Partner von
Partner von

Rexy Rolle

Die Luftfahrtbranche wird beherrscht von alten weißen Männern. Noch. Denn nun startet Rexy Rolle durch.




• Natürlich beginnt eine Geschichte über eine junge schwarze Anwältin, die eine Airline auf den Bahamas führt, damit, dass man mit einem ihrer Flugzeuge dahin fliegt. Es ist eine nicht mehr ganz taufrische Saab 340 mit zwei tosenden Propellern, die einen von der Inselhauptstadt Nassau ein paar Korallenriffe weiter nach Freeport auf Grand Bahama bringt. Das Flugzeug hat 37 Sitze, 16 sind besetzt, keine ganz optimale Auslastung, dafür ist der Blick aus dem Fenster grandios: viel Wasser, viel Himmel, ein paar Wolken, kleine Inseln.

35 Minuten später rollt die Maschine vor einer flachen blauen Baracke aus, auf der in roten Buchstaben Western Air Terminal steht. Die junge Flugbegleiterin klappt die Treppe aus, auf dem Rollfeld empfängt die Passagiere ein milder warmer Wind. Sie schnappen sich ihre Koffer und Einkaufstüten und sind innerhalb von fünf Minuten verschwunden. Das würde ich mir auch für München, Frankfurt oder Berlin wünschen.

Ich setze mich vor der Baracke auf einen roten Plastikstuhl und warte auf Rexy Rolle. Neben mir sitzen zwei sehr entspannte Männer und warten auf nichts. Sie blicken auf ein Stück Rasen und ein paar Bäume hinter dem Parkplatz. Ich auch.

Rexy Rolle ist 30 Jahre alt, und ich kenne sie von Instagram. Sie ist eine erfolgreiche Influencerin mit mehr als 23.000 Abonnenten, alle zwei bis drei Tage postet sie Selfies. Mal steht sie im Businesskostüm vor einem Flugzeug, mal im Bikini am Strand. Und gelegentlich sieht man sie tanzen oder singen. Neulich hat sie ein Musikvideo online gestellt, es heißt „Here to Stay“ und spielt im und am Wasser. Die Musikrichtung ist Tropical Pop, man sieht wenig Kleidung und viel Twerking, das ist der Fachbegriff für rhythmische Bewegungen des Hinterteils.

Davon sollte man sich allerdings nicht zu sehr ablenken lassen. Im Hauptberuf ist Rexy Rolle nämlich Vice President of Operations & General Counsel einer der wenigen Fluglinien im Besitz einer schwarzen Familie. Und sie macht ihren Job so gut, dass alle von ihr schwärmen – außer den Platzhirschen in der traditionell von weißen Männern dominierten Branche. Die müssen sich erst noch daran gewöhnen, dass in ihren Kreisen plötzlich eine junge schwarze Frau mitmischt, die wie ein Popstar auftritt.

Vor dem Western Air Terminal fährt jetzt ein Kleinbus vor. Drei dicke Frauen steigen aus, grüßen mich fröhlich, küssen die beiden Männer neben mir und verschwinden im Gebäude. Hier kennt man sich. „Cousinen“, sagt einer der Männer, „die fliegen mit der nächsten Maschine nach Nassau.“ Der andere Mann steht gemächlich auf und kommt nach einiger Zeit mit einer Tasse Kaffee zurück, die er mir in die Hand drückt. „Rexy ist bestimmt gleich da“, sagt er.

Wir schauen wieder auf den Parkplatz und das Rasenstück. Ein paar Vögel picken etwas aus dem Gras. Man kann nicht sagen, dass das Leben hier besonders hektisch ist. Aber dann braust ein schwarzer Cadillac Escalade auf den Parkplatz, 5,70 Meter lang, 1,90 Meter hoch, acht Zylinder, 420 PS, und eine zierliche Frau mit wallender Haarpracht steigt aus.


