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Regina Klakow-Franck im Interview

Regina Klakow-Franck, einflussreiches Mitglied im mächtigsten deutschen Gesundheitsgremium, hat ein Ziel: Der Patient soll endlich im Mittelpunkt stehen.





Regina Klakow-Franck, 57, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, ist seit 2012 eines von drei unparteiischen Mitgliedern im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Bis dahin war sie stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Bundesärzte- kammer und Leiterin der Abteilung „Qualitätssicherung in der Medizin“. Von 2005 bis 2011 beriet sie zudem als Kuratoriumsmitglied das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Selbstverwaltungsgremium der Krankenkassen, Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Krankenhäuser. Er entscheidet unter anderem darüber, welche Medika- mente erstattet werden und welche nicht. Die Beschlüsse gelten für die derzeit 72 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland. Zu den Aufgaben des G-BA gehört auch die Qualitätssicherung.

brand eins: Frau Klakow-Franck, Experten warnen bereits zum wiederholten Mal eindringlich sowohl vor einer Über-, Unter- als auch Fehlversorgung von Patienten 1). Wie ließe sich das ändern?

Regina Klakow-Frank: Es braucht die Aufhebung der aktuell geltenden, strikten Trennung zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich, also zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten. Diese Forderung ist nicht neu, bislang jedoch, außer in Form einiger weniger Insellösungen 2), in der Regelversorgung nicht angekommen. Ich wünsche mir eine integrierte Versorgung, gewährleistet durch die verschiedenen Gesundheitsberufe, mit neuen, einheitlichen Rahmenbedingungen für Qualitätssicherung und Vergütung für alle, die daran mitarbeiten.

Was bringt das den Patienten?

Diagnostik und Therapie werden immer komplexer. Dennoch sollte der Patient eine Behandlung aus einer Hand erwarten dürfen. Die verschiedenen Fachdisziplinen müssen mehr zusammenarbeiten. Stattdessen berichten Patienten von Irrwegen zwischen einzelnen Behandlern, zu wenig Information über Therapiealternativen und Brüche im Versorgungsablauf. Die Rolle des Patienten zu stärken ist aber das A und O für die künftige Versorgungsqualität. Und die hängt zweifellos von besserer Koordination ab, aber auch davon, Patienten besser zu informieren und in die Planung der Therapie einzubeziehen. Wir sollten transparent machen, in welches Krankenhaus der Patient bei welcher Krankheit und individueller Risikokonstellation gehen sollte und wohin besser nicht. Derzeit versuchen wir im G-BA immer noch, alle Einrichtungen gleich gut aussehen zu lassen.

Der Ausschuss hat also Qualitätsdefizite im Gesundheitswesen einfach akzeptiert?

Ja, aus bekannten Potenzialen zur Verbesserung der Qualität wurde zu wenig gemacht. Nehmen wir die stationäre Behandlung. Dort wurden schon in den Siebzigerjahren sogenannte Qualitätsindikatoren 3) eingeführt, also harte Daten erfasst, aus denen wir ableiten konnten, wie gut eine Klinik arbeitet. Aus schlechten Ergebnissen wurden dann zu wenige Konsequenzen abgeleitet. Wir hätten manchmal schon früher reagieren können, wenn Behandlungsstandards aus medizinischen Leitlinien nicht eingehalten wurden.

Was bedeutet das?

Wir sehen zum Beispiel seit Jahren Probleme beim Oberschenkelhalsbruch. In zu vielen Krankenhäusern – in kleinen wie in großen übrigens und verteilt über das ganze Bundesgebiet – gibt es speziell am Wochenende zu lange Wartezeiten auf die Operation. Als Grund wird fehlendes ärztliches oder pflegerisches Personal angegeben oder dass der Patient ein blutverdünnendes Mittel eingenommen habe. Für die Patienten hat das längere Warten aber das Risiko zur Folge, dass der Hüftkopf absterben kann und dass diese Patienten dann, obwohl sie es nicht gebraucht hätten, ein künstliches Hüftgelenk benötigen.

Welches Vorgehen wäre besser?

Patienten sollten binnen 24 Stunden operiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir entsprechende Anforderungen stellen, die erfüllt sein müssen, wenn eine Fachabteilung eine solche Operation anbieten will. Dazu gehört auch die erforderliche Zahl an qualifiziertem Personal.

Was muss sich grundsätzlich ändern?

Es kann in Zukunft nicht so bleiben, dass jedes Krankenhaus aus wirtschaftlichen Gründen quasi alle Leistungen anbieten muss, obwohl es die nötige Qualität nicht garantieren kann. Wir brauchen deshalb dringend den stationären Strukturwandel, also eine Basis-, Schwerpunkt- und Maximalversorgung sowie Zentren für hochkomplexe Leistungen. Besonders das zu knappe Pflegepersonal kann kurzfristig nicht so einfach umverteilt werden. Doch mittel- und langfristig würde dieses Vorgehen zu einer Verbesserung der angespannten Personalsituation beitragen.

Der Gesetzgeber sieht das übrigens ähnlich: Die künftige Krankenhausplanung 4) soll an Qualitätsgesichtspunkten ausgerichtet werden. Im nächsten Herbst kommen die ersten Ergebnisse zu den neuen Qualitätsindikatoren, die der G-BA den Ländern zum Zweck der Krankenhausplanung bereitstellen muss. Mit ihnen können die zuständigen Behörden in den Ländern die Qualität der medizinischen Versorgung verschiedener Kliniken vergleichen. Ich bin sehr gespannt, wie dieses neue Instrument angenommen wird.

