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Nazi-Vergangenheit

Die Geschichte meines Großvaters.





• „Bist du sicher, dass es Opa war?“ Die E-Mail meiner Schwester bestand nur aus diesem einen Satz, aber sie ließ das ganze Entsetzen erahnen.

Ja, ich war sicher. Alles passte. Name, Ort, SA-Dienstrang. „Er war es“, schrieb ich zurück. „Er war ein brutaler Sadist“, wollte ich noch ergänzen. Aber dann löschte ich den Satz wieder. Ich wusste, dass meine Schwester, fünf Jahre älter als ich, sein Lieblingsenkelkind gewesen war. Es gibt ein Foto von ihr, auf dem sie ein Schwarzwaldmädelkleid trägt und lange Zöpfe. Das Kleid hatte unser Großvater ihr gekauft. So stellte er sich wohl ein deutsches Mädchen vor. Mit meiner Schwester werde ich wohl nie mehr sprechen über das, was unser Großvater getan hat. Sie will nichts davon hören. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr jene Textpassage mit der Aufforderung „Lies mal. Das ist furchtbar“ nie zu schicken.

Joachim Schmitz hat das Gesicht des SA-Mannes, der an jenem Julitag des Jahres 1933 immer wieder den Befehl zum Zuschlagen gab, nicht vergessen, auch nach 16 Jahren nicht. „Wen kassieren Sie Hund noch?“, schreit er, der Älteste der in dem Raum des SA-Heimes stehenden Männer. In Schmitz’ Wohnung haben sie ein KPD-Parteibuch gefunden. Nun will der Anführer des Trupps von ihm die Namen weiterer Genossen wissen, bei denen Schmitz Mitgliedsbeiträge einsammelt. „Ich habe nichts zu kassieren“, antwortet Schmitz. „Geben Sie dem roten Lump mal die erste Auflage“, befiehlt der Mann mit dem Rangzeichen des Truppführers auf dem linken Kragenspiegel. Die SA-Männer fassen Schmitz und schlagen mit Stahlruten und Karabinerhaken auf ihn ein, bis er zu Boden sinkt. „Bei wem kassieren Sie?“, fragt der Anführer wieder. Auf seinen Befehl hin erhält Schmitz noch vier weitere „Auflagen“.

Jedes Mal dreschen die SA-Männer auf ihn ein – bis er schließlich das Bewusstsein verliert. Zwischendurch wird er angespuckt und mit Kinnhaken traktiert. Zum Schluss tragen sie ihn hinaus und werfen ihn auf einen Sandhaufen. Als Schmitz wieder zu Bewusstsein kommt, sieht er einen SA-Mann, der mit einem Karabiner bewaffnet neben ihm steht. „Bei dem brauchst du nicht Posten zu stehen, der verreckt ja doch“, hört er einen anderen SA-Mann sagen. Da geht der Posten ins SA-Heim zurück, und Schmitz kann sich in der Dunkelheit davonschleichen.

Joachim Schmitz ist 55 Jahre alt, als er am 3. November 1949 vor den Richtern und Geschworenen der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Aachen Zeugnis über seine Misshandlungen ablegt. Angeklagt sind neun ehemalige SA-Männer aus der nahe gelegenen Stadt Düren. Das Protokoll des Prozesses, die Anklageschrift und die Urteilsbegründung, Aktenzeichen 4 Ks 5/49, liegen vor mir. 54 Seiten, eng mit der Maschine beschrieben, mit handschriftlichen Ergänzungen hier und da.

Der Mann, der immer wieder das Kommando zum Zuschlagen gab an jenem Tag, der SA-Truppführer, der Joachim Schmitz halb tot prügeln ließ, hieß Josef Mundt. Er war mein Großvater.