„Be yo self!“: Die Unternehmerin schreitet im Gegenlicht zum Hangar von Western Air

Auftritt Rexy Rolle! Der Boss ist da

Die beiden Männer erheben sich von der Bank, der eine nimmt einen Besen und fegt ein wenig den Boden, der andere öffnet Rexy Rolle die Tür zum Terminal.

„Michael!“, ruft Rexy. Sie trägt einen Anzug von Tommy Hilfiger, High Heels von Louboutin, eine Handtasche von Marc Jacobs. „Sorry für die Verspätung“, sagt sie, „aber heute hat es etwas länger gedauert.“ Ihre Morgenroutine kostet eben Zeit. Am längsten braucht sie für das Gebet, Rexy ist gläubige Christin, am zweitlängsten für die Haare und das Schminken. „Ohne Make-up und ohne künstliche Wimpern gehe ich nicht aus dem Haus“, sagt sie, „ich bin schließlich ein Mädchen.“ Das Frühstück dagegen ist kaum erwähnenswert. Es besteht aus einer Flasche Proteinshake, Schokogeschmack. Das kann man im Auto zu sich nehmen. Der ganze Kofferraum ist voll damit.

Ihr Büro befindet sich unmittelbar hinter dem Check-in, der aus zwei Schaltern besteht. Es ist etwa zehn Quadratmeter groß und fensterlos. Im Büro gibt es einen Schreibtisch mit drei Computern, eine Klimaanlage, eine Couch (auf der ich jetzt neben Rexys Handtasche sitze) und einen Monitor mit Bildern von neun Überwachungskameras. Viel ist nicht zu sehen. Ab und zu kommt der Mann mit dem Besen ins Bild, die drei Damen für den Nassau-Flug sitzen im Warteraum, am Sicherheits-Check wartet eine Mitarbeiterin auf Kundschaft, an der Bar im Abflugbereich zeigen die Kameras ein gut gefülltes Regal mit Alkoholika, sonst herrscht gähnende Leere. Der nächste Flug geht erst in 90 Minuten. Durch die offene Bürotür hört man das Personal am Check-in und ab und zu das Telefon. „Ich habe noch ein größeres Büro am anderen Ende des Gebäudes“, sagt Rexy. „Aber ich bin lieber hier, da kriege ich hautnah mit, was läuft.“

Der Monitor schaltet um auf das Rollfeld vor dem Terminal. Dort sieht man zwei schlanke Jets im Sonnenschein blitzen. Das ist zurzeit Rexys größter Erfolg. Und ihr größtes Problem.

Soziale Medien und Gottvertrauen

Western Air gibt es seit 2001. Damals war Rexy zwölf Jahre alt und lebte mit ihren Eltern in Fort Lauderdale, Florida. Papa Rex Rolle, ein Mann im XXL-Format, arbeitete als Privatpilot und flog Turboprop-Maschinen über die USA und die Karibik. Mama Shandrice Rolle beendete gerade ihr Management-Studium. Da starb die Oma auf den Bahamas.

Die Flugreise zur Beerdigung wurde zum Fiasko: Flugzeugausfälle, Verspätungen, Ärger, Stress. Während Familie Rolle noch auf einem Inselflughafen festhing, wurden schon die ersten Trauerreden gehalten. Für Shandrice Rolle war das ein Schlüsselerlebnis. „Reden Sie mal mit meinen Eltern“, sagt Rexy.

Besuchen geht leider nicht, sie leben ein wenig abgelegen auf einer anderen Insel mit ungünstiger Flugverbindung. Da ist noch Luft nach oben für Western Air. Rexy richtet eine Konferenzschaltung ein. Auf der einen Seite: ich neben Rexys Handtasche. Auf der anderen Seite: Mrs. Rolle neben Mr. Rolle.


