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Bürsten Nickles

Kilian Schumm hatte einen Job, den er nicht liebte. Bis er das Handwerk seiner Vorfahren wiederbelebte.




• Dieses Geschäft ist eines, das eigentlich niemand mehr braucht. Bürsten, Besen, Putzzubehör und Reinigungsmittel gibt es hier – Produkte, die auch Drogerie- und Supermärkte, Kaufhäuser und Baumärkte führen. Bürsten Nickles liegt in einer Gasse der Bamberger Altstadt im Erdgeschoss eines Wohnhauses, einige Ecken von den Einkaufsstraßen entfernt.

Der Inhaber Kilian Schumm, 38, hat sich im vergangenen Jahr unter dem Namen seines Urgroßvaters selbstständig gemacht. Seitdem führt er weiter, was Heinrich Nickles 1907 begann: ein Geschäft für Besen und Bürsten mit eigener Werkstatt. Nach dem Tod von Schumms Großvater war Schluss mit der eigenen Produktion, und der Laden dümpelte vor sich hin. Schumm sah irgendwann „die Chance, aus dem Betrieb wieder etwas Schönes zu machen“. Etwas, das ihn selbst erfüllt.

Er trägt eine Brille, die der seines Großvaters auf dem Foto in der Werkstatt ähnelt: Es zeigt den Alten im blauen Arbeitskittel, neben ihm der Enkel im blauen Pullover. „Damals hab ich ab und zu geschaut, was der Opa macht, aber interessiert hat mich das Handwerk nicht.“ Weil er Musik liebt, studiert Schumm Tontechnik und Medieninformatik. Sein Plan ist es, Programmierer in einem Tonstudio zu werden. Während des Studiums hat er zwar immer wieder mal Zweifel, „aber ich wollte es durchziehen und einen Beruf, der sicher ist“.

Nach dem Studium landet er nicht in einem Tonstudio, sondern in einer Softwarefirma in Köln, wo er vor allem Routinetätigkeiten erledigt. Er pendelt zwischen seinem Arbeitsplatz und Bamberg, wo seine Freundin lebt. Irgendwann nervt ihn die Fahrerei so, dass er zurück in die alte Heimat zieht und von zu Hause aus für das Kölner Unternehmen arbeitet. Trotzdem wächst der Frust, während seine Freundin, eine Floristmeisterin, in ihrem Beruf aufgeht. „Sie war total glücklich, ich wurde mit jedem Tag unglücklicher.“ Er bekommt starke Kopf- und Rückenschmerzen, ist ständig erkältet.

2010 stirbt sein Großvater. Schumms Mutter meldet den Betrieb als Handwerk ab und führt nur den Laden weiter. Schumm stöbert dort ab und zu herum, denkt darüber nach, was wohl aus Bürsten Nickles wird – und aus ihm selbst. „Meine Mutter ging damals davon aus, dass keiner weitermacht, wenn sie mal nicht mehr kann.“

Mit seiner Freundin und heutigen Frau überlegt er, eine Immobilie zu kaufen, das alte Haus des Großvaters gefällt ihnen. Doch der hat in seinem Testament Ladenwerkstatt und Wohnung aneinandergekoppelt, das Erste ist nicht ohne das Letztere zu haben. Schumm grübelt. Bei einem Abendessen mit den Eltern seiner Freundin diskutieren sie. Ihr Vater, seit Urzeiten Finanzbeamter, sagt, dass er, wenn er heute noch mal die Wahl hätte, etwas ganz anderes machen würde.

„An diesem Abend habe ich mich entschieden“, sagt Kilian Schumm. „Er war das erste Mal wieder entspannt“, sagt seine Frau Katharina. „Es war eine Befreiung“, sagt Schumm. „Mit dem Beruf als Programmierer habe ich mich nie identifiziert. Identische Arbeitsabläufe, kaum Abwechslung, völlig unkreativ.“ Doch den Sprung in die Selbstständigkeit wagt er nicht sofort. Zwar kündigt er in Köln, sucht sich aber eine halbe Stelle in einer IT-Firma in Bamberg, seine Mutter stellt ihn ebenfalls in Teilzeit im Geschäft ein. Ein Probelauf mit Sicherheitsnetz.

