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Gesellschaft

Globalisierung und Migration führen die Menschen enger zusammen. Doch wie viel Vielfalt verträgt eine Gesellschaft? Und wie kommen Fremde miteinander klar? Eine Annäherung.




1. Heimat

Thomas de Maizière war unzufrieden, das wollte er so nicht stehen lassen. Eine Initiative des Deutschen Kulturrats hatte im Frühjahr vergangenen Jahres 15 Thesen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgearbeitet, die zu beschreiben versuchten, welche Werte die Menschen in Deutschland miteinander verbinden. Auslöser waren die heftigen Diskussionen über den Umgang mit Migration gewesen.

Alle möglichen Gruppen beteiligten sich an der Initiative: die Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Bundesregierung, Länder, Kommunen, Medien und Sozialpartner. Auch de Maizière gehörte ihr als damaliger Bundesinnenminister an. Als er das Ergebnis absehen konnte, erstellte er jedoch schnell einen eigenen Zehn-Punkte-Katalog zur „deutschen Leitkultur“ und veröffentlichte ihn in der »Bild am Sonntag« – etwa zwei Wochen bevor die Kulturrat-Initiative ihre Thesen vorlegte.

Geist und Ton der beiden Schriftstücke klaffen weit auseinander. Die 15 Thesen der Initiative preisen die Vielfalt Deutschlands, heben die Rolle des Grundgesetzes als Grundlage des Zusammenlebens hervor, weisen darauf hin, dass Umgangsformen und kulturelle Gepflogenheiten keineswegs starr sind, sondern einem Wandel unterliegen, und betonen, dass Religion auch in den öffentlichen Raum gehört.

De Maizière wollte dagegen die Grenzen des Deutschseins enger ziehen. Der erste seiner zehn Punkte schließt mit den Worten: „Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.“

Seine Ausführungen zur deutschen Kultur sind manchmal schlicht politisch („Die Nato schützt unsere Freiheit“) und manchmal unfreiwillig komisch („Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“). Sie unterstreichen, dass es unmöglich ist, die Mitglieder einer pluralistischen Gesellschaft auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Habe er sagen wollen, möchte man den ehemaligen Bundesinnenminister polemisch fragen, dass alle Burkalosen zu Deutschland gehören und alle Küsschen-statt-Handgeber nicht?

Dennoch drückt sich in de Maizières Heimatkunde ein allzu verständliches Bedürfnis aus. Das Bedürfnis nach Orientierung und Harmonie angesichts der giftigen Debatten, etwa über Kopftuch und Zwangsehe, die mit der Einwanderung aufkamen.

Einheitliche Traditionen und soziale Gepflogenheiten erleichtern das Zusammenleben, man versteht sich, man fühlt sich sicher. Vielfalt macht es anstrengender. Zuwanderer, auch gut integrierte, verändern das Land. Ein Teil der alteingesessenen Bevölkerung befürchtet den Verlust von Heimat, lehnt Zuwanderung ab und wählt die AfD. Ist das – genauso wie der Ruf nach einer deutschen Leitkultur – nicht ein Indiz dafür, dass zu viel Vielfalt die Gesellschaft überfordert?


Für die einen einer der coolsten Orte, für die anderen Horror: Szenen aus dem von verschiedenen Kulturen und Milieus geprägten Bezirk Berlin-Neukölln

2. Konkurrenz

Der Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani hat darauf eine klare Antwort: Nein. Dass zurzeit so heftig gestritten wird, sei ganz im Gegenteil ein gutes Zeichen. Die Gesellschaft wachse zusammen. „Wir kommen uns näher, und gerade deswegen gibt es Zoff.“ Kürzlich ist sein Buch zum Thema erschienen: „Das Integrationsparadox – warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt.“

Der 40-Jährige ist Professor für Politikwissenschaft und seit April dieses Jahres Abteilungsleiter im Integrationsministerium von Nordrhein-Westfalen. Seine Eltern sind Anfang der Siebzigerjahre aus Syrien nach Deutschland gekommen. Er wuchs im Ruhrgebiet auf und kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als Einwandererkind im Deutschland der Achtzigerjahre. „Diskriminierung gehörte zum Alltag“, sagt er, „Migranten hatten es viel schwerer als heute.“

Deren Nachfahren, zeigt die Bildungsforschung, gehen inzwischen immer häufiger aufs Gymnasium und zur Universität. Mit der besseren Bildung sind auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die Gehälter und die Ansprüche auf Zugehörigkeit gestiegen.