Rexy Rolle weiß, wie eine gute Pose aussieht. Hier eine auf dem Rollfeld ihrer Airline am Flughafen von Freeport

„Ich war stinksauer!“, ruft Rexys Mutter ins Telefon. „Dort die tote Oma, und wir sitzen irgendwo auf einer Insel fest. Da musste ich einfach was unternehmen, ich hatte schließlich gerade meinen Bachelor gemacht und hielt mich für ein Business-Genie. Ich sagte meinem Mann: ,Rex, das ist eine Marktlücke, wir gründen unsere eigene Airline. Du fliegst, ich mache den Rest.‘ Stimmt doch, Rex?“ Durchs Telefon hört man ein zustimmendes Grunzen. „Wahrscheinlich isst Papa gerade etwas und hat den Mund voll“, flüstert Rexy. Sie kennt ihren Vater. Ihre Mutter erzählt jetzt, wie es dann statt einem drei Turboprop-Flugzeuge gab, weil der Investor aus Missouri mehr Geld als erwartet locker machte, und wie sie plötzlich tatsächlich eine eigene kleine Airline hatten.

„Das klingt jetzt so einfach!“, ruft Shandrice Rolle auf der anderen Insel ins Telefon, „aber es war ein langer und harter Weg. Die Behörden hatten keine Ahnung von privaten Fluglinien. Und wir auch nicht.“ Rexy nickt: „Ich würde gern sagen, dass wir nicht diskriminiert worden sind wegen unserer Hautfarbe. Aber das wäre gelogen. Wir mussten ständig kämpfen und kämpfen immer noch.“

Es dauerte ein Jahr, bis alle Widerstände überwunden und die erste Maschine in der Luft war, Rex Rolle am Steuerknüppel. „Von da an“, sagt seine Frau, „ging’s aufwärts.“ Rexy Rolle ergänzt: „Das geht nur mit absoluter Überzeugung für deine Arbeit, mit Beharrlichkeit. Und Gottvertrauen.“ Wie gut, dass Rex Rolle aus einer Pastorenfamilie kommt und Rexy täglich betet. Und im Flugzeug ist man dem Himmel ohnehin sehr nahe.

Das Geschäft brummte schließlich lauter als die Motoren der kleinen Propellermaschinen, mit denen Western Air unterwegs war, und das Familienleben fand nun am Flughafen statt. Bei jeder neu gekauften Maschine kam ein Geistlicher und sprach Gebete, während Oma und Opa (von der anderen Seite der Familie) ein paar Gospels schmetterten. Mittlerweile hat ein Onkel, Pastor Gunsmoke, die Leadstimme des verstorbenen Großvaters übernommen. All das scheint zu helfen. Noch nie ist eine Western-Air-Maschine abgestürzt.

Rexy wuchs mehr oder weniger hinter dem Ticketschalter auf, und in den Ferien jobbte sie am Gepäckband. „Es war keine Frage, dass ich später in die Firma einsteigen würde“, sagt sie. Aber erst sollte sie eine gute Ausbildung bekommen. Sie studierte Politikwissenschaften und Kommunikation in Ottawa und Florida, schloss selbstverständlich mit summa cum laude ab. Danach machte sie noch schnell den Dr. jur. in Kalifornien, Schwerpunkt Luftfahrts- und Wirtschaftsrecht, arbeitete in einer US-Kanzlei, die Millionendeals im Aviation-Business einfädelte, nebenher sang und tanzte sie, und 2015 wurde sie dann Vice President bei Western Air.

Seitdem weht dort ein anderer Wind. „Wir flogen jeden Tag“, sagt Rexy, „alles funktionierte, aber der Check-in war seeeeehr entspannt, und wir hatten jede Menge Verspätungen.“ Klar, wenn alle sich kennen so wie hier, wartet man eben noch ein paar Minuten, bis Onkel und Tante endlich da sind und der Pastor und natürlich auch der lokale Abgeordnete.

Es war ein ziemlicher Schock für alle Beteiligten, für Mitarbeiter und Passagiere und auch für die eigene Familie, als Rexy begann, den Schalter eine Stunde vor Abflug zu schließen. Knallhart ließ sie alle stehen, die danach noch gemütlich angeschlendert kamen. Die entspannten Bahamiens verstanden die Welt nicht mehr. Rexy wird seitdem in der Familie „der Diktator“ genannt. Sie trägt den Titel mit Stolz.

