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Nähe und Distanz

Im Leben und im Geschäft zählt eines: der richtige Abstand. Über Nähe und Distanz und ihr richtiges Maß.





1. Abstandsregler

Jeder kennt das von der Straße. Wenn alles flüssig läuft, jeder auf Abstand fährt, ist alles super. Doch wenn’s dichter wird und zäher, gilt: Komm mir bloß nicht zu nahe! Zeiten der Veränderung sind wie der Stoßverkehr: Mal geht’s flüssig, mal gibt’s Stau. Man muss achtgeben, dass es nicht kracht. Veränderungen definieren auch die Nähe und Distanz von Beziehungen neu, privat und geschäftlich. Wie viel Nähe halten wir aus – und ist sie echt? Oder ist das allgegenwärtige Rankumpeln nichts weiter als ein sozialer Auffahrunfall?

Leicht ist das nicht: Zu viel Distanz gilt als steif, zu viel Nähe als übergriffig. Das ist das alte Lied vom Gegensatz von Individuum und Gemeinschaft.

2. Stachelschweine

Das Verhältnis von Nähe und Distanz wird immer dann neu justiert, wenn sich Kulturen grundlegend verändern. Das ist heute ebenso der Fall wie zu Beginn der Industrialisierung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1851 verfasste der Philosoph Arthur Schopenhauer sein Werk „Parerga und Paralipomena“, in dem sich die kluge Parabel von den Stachelschweinen findet. Damals war die Lage höchst unübersichtlich. Die Fabrikarbeit bedrohte das Handwerk und die alten Sitten und Gebräuche.

Die alten Machthaber – der Adel und die Kirchen – wurden immer öfter ganz grundsätzlich infrage gestellt. Sie lieferten keine brauchbaren Antworten mehr für das Leben und verloren an Zulauf und Macht. Die bürgerliche Revolution von 1848 war eben erst und mehr schlecht als recht von den alten Machthabern in ihre Schranken verwiesen worden – unter großen Konzessionen an die aufstrebende Klasse. Die meisten Menschen beklagten den Verlust alter Gewissheiten und die Unwägbarkeiten der Zukunft. Mal war ihnen die alte Gesellschaft zuwider, mal vermissten sie diese.

K e e p  Y o u r  Distance!

Die Menschen, so die Schlussfolgerung Schopenhauers, verhielten sich einerseits wie „eine Gesellschaft Stachelschweine“ an einem kalten Wintertag, die sich zusammendrängen, um sich durch die „gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen“. Doch wenn sie das taten, stachen sie einander mit ihren Stacheln, was sie wiederum auf Distanz hielt: „Wenn nun das Bedürfnis nach Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, sodass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.“ Auf der einen Seite möchte man nicht allein sein, treibt „das Bedürfnis der Gesellschaft (…) die Menschen zueinander“, andererseits würden aber deren „widerwärtige Eigenschaften“ und „unerträglichen Fehler“ sie wieder voneinander abstoßen.

So sei es schon immer gewesen, so Schopenhauers Einsicht, und das Ziel aller Bemühungen der Stachelschweine sei es letztlich, die richtige „mittlere Entfernung“ herauszufinden, bei der ein „Beisammensein bestehen kann“. Das Mittel zu diesem Zweck, die ideale Distanz, nennt Schopenhauer „Höflichkeit und feine Sitte“, heute würden wir wahrscheinlich beides schlicht Anstand und Respekt nennen.

Derlei fällt in den Zuständigkeitsbereich der Kultur. Sie müsse, so Schopenhauer, laut und vernehmlich Keep Your Distance rufen, wenn jemand die Grenzen überschreitet und uns zu nah kommt – und gleichsam warne sie uns auch davor, von der Straße abzukommen und, fernab vom Pfad, die Orientierung zu verlieren. Es ist ein Kompromiss, niemand wird gestochen und sticht den anderen, aber auch das Bedürfnis „gegenseitiger Erwärmung“ kann dabei „nur unvollkommen befriedigt werden“, wie der Meister weiß.