Ich habe an ihn wenige schemenhafte Erinnerungen. Als er 1973 starb, war ich neun Jahre alt. Die sonntäglichen Besuche bei den Großeltern mit Vater, Mutter und Schwester, das waren lange Nachmittage, die nicht vergehen wollten. Stundenlang saß ich da und studierte den von zu Hause mitgebrachten Märklin-Katalog. Oder ich sah aus dem Küchenfenster und wartete darauf, dass wieder ein Güterzug am Waldrand vorbeizog, damals noch von einer Dampflok gezogen. Bis heute habe ich den Geruch in der Nase, den das kleine Ölöfchen im Wohnzimmer verbreitete. Dort saß mein Großvater, den Scheitel stets zackig gezogen, auf dem Sofa. Ich war dazu ausersehen, mir seine Erzählungen von früher anzuhören. Es waren immer die gleichen Geschichten. Seine Meisterprüfung als Schlosser. Sein erster großer Auftrag. Seine erste elektrische Bohrmaschine. Zur Kommunion kaufte er mir einen Anzug, den ich danach nie mehr trug. Brotscheiben konnte er millimetergenau schneiden. Zum Frühstück trank er jeden Morgen ein rohes Ei und einen Schnaps dazu.

Er war mir sehr fern, fast fremd. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich mal in den Arm genommen hätte. Nie hat er mich gefragt, wie es in der Schule vorangeht, nie ist er mit mir zur Kirmes gegangen oder auf die Felder, die gleich hinter dem Haus begannen, um Falken und Bussarde bei der Jagd zu beobachten. Ich glaube, er wusste nicht, was er mit mir anfangen sollte. „Ein guter Handwerksberuf ist Gold wert“, sagte er oft. Ich aber hatte zwei linke Hände. Meine Laubsägearbeiten waren ein Ausweis völliger Begabungsfreiheit.

Die Sturmabteilung (SA) war die paramilitärische Organisation der NSDAP. Sie entwickelte sich Anfang der Zwanzigerjahre aus Trupps, die zum Schutz nationalsozialistischer Versammlungen in München formiert worden waren.

Im Wesentlichen bestand die SA aus Schlägern, die in den Jahren vor der Machtübernahme der Nazis gezielt Zusammenstöße mit Kommunisten provozierten, die vielfach in brutale Saal- und Straßenschlachten ausarteten. Die SA wuchs in dieser Zeit zu einer schlagkräftigen und straff organisierten Formation heran.

Sie erhielt, nicht zuletzt aus den Massen arbeitsloser Männer, großen Zulauf – die Mitgliederzahl stieg allein zwischen November 1930 und August 1932 von 60 000 auf 471 000. Die meisten SA-Männer waren auch Mitglied der NSDAP; dies war aber nicht Voraussetzung. Nach der Machtübernahme der NSDAP entwickelte sich die SA vollends zum Terrorinstrument der Partei und sicherte Hitlers Macht auf der Straße ab. Besonders Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurden Opfer des Terrors.

1934 entzog Hitler der SA – deren Machtfülle er zunehmend als Bedrohung empfand – seine Gunst. Er in- trigierte gegen den SA-Führer Ernst Röhm, ließ Putschgerüchte verbreiten und Röhm schließlich ermorden. Danach versank die SA allmählich in der Bedeutungslosigkeit; ihre Mitgliederzahl sank von 2,9 Millionen im August 1934 auf 900 000 Anfang 1940.

Eine wichtige Rolle spielten die SA-Trupps beim Boykott jüdischer Geschäfte und in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Er starb mit 83 Jahren nach einem Schlaganfall. Meine Mutter kam aus dem Krankenhaus heim und sagte: „Sie haben ihn jetzt ins Sterbezimmer gelegt.“

Ich habe mich damals gefragt, warum sie eigentlich nicht geweint hat.

Dass mein Großvater ein Nazi war, wusste ich aus den Erzählungen meiner Mutter. Er war früh in die Partei eingetreten, im rheinischen Düren, wo die ganze Familie wohnte, 1930 schon, ein „alter Kämpfer“ also. Ein Jahr später wurde er Mitglied der SA. Die „Sturmabteilung“, die Braunhemden, das war Hitlers Truppe fürs Grobe. Mein Großvater hat seinen Führer verehrt und imitiert, mit Frisur, Stummelbart unter der Nase und Schäferhund. Wenn eine Hitler-Rede übertragen wurde im Rundfunk, mussten alle still sein, und oft gab es Streit, weil meine Großmutter beim Metzger oder beim Bäcker nicht mit „Heil Hitler“ grüßte.