Seit Western Air geradezu überpünktlich fliegt – 85 bis 90 Prozent aller Flüge kommen rechtzeitig an –, wächst das Vertrauen in die kleine Fluggesellschaft, sie hat mehr Fluggäste denn je. Mittlerweile finden viele von ihnen Rexy und ihr strenges Regiment auch ganz gut. Damit das so bleibt, hat Rexy fünf Millionen Dollar ausgegeben und ein neues Terminal nur für Western Air gebaut. Jetzt ist sie nicht mehr davon abhängig, wie gut andere arbeiten.

Hier hat sie das Sagen. Und da kommen die beiden blitzenden Jets auf dem Rollfeld ins Spiel. Die hat Rexy angeschafft. Es war ihre Idee, eine ziemlich größenwahnsinnige. Denn das sind keine lärmenden Turboprop-Maschinen mit scheppernder Karos- serie, sondern nagelneue und nicht gerade günstige Regionaljets vom Typ Embraer 145. Zwei Stahltriebwerke, 50 elegante blaue Ledersitze, eine Reisegeschwindigkeit von bis zu 860 Kilometern pro Stunde, eine Reichweite von 2800 Kilometern. Karibik, wir kommen! Jamaica, Kuba, Belize, die Dominikanische Republik und nächstes Jahr die USA – das sind die neuen Reiseziele. Diese Orte fliegt Western Air zwar schon mit Charterflügen an, aber sobald die beiden Jets startklar sind und zwei weitere geliefert werden, soll der Linienflug beginnen.

So weit die Theorie.

Im Moment ist nämlich gar nichts startklar. Auf den Triebwerken der Jets stecken Schutzhüllen, sie dürfen nicht in die Luft. Die zuständigen Behörden in Nassau geben keine Genehmigung – weil sie nicht können. „Wie sich herausstellte, kennen sich die Inspektoren hier mit diesem Typ nicht aus“, sagt Rexy. „Also müssen erst mal zwei geschult werden. Auf meine Kosten, 80 000 Dollar.“ Das geht noch. Doch auch die Leasingfirma bucht jeden Monat 215 000 Dollar ab, während die beiden Jets nutzlos auf dem Rollfeld herumstehen. So verbrennt man Geld. Rexy sagt: „Gott sei Dank wurden die Jets verspätet ausgeliefert. Der erste sollte im Mai da sein, er kam im August, und die beiden letzten sind noch gar nicht da. Ist doch gut, wenn wir sie ohnehin nicht fliegen dürfen. Für Maschinen, die nicht da sind, zahlen wir natürlich auch keine Leasinggebühren.“

Ein Privatflugzeug aus den USA landet mit zwei Herren an Bord, die gern mit Rexy Rolle reden würden. Sie hätten zwei weitere Embraer-Jets im Angebot, sagen sie, gebraucht, generalüberholt, günstig. In der Branche der Flugzeugmakler hat sich herumgesprochen, dass Rexy große Pläne hat und expandieren will. Mit ihrem Vater haben sie schon gesprochen, der ist offiziell der Chef. Aber die Entscheidungen trifft Rexy. Mit Mama. „Papa unterschreibt alle Verträge“, sagt Rexy, „aber ob er sie auch alle liest? Eher nicht. Ist aber nicht so schlimm: Gott in seiner weisen Voraussicht hat mich schließlich Luftfahrtsrecht studieren lassen.“ Shandrice Rolle ist immer noch in der Leitung. Sie ruft: „Ich glaube, dass ich letztlich die entscheidende Person bin, weil ich Lösungen finde. Rexy und Rex sind beide sehr starke Charaktere, da prallen große Energien aufeinander. Sie brauchen mich, um einen Ausgleich zu finden.“