„Manche Menschen mit Migrationshintergrund“, so El-Mafaalani, „fragen sich, was sie noch alles tun müssen, um anerkannt zu sein und vollständig dazuzugehören: Sprache, Staatsbürgerschaft, Gefühl und Heimat, alles deutsch, und trotzdem fehlt immer etwas.“ Auf der anderen Seite hätten manche Alteingesessene das Gefühl, ihre Heimat und Identität zu verlieren. Beide hätten irgendwie recht. „Das ist der Prozess des Zusammenwachsens. Der dauert lange und tut weh.“

Die hitzig diskutierte Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, sei Ausdruck dieses Konflikts, aber auch des Fortschritts. „In den Neunzigerjahren wäre die Frage ein schlechter Witz gewesen oder gar nicht verstanden worden, weil die Antwort ein bedingungsloses Nein gewesen wäre. Auch die meisten Muslime hätten mit Nein votiert. Heute hingegen wird die Frage nicht einheitlich beantwortet, es ist eine 50:50-Situation.“

Dass Integration zu mehr Konflikten statt zu Harmonie in der Gesellschaft führen soll, klingt zunächst wie ein Widerspruch. Aber Integration bedeutet ja nicht, dass es keine Unterschiede mehr gibt, sondern mehr Teilhabe und damit neue Konkurrenz. Minderheiten sitzen nicht mehr in der Ecke, sondern mit am Tisch und wollen auch etwas vom Kuchen.

In den Achtzigern, als El-Mafaalani Schüler war, kamen ihm nach der letzten Stunde oft kopftuchtragende Frauen entgegen, die zum Putzen ins Schulgebäude hineingingen. Sie sprachen kaum Deutsch, mussten schwere Arbeit leisten, um die Familie über Wasser zu halten. „Das Kopftuch“, sagt er, „hat damals niemanden gestört, es wurde ja nur von Putzfrauen getragen.“ Nicht mehr okay sei es erst gewesen, als es Frauen trugen, die studierten und Lehrerinnen wurden.

3. Parallelgesellschaften

Der Konflikt ist laut El-Mafaalani kein rein sozialer. Es gehe nicht nur um Verteilung, sondern auch um Identität. Das mache die Situation so diffus. Das ermögliche es der AfD, Wähler aus den unterschiedlichsten Milieus zu gewinnen. Es sei kein Konflikt zwischen Kulturen, sondern um die Kultur. Was macht ein gutes Leben aus? Um diese Frage stritten Befürworter und Gegner einer offenen Gesellschaft.

Der Migrationsforscher liegt hier auf einer Linie mit dem Soziologen Andreas Reckwitz, der von einer neuen Klassengesellschaft spricht, in der es eine alte und eine neue Mittelschicht gibt, die Gefahr laufen, wie Parallelgesellschaften nebeneinander zu existieren: die Angehörigen der ersten haben meist keine Universität besucht und leben eher in den Kleinstädten, materiell durchaus gut gesichert und noch der Welt verhaftet, in der alle einen ähnlichen Lebensstil verfolgten. Sie meinen, nicht mehr mithalten zu können mit den Angehörigen der neuen Mittelschicht, die einen Wertewandel forcieren, weg von Normen, hin zu Selbstentfaltung, Kosmopolitismus, Vielfalt.

