendwie total unter. In erster Linie konzentriere ich mich jetzt darauf, meine Erfahrungen aus dem Sport mit Unternehmen, Organisationen, vor allem aber mit den Menschen zu teilen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Zukunft meistern können, wenn wir es schaffen, Probleme als Herausforderungen zu sehen, und diese mit unserer eigenen Willenskraft angehen. Ich nenne das Challenge Management. Zusammen mit der Universität St. Gallen habe ich dafür den Studiengang CAS Change und Innovation Management initiiert.

Wie erklären Sie sich, dass Sie und Ihr Bruder in Deutschland so beliebt sind?

Eine genaue Erklärung habe ich dafür nicht. Natürlich sind vor allem unsere Fans ein Grund, die mich und meinen Bruder in guten sowie in schlechten Zeiten unterstützt, aber auch immer wieder kritisiert haben. Für all das bin ich extrem dankbar. Vitali und ich fühlen uns bis heute wie die Adoptivkinder Deutschlands. Wir beide sehen das Land als zweite Heimat. Man hat uns dort eine Chance gegeben, und wir konnten sie zum Glück nutzen. Unsere Geschichte zeigt, wie gut eine offene Gesellschaft funktionieren kann.

Als Sie und Ihr Bruder 1995 nach Deutschland kamen, war das Land offener als heute. Was sagen Sie dazu, dass die AfD in den Bundestag eingezogen ist?

Ich bin und bleibe ein Optimist. Schlechte Bewegungen kommen – und sie gehen auch wieder.

Ihr Bruder Vitali wurde im Mai 2014 nach zwei gescheiterten Versuchen zum Bürgermeister von Kiew gewählt. Wie gut schlägt er sich aus Ihrer Sicht?

Als Vitali damals zum dritten Mal kandidieren wollte, dachte ich, das kann doch nicht gut gehen. Er hatte die erste Wahl verloren, die zweite Wahlniederlage war noch bitterer. Er wurde ausgelacht, und überall kursierten Geschichten über seine Versprecher. Doch Vitali hat allen alles bewiesen. Wie kann ein Boxer Bürgermeister sein? Er zeigt es jetzt. Er hat sich einfach gesagt: Ich mache das. Und er macht das wirklich gut – in einer Zeit, die für das Land aus vielen Gründen schwierig ist. Im Osten des Landes ist seit 2014 Krieg, es sind dort nach offiziellen Angaben mehr als 10 000 Menschen umgekommen, es dürften in Wahrheit noch viel mehr sein. Doch Kiew entwickelt sich nach vorne, zu einer richtigen europäischen Hauptstadt mit einem eigenen Selbstbewusstsein. Das ist ein Verdienst der Menschen dort vor Ort und auch der Arbeit, die Vitali mit seinem Team leistet.

Fragt er Sie um Rat bei seinen Entscheidungen als Bürgermeister?

Wir haben eine sehr enge und besondere Beziehung. Wir müssen uns gegenseitig nicht fragen, wie es uns geht. Wir fühlen das. Doch natürlich sprechen wir miteinander. Wir fragen uns gegenseitig nach unserer Meinung zu der einen oder anderen Entscheidung. Das ist normal zwischen Geschwistern. Fünf Minuten bevor ich mein Karriereende bekannt gegeben habe, habe ich ihm eine SMS geschickt und ihm dafür gedankt, dass er in diesem Fall seine Meinung für sich behalten hatte. Er wusste natürlich, wie wichtig dieser Schritt für mich war, er wusste aber auch, dass ich das mit mir abmachen musste. Wir wissen beide, wann es besser ist, den Mund zu halten.

Wie gut geht es der Ukraine?

In einer Zeit, wo im Osten des Landes Krieg herrscht, kann man nicht von „gut“ sprechen. Es gibt aber auch positive Seiten. Schwierige Zeiten schweißen Menschen zusammen. Dass die Ukrainer seit diesem Sommer visafrei in die EU reisen dürfen, ist eindeutig eine gute Entwicklung. Wir befinden uns in einer Phase, in der wir als Land, als Nation, als Gesellschaft erst geboren werden. Dieser Prozess ist schmerzhaft. Aber wie bereits gesagt: Ich bin ein Optimist.

Gilt das auch, wenn Sie an die Beziehung zwischen der Ukraine und Russland denken?

Ich bin davon überzeugt, dass sich das Verhältnis der beiden Länder bald bessern wird. Und dann werden sich viele fragen, wie es dazu kommen konnte, dass zwei Brüdervölker im Krieg waren. Dass der eine angegriffen hat und sich der andere verteidigen musste. Dass diese Zeit kommen wird, steht für mich fest.

Wie sehen Sie die Ukraine in zehn Jahren?

Wenn die Waffen im Osten wieder schweigen, wird die ukrainische Wirtschaft einen Aufschwung erleben. Wir werden einen sehr großen Schritt nach vorn machen. Im Vergleich zu anderen Nachbarländern werden wir einen richtigen Sprung machen. Daran habe ich keinen Zweifel. Das alles wird dann in drei bis fünf Jahren geschehen. Die Ukraine hat ein solches Potenzial, von dem andere Länder nur träumen können. Die Ukraine ist eine Brücke zwischen Europa und Asien, daher kann es gar nicht anders sein. Nur die Waffen müssen endlich schweigen. Wie heißt es so schön: Der ungerechteste Friede ist immer noch besser als der gerechteste Krieg.