Rexy nickt. Stimmt. Manchmal ist sie ein wenig verspannt. Zum Beispiel, wenn Behörden und Verbände sie schlechter behandeln als die Konkurrenz. Oder wenn sie bei einem Branchentreffen ist und die Herren sie zunächst für die Sekretärin halten, bevor ihnen schwant, dass die personifizierte Disruption vor ihnen steht. Die Luftfahrt ist noch überwiegend in Männerhand, und obwohl ihre Airlines von Pan Am über Swissair bis Air Berlin eine Pleite nach der anderen hinlegen, wenn sie nicht vom Staat oder von Scheichs gesponsert werden, sitzen im 30-köpfigen Board of Governors der International Air Transport Association (IATA), dem wichtigsten Verband der globalen Luftfahrtindustrie mit 290 Mitgliedsgesellschaften, nur zwei Frauen: Christine Oumieres-Widener von der Flybe Group im Vereinigten Königreich und Maria José Hidalgo Gutiérrez von Air Europa. Nur drei Prozent aller Geschäftsführer in dieser Branche sind weiblich, in anderen Industrien ist dieser Wert viermal so hoch. Da besteht Aufholbedarf – und Rexy ist so etwas wie die Speerspitze der Frauenpower, die hier bald stärker vertreten sein will.

Die beiden Herren aus dem Privatflugzeug scheinen keine Probleme mit Rexys Alter oder ihrer Hautfarbe zu haben. Aber hier geht’s ja auch nicht um Politik, sondern ums Geschäft.

Wir essen im Pier One, einem Lokal im Hafen. Vor der Terrasse des Restaurants warten meterlange Haie im glasklaren Wasser auf Essensreste. Die Männer machen Fotos. Rexy bestellt Sushi, ihr Lieblingsgericht. Für die Haie bleibt nichts übrig.

Im Gespräch geht es jetzt um Details. Eine Flugstunde mit der alten Saab kostet Western Air 1800 Dollar, eine Stunde mit den neuen Jets 2800 Dollar. Wenn beide Maschinen zu 50 Prozent ausgelastet sind, wird die Gewinnschwelle auf der Strecke Nassau-Freeport mit einem Ticketpreis von 56 Dollar erreicht, bei einer Auslastung von 100 Prozent schon mit der Hälfte des Preises. Das heißt: Wenn die Flugzeuge voll sind, kann Rexy Tickets für 28 Dollar verkaufen, ohne Verlust zu machen. Normalerweise kosten Hin- und Rückflug auf dieser 30-Minuten-Strecke um die 200 Dollar. Gut für Rexy. Im weltweiten Durchschnitt verdient die Branche laut IATA nur 7,54 Dollar pro Flugschein, bei der Airline-Chefin von den Bahamas ist es deutlich mehr. Von ihr können die Jungs von der Konkurrenz noch etwas lernen.

Problematischer ist die Pilotenfrage. Der Markt sei leer gefegt, sagen die Männer aus den USA. China, Indien und Dubai kaufen jeden weg, der einen Steuerknüppel halten kann, und zahlen auch noch bis zu 20 000 Dollar Gehalt. Pro Monat. Das ist zu viel für Rexy. Sie zahlt höchstens 9000 Dollar, kann aber damit punkten, dass die Bahamas schöner sind als die meisten Orte in Indien, China oder Dubai. Wahrscheinlich müsse sie ihre Piloten selbst ausbilden, sagen die beiden Herren. Sie hätten da zufällig eine Pilotenschule in der Hinterhand.

Auf dem Rückweg zum Flughafen erklärt mir die Unternehmerin, wie man neue Destinationen auswählt: Man wertet Statistiken aus, wie viele Menschen aus welchen Ländern wo landen, und man braucht ein wenig Erfahrung. „Für Flüge von den Bahamas in die USA“, sagt sie, „gibt es eigentlich nur eine Bedingung: ein möglichst großes Einkaufszentrum direkt am Flughafen. Bei uns hier ist alles so teuer, dass die Leute vor dem Rückflug taschenweise elektrische Geräte, Handys und andere Produkte einpacken wollen.“ Bei Flügen nach Jamaica sollte man Kingston meiden und direkt nach Montego Bay fliegen, weil die meisten ohnehin dorthin wollen und die 170 Kilometer Überlandstraße zwischen den beiden Städten der blanke Horror sind. Nur warum plötzlich alle nach Belize fliegen wollen, dahinter ist Rexy noch nicht gekommen.