Er vernachlässigte die Arbeit und führte seine einst gut gehende Schlosserei in den Ruin. Aufträge von Juden nahm er nicht mehr an. Sein Lebensmittelpunkt war das Schlageterheim geworden, das frühere Jugendheim der Arbeiterwohlfahrt in der Wernersstraße, das die SA nach der Machtübernahme für sich in Beschlag genommen hatte. Mit seinen Kameraden verbrachte er den ganzen Tag in diesem Heim, benannt nach Albert Leo Schlageter, ein früher Anhänger Hitlers, der wegen mehrerer Sprengstoffanschläge 1923 hingerichtet und von den Nazis zum Märtyrer erhoben worden war.

Meine Mutter hat sehr darunter gelitten, dass ihr Vater ein überzeugter Nationalsozialist war. Sie musste mit ansehen, wie ihr älterer Bruder Schläge bezog, wenn er in der Nachbarschaft für den »Stürmer« kassiert hatte und die Kasse nicht stimmte, weil manche das Geld nicht hatten. Der verordnete Gemeinschaftskult, dem mein Großvater huldigte, war ihr zuwider. Ihr Vater zwang sie in den Jungmädelbund, wo sie die meisten Gruppennachmittage schwänzte. Sie mochte die Lieder nicht singen, „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit“. Meine Großmutter zahlte dann von ihrem bisschen Haushaltsgeld stillschweigend die Strafe für die versäumten Gruppenstunden, Hauptsache, der Vater bekam nichts davon mit.

Als Einzige aus ihrer Volksschulklasse nahm meine Mutter nicht am Religionsunterricht teil. Sie war ja nur „gottgläubig“, so der NS-Jargon für konfessionslos. Mein Großvater entstammte einer erzkatholischen Familie, hatte als junger Mann sogar im Kirchenchor gesungen, aber nun wollte er mit der Kirche nichts mehr zu schaffen haben. Als meine Mutter sieben oder acht war, nahm er sie mit zur Maikundgebung, wo er eine Rede hielt und sich dabei an der gleichen Gestik versuchte wie Hitler. Sie schämte sich. Gern hätte sie eine Pagenfrisur gehabt, aber ihr Vater verbot es: „Ein deutsches Mädel muss Zöpfe haben.“ Er erzählte ihr, dass die Juden Menschenblut in den Teig für die Matzenfladen gäben, die sie für ihr Pessachfest herstellen. Sie fürchtete sich jedes Mal, wenn sie an der Judenschule vorbei musste. Und sie hatte Angst, wenn ihr Vater sie mit dem Siphon Bier holen schickte am Werderplatz, durch die Straßen, wo die Kommunisten wohnten. „Schick das Mädel doch nicht da lang in der Dunkelheit“, sagten die Verwandten zu meinem Großvater. Aber beim nächsten Mal schickte er sie wieder.

Am schlimmsten waren die Nächte. Da lag sie wach und wartete darauf, dass ihr Vater aus dem Schlageterheim kam. Wenn er getrunken hatte, wurde er laut und grob, und wenn die Bratkartoffeln nicht gleich auf dem Tisch standen, mitten in der Nacht, oder ihre Mutter ihm die Stiefel nicht schnell genug ausgezogen hatte, setzte es Schläge. „Ich erkannte immer schon am Stiefelschritt auf der Straße, ob er getrunken hatte“, sagt sie.

Meistens hatte er getrunken.

Dass mein Großvater zu Hause seine Familie tyrannisierte, ist schlimm genug. Aber was geschah eigentlich in den 10, 12, 15 Stunden des Tages, die er nicht daheim war? Morgens zwischen acht und halb neun machte er sich auf den Weg, natürlich in Uniform – Braunhemd, braune Breecheshose, brauner Binder, Stiefel, Mütze mit Sturmriemen, braunes Lederkoppel mit Schulterriemen und Binde mit Hakenkreuz am linken Arm – und kam meist erst spätabends wieder heim. Meine Mutter kann sich nicht erinnern, dass er je erzählt hat, wie es zuging im Schlageterheim. Das SA-Heim war Terra incognita.