Das klingt unspektakulär – ist also für Zeiten wie diese genau das Richtige. Schopenhauers Stachelschweine sind unser ewiges Vorbild, sie führen zum Konzept der offenen Gesellschaft und der Organisation der Vielfalt, in der bürgerliche Privatsphäre ebenso ihren Platz hat wie Engagement fürs Ganze. Nähe und Distanz gehören zusammen, zusammen ergeben sie ein Kraftfeld, das sich ständig verändert und unserer Aufmerksamkeit bedarf.

3. Etikette

Aber selbst wenn wir achtgeben: Es gibt immer welche, die es nicht tun.

Es ist wie beim Verkehrsrowdy, der die Spur ganz für sich allein will oder zu dicht auffährt: Es fehlt ihm an Manieren. Manieren sind kein Schnickschnack. Manieren sind die harte Währung allen Sozialverhaltens, die Art und Weise, wie wir den Umgang miteinander regeln. Zu den Manieren gehört immer auch die Etikette, ein altmodisches Wort, das aber seinen Sinn nicht verloren hat. Sie ist sozusagen der Ablaufplan der Manieren und des Respektes, das jeweils richtige Sozialverhalten, das auf geschriebenen und ungeschriebenen Normen und Regeln baut. Es ist die Gesamtheit dessen, wie wir miteinander am besten umgehen, ohne uns zu piksen oder vor Einsamkeit zu frieren – das richtige Maß also. Das, was heute so fehlt.

Manieren sind kein S c h n i c k s c h n a c k

Distanz zueinander ist wichtig. Das verhindert persönliche und geschäftliche Auffahrunfälle. Wir sind nicht alle Kumpel. Und wir sollen es auch gar nicht sein.

In Schopenhauers Zeiten waren die Manieren, also die Art und Weise des Umgangs miteinander, gerade einem tief greifenden Wandel unterzogen. Unter dem Einfluss des erfolgreichen Bürgertums lockerte sich die steife Etikette des Adels, der streng nach Zeremoniell lebte und bei dem jedes Wort und jede Geste nach klaren Regeln ablief, in unveränderlichen Ritualen. Man konnte kaum unterscheiden, ob man bei Königs zum Tee war oder gerade in einem Gottesdienst. Hier wie dort lief alles wie auf Schienen ab. Abweichungen waren grobe Entgleisungen.

Der schrillste Vertreter dieser Etikette war das im 15. Jahrhundert im steinreichen Burgund entwickelte „Spanische Hofzeremoniell“, das den Umgang zwischen Fürsten und adeligem Hofstaat bis ins kleinste Detail bestimmte. Für Jahrhunderte war es das Ideal für den Umgang der besseren Kreise untereinander. Das Zeremoniell war pure Disziplin und Inszenierung, aber kein Selbstzweck, denn es diente dem Machterhalt und der klaren Hierarchie. Wer sich nicht daran hielt, war draußen. Die Welt war nie allein in Arme und Reiche unterteilt, sondern vor allen Dingen in Angepasste und Außenseiter, Mächtige und Ohnmächtige.

Deshalb führte das aufstrebende Bürgertum auch einen Kulturkampf gegen diese alte Etikette, „alte Zöpfe“ mussten abgeschnitten werden. Die neue Welt der Bürger versprach ein weniger steifes und nach Konventionen ausgerichtetes Leben. Das war im 18. und 19. Jahrhundert ein großes Versprechen, denn der Einzelne lebte eingeengt, im Korsett der Konventionen. Freiheit war, wenn es mal ein klein wenig lockerer zuging. Bürgerlich war mal, wenn man nicht steif in der Gegend herumstehen musste.

Doch der Bruch mit der Etikette, den das Bürgertum versprach, war nicht von allzu langer Dauer. Tatsächlich passten sie die alten Regeln nur an die neuen, an ihre Verhältnisse, an. Wer da nicht mitmachte, wurde aus den bürgerlichen Salons ebenso ausgeschlossen wie zuvor Abweichler am Hof.