In ihrem Büro direkt hinter dem Check-in ist die Airline-Chefin nah dran am Geschehen

Welcher Boss kann schon singen und tanzen?

In den sozialen Medien ist sie ein absoluter Profi. „Als urban millennial weiß ich, wie wichtig Onlinepräsenz ist“, sagt sie. „Ich hatte keinen Werbeetat und wollte trotzdem so viel Aufmerksamkeit schaffen, als hätte ich einen. Außerdem war es wichtig, uns international bekannt zu machen, auf den Bahamas kennt uns ohnehin schon jeder.“ Deshalb setzt sie auf Instagram, Facebook, Twitter und Youtube, schließlich kann sie singen, tanzen und twerken wie kein anderer Airline-Boss – und selbst wenn die es könnten, würde Rexy besser dabei aussehen.

Fromm, wie sie ist, glaubt sie, dass der liebe Gott ihr den Körper nicht zum Spaß geschenkt hat, sondern auch damit ein höheres Ziel verfolgt. Also zeigt sie ihn jedem, der @rexyrolle auf Instagram eintippen kann. Und hat damit ihre kleine, aufstrebende Airline ohne finanziellen Aufwand bekannter gemacht, als es jede Werbekampagne hätte schaffen können.

Vielleicht verändert sie bald sogar das Branding ihrer Fluglinie und nennt sie Rexy Air – the first all female Airline. Im Cockpit würden Frauen das Kommando übernehmen und alle Flugbegleiterinnen Prada und Louboutin tragen, die Kabine wäre hell und weiblich eingerichtet, und die Beleuchtung schmeichelte dem Teint. Die Sicherheitseinweisung würde einer Hip-Hop-Choreografie folgen, und als kleine Aufmerksamkeit gäbe es einen Detox-Shake oder ein edles Praliné. Bisher lacht sie noch über diese Idee. Aber den Mut zu dieser Veränderung hätte sie schon. Dann wäre ihre Fluglinie wirklich Kult.

Auf dem Rückweg in die USA muss ich mit der Konkurrenz fliegen. Für diese Strecke sind die Western Air Jets noch nicht zugelassen. Rexy bringt mich noch zum anderen Terminal.


Der Check-in-Schalter im Western Air Terminal. Anderswo geht es hektischer zu

Was sie dann macht, erfahre ich nach der Landung in Florida, als sich mein Smartphone in das Internet einloggt und ich sofort eine Facebook-Nachricht erhalte. @VPRexy hat etwas Neues online gestellt: „Happy to be hosting German magazine brand eins at Western Air today! Talkin’ jets, family, women in aviation, legal fights, social media and not being afraid to be yo self!“, steht da. Darunter hat sie zwei Fotos gepostet von sich, im Business-Outfit. Auf ein Bild von mir hat sie verzichtet.

Ziemlich clever, diese Rexy Rolle. ---

10 Gebote von Rexy Rolle
1. Deine wichtigste Superpower ist Empathie. Verstehe die Perspektive anderer, auch wenn du sie nicht teilst. Das erleichtert dir die Kommunikation.
2. Keine Panik, alles hat seinen Sinn.
3. Wenn es stressig wird, mach eine Pause, entspanne kurz, lache, telefoniere mit deiner Mama oder Freundin – danach geht alles leichter.
4. Suche nicht nach Geld und materiellen Gütern. Suche nach dem Sinn.
5. Lass dich nicht in die Schublade stecken, die andere für dich bereithalten.
6. Sei unermüdlich, hoffnungsvoll, intuitiv und achtsam.
7. Trage internen Streit niemals nach außen.
8. Wer Erfolg haben will, muss Risiken eingehen.
9. Fehler sind ärgerlich, aber unvermeidlich. Lerne von Menschen, die ihre Fehler schon gemacht haben. Dann brauchst du sie nicht zu wiederholen.
10. Gib dein Bestes und lege den Rest in Gottes Hand.