Das Traditionsgeschäft schmückt Bamberg

Im August 2014 kündigt Schumm seinen Programmierer-Job. Er belegt einen Buchhaltungskurs in der Volkshochschule, geht in Marketingseminare des örtlichen Gründerzentrums, lässt sich von der Handelskammer beraten. In einer Werkstatt in Regensburg bringt man ihm die wichtigsten Handgriffe des Bürsten- und Besenmachens bei. „Auch die Geschwister meiner Mutter wussten noch viel, manches habe ich auch durch Ausprobieren gelernt.“ In der Werkstatt hängen hier und da vergilbte Zettel mit Skizzen und einer schnörkeligen Schrift, alte Merkzettel vom Großvater. Schumm sieht die Handarbeit als Basis seines Geschäftsmodells. „Selbst zu fertigen beweist Kompetenz.“

Schon sein Großvater stellte vor allem auf Kundenwunsch her, die meisten Waren bezog er bei anderen Herstellern, alles selbst zu machen rechnete sich für den kleinen Betrieb irgendwann nicht mehr. Auch Schumm arbeitet ausschließlich auf Bestellung, die Eigenproduktion macht gerade mal zwei Prozent des Umsatzes aus. Sie soll aber wachsen, weil ihm das Handwerken gefällt. „Ein von mir gefertigter Besen ist ein Unikat, auf das ich stolz bin.“

Schumm arbeitet mit wenigen Maschinen aus den Dreißiger- und Fünfzigerjahren. Auch sonst hat er nicht viel verändert. Als er bei seiner Mutter mit einstieg, sah es in der Werkstatt aus wie am letzten Arbeitstag des Großvaters, im Nebenraum lagerte Bürsten- und Besenmaterial für zig Jahre, der 40-Quadratmeter-Laden war mit Waren so vollgestellt, dass für Kunden kaum Platz blieb. Mit seiner Frau putzte er, räumte um, sortierte aus, ließ neu streichen, hängte Lampen mit warmem Licht auf. Alles andere blieb, wie es war. Die maßgefertigten Regale, Glastheken und Pappschachteln im Laden, der Steinboden, die Werbetafeln in den Schaufenstern – was heute wie perfekter Retro-Stil aussieht, ist original.

Erhalten blieb auch die Vielfalt des Sortiments. „Bürsten Nickles war schon immer für eine Riesenauswahl bekannt“, sagt Schumm. Er führt Bürsten für Biotonnen, Fahrradfelgen, Melkmaschinen, alle Arten von Reagenz- und Biergläsern, es gibt Besen für Straßen, Schnee, Staub und vieles mehr. Zwischen 300 und 400 Modelle sind es, genau weiß der Inhaber es nicht, „bin mit dem Katalogisieren noch nicht durch“. Außerdem führt er Pinsel, Putzutensilien, Reinigungsmittel und Körperpflege-Artikel. „Der Kunde soll bei uns alles bekommen, um das Haus und sich selbst sauber zu halten“, sagt Schumm. Auch dieses Konzept stammt vom Großvater. Wie der setzt der Enkel auf Spezialmarken kleiner Hersteller und Beratung.

Und er greift Trends auf, die zu den Kernprodukten passen: Bartbürsten, von einem Traditionshersteller neu aufgelegte Rasierhobel und Bio-Haarwaschseifen. Alles von kleinen Produzenten, das meiste aus der Region. Das neueste Produkt ist eine Bürstenserie mit Bamberg-Motiven, entworfen von einer befreundeten Designerin. Der Hersteller im Schwarzwald lasert die Motive ins Holz.