Irgendwann habe ich mir genau diese Frage gestellt: Was hat mein Großvater eigentlich den ganzen Tag so gemacht in diesem Heim? Ich hatte gelesen, woraus der SA-Dienst bestand: Uniformkontrolle, Anwesenheitskontrolle, Bekanntgabe von Befehlen und Anordnungen, Vorträge über Ehre, Treue, Kameradschaft, gemeinsames Singen, Exerzieren. Aber war das alles? Wie war es, wenn sie ausrückten und im Gleichschritt durch die Straßen von Düren marschierten, er als Truppführer voran, unter Absingen von „SA marschiert“ und „Das Sturmband am Kinn“? Er war SA-Mann, ein Landsknecht, ein Kämpfer jener „braunen Bataillone“, die schon lange vor Hitlers Machtübernahme in üblem Ruf standen, weil sie pöbelten und prügelten, Saalschlachten und Straßenkämpfe anzettelten. Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, trug die SA Gewalt und Terror in jeden Winkel des Landes, verhaftete und folterte politische Gegner; ihre Männer standen mit Schildern „Kauft nicht bei Juden“ vor jüdischen Geschäften Posten und zündeten in der Pogromnacht in ganz Deutschland die Synagogen an.

Wo war Josef Mundt, als all dies passierte?

Ich gebe fünf Wörter in die Suchmaske ein: Josef, Mundt, Düren, Schlageterheim, SA.

Das einzige Suchergebnis ist ein Volltreffer: ein Text über das Dürener Schlageterheim, verfasst von einem Autor der örtlichen Geschichtswerkstatt. Er enthält die Schilderung von Joachim Schmitz über seine Misshandlung durch die SA. Und den Satz: „Mundt gab die Anordnung zu dieser Prügelverteilung.“ Es finden sich Hinweise auf eine Vielzahl weiterer Grausamkeiten: „Das Schlageterheim wurde in den folgenden Monaten zu einer regelrechten Zentrale des Terrors“, steht da. Und es gab wohl einen Gerichtsprozess in der Nachkriegszeit, bei dem etliche SA-Leute, darunter mein Großvater, sich verantworten mussten.

Ich schreibe eine E-Mail an den Geschichtsverein. Ich sei der Enkel des Josef Mundt. Ob sie vielleicht wüssten, wo die Prozessakten mit den Zeugenaussagen liegen. Wenige Tage später finde ich Kopien sämtlicher Akten in meinem Mail-Postfach. Es sind Zeugnisse des SA-Terrors in jener Zeit. Und sie geben Einblick in den täglichen Dienst meines Großvaters. Zum ersten Mal in meinem Leben rückt er mir sehr nahe. Auf eine furchtbare Weise.

Zwischen Mai und August 1933 verwandelte sich das Dürener Schlageterheim in eine Stätte der Inquisition. Nachdem die Reichstagsbrandverordnung vom 27. Februar 1933 nahezu alle Grundrechte aufgehoben hatte, konnte sich der „Volkszorn“ entladen. Die Straße gehörte den Braunhemden. Schubweise und planmäßig gingen die SA-Stürme gegen den politischen Feind vor; eine beispielslose Verhaftungswelle setzte ein. „Der Tag der Vergeltung und der Sühne für alle eure Not und Verfolgung kommt“, hatte SA-Führer Ernst Röhm seinen Männern verheißen. Jetzt war der Tag gekommen.

