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Russland

Die Russen mögen unfreundlich sein, distanziert sind sie nicht.





• Jeden Abend das gleiche, vergebliche Ritual. Nach dem Zähneputzen lese ich unserer vierjährigen Tochter etwas vor, dann der achtjährigen. Hinterher wird gebetet, Licht aus. Geistig-moralisch sollten beide nun bereit sein zum Einschlafen. Doch stattdessen kichert es auf Russisch aus dem Kinderzimmer: Meine russische Frau kuschelt erst das eine Kind in den Schlaf, dann das andere. Oft kuscheln und kichern auch alle drei gemeinsam. Und meine Einwände, Kinder müssten doch lernen, beim Einschlafen auch ohne Mamas warme, weiche Haut auszukommen, bleiben ungehört.

Nicht nur die Schlafgewohnheiten der Russen widersprechen dem westlichen Konzept von menschlichem Miteinander, das auch zwischen Kindern und Eltern einen gewissen Abstand vorsieht.

Russlands Einwohner verlieren sich laut Statistik auf acht Seelen pro Quadratkilometer, von ihnen gibt es mehr als 17 Millionen, eine Unendlichkeit, die laut Rainer Maria Rilke schon an Gott grenzt. Umso mannigfaltiger zelebrieren die Russen Nähe, umso mehr brauchen und ertragen sie.

Jeden Winter müssen sie außer weißer Endlosigkeit noch sibirische Fröste aushalten. Ein Allgemeinplatz, ungefähr so alt wie die anschmiegsame Schlafkultur, die die bäuerlichen Großfamilien während solcher Frostnächte auf den riesigen Steinöfen in ihren Blockhäusern einübten.Diese Blockhäuser versammelten sich in Haufendörfern, deren Bewohner gemeinsam ernteten oder fischten, Kinder erzogen, neue Blockhäuser bauten, sich prügelten oder betranken. Man hielt eng zusammen.

Das dörfliche Kollektiv schwebt noch über vielen Großstädten Russlands. Moskauer oder Petersburger organisieren auch dort weiterhin sehr rustikale Netzwerke, beim Geschäfte-Machen oder Chefposten- Vergeben traut man Blutsverwandtschaft, alter Kindheitsfreundschaft oder Eishockeykameradschaft mehr als fremder Kompetenz. Zumal Russlands Städte ihre neuen Bewohner noch enger zusammenzwangen, in Barackenwohnheime oder „Komunalkas“, eine Mode, die der Sowjetstaat diktierte: unfreiwillige Wohngemeinschaften, in denen sich mehrere Parteien ein Quartier teilen mussten, einen Korridor, einen Kochherd, ein Klosett. Die Enge war drangvoll, laut, oft heftig umstritten, organisiert von einer Obrigkeit, die 1931 für jeden Leningrader neun Quadratmeter Wohnraum vorsah. Und noch immer werden nicht nur Einzelzimmer, sondern auch deren vier Ecken vermietet. Die Haus- oder Wohnungstür, die man zwischen sich und dem Rest der Welt zuschlägt, ist in Russland keine Selbstverständlichkeit.

Russen sind nicht besonders höflich, Höflichkeit braucht Distanz. Dafür kommen sie einander schneller nah. Sie empfangen Gäste, indem sie sie nötigen, ihre Schuhe auszuziehen und in zu weiche, zu warme oder einfach albern aussehende Pantoffeln zu steigen. Und wenn die Gäste gute Bekannte sind, läuft die Hausfrau weiter im Morgenrock umher, ihr Mann trägt Trainingshose und ein schlichtes Unterhemd.

Das Halbangezogene, das Halbbeschuhte öffnet sich hier ohne große Umschweife zu einem vertrauensvollen „Wir sind doch unter uns!“ Auch in Situationen, in denen im westlichen Abendland noch einige Zeit hochgeknüpfte Unverbindlichkeit angesagt wäre.

Schwulsein gilt in Russland als Laster oder als Krankheit. Aber russische Männer fassen sich an, noch vor gar nicht langer Zeit küssten sie sich, auch auf den Mund. Unter zarischen Militärs galt der Männerkuss als Auszeichnung für Untergebene, die zu einem Sturmangriff aufbrachen. Und in den öffentlichen Banjas, den Bade- und Schwitzhäusern, schrubben und seifen nackte Russen einander bis heute ein, verdreschen sich keuchend vor Wonne mit feuchten Birkenruten. Man hat keine Angst vor dem Schweiß, dem Atem der anderen. Man duldet sie auch aus der Nähe, ihre Blicke, ihre Berührungen, ihre Geräusche. Das gilt für Männer wie für Frauen.


In Diskotheken rempeln Mädchen gern Männer an

In Diskotheken rempeln Mädchen gern Männer an, oder plötzlich steht jemand lächelnd vor dir: „Ich bin Tanja und mache Volkstanz. Und wie heißt du?“ Die Geschlechter nähern sich hier ohne listige oder artige Umwege, dafür mit Hochgeschwindigkeit. Schon beim ersten Geplauder spürt man oft den kurzen, zugleich prüfenden und ermunternden Druck einer jungen weiblichen Hand auf dem eigenen Oberschenkel. „Me too!“ ist hier häufiger Aufforderung als Anklage. Die bösen Blicke der russischen Frauen erntet nicht, wer zu frech, sondern wer nicht frech genug gewesen ist.

In Russland ist alles möglich, alles zum Greifen nah, auch wenn es sich eigentlich gegenseitig verbietet. Vielleicht weil die Leute hier jahrhundertelang so wenig Schranken, Sicherheiten und Sicherheitsabstände eingebaut haben. Prunk und Armut, Freiheit und Angst gehen Arm in Arm, auch Tod und Leben. Auf dem holprigen Asphalt eines Omsker Bürgersteigs liegt jemand, schwarz und steif wie ein Pfahl, in einem italienischen, aber abgerissenen Anzug. Als sich der Notarzt über ihn beugt, erwacht er plötzlich zu neuem Leben, richtet sich auf, schwankt, fängt an zu fluchen. Und schlägt mit den Fäusten nach seinem Retter.

Russland lehrt alle Arten von Nähe. Auf den Autostraßen schießt das Verhängnis immer wieder mit tolldreisten Überholmanövern einen halben Meter an einem vorbei. Das 20-Millionen-Konglomerat Moskau ist das vielleicht größte Haufendorf der Welt. Auch wenn es längst nicht mehr funktioniert – Moskau besitzt zu viel Masse und zu viel Geld für die alte bäuerliche Nähe.

Trotzdem passiert es, dass eine Moskauer Oma jäh beginnt, mich auszuschimpfen: weil ich dachte, ich könnte mein Kind schon Ende April ohne Ski-Anzug und Schal ausführen. „Willst du, dass die Kleine erfriert? Schäm dich!“ ---