Wer der neuen Macht nahestand, teilte unweigerlich deren Vorlieben und Gewohnheiten, ihren Geschmack, ihren Habitus, wie die renommierten Sozialforscher Norbert Elias und Pierre Bourdieu es nannten. Der Habitus ist mächtiger, als es der Knigge je sein konnte. Er entscheidet über Karriere oder Versagen, Nähe und Ferne zur Macht. Wer den Habitus nicht beherrscht, lebt in einer Art von totem Winkel des Gemeinwesens, weil er nicht weiß, was sich gehört.

Derlei lernt man nicht in der Tanzschule oder im Seminar: Der Habitus ist nirgendwo fasslich, er besteht, wie es Pierre Bourdieu in seinem gleichnamigen Hauptwerk nannte, aus den „feinen Unterschieden“. Er legt fest, was den Stachelschweinen nah genug ist und was ihnen eindeutig zu weit geht. Das geht aber noch weiter: Jede Gruppe und jede Organisation verfeinert die feinen Unterschiede noch einmal. Man kann das mit dem vagen Begriff der Unternehmenskultur beschreiben, die ja auch nicht aus aufgeschriebenen Regeln und Selbstdarstellungen besteht, sondern aus vielen ungeschriebenen Gesetzen, nach denen man sich richtet. Wer die richtige Einstellung hat, der weiß, wie es hier läuft. Der Rest passt irgendwie nicht zu uns.

So einfach und so undurchschaubar ist das mit der Nähe und der Ferne.

Mir ist es zu eng hier.

4. Äquidistanz

Alle Stachelschweine streben danach, so gut wie möglich miteinander auszukommen, ohne sich selbst zu verleugnen. Sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Aus dieser Idee hat sich in der demokratischen, bürgerlichen Gesellschaft das Prinzip entwickelt, dass die Menschen vor dem Gesetz gleich sind – und Macht allen Interessengruppen von gleicher Distanz aus gegenüberstehen soll. Nicht nur der Staat und das Recht, auch Unternehmer und Manager waren offiziell stets dieser Formel verpflichtet: Es herrscht gleicher Abstand zu allen. Das gilt auch für Ideologien, Parteien, Interessengruppen. Das ist das Prinzip der Äquidistanz, das Stachelschweinmaß aller Dinge. Es ist der Inbegriff einer ausgleichenden, vernünftigen Grundhaltung.

In Zeiten der Polarisierung steht sie unter Generalverdacht: Der Äquidistanz fehle es an Haltung, heißt es, das sei ihre Schwäche. Das ist schon mal falsch, denn die Fähigkeit zur Distanz gegenüber allen ist ihre größte Stärke. Der gleiche Abstand entzieht der Moral, die nur zwischen Gut und Böse und vermeintlich Richtig und Falsch unterscheidet – und dabei oft nur den eigenen Standpunkt überhöht – den Boden.

Äquidistanz, der gleiche Abstand, macht sich weder mit dem einen noch mit dem anderen gemein und nimmt auf diese Weise den Extremen ihre Kraft. Sympathie, Abneigung, Liebe, Hass – sie sind miserable Kriterien für objektive Entscheidungen, die jedes Unternehmen, jede Gemeinschaft braucht. Mit Abstand fährt es sich am besten.

Natürlich kämpft die menschliche Natur dagegen an, denn seine eigene Distanzlosigkeit vermag das Stachelschwein nicht so ohne Weiteres zu erkennen. Es ist der alte Streit von Vernunft und Gefühl. Der Grund, weshalb in vielen Unternehmen Liebesbeziehungen zwischen Mitarbeitern verpönt sind und enge Freundschaften als Seilschaften verstanden werden, ist ja nicht das Vorhandensein menschlicher Wärme und Gefühle, sondern die gleichzeitig ziemlich wahrscheinliche Abwesenheit nüchterner Distanz, jener Sachlichkeit, die es braucht, wenn es ums Ganze geht.

Darum kennt der Volksmund die gute Regel „Strenge Rechnung, gute Freunde“. Geschäft ist Geschäft, und Schnaps ist Schnaps. Das lässt sich nur machen, wenn völlig klar ist, dass im Alltag Nüchternheit herrscht und Leistung nicht weniger wert ist als Sympathie und Vorlieben, Habitus und Kumpelei. Das klappt nur, wo es fair zugeht. Das ist viel Arbeit. Man muss sich zusammenreißen. Und das liegt nicht jedem.