Dutzende Dürener Kommunisten wurden aus ihren Wohnungen geholt. Die SA, so die Anklageschrift, „führte sie in das Schlageterheim, wo sie fortlaufend systematisch und in entwürdigender Weise misshandelt wurden“ – manche bis zu drei Tage lang. Die SA hoffte, die Namen weiterer KPD-Mitglieder, die Parteizeitungen wie die »Rote Fahne« verteilten oder Beiträge kassierten, aus den Verhafteten herauszuprügeln. Düren war damals eine Arbeiterstadt, in den Fabriken hatte die KPD eine starke Basis. Im Schlageterheim wurde jetzt noch mehr gesungen als sonst üblich. Das Einüben von Kampfliedern war ohnehin Bestandteil des täglichen Dienstes. Aber in diesem Sommer, so heißt es in dem Urteil des Schwurgerichts, gab es noch einen anderen Anlass zum Singen: „Damit die Schreie der Misshandelten auf der Straße nicht zu hören waren.“

Mein Großvater bestimmte in vielen Fällen den Takt der Folter, ihr Anfang und ihr Ende. Er führte den zweiten Sturm der Standarte 161, die etliche Vernehmungen durchführte. Er war nicht einer der Schergen, sondern ihr Befehlshaber. „Die Verhafteten waren“, so das Gericht in seiner Urteilsbegründung, „der Willkür und dem Terror des Angeklagten Mundt schutzlos preisgegeben.“ Der seit zwei Jahren arbeitslose Schlosser hatte auf einmal Macht. Er war Führer. Der damals 43-Jährige war der bei Weitem Älteste seines Trupps, auf seine Befehle warteten die jungen Kerle. In seinem Trupp sammelten sich all die zu kurz Gekommenen und Entwurzelten. Fast alle der mit meinem Großvater Angeklagten gaben als Grund für ihren Eintritt in die SA an, dass sie keine Arbeit gehabt hatten. Die SA bot ihnen Kameradschaft, Weltbild, Feindbild, einen Teller Suppe, Bier, eine fest gefügte Ordnung, Sinn. Und die Möglichkeit, Rache zu nehmen – zum Beispiel für den Überfall von Kommunisten auf das frühere SA-Heim im Jahr zuvor sowie für den Tod eines angeblich von Kommunisten umgebrachten Dürener SA-Kämpfers.

Auch 16 Jahre nach den Torturen können sich die Zeugen im Gerichtssaal an fast alles erinnern. Vor allem an meinen Großvater. Selbst das sperrige Protokolldeutsch kann die Grau- samkeit des Geschilderten nicht übertünchen.

„(…) Der Angeklagte Mundt wollte von dem Zeugen wissen, woher die in Düren aufgetauchte kommunistische Broschüre über den Reichstagsbrand ,Im Zeichen des Kreuzes‘ stammte. Als der Zeuge das gewünschte Geständnis nicht ablegte, wurde er vom Angeklagten mit ,Lump‘ und ,Schwein‘ tituliert. Daraufhin fiel ein Teil von den 10 bis 15 anwesenden SA-Männern über den Zeugen her und misshandelte ihn mit Schulterriemen und anderen Gegenständen. (…)“

Zeuge Alois Mainusch, zur Tatzeit 33 Jahre

„(…) Als der Zeuge die Frage des Mundt nach der Verteilung von Flugblättern und der Mitgliedschaft zur KPD verneinte, schlug ihn Mundt mit der Faust ins Gesicht. Mundt rief ihm zu: ,Du Hund, wir kriegen dich schon zum Sprechen!‘ Die SA-Leute fielen daraufhin über den Zeugen her, schlugen ihn mit Holzstücken zu Boden und traten ihn mit Füßen. Diese Misshandlungen wiederholten sich des Öfteren zweieinhalb Tage lang. (…)“

Zeuge Johann Fücker, zur Tatzeit 38 Jahre

„(…) Mundt fragte nun den Zeugen, wer von der kommunistischen Jugend illegal weitergearbeitet habe. Hierauf gab der Zeuge zur Antwort, dass er das nicht wisse, weil er erst vor Kurzem aus der Schutzhaft entlassen worden sei. Diese Antwort erschien dem Angeklagten Mundt nicht ausreichend, und er schlug dem Zeugen mehrmals mit der Hand ins Gesicht. (…)“

Zeuge Max Eichler, zur Tatzeit 21 Jahre

„(…) richtete der dem Zeugen von Aufmärschen her bekannte Angeklagte Mundt und ein zweiter SA-Mann, an einem Tisch sitzend, je eine Pistole auf den Zeugen und forderte ihn auf, auszusagen, wer kommunistische Zeitungen und Flugblätter in Düren verbreitet habe. Als er keine Aussagen machte, wurde er auf Mundts Zeichen von den SA-Leuten geschlagen. (…)“