Die Kluft lasse sich wunderbar an Berlin-Neukölln illustrieren, sagt El-Mafaalani. Für die einen sei dieser von unterschiedlichsten Milieus und Kulturen geprägte Stadtbezirk ein Sehnsuchtsort, was sich nicht zuletzt in den hohen Mieten widerspiegele. „Für die anderen hingegen, die eine historisch gewachsene, Sicherheit versprechende Gleichheit als Bedingung für Heimat verstehen, ist der Bezirk eher ein Gräuel.“

Auf eine Leitkultur, die für alle gelten soll, werde man sich kaum einigen können. Je mehr wir uns der offenen Gesellschaft annäherten, umso stärker würde die Gegenwehr, prophezeit El-Mafaalani. Der Konflikt sei unumgänglich und sollte, so seine Kernbotschaft, positiver wahrgenommen werden. „In einer offenen Gesellschaft ist Streitkultur die beste Leitkultur.“


Der einstige Problembezirk hat sich in den vergangenen Jahren zum Szeneviertel entwickelt: Armut und soziale Spannungen gibt es in den Vierteln zwischen Hermannplatz, Sonnenallee und dem Tempelhofer Feld zwar nach wie vor, doch längst zieht Neukölln auch Hipster, Studenten und Touristen aus aller Welt an

4. Respekt

Eine aktuelle Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung zeigt: Die Nachfahren türkischer Migranten fühlen sich Deutschland heute weniger verbunden als noch vor 2010. Denn danach folgten die Sarrazin-Debatte und der NSU-Skandal, Pegida und AfD betraten die politische Bühne. Viele Deutschtürken wandten sich ab, oft die, die bestens Deutsch sprechen und gut verdienen.

Für El-Mafaalani sind das temporäre Rückschläge im Prozess des Zusammenwachsens.

Und wie gibt es wieder Fortschritte? Bernd Simon, Sozialpsychologe und Leiter der im September neu gegründeten Forschungsstelle Toleranz der Universität Kiel, sieht die Mehrheitsgesellschaft, sprich die alteingesessenen Deutschen, in der Pflicht. Einzufordern, dass die Menschen die Lebensstile von Fremdgruppen wertschätzten, bringe allerdings nichts. „Realistischer ist die Forderung nach Toleranz“, sagt Simon, „Toleranz setzt Ablehnung nämlich geradezu voraus.“ Sie verlange aber auch, dass die Ablehnung gezügelt wird.

In seinen Studien, die Schwule und Lesben sowie Muslime als gegensätzliche Pole eines kulturellen Spektrums in den Blick nehmen, macht er Respekt als entscheidende Größe aus, die gegenseitige Ablehnung zähmen und so für Stabilität innerhalb der Gesellschaft sorgen könne. Simon stellte überdies bemerkenswerte Parallelen fest: Beide Gruppen fühlten sich respektiert, wenn sie trotz ihrer Andersartigkeit als gleich anerkannt wurden. Zudem zeigte sich, dass die Einstellung der Schwulen und Lesben umso positiver gegenüber Muslimen war, je stärker sie davon ausgingen, dass Muslime Schwule und Lesben respektierten, und je stärker sie sich von der Gesamtgesellschaft als Gleiche anerkannt fühlten. Das heißt: Wer selbst Respekt erfährt, erwidert ihn beziehungsweise gibt ihn weiter, auch über Gruppengrenzen hinweg.

Mit ihrer Identität als andersartige Gleiche unterbreiteten Minderheiten der Mehrheitsgesellschaft ein Angebot, das diese nicht ausschlagen sollte, sagt Simon. Durch Sarrazin, NSU, Pegida und AfD sahen viele Deutschtürken ihre Anerkennung infrage gestellt. Ihre Zugehörigkeit zu betonen ist daher vor allem für Parteien und Regierende ein Gebot der Stunde.

5. Übersetzen, aushandeln, ringen

Und wie überzeugt man jene, die den Verlust von Heimat beklagen, vom Respekt gegenüber Migranten und ihren Nachfahren? Der Ethnologe Tilmann Heil empfiehlt Pragmatismus. Viel lehrreicher als Diskussionen über den konzeptionellen Überbau von Gesellschaft sei der Blick auf das, was wirklich passiert, wenn Menschen aus verschiedenen Ecken der Welt an einem Ort zusammenleben. Heil hat über einen längeren Zeitraum Begegnungen von Einwanderern aus dem Senegal mit der bereits ansässigen Bevölkerung in Katalonien im Norden Spaniens beobachtet. Dass die Afrikaner die fremde Sprache nicht perfekt beherrschten, sei kein Problem gewesen, so eine seiner Erkenntnisse. „Ein paar Brocken Katalanisch reichten, um Verständnis und Anerkennung zu erzeugen.“

Große Bedeutung hatte das Grüßen. Insbesondere bei der älteren Generation beinhaltet es ein Gespräch über die ganze Familie. Ein kurzes „Hallo“ oder nur Kopfnicken gilt als respektlos. Heil beobachtete, dass die Senegalesen in Katalonien schnell ein Gespür für die dort üblichen Formen des Grüßens bekamen, und sich so einen respektvollen Umgang erwarben und ihn auch einfordern konnten. Mit anderen Worten: Sie übersetzten die eigenen sozialen Gepflogenheiten und handelten mit den Katalanen ein für beide Seiten akzeptables Miteinander aus.