„30 aufwärts, eigene Woh- nung, Sinn für schöne Dinge und für langlebige Produkte aus Naturmaterialien“, so beschreibt der Unternehmer seine neue Zielgruppe. Zugleich will er aber auch die Stammkunden halten. Dazu gehören neben Privatleuten auch lokale Unternehmen, die aus alter Verbundenheit in dem Laden bestellen. „Selbst die Sparkasse und das Bosch-Werk beziehen bei mir nach wie vor Besen, Putzmittel, sogar Müllbeutel.“

Auch im Angebot: beim Besenmachen zugucken

Völlig neu erfunden hat Schumm das Geschäft beim Thema Marketing. Noch bevor er ans Aufräumen des Ladens ging, richtete er eine Website ein, warb auf Facebook, gestaltete mit alten und neuen Aufnahmen ein Bürsten-Nickles-Fotoalbum. Und öffnete den Betrieb nach der Sanierung für Besucher: Er demonstriert sein Handwerk bei Werkstattführungen, die mittlerweile zum Programm der örtlichen Volkshochschule zählen. Auch Vereine und Unternehmen buchen das Angebot, etwa für Betriebsfeiern. Bambergs Tourismusförderer nahm das wiederbelebte Traditionsgeschäft in einen Führer auf; Schumm macht mittlerweile ein Drittel seines Umsatzes mit Touristen. „Wieder präsent sein“, sagt er, „für die Kunden erlebbar sein, das bringt viel.“

Dirk Haid, Unternehmensberater bei der Handwerkskammer für Oberfranken in Bayreuth, bescheinigt Schumm eine clevere Strategie. „Viele kleine Betriebe in unserer Region stellen ebenfalls etwas Einzigartiges her, aber sie wissen nicht, wie sie es überzeugend und authentisch vermarkten sollen.“

Schumm arbeitet derweil daran, die Abläufe im Büro weiter zu verbessen, damit mehr Zeit fürs Handwerk bleibt. Er möchte aus Bürsten Nickles eine eigene Marke machen. Eine andere Idee hat er bereits wieder verworfen. „Bisher hat es mit einem Onlineshop nicht geklappt, weil ich keine Zeit dafür hatte. Jetzt denke ich, dass es sich auch gar nicht rechnet.“ Schumm hat als Programmierer für Kunden mit Webshops gearbeitet und erfahren: „Onlinehandel bedeutet Riesenaufwand und Riesenkonkurrenz.“ Auch bei einem Versandhändler wie Manufactum will er nicht andocken. „Dort gibt es alles, doch wir sind sehr spezialisiert und würden dort nur untergehen.“ So setzt er weiter auf den winzigen Laden als Hauptvertriebskanal.

Ein altes Familiengeschäft aus dem Dämmerschlaf zu reißen, das brauche einen langen Atem, prophezeite ihm damals ein Berater. Immerhin verdient Schumm jetzt bereits so viel wie zuvor als Programmierer. „Aber Geld ist nicht das Entscheidende. Als ich mich mit dem Laden zu beschäftigen begann, war immer öfter der Gedanke, wie es wohl sein würde, wenn wir alles verkauften – und du gehst am alten Haus vorbei und denkst dir, da war doch mal der Betrieb unserer Familie.“

Schumms Frau hat sich neben der Werkstatt ein Geschäft eingerichtet, „Blumen und Bürsten“ nennt Schumm das Konzept. Neulich hatten sie einen gemeinsamen Tag der offenen Tür, sie dekoriert seine Schaufenster, seine Kunden bestellen bei ihr Sträuße. Irgendwo im Haus jault eine Bohrmaschine, die beiden lassen die oberen Etagen als Wohnung ausbauen. Auch der Großvater wohnte damals mit seiner Familie über der Werkstatt.„Alles unter einem Dach zu haben ist praktisch“, sagt Schumm, es spare viele Wege und damit viel Zeit. „Und wenn man die Arbeit gern macht, dann kann man auch abschalten, wenn der Abstand zum Arbeitsplatz nur wenige Meter groß ist.“ ---