Nun ist jede Transformation immer auch ein bisschen Kulturkampf, also die Auseinandersetzung unter Rechthabern und Besserwissern. Dabei geht es nicht um Mitte, Objektivität und sinnvollen Kompromiss, also das, was machbar ist. Es geht darum, die Mitte möglichst weit zur eigenen Position hin zu verschieben. Kein Extremist behauptet von sich, Extremist zu sein. Jede extreme Position hält sich für normal und richtig. Die Verrückten sind immer die anderen. In Transformationszeiten ist aber alles (und alle) ein wenig ver-rückt. Die Stachelschweine suchen eine neue Position. Nähe und Distanz – die richtige Mitte – wird gesucht. Das sind harte Zeiten für den Respekt.

Abstand b i t t e !

5. Distanzlos

Die Nähe ist launisch. Sie kann Zuneigung bedeuten und ihr Gegenteil: Respektlosigkeit und Arroganz. Noch vor ein paar Jahren duzten viele Chefs ihre Mitarbeiter ganz selbstverständlich. Die wiederum sagten zu ihrem Vorgesetzten natürlich „Sie“. Sekretärinnen wurden „Fräulein“ oder einfach beim Vornamen gerufen, Auszubildende hießen in der Regel „He, du da!“. Das war der ganz normale Ober-Ton, der denen unten zeigte, wo sie hingehörten. Das war nicht böse, es war jovial.

Jovial leitet sich vom Göttervater Jupiter ab, lateinisch Iovialis. Götter siezen andere nicht. Sie sind allmächtig. Und wenn sie sich herablassen, mit ihren Untergebenen zu sprechen, dann sind sie, was anderes haben sie nicht nötig, freundlich, herablassend, distanzlos – jovial eben. Die scheinbare Nähe ist Distanzlosigkeit, ein Mittel, um zu zeigen, wer das Sagen hat. Das Sie hingegen lässt dem Menschen ein wenig Luft, ein bisschen Abstand, den Raum, den man für seine Würde braucht. Auch hier ist das Sie und das Du eine Machtfrage.

Wer es auf Habitus und Autorität abgesehen hat, der nimmt zuerst die Sprache ins Visier. Genau das machte die später als Achtundsechziger bekannt gewordene Jugendbewegung in den Sechzigerjahren. Ihr Feind war die Etikette der spröden Nachkriegszeit. Distanzlosigkeit war ein hervorragendes Mittel, um Spießer und Klassenfeinde aus dem Konzept zu bringen. Wer Manieren hatte, gehörte zum Establishment, und das „ostentative Duzen ist Teil einer Großoffensive gewesen, mit der die bürgerliche Gesellschaft mit all ihren als antiquiert angesehenen Verkehrsformen in die Knie gezwungen werden sollte“, sagt der deutsche Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, dessen aktuelles Buch „Die blinden Flecken der 68er-Bewegung“ vieles über die Kultur von Nähe und Distanz vermittelt.

Mit der berühmten Chiffre „68“, sagt Kraushaar, sei ja vor allen Dingen „eine grundlegende Umwälzung“ gemeint, bei der „alles auf Direktheit, Spontaneität und unmittelbare Kommunikation“ gemünzt wurde. Distanz? Geht gar nicht: „Das Private war nun politisch und das Politische privat. Das bedeutete eine möglichst grenzenlose Öffnung in alle Sphären hinein – bis in die Intimsphäre. Es wurde keinerlei Distanz mehr geduldet“, fasst Kraushaar zusammen.

Das begann Mitte der Sechzigerjahre an Universitäten, an denen sich die Studenten untereinander noch siezten, wie Kraushaar erklärt. Die berühmte Kommune I in Berlin, gegründet zur Jahreswende 1966/67, galt als „Pressure Group für das Über-den-Haufen-Werfen möglichst aller Konventionen.“ Der politisch einflussreiche Sozialistische Deutsche Studentenbund holte sich dort immer wieder Anregungen, seit Rudi Dutschkes antiautoritäre Gruppe dort 1965 das Ruder übernommen hatte.