Für diesen von Ihnen vorgeschlagenen Neustart müssten also vor allem Kliniken geschlossen werden.

Nicht unbedingt ganze Klinken, aber es braucht eine Konzentration auf gute Abteilungen. Der Neustart ist meines Erachtens weniger eine Frage der Standortschließung als der intelligenten, auf Qualitätsindikatoren basierenden Umstrukturierung.

Ende 2016 haben Sie bereits durchgesetzt, dass auf Frühchen-Stationen in Kliniken künftig eine Schwester nicht mehr als zwei Neugeborene gleichzeitig versorgen darf. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft stellte sich aber sofort mit Erfolg quer. Sind Sie also gescheitert?

An der Quote – eine Schwester pro zwei Frühchen in Intensivüberwachung und eine Eins-zu-eins-Betreuung pro Intensivstations-Patient – halte ich fest, sie gilt auch in anderen Ländern. Die Personalengpässe in den Perinatalzentren kann man allerdings nicht leugnen, deshalb haben wir eine Übergangsregelung bis Ende 2019 beschlossen.

Sie lassen sich hinhalten?

Nein. Die Übergangsregelung ist verknüpft mit der Auflage, dass die Perinatalzentren eine Zielvereinbarung eingehen, die einen Maßnahmenplan zum Aufbau des erforderlichen Personals bis Ende 2019 enthält. Außerdem müssen sich die Kliniken an einer verpflichtenden Strukturabfrage beteiligen. Auf dieser Datenbasis entscheidet der G-BA, ob sich die Personalvorgabe realisieren lässt. Wenn Nein, kann es mehrere Schlussfolgerungen geben. Ich persönlich würde es vorziehen, die Personalquote als Qualitätsziel aufrechtzuerhalten und stattdessen etwas an den Rahmenbedingungen und der Struktur zu ändern: Im internationalen Vergleich haben wir in Deutschland nicht nur sehr viele Perinatalzentren, sondern auch vergleichsweise kleine Fallzahlen pro Zentrum. Eine Konsequenz könnte also auch sein, die Mindestmengen zu erhöhen.

Eine Vorgabe, mit der der G-BA bereits einmal gegen klagende Kliniken vor dem Bundessozialgericht gescheitert ist. Ein solcher Schritt würde wieder zu Protesten führen.

Qualitätssicherung muss auch wehtun. Selbstverwaltung dient nicht der Besitzstandswahrung, sondern den Patientinnen und Patienten. Es ist die Aufgabe des G-BA, so etwas wie eine gemeinsame Verantwortung für die Qualität der Patientenversorgung zu entwickeln. ---

* b1.de/HelmutHildebrandt

1)
Deutschland ist mit 611 Krankenhausbetten pro 100 000 Einwohner Europameister. Viele EU-Staaten kommen mit der Hälfte oder einem Drittel aus.

Anteil der Leistenbruch-Operationen, die ambulant durchgeführt werden, in Prozent:
USA: 84,1
Kanada: 71,2
Dänemark: 73,0
Deutschland: 6,0
(naheliegende Erklärung: Die OP in der Klinik ist schlicht lukrativer)

Zunahme ausgewählter Fachärzte in Deutschland von 2007 bis 2016, in Prozent:
Radiologen:
+ 18,3
Urologen: + 11,0
Hausärzte: + 1,2

2)

Das Projekt „Gesundes Kinzigtal“ (siehe auch brand eins 11/2011, „Der Optimierer“ *) ist ein Beispiel für eine integrierte Versorgung.

Die Kernidee: Ärzte werden dort nicht für die Behandlung von Krankheiten, sondern für die Erhaltung der Gesundheit der Menschen bezahlt. Niedergelassene Ärzte arbeiten zu diesem Zweck eng mit den Kliniken zusammen. Jeder am Projekt teilnehmende Versicherte wählt einen Haus- oder Facharzt als verantwortlichen Koordinator. Dieser überwacht den gesamten Behandlungsprozess. Die Patienten erhalten unter anderem:
– eine elektronische Patientenakte – Unterstützung, um individuelle Gesundheitsziele zu erreichen
– Schulungen und Vorträge
– Mitspracherecht durch einen Patientenbeirat

3)

Es gibt insgesamt 238 Qualitätsindikatoren für Kliniken, zum Beispiel für Gynäkologie, Unfallchirurgie oder Transplantationsmedizin. Einer von neun Indikatoren bei einem Oberschenkelhalsbruch ist die „präoperative Verweildauer“. Diese sollte 24 Stunden nicht überschreiten. Im Jahr 2016 wurde dieser Wert bei 19,66 Prozent aller Eingriffe hierzulande überschritten.

4)

Für die Krankenhäuser sind die Bundesländer verantwortlich. Sie ermitteln regelmäßig ihren Bedarf, etwa anhand der aktuellen Einwohnerzahl und der durchschnittlichen Verweildauer der Patienten in den Kliniken. Bei der Planung müssen sich die Länder auch an sogenannten Qualitätsindikatoren orientieren. Diese können darüber entscheiden, ob eine Fachabteilung oder eine ganze Klinik im Krankenhausplan bleibt. Ignoriert ein Bundesland dieses Kriterium, muss es das öffentlich begründen.