Bahamas
Die Bahamas sind ein Inselstaat vor der Küste Floridas mit mehr als 700 Inseln und 2400 Korallenriffs. Staatsoberhaupt ist Queen Elizabeth, Amtssprache ist Englisch. Die 350.000 Einwohner leben hauptsächlich von Tourismus und Geldwäsche. Die Bahamas stehen auf der Schwarzen Liste der Steueroasen der EU.
Die wichtigsten Städte sind die Hauptstadt Nassau (266.000 Einwohner) auf New Providence und Freeport (27.000 Einwohner) auf Grand Bahama. Freeport befindet sich im Privatbesitz der Familie St. George und des global aktiven Mischkonzerns Hutchison aus Hongkong, der unter anderem Häfen, diverse Unternehmen und Immobilien besitzt.

Western Air Ltd.
Anzahl der Flugzeuge …… 16
Flüge pro Tag …… 24
Zahl der Destinationen …… 9
Sitzauslastung, Durchschnitt 2018, in Prozent …… 85 
Umsatz 2018, in Millionen US-Dollar …… 61
Zahl der Mitarbeiter …… 145
(Quelle: Western Air)

Luftnummern
Zahl der Flugpassagiere weltweit im Jahr 1998, in Milliarden …… 1,5
Zahl der Flugpassagiere weltweit im Jahr 2018, in Milliarden …… 4,3

Durchschnittspreis pro Rückflugticket im Jahr 1998, in US-Dollar …… 604
Durchschnittspreis pro Rückflugticket im Jahr 2018, in US-Dollar …… 380

Umsatz der Luftfahrtbranche weltweit im Jahr 2018, in Milliarden US-Dollar …… 834
Gewinn der Luftfahrtbranche weltweit im Jahr 2018, in Milliarden US-Dollar …… 34

Höchste jemals gemessene Zahl von Flügen pro Tag* …… 205.468
Höchste jemals gemessene Zahl von Flugzeugen in der Luft* …… 19.000

(*gemessen am 13.7.2018; Quellen: IATA, Worldbank, Flightradar24)

Wie man eine Fluggesellschaft gründet
Um ein Airline Operator’s Certificate (AOC) zu erhalten, muss man eine Reihe bürokratischer Hürden nehmen. Businessplan, Führungspersonal, Banksicherheit oder Finanzkraft der Firma – ein Antrag wird in fünf Phasen sehr sorgfältig geprüft. Auch Gebäude und Maschinen werden untersucht und Testflüge durchgeführt. Erst wenn alles gut gelaufen ist, kann eine Fluglinie in Betrieb gehen. Der Genehmigungsprozess dauert bis zu einem Jahr.

(Quelle: The Bahamas Civil Aviation Department (BCAA), Advisory Circular AC-12-001)

„Guter Job“
Gerald Wissel ist der Geschäftsführer von Airborne Consulting in Hamburg, einem international tätigen Beratungsunternehmen für Fluglinien. Über Western Air sagt der Luftfahrtexperte:

„Airline und Standort sind sehr attraktiv. Aus unserer Sicht macht Rexy Rolle einen guten Job mit Western Air, indem sie systematisch die Schwächen der konkurrierenden Bahamasair nutzt. Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Als Staatslinie fliegt Bahamasair nicht unbedingt die wirtschaftlich sinnvollsten Strecken, sondern politisch gewünschte. Außerdem gilt Bahamasair als besonders unzuverlässig. Western Air dagegen fliegt pünktlich, zuverlässig und kostengünstig mit gut gewarteten gebrauchten Maschinen. Rexy Rolles Marketingstrategie über die sozialen Medien hilft, neue Kunden zu gewinnen. Aber entscheidend ist die Performance von Western Air. Die muss gut und zuverlässig bleiben, um Kunden zu binden. Kundenbindung macht den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg aus.“