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Smartfrog

Das Internet der Dinge ist eine großartige Idee. Allein, es hakt bei der Umsetzung. Das Berliner Start-up Smartfrog konzentriert sich zunächst auf eine eher banale Anwendung.




• Herrchen ist bei der Arbeit. Der Hund sieht seine Chance und springt aufs Sofa, wo er es sich gemütlich macht. Die Ermahnung kommt umgehend aus einem kleinen Lautsprecher an einer Internetkamera. „Runter!“, befiehlt der Besitzer vom Büro aus. Wie viele Hunde sich tatsächlich wieder vom Sofa verziehen, weiß Charles Fränkl nicht. Sicher aber ist: „Viele Nutzer beobachten mit unserer Kamera auch ihre Haustiere.“

Fränkl ist Besitzer von Smartfrog, eines der am besten finanzierten deutschen Start-ups, die im sogenannten Internet der Dinge tätig sind. Deutlich mehr als 30 Millionen Euro haben Investoren in das im Jahr 2014 gegründete Unternehmen gesteckt. Die nächste Finanzierungsrunde sei „in Sicht“, heißt es. Vermutlich erreicht die Summe dann einen dreistelligen Millionenbetrag. Für die Beobachtung von Haustieren via Internetkamera, die für monatlich knapp sechs Euro zu haben ist? Das erstaunt auf den ersten Blick.

Doch Fränkl bringt drei Jahrzehnte Erfahrung in der IT-Branche mit. Er war unter anderem Technikchef von Vodafone, Geschäftsführer bei E-Plus, Deutschlandchef von AOL, Vorstandsvorsitzender von Clickandbuy und Gigaset. Der Schweizer muss selbst ein wenig schmunzeln, wenn er die große Vision vom Internet der Dinge – oft mit dem englischen Kürzel IoT für Internet of Things bezeichnet – mit dem heutigen Stand vergleicht.

Seit rund zwei Jahrzehnten kündigen Unternehmen eine revolutionäre Anwendung nach der nächsten an, die die Welt des Computer-Vordenkers Mark Weiser mit Riesenschritten näherbringt. Der veröffentlichte 1991 einen Aufsatz mit dem Titel „The Computer for the 21. Century“, in dem er die Allgegenwart von Rechnern (Englisch: ubiquitous computing) vorhersagt. Er stellte sich das damals so vor: Der PC mit Bildschirm und Tastatur verschwindet aus dem Leben des Menschen. Stattdessen werden immer mehr Computer in physische Produkte eingebaut, die ihn unterstützen. Diese Dinge nimmt der Mensch dann nicht mehr als Computer wahr, oft bemerkt er sie überhaupt nicht. Wenn diese intelligenten Apparate miteinander kommunizieren, so sagte Weiser bereits vor Entstehung des World Wide Web voraus, entsteht ein Internet der Dinge.

Zur Veranschaulichung beschrieb er in seinem Aufsatz etwas, das bis heute für Aufmerksamkeit sorgt: das digitalisierte und durchautomatisierte Zuhause. Technisch wäre seine Smart-Home-Vision heute möglich.

Schließlich kann das Internet nicht nur Menschen, sondern auch Dinge vernetzen. Es gibt Häuser, in denen Heizung, Kühlung und Sonnenblenden sich automatisch regeln und dabei ständig den Wetterbericht abfragen, um Energie zu sparen. Die Lichter gehen in diesen Häusern an, wenn Bewohner den Raum betreten, die Haustür öffnet sich per Gesichtserkennung, und in manchen Küchen stehen tatsächlich Kühlschränke, die Milch nachbestellen, bevor sie ausgeht. Das Problem ist: Fast all diese Häuser sind Vorzeigeprojekte von Smart-Home-Anbietern oder Prestigeobjekte von Enthusiasten. Sie sind teuer verkabelt und komplex gesteuert, und es hilft, wenn der Bewohner gern programmiert und mit dem Lötkolben umgehen kann.