Auch Konflikte, etwa darüber, wie laut man als Gruppe im öffentlichen Raum sein darf, nahm der Ethnologe als positiv wahr, weil sie, ganz im Sinne El-Mafaalanis, ein produktives Ringen im Prozess des Zusammenlebens sind. Resümierend sagt Heil: „Es ist faszinierend zu sehen, wie Situationen zum Gefallen aller ausfallen, obwohl zunächst kaum Gemeinsamkeit vorhanden ist.“


Wo früher Flugzeuge starteten, gibt es nun mehr als 300 Hektar Freiraum für Spaziergänge, Sport und Kunstprojekte: das Tempelhofer Feld

6. Kulturschock

Das bestätigt Imme Gerke, eine Verhaltensbiologin, die Kurse für den Umgang mit Menschen fremder Kulturen anbietet. Sie betont allerdings: „Das aktive Gestalten solcher Situationen setzt gewisse Kompetenzen voraus.“

Gerke ist viel in der Welt herumgekommen, hat lange in Madagaskar und Westafrika gelebt. Nachdem in den Neunzigerjahren eine kanadische Blauhelmtruppe in Somalia einen Mann brutal gefoltert und ermordet hatte, warf Gerke der kanadischen Regierung vor, die Soldaten auf ihren Einsatz in der Fremde nicht genügend vorbereitet zu haben. Daraufhin wurde sie als Beraterin angeheuert. Mit ihrem Mann erarbeitete sie für das kanadische Militär einen Kurs zum kreativen Umgang mit Kulturschocks. Den bietet sie in Bremen nun in abgespeckter Form für jedermann an.

Die Globalisierung lasse sich nun mal nicht aufhalten, sagt sie. Viele Leute seien bei Begegnungen mit fremden Kulturen verunsichert, weil sie nicht wüssten, was auf sie zukommt. „Wir haben aber ein angeborenes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Sicherheit.“

Der Hauptteil ihres Kurses besteht aus der Konfrontation mit Situationen, die Gerke selbst erlebt hat. Manche sind vergleichsweise harmlos, wie die plötzlich entstehende Unruhe unter den Bewohnern eines madegassischen Dorfes, nachdem Gerke ein Foto von ihnen gemacht und es ihnen gezeigt hatte. Andere sind bedrückend, wie der Moment, als sie in einem Auto sitzend beobachtet, wie eine aufgebrachte Gruppe von Leuten direkt neben ihr einen Mann fast zu Tode prügelt. Die Kursteilnehmer lesen einen Bericht über diese Szenen, der nur beschreibt, was passiert. Die Erklärung für das Verhalten wird offen gelassen.

„Die Teilnehmer sollen einen Kulturschock erleben, eine Situation, in der die erlernten Routinen nicht weiterhelfen“, sagt Imme Gerke. Oft sei die Verunsicherung förmlich zu spüren, „manche Teilnehmer werden ganz still oder gehen kurz vor die Tür“. Mithilfe von Gesprächen in Kleingruppen und Rollenspielen gehe es dann darum zu erfahren, dass man nicht hilflos ist, sondern die Situation verändern kann.

Gerke möchte, dass die Deutschen Begegnungen mit fremden Kulturen als bereichernd empfinden. Ob man dafür einen Kurs braucht oder einfach die Bereitschaft, mal mit dem syrischen Nachbarn zu sprechen, sei dahingestellt. Wenn sie von ihren eigenen Erlebnissen erzählt, lernt man jedenfalls eines: zu schätzen, wie Menschen, die zu uns kommen, sich in der für sie fremden Kultur zurechtfinden. ---