Zurück zu Ihnen persönlich. Wie wichtig war Ihnen als Boxer Ruhm und Geld?

Wenn es mir darum gegangen wäre, dann hätte ich sicher den Rückkampf gegen Anthony Joshua in Las Vegas angetreten. Aber das ist nie meine Motivation gewesen. Natürlich fand ich es zu Beginn meiner Karriere cool, wenn ich auf der Straße erkannt wurde. Das gefiel mir, ging aber auch schnell vorbei. Wenn du dir die Frage stellst, warum du etwas machst, und die Antwort ist: weil ich berühmt und reich werden will, dann stimmt da was nicht. Du musst tief in dir spüren, dass dein Ziel für dich – und nur für dich – das richtige ist.

Vermissen Sie den Boxring?

Ich habe lange über mein Karriereende nachgedacht, ich habe es mir mit meiner Entscheidung nicht leicht gemacht. Heute fühle ich, dass sie absolut richtig war. Natürlich könnte ich jetzt noch an ein paar Kämpfen teilnehmen, vielleicht würde ich sie sogar gewinnen. Das weiß ich nicht. Was ich aber ganz sicher weiß: Ich will es nicht mehr. Been there, done that, das war’s. Ich vermisse es nicht. Was mir manchmal fehlt, ist eher die Vorbereitung auf den nächsten Kampf, diese Beschäftigung mit diesem einen Ziel. Aber auch das hält sich in Grenzen. Ich bin im Reinen mit mir. ---

Wladimir Klitschko, 41, ist der jüngere der beiden Brüder, die in der Wahrnehmung vieler Deutscher ab Ende der Neunzigerjahre zu der Einheit „Die Klitschkos“ verschmelzen. Vitali und Wladimir (die Nachnamen entfallen in der Öffentlichkeit zumeist) sind in ihren aktiven Zeiten der Deutschen Lieblings-Ukrainer. Sie sind damals medial allgegenwärtig und lösen sich aus ihrer eigentlichen Rolle, wie es hierzulande nur wenigen Athleten gelingt.

Die Klitschkos sitzen immer wieder mal bei „Wetten, dass …?“ auf der Couch, sind Testimonials großer Marken, lassen als Synchronsprecher ihre Charaktere in einem Zeichentrickfilm von Disney mit dem unverkennbaren, rauen, etwas unbeholfen wirkenden Klitschko-Deutsch sprechen. All das gelingt ihnen, ohne ihren Ruf als Boxer zu gefährden.

Wladimir Klitschko ist in der Zeit zwischen 2006 und 2015 einer der dominantesten Weltmeister der Boxgeschichte. Sein Bruder gilt als limitierter, technisch weniger beschlagen, doch die Deutschen lieben sie beide. Wenn „Dr. Steelhammer“ (Wladimir Klitschkos Kampfname) oder sein Bruder „Doktor Eisenfaust“ in den Ring steigen, erreichen die Kampfabende des Senders RTL Einschaltquoten von mehr als 75 Prozent.

Wladimir Klitschko kommt 1976 in Kasachstan zur Welt, wo sein Vater als Offizier der sowjetischen Luftstreitkräfte stationiert ist. 1980 wird der Vater in die Tschechoslowakei versetzt. Während Vitali noch dort mit dem Boxen anfängt, beginnt Wladimir seine Karriere mit 14 Jahren nach der Rückkehr der Familie nach Kiew.

1993 feiert Wladimir Klitschko mit dem Sieg bei der Junioren-EM seinen ersten internationalen Erfolg im Amateurboxen. Drei Jahre später gewinnt er die Goldmedaille im Superschwergewicht bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Durch den Olympiasieg gelingt der Sprung ins Profiboxen: Er und sein Bruder werden vom Hamburger Boxstall Universum unter Vertrag genommen. Im Herbst 2000 wird er zum ersten Mal Weltmeister im Schwergewicht und verteidigt seinen Titel anschließend fünfmal in Folge.

Die Klitschkos profitieren von dem in Deutschland seit Anfang der Neunzigerjahre grassierenden Box-Hype, den ehemalige DDR-Athleten wie vor allem Henry Maske ausgelöst haben.

Ihrem Manager Bernd Bönte gelingt das Kunststück, die beiden als deutsche Boxer zu etablieren, obwohl sie ihre Geburtsnamen und ihre Nationalität behalten – im Unterschied zu späteren deutschen Weltmeistern anderer Gewichtsklassen wie Felix Sturm (eigentlich Adnan Ćatić), Arthur Abraham (Awetik Abrahamian), Marco Huck (Muamer Hukić) oder Robert Stieglitz (Sergej Stieglitz).

Der Vermarktung dienlich ist, dass die Brüder gut aussehen, nicht dem Klischee des Boxers entsprechen und gebildet sind (beide haben in Sportwissenschaften promoviert).

Wladimir Klitschko beherrscht bis Ende 2015 das Schwergewichtsboxen, er hält bis zu diesem Zeitpunkt den Weltmeistertitel in drei der vier größten internationalen Boxverbände. Danach beginnt er zu verlieren, zunächst im November 2015 gegen den Briten Tyson Fury, schließlich im April 2017 gegen dessen Landsmann Anthony Joshua. Gut drei Monate später gibt er das Ende seiner Karriere bekannt. Mittlerweile lebt er in den USA sowie zeitweilig in Hamburg und Kiew.