Eine gut funktionierende, intelligente, einfach zu bedienende Heizungssteuerung sollte Ende des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert möglich sein. Auf dem Markt durchgesetzt hat diese sich dennoch nicht. Wirklich smarte Häuser sind selten, und dieses Dilemma steht stellvertretend für die gesamte IoT-Branche. Der Grund: Die Dinge passen nicht zusammen. Visionäre und Techniker haben unterschätzt, wie kompliziert es ist, viele mit Sensoren und Software aufgerüstete physische Objekte unterschiedlicher Hersteller über diverse Plattformen so miteinander zu vernetzen, dass sie dem Menschen tatsächlich nützen.

In der Realität sind die Komponenten meist schwer zu montieren. Danach nerven sie, weil sie entweder ausfallen oder nicht richtig funktionieren. Die IoT-Branche hat oft Produkte von Nerds für Nerds entwickelt und damit viele Kunden überfordert. Deshalb brauchte es einen Neuanfang durch radikale Vereinfachung. Den Anfang machte im Jahr 2010 das kalifornische Start-up Nest Labs mit einfach anzubringenden, digitalen Thermostaten in zeitgemäßem Design (siehe brand eins 07/2013, „Gefühlte Temperatur“).

Lieber alles selber machen

Gegründet wurde Nest von zwei Apple-Entwicklern, die verstanden haben: besser ein intelligentes Ding mit einer Funktion auf den Markt bringen als eine Serie von Produkten mit vielen Funktionen. Und die sich wie Jan Seidler, der Technikchef von Smartfrog, auch die Frage gestellt haben: „Wozu soll ein WLAN-fähiger Toaster eigentlich wirklich gut sein?“ Anfang 2014 kaufte Google Nest für 3,2 Milliarden Dollar. Spätestens seitdem ist die Strategie der Kalifornier ein Vorbild für viele IoT-Gründer weltweit: einen Reset in einem Geschäft zu wagen, das seit zwei Jahrzehnten kaum weitergekommen ist.

Smartfrog hat rund 85 Mitarbeiter, die meisten davon in Berlin. In Irland sitzen rund ein Dutzend IT-Entwickler und Datenspezialisten. Alle arbeiten an einem einzigen Produkt: der vernetzten Kamera, mit der nicht nur Haustiere beobachtet werden. Urlauber überwachen ihre Wohnung damit. Im Falle eines Einbruchs schlägt das System Alarm, und man kann die Polizei rufen. Sicherheitstechnik ist auch für Ladenbesitzer interessant. Junge Eltern nutzen die Kamera als Babyphone. Kinder von gebrechlichen Eltern schauen mit den Kameras nach, ob bei Vater und Mutter alles in Ordnung ist. Das wichtigste Versprechen des Anbieters lautet: Die Kamera ist in fünf Minuten installiert. Danach kann der Kunde jederzeit auf dem Smartphone, Tablet oder PC schauen, was daheim los ist.

Bis zu 75 Milliarden Dollar werden private Kunden laut Marktstudien bald weltweit für Video-Überwachung ausgeben. Für Sicherheit bezahlen Menschen gern. Vernetzte Kameras sind technisch kein Hexenwerk. Das waren die Gründe, warum eine Überwachungskamera das erste Smartfrog-Produkt wurde. Für Produktentwicklung und Markeinführung gab der Chef Charles Fränkl klare Kriterien vor: „Einfach zu installieren, einfach zu nutzen, günstig und sicher. Nur wenn du diese vier Kriterien erfüllst, hast du eine Chance auf Erfolg in einem IoT-Massenmarkt“, sagt Fränkl.