Aber ebenso wichtig als Verbündete waren die Medien – Magazine wie »Stern«, »Quick«, »Spiegel«, die »Bild«-Zeitung und bald auch das Fernsehen, das mit Duzen, Distanzlosigkeit und zuweilen provozierender Nacktheit einerseits mit „der „moralischen Verkommenheit der Studentenbewegung schockte“, wie Kraushaar sagt, andererseits den Voyeurismus des Publikums bediente.

Wer nackt ist, ist ganz nah und gibt seine Privatsphäre preis. Das geht auch in voller Montur, wie sich bald zeigen sollte, nämlich dort, wo zunehmend mehr Leute öffentlich über ihre „intimsten Geheimnisse“ sprachen und ihr Innerstes nach außen kehrten.

Die neue Distanzlosigkeit verfügte über einen perfiden Mechanismus: Wer sich gegen sie wehrte, „outete“ sich damit automatisch als Teil des Establishments, das mit der Forderung nach mehr Distanz und Manieren bloß seine Privilegien und Macht verteidigen wollte. Diesen Mechanismus kann man heute wieder in den Shitstorms und Dauererregungen in den sozialen Medien erkennen. Das ist die alte Logik der Inquisition: Man kann gestehen und widerrufen. Aber wer sich unschuldig wähnt und sich verteidigt, zieht die Schlinge um seinen Kopf nur enger. Distanzlosigkeit heißt: keine Bewegung.

Dies alles, zur Erinnerung, geschah und geschieht nicht aus böser Absicht. Die Distanzlosigkeit wollte 1968 wie heute die Autorität bekämpfen, um das Selbst zu befreien. Doch wo landet die Person, wenn sie Nähe und Distanz nicht selbst bestimmen kann? Kann man Zwang mit Zwang bekämpfen?

Dass der bei aller Distanzlosigkeit nicht abwesend ist, zeigt sich auch dort, wo es scheinbar ganz harmlos zugeht, in der neuen Kumpelökonomie der Start-ups, die als kulturelles Leitbild auch für etablierte Organisationen in der Wirtschaft und Gesellschaft gilt.

6. Die Bussi-Bussi-Ökonomie

Wer erfolgreich ist, kommt den anderen nahe. Oder tut so. Und das ist, sagt Jens Kapitzky, gar nicht gut, sondern das Gegenteil davon.

Nun ist es ja nicht so, dass der Mann, im Hauptberuf Berater bei Metaplan, kein Herz für echte Kumpel hätte. Er hat im Ruhrgebiet studiert, Kommunikationswissenschaften. Da habe er das echte Du kennengelernt, das Kohlekumpel und Stahlarbeiter sprechen, ohne Attitüde, und die damit „zeigen, dass man zu einer Gemeinschaft gehört, die aufeinander angewiesen ist – wo es echte Solidarität gibt und nichts von diesem aufgesetzten Start-up-Duzen, das man heute so häufig findet“.

Hinter dieser scheinbar vertrauten Anrede steckt nichts Verbindliches. Hinter dem Du gähnt das Nichts. „Und das ist der Punkt: die Bedeutung, die wir dem zumessen.“ Was steckt eigentlich hinter der vorgeschobenen Nähe? Wie viel Distanz ist da?

Kapitzky zerlegt nach dem Metaplan-Modell jede Organisation zunächst in drei Ebenen. Erstens „die Schauseite, also das, was man nach außen hin sein möchte. Da steht dann drüber, wie toll man ist, wie engagiert, wie transparent und innovativ und kundenorientiert“, kurz, so der erfahrene Berater, „der ganze Zirkus, von dem die Mitarbeiter drinnen wissen, dass man davon nicht unbedingt viel halten muss“. Dann gibt es die zweite Ebene: „Die ist die der internen Regeln, Strategien, Ablaufpläne, alles, was man für den Betrieb braucht und was sich klar und eindeutig formulieren lässt.“ Aber der Bereich, in dem „wirklich die Musik spielt, das wahre Leben ist, ist das, was wir Informalität nennen“.