Zeuge Engelbert Erven, zur Tatzeit 18 Jahre

„(…) Man wollte den Zeugen zwingen, das Horst-Wessel-Lied zu singen. Der Zeuge stellte sich so, als ob er mitsinge. Als der Gesang einsetzte, wurde er auf ein Zeichen Mundts von den SA-Leuten misshandelt. Man schlug ihm die Zähne aus. (…)“

Und immer wieder heißt es:

„… befahl Mundt …“

„… gab Mundt ein Zeichen …“

„… hob Mundt die Hand …“

Die spröden Sätze verdichten sich in meinem Kopf zu Bildern wie in einem Film. Aber die Erinnerung stellt Fallen. Der Mann, den ich vor mir sehe, der die Hand hebt als Signal zum Zuschlagen, trägt weder Braunhemd noch Stiefel, es ist der Großvater, den ich in Erinnerung habe, ich kenne ja keinen anderen, habe nie ein Foto aus jungen Jahren gesehen. Da steht ein alter Mann in Pantoffeln und Hosen mit Bügelfalte.

Düren war eine kleine Stadt mit nur 50 000 Einwohnern. Mein Großvater muss die meisten seiner Opfer gekannt haben, zumindest vom Sehen. „Beide kannten sich von der Arbeit her“, heißt es in den Akten über meinen Großvater und einen der Misshandelten. Zu Beginn der Vernehmung habe er ihn gefragt, wie er „als anständiger Arbeiter ein Kommunist“ sein könne. „Du bist ein sehr guter Kerl, aber politisch bist du ein Lump.“ Es waren einfache Leute wie er, Arbeiter und Handwerker, viele Familienväter darunter. Wie konnte er seine Männer immer wieder auf sie hetzen, frage ich mich, auch wenn die Opfer bereits zerschunden und blutüberströmt am Boden lagen? Und wie mag es beim ersten Mal gewesen sein? Hat er da noch gezögert, vielleicht einen Moment? Ich fürchte, nein.

Spätestens Ende August 1933 gab es in Düren keinen kommunistischen Untergrund mehr. Die KPD- Mitglieder saßen entweder im Gefängnis oder blieben verängstigt daheim. Die SA-Männer hatten die unumschränkte Herrschaft über die Straßen. Nicht die neuen Männer im Rathaus waren die Macht, sondern sie. Mein Großvater hatte seine Sache offenbar zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten gemacht. Kurz nach dem Ende der Verhaftungs- und Folterungswelle wurde er zum Obertruppführer befördert, später sogar bis zum Obersturmführer. Das entspricht einem Oberleutnant beim Heer.

Hinweise auf weitere Gewalttaten in den darauffolgenden Jahren finden sich nicht in den Gerichtsakten. Meine Mutter erinnert sich, dass mein Großvater seine schützende Hand über Verwandte legte, seine Geschwister zum Beispiel, von denen er wusste, dass sie Sozialdemokraten waren und Hitler die Pest an den Hals wünschten. Einer seiner Brüder stellte, um 1940 muss das gewesen sein, den im gleichen Haus wohnenden Juden Essen in den Flur. Ein anderer hörte heimlich BBC. Mein Großvater habe das gewusst, erzählt meine Mutter. „Aber er hat sie nicht angezeigt.“

Ende 1943 kam mein Großvater eines Tages nach Hause und sagte, er habe gehört, dass die Juden mit Zügen in Konzentrationslager gebracht und dort in Gaskammern umgebracht würden. „Der Hitler ist ein Schwein!“, hörte meine Mutter meine Großmutter sagen. Ich weiß nicht, ob er wirklich erschüttert war über das, was er erfahren hatte, oder ob es bloß Anlass war, ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu treffen für den immer wahrscheinlicher werdenden Fall der Kriegsniederlage. Er trug kaum noch Uniform, kaufte sich zwei Anzüge und ging nur noch selten ins Schlageterheim. Das Hitlerporträt verschwand aus der Stube meiner Großeltern. Bei den Dürener Parteioberen wuchsen offenbar die Zweifel an seiner politischen Zuverlässigkeit. 1944 wurde er, obwohl schon 54 Jahre alt, zur Wehrmacht eingezogen.