Das Problem dabei: „Die Einfachheit herzustellen ist eine komplexe Sache. Das bekommt man nur hin, wenn man alle Schritte von der Idee bis zur Vermarktung unter Kontrolle hat.“ Fränkl nennt es „end-to-end-kontrolliert“ und beschreibt, was Smartfrog alles nicht von anderen erledigen lässt: Das Unternehmen entwickelt die Hard- und die Software selbst und betreibt sogar eine eigene Daten-Cloud, auf der die Kamerabilder gestreamt und gespeichert werden. Auch das Marketing und die Logistik macht man selbst. Die Firma betreibt ein eigenes Kundenmanagement-System und beschäftigt Juristen, die sich unter anderem um Datenschutzthemen kümmern.

Diese Organisation ist das exakte Gegenteil der herrschenden Lehrbuchmeinung für erfolgreiche Start-ups: Konzentriere dich auf den Kern des Geschäfts, den Rest buche flexibel hinzu. „Doch genau daran“, so glaubt Fränkl, „sind viele IoT-Unternehmen der ersten Generation gescheitert, weil es in diesem Bereich den Rest eben noch nicht flexibel hinzuzubuchen gibt.“

Erst eins, dann zwei, dann …

Die ersten Gründer kamen aus der Softwarebranche und haben die Hardware dazugekauft oder umgekehrt. Sie versuchten ihre Produkte über fünf bis zehn unterschiedliche Plattformen zu vernetzen, aber keine war wirklich mit der anderen kompatibel. Wenn ein Kunde – wie so oft – ein Problem hatte, landete er in externen Callcentern mit Mitarbeitern, die selbst dann überfordert waren, wenn sie eigentlich über technische Kompetenz verfügten. Und für das Management hieß es, so Fränkl: „Wenn du am Produkt irgendeine Kleinigkeit verändern willst, musst du erst einmal 20 Leute zusammentelefonieren, um nach vielen weiteren Gesprächen festzustellen: Wir können es nicht ändern, weil sonst irgendetwas nicht mehr kompatibel mit irgendetwas anderem ist.“

Seine Lehre daraus lautet: Smartfrog orientiert sich eher an Ford zu den Zeiten, als der Autohersteller noch Gummibäume für die eigene Reifenproduktion pflanzte und Glasfabriken für die Windschutzscheiben betrieb, als an den schlanken Start-ups, die Risikokapitalisten zurzeit so gern mögen. „Vertikalisierung von Unternehmen in einem Technologiemarkt ist ein Zeichen dafür, dass die Industrie noch nicht sehr reif ist“, sagt Fränkl, der an der ETH Zürich Elektrotechnik und an der London Business School Management studiert hat.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Datenspeicherlösung, mit der Smartfrog arbeitet. Man sollte meinen, dass sich bei Cloud-Anbietern wie Amazon, Microsoft oder Oracle ausreichend geeignete Angebote finden ließen. Doch die Standarddienste sind darauf ausgerichtet, viele Daten aus der Cloud an viele einzelne Nutzer zu senden – so wie Netflix vielen Kunden gleichzeitig Filme ausspielt. Doch den umgekehrten Fall – viele Smartfrog-Kunden laden die Wohnzimmer-Videos zeitgleich in die Cloud – können die Standardanbieter nicht abdecken. Also betreibt das Unternehmen seine eigenen, für diese Anwendung konfigurierten Server.

Die Kontrolle aller technischen und geschäftlichen Aspekte kann für kleine Firmen nur funktionieren, wenn sie zunächst konzentriert ein Problem lösen. Ist dies einmal gelungen, so die Smartfrog-Philosophie, schaffen sie die Grundlage für weitere Anwendungen. Auch hier ist Nest Vorreiter. Den Thermostaten folgten die Kameras und dann die Rauchmelder. Kürzlich haben die Kalifornier ein günstiges Alarmanlagensystem auf den Markt gebracht. Ein Türöffner mit Gesichtserkennung soll im Jahr 2018 folgen. Schritt für Schritt entwickelt sich Nest zum Generalunternehmer für Weisers Vision vom Smart Home.