Diese Informalität ist ganz nah und ganz laut, aber man kann sie nicht fassen. Neue Mitarbeiter lernen sie erst, wenn ihnen die alten wohlgesonnen sind. Dann sagen sie Sätze wie: „Ich sag’ dir mal, wie es hier wirklich läuft.“ Ab hier herrscht Nähe, das Du. Informalität ist die Realität in nächster Nähe. Weißte Bescheid?

Das Ausmaß der Informalität ist meistens eine Frage der Größe und der Entwicklung eines Unternehmens. „Dort macht jeder alles – viele Kompetenzen sind unklar, und die Arbeitsteiligkeit ist nicht hoch entwickelt“, sagt Jens Kapitzky. Große oder ältere Unternehmen hätten das „meist hinter sich. Sie sind in weiten Teilen klar geregelt, was man sowohl als Orientierungshilfe als auch als Einengung verstehen kann.“ Manche Manager sehnten sich dann nach früher zurück und glaubten, durch das Kumpeln und das Orientieren an Start-ups käme so etwas wie eine kreative Stimmung auf. Das aber sei „einfach eine Illusion“.

Darum wirkt es auch so merkwürdig, wenn das Führungspersonal von Konzernen einen auf Start-up-Kultur macht: aufgesetzt halt – so, als sänge ein Rudel älterer Leute mit brüchiger Stimme „Forever Young“. Das klingt, wie es aussieht: komisch.

K o m m  d o c h  n ä h e r !

Äquidistanz ist für das Funktionieren des Gemeinwesens elementar.

7. Echte Nähe

Warum ist das so? Weil solche Leute, ganz gleich, wo sie in der Hierarchie stehen, „organisationsblind sind,“ sagt Kapitzky. „Sie kennen das Koordinatensystem ihrer eigenen Firma nicht, und deshalb können sie zwischen echter Nähe und nötiger Distanz nicht unterscheiden.“ Der Erfolg und das Erwachsenwerden von menschlichen Organisationen hat mit dem Verstehen zu tun, dass es nicht nötig ist, dass wir uns alle lieb haben, uns nahestehen.

Die Firma und die Gesellschaft ist keine Familie. Sie ist dann erfolgreich, wenn jeder das tut, was er am besten kann. Dazu müsse man sich nicht nahestehen, sondern einfach akzeptieren, dass es Interessen gibt, und damit „Reibung zwischen den Menschen und Abteilungen, das ist so sicher wie dass morgen die Sonne aufgeht“. In der Praxis heißt das: Harmonie verblödet. Der Streit ist normal und nichts Schlechtes. Die Sucht nach Nähe ist nur ein Versuch, sich der Mühe zu entziehen, „Interessen immer wieder verhandeln zu müssen“, so Jens Kapitzky.

Wer glaubt, dass sich Interessenkonflikte wegduzen lassen, ist auf dem Holzweg. „Die Konflikte gibt es ja auch, wenn man sie nicht aussprechen darf – sie werden nur härter und hinterhältiger ausgetragen. Wer keine klaren Regeln macht, sorgt dafür, dass es schmutzig wird“, sagt Kapitzky. Falsche Nähe sorge für Ärger und endlose Machtkämpfe – das lasse sich in den Start-ups auch ständig beobachten. Man streitet sich und scheitert, ohne was gelernt zu haben. Zu viel Nähe sorge für menschliche Enttäuschungen.

Was hilft? Kapitzky hat einen einfachen, aber wohl wirksamen Rat: „Es geht um das ehrliche Verstehen und Akzeptieren, wie Menschen ticken. Wir können und müssen nicht alle Freunde sein. Aber es wäre schön, wenn wir unsere Interessen klarlegen könnten.“

Nähe heißt, Menschen so sein zu lassen, wie sie sind. Sie nicht erziehen und belehren und ihnen nicht mehr auf die Pelle rücken, als es gut sein kann. Das liegt nicht im Zeitgeist, aber in unserem Wesen. Gerade fahren, Spur halten, immer ein wenig Abstand.

So kommt man am besten voran. ---