Meine Großmutter verließ mit meiner Mutter Düren mitten in der Nacht – nicht nur aus Angst vor den Bombenangriffen. „Wenn der Krieg vorbei ist, werden hier Köpfe rollen“, hatte ein Nachbarsmädchen drohend zu meiner Mutter gesagt. Es roch nach Vergeltung. Meine Mutter und meine Großmutter zogen in die Nähe von Breslau, wo mein Großvater stationiert war. Doch als bald darauf schon die Artillerie der Roten Armee zu hören war, flohen sie mit dem Flüchtlingstreck zurück gen Westen und strandeten schließlich im 30 Kilometer von Düren entfernten Bergheim.

Nach Düren kehrten sie nicht zurück – aus Angst vor Rache, aber auch, weil es kein Düren mehr gab. Ein verheerender britischer Luftangriff hatte die Stadt am 16. November 1944 nahezu komplett ausgelöscht und 99,2 Prozent der Wohnungen zerstört. Nur vier Menschen harrten danach noch in den Trümmern aus. Ernest Hemingway, damals Korrespondent für das amerikanische Magazin »Collier’s Weekly«, sah eine „zu Staub zermahlene Stadt“.

Mein Großvater kam in Kriegsgefangenschaft und im Oktober 1945 wegen seiner NSDAP- und SA-Mitgliedschaft für ein Jahr zur politischen Umerziehung in ein amerikanisches Internierungslager in Recklinghausen. Die Insassen lebten völlig von der Außenwelt isoliert. Erst im Februar 1946 wurde ihnen gestattet, monatlich zwei Postkarten mit maximal 25 Wörtern zu schreiben.

Vielleicht hatte mein Großvater nach der Entlassung aus der Internierung gehofft, er sei noch mal davongekommen. Aber seine Opfer hatten ihre Qualen nicht vergessen. Und sie erinnerten sich an Josef Mundt. Eines Tages im Sommer 1949 wurde er abgeholt aus der Wohnung in Bergheim. „Kommense, Herr Mundt, ich gehe voraus und Sie hinter mir her“, sagte der Polizist, der gegenüber wohnte, zu ihm. „Die Nachbarn müssen es ja nicht mitkriegen.“

Ich suche in den Gerichtsprotokollen, aber ich finde kein Wort der Reue, der Scham, des Bedauerns, keine Entschuldigung bei den Menschen, die er gequält hatte und die ihm im Gerichtssaal gegenübersaßen. Nicht einmal ein Eingeständnis seiner Taten. „Der Angeklagte Mundt will keineswegs einer der maßgebenden Männer im SA-Heim gewesen sein“, heißt es. Sein Vorgesetzter, der Sturmbannführer Klotsch, „habe selbst alle Vernehmungen durchgeführt“. Es sei zwar „darüber gesprochen worden, dass Ausschreitungen in dem Heim vorgekommen seien, er habe sie aber nicht veranlasst“. Außerdem sei er ja tagsüber an den meisten Tagen gar nicht im Heim gewesen, sondern mit seinem Sturm „ausmarschiert zum Exerzieren und zu sportlichen Übungen“. Die von den Zeugen geschilderten Vorfälle seien ihm „unerklärlich“, er habe niemanden misshandelt, niemanden „über irgendwelche Broschüren ausgefragt“. Das Gericht zeichnet das Bild eines Angeklagten, der „durch ausweichende Antworten dem Kern der Dinge zu entgehen suchte und in keiner Weise den Eindruck eines Mannes machte, der zu seinem früheren Verhalten steht“.

Am 5. November 1949 verhängt das Gericht gegen meinen Großvater wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ eine Gefängnisstrafe von einem Jahr. Ein anderer SA-Mann aus seinem Trupp muss für zwei Monate ins Gefängnis. Die übrigen sieben Angeklagten werden freigesprochen, weil die Beweise nicht ausreichen oder die Zeugenaussagen sich widersprechen.