Auch Smartfrog denkt bereits weiter. Zum Beispiel an Smart-Home-Anwendungen inklusive Heizungssteuerung. „Potenziell interessant“ sind für Charles Fränkl auch Gesundheitsfürsorge sowie professionelle Seniorenpflege und industrielle Anwendungen etwa in der Produktion. Kurzum: Natürlich ist es auch Smartfrogs Ehrgeiz, zu einer universellen IoT-Plattform zu werden, auf der das Unternehmen selbst oder auch Partner weitere Dienste anbieten können. Erste Kooperationen mit Energieversorgern sind angebahnt. Ohne diesen Anspruch wäre es vermutlich auch schwer geworden, Risikokapitalgeber wie Andreas Haug für das Unternehmen zu gewinnen.

Der Partner bei der Hamburger Investmentfirma Eventures gehörte zu den ersten Geldgebern. Nun reden solche Leute nie schlecht über Unternehmen, in die sie investiert haben. Bei Haug und Smartfrog wirkt die emotionale Verbindung allerdings tatsächlich enger als üblich, zumal der Hamburger Investor bei Internet-der-Dinge-Anwendungen grundsätzlich skeptisch ist. Aus Sicht eines Geldgebers mit hoher Renditeerwartung ist Hardware mit all ihren physischen Problemen von der Qualitätssicherung bei der Fertigung in China über die Logistik bis hin zu Reparaturen mühsam. Datenpakete online an Apps zu verschicken ist einfacher, so es denn gelingt, ausreichend Kunden für einen rein digitalen Service zu finden und zu binden. Für Haug kommt erschwerend hinzu: „Ähnlich wie beim E-Learning warten wir seit 25 Jahren auf die wirtschaftlich wirklich erfolgreichen Konzepte. Aber der Durchbruch will und will nicht kommen.“ Einen wichtigen Grund hierfür sieht er in dem für die Anbieter schwer zu kontrollierenden Umfeld: Ein wenige Jahre alter Router kann das intelligenteste System lahmlegen, das nächste Update im Betriebssystem des PCs ebenfalls.

Warum hat Andreas Haug dennoch investiert? „Weil Smartfrog von Anfang an verstanden hat: Es ist besser, zunächst einen Ball gezielt aufs Tor zu schießen, als mit vielen zu jonglieren.“ Es habe seinen guten Grund, warum Apple nur so wenige Produkte anbiete. Eventures hat auch sehr früh, im Jahr 2002, in den Boxenhersteller Sonos investiert, der eine ähnlich reduzierte Produktstrategie verfolgt.

Bei Smartfrog kommt noch etwas hinzu: Als bislang wohl einzigem IoT-Unternehmen ist es den Berlinern gelungen, ihr Produkt im Abo zu vermarkten – und Kunden damit langfristig zu binden. Für 5,95 Euro kann man eine Smartfrog-Kamera inklusive aller Premiumdienste mieten und ohne Mehrkosten jederzeit zurückschicken. Wie viele das sind – oder gar Umsatzzahlen –, behält das Unternehmen für sich. Es macht auch keine Angaben darüber, wie viele Monate eine Kamera vermietet sein muss, damit sich das Gebührenmodell lohnt. Nur so viel: 95 Prozent aller zahlenden Kunden ziehen das Abo dem Kauf der Kamera für 149 Euro vor (bei zeitlich unbegrenzter Nutzung und den gleichen Diensten).

Das Abo-Geschäftsmodell hatte der Computervisionär Mark Weiser in seinem richtungsweisenden Aufsatz übrigens nicht vorhergesehen. Und auch nicht, dass Tierbeobachtung ein so wichtiger Anwendungsfall werden würde. Dabei stecken die Entwickler gerade hier viel Liebe ins Detail. Das Smartfrog-System kann Bewegungen von Tieren erkennen. Wenn die Katze durch die Katzenklappe reinkommt, wird die Polizei nicht benachrichtigt. ---