Ich lese die Zeugenaussagen noch einmal und denke, dass ein Jahr Gefängnis ein ausgesprochen mildes Urteil ist für die körperlichen und seelischen Qualen, die diese Menschen durch ihn erleiden mussten. Damals kamen viele Mörder ohne Prozess oder mit Freisprüchen davon. Dass die Justiz bei ehemaligen Nazis hart durchgriff, war in den Jahren nach dem Krieg nicht der Normalfall.

Meine Großmutter schickte meine Mutter immer wieder mit frischer Wäsche nach Aachen ins Gefängnis. Sie selbst hat ihn kein einziges Mal dort besucht, auch beim Prozess war sie nicht dabei. „Der kommt mir hier nicht mehr rein“, sagte sie, als seine Entlassung anstand. Vielleicht war das ihre Rache. Meine Mutter weinte. „Aber es ist doch der Vater“, bettelte sie meine Großmutter an. Da nahm sie ihn doch wieder auf. Sie haben miteinander gelebt, irgendwie, 23 Jahre noch, bis mein Großvater starb. Sie überlebte ihn um sechs Jahre.

In der Familie meines Großvaters ist später nie über diese Zeit geredet worden. Nicht über die SA, nicht über den Krieg, nicht über seine Tyrannei daheim. Und nicht übers Schlageterheim. Auch sein Sohn, der nach dem Krieg mit den Kommunisten sympathisierte, die Trinkerei anfing und zwei Jahre vor ihm starb, hat ihn nie zur Rede gestellt. Als wäre all dies nie geschehen. Als hätte es den Obersturmführer Josef Mundt nie gegeben. Auch jetzt wollen meine Mutter und meine Schwester die Aussagen der Zeugen nicht lesen.

Vielleicht wird es jetzt heißen, dass man den Namen der eigenen Familie nicht beschmutzt. Aber ich will, dass die Taten nicht in Vergessenheit geraten. Und auch die Namen und das Leiden der Geschundenen und Gedemütigten nicht. Dies alles aufzuschreiben ist wie eine Dekontamination. Hass empfinde ich keinen, nicht mal Verachtung. Dass sein Blut in meinen Adern fließt, ist nicht schön, aber aus mir ist deshalb kein Nazi geworden. Mir tun die Menschen leid, die unter seiner Willkür leiden mussten. Es muss doch Nachkommen geben. Ob sich der eine oder andere vielleicht ausfindig machen lässt? Aber was soll ich ihnen sagen?

Mein Großvater hat sich, da ist meine Mutter sich sicher, nach dem Krieg nie mehr politisch betätigt. Er war wohl ein Anhänger Adenauers, sonst ein biederer, allseits geschätzter Bürger. Eine kleine Schlosserwerkstatt hat er sich noch einmal eingerichtet und sehr schöne Arbeiten angefertigt. Ein schmiedeeiserner Tisch aus seiner Hand, filigran gearbeitet, steht bei mir daheim als Unterlage für meinen Drucker. „Nazi-Opa-Tisch“ nenne ich ihn.

Eine Frage bleibt. Ich rufe meine Mutter an. „Wo war denn dein Vater eigentlich in der Pogromnacht?“ Auch in Düren hatten SA-Männer die Synagoge niedergebrannt, jüdische Geschäfte geplündert und demoliert. „An dem Abend war er zu Hause“, sagt meine Mutter, „da bin ich mir sicher. Aber warum, weiß ich nicht mehr.“ Am nächsten Tag ruft sie an. Es ist ihr eingefallen. „Er lag krank im Bett mit einer Nierenkolik.“ Ihre Mutter habe sogar den Arzt rufen müssen. „Da war er nicht dabei“, sagt meine Mutter noch. „Was für ein Glück.“ ---

Der Autor dankt der Dürener Geschichtswerkstatt für ihre Unterstützung und würde sich freuen, wenn Leser zu einer Spende bereit wären: Dürener Geschichtswerkstatt e. V., Bankverbindung: IBAN DE34 3955 0110 0000 6544 42, BIC SDUEDE33