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Freundschaft

Was bedeutet Freundschaft in Zeiten von Facebook? Antworten gibt der Philosoph Björn Vedder.




brand eins: Herr Vedder, wie wichtig ist Freundschaft?

Björn Vedder: So wichtig wie noch nie. Wenn Sie Menschen fragen, was ihnen wichtig ist, liegt sie meist auf den vorderen Plätzen. Sie ist oftmals wichtiger als die Liebe oder auch die Karriere. Denn diese Beziehungen erodieren, während die Freundschaft als beständig gilt.

Was macht sie aus?

Freundschaften sind Beziehungen, die auf gegenseitiger Anerkennung beruhen und über die wir uns versichern, dass wir liebenswürdig sind. Danach streben wir auf zwei Arten: Es gibt zum einen den Wunsch, von wenigen Menschen, die wir sehr gut kennen, anerkannt zu werden. Das ist die qualitative Bestätigung aus dem engen Kreis der Freunde. Andererseits gibt es die quantitative Bestätigung, bei der wir von möglichst vielen möglichst häufig, aber oberflächlich anerkannt werden wollen.

Ist also Anerkennung der entscheidende Antrieb?

Das war sie schon immer. Die Art der Anerkennung aber hat sich geändert. Früher galt: Der Mensch will zunächst einmal allgemein geliebt werden. Das bedeutet, die Anerkennung erzeugt er selbst, indem er den Erwartungen der Gesellschaft entspricht.

Und heute?

Im späten 18. Jahrhundert beginnt sich die moderne Persönlichkeit zu entwickeln. Die allgemeine Liebe reicht uns seitdem nicht mehr. Der Mensch will etwas Besonderes sein, etwas Einzigartiges, und dafür geliebt werden. Wir versichern uns also gegenseitig, dass wir liebenswert sind. Das ist die Essenz moderner Freundschaften. Diese Bestätigung suchen wir in herkömmlichen Freundschaften, die in Zahl und Qualität übrigens dieselben wie früher sind, und in sozialen Netzwerken. Über sie bekommen wir die quantitative Anerkennung.

Wie hat sich die Idee der Freundschaft historisch sonst noch verändert?

Bis ins 19. Jahrhundert, etwa zu Zeiten der Romantik, galt die viel besungene Freundschaft in der Not. Oder auch die Idee der Kameradschaft. Beides sind Konzepte, die nicht so stark auf Anerkennung, sondern auf Verbrüderung beruhen: Ich habe dir geholfen, jetzt hilfst du mir. Das ist in Systemen ohne soziale Absicherung wichtig, hat sich aber überlebt.

Warum?

Wenn wir uns heute am Konzept der Freundschaft in der Not orientieren und trotzdem vom Freund individuelle Anerkennung bekommen möchten, ist das fatal. Wir können uns dann nicht sicher sein, ob der Gefallen nun eine Dienstleistung ist oder die Suche nach Anerkennung. Es entsteht das Problem der Heuchelei. Denn wir tauschen dann zwar Dienstleistungen, tun aber so, als wären wir dem anderen aus reiner Liebe behilflich. Wenn wir davon ausgehen, dass alles von Anerkennung bestimmt wird, klingt das narzisstisch. Aber es ist zumindest ehrlich und zunächst einmal weder gut noch schlecht.

Wie sähe die schlechte Seite aus?

Im schlimmsten Fall wird ein Gegenüber zum bloßen Spiegel. Wenn das der Fall ist, findet man nie die Anerkennung, die man sucht – und wird unglücklich. Einseitige Anerkennung ist nichts wert und frustrierend, aber es gibt natürlich Beziehungen, die genau darauf hinauslaufen. Dann ist der Narzissmus schlecht.

Ist Narzissmus das nicht per se?

Auf keinen Fall. Narzisstische Freundschaften haben auch eine große moralische Qualität. In meinen Augen sind meine Freunde immer ein bisschen größer, besser und schöner, ich idealisiere sie, weil ich von möglichst tollen Menschen anerkannt werden will. Das ist etwas Schönes. Auf der anderen Seite frage ich mich: Was ist an mir liebenswert? Und hebe das hervor. Wenn ich von anderen Menschen geliebt werden will, muss ich aus mir jemanden machen, der für andere liebenswert ist. Der Narzissmus macht uns in diesem Fall zu besseren Menschen.

Welche Rolle spielt Facebook dabei?

Das soziale Netzwerk hat eine Doppelrolle: Zum einen hält es uns den Spiegel vor, zeigt uns, wie narzisstisch wir sind. Zum anderen bestärkt Facebook unseren Wunsch nach Geltung, nach Anerkennung, nach Liebe um unser selbst willen. Je einfacher es für mich ist, den Wunsch nach Anerkennung zu befriedigen, desto mehr werde ich das nutzen – und bei Facebook ist das sehr einfach.

Verlieren wir uns immer stärker in diesem digitalen Spiegelkabinett?

Der Wunsch nach Anerkennung kann zumindest quantitativ nie gestillt werden. Wer also ausschließlich auf Facebook nach Anerkennung sucht, wird nie vollends befriedigt werden.

Auch der ständige Vergleich kann einen runterziehen.

Wir stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit, genauso wie Nachrichtenseiten. Niemand schreibt heute mehr: „Björn Vedder … fährt jetzt U-Bahn.“ Das ginge unter. Facebook funktioniert ja nach dem Prinzip: Wer Likes hat, dem wird gegeben. Daran orientieren wir uns und versuchen, möglichst auffällige Posts zu setzen. Das ist nicht zwangsweise schlecht. Denn wir überlegen uns: Was ist denn liebenswürdig, wofür kriege ich Likes? Das hilft zu reflektieren und führt mir vor Augen, dass ich mich zu jemandem machen muss, der tatsächlich liebenswert ist.

Waren unsere Großeltern weniger narzisstisch? Deren Kegelbahn-Freundschaften halten schließlich immer noch, und unglücklich wirken sie damit nicht.

Ich glaube, es gab damals einfach weniger Möglichkeiten, um Anerkennung zu buhlen. Sonst hätten sie das auch gemacht. Der italienische Filmemacher Federico Fellini erzählt aus seiner Kindheit in Italien, wie er abends mit der Mutter flanieren ging und sie ihn ermahnte, er solle nicht mit dem Finger in der Nase bohren, sondern sich die Frauen anschauen. Man hatte sich herausgeputzt, flanierte im besten Staat und wollte zeigen: Schau, ich bin schön, erkenne mich an.

Wenn es in sozialen Netzwerken so einfach ist – warum suchen wir überhaupt noch irgendwo anders nach Anerkennung und Liebe?

Weil wir den physischen Kontakt brauchen. So richtig kennen kann man sich nur, wenn man sich auch mal anfasst, also begreift. Nur über Kommunikation kann man eine intime Beziehung niemals herstellen.

Das widerspricht aber Ihrer These, dass Facebook-Freunde echte Freunde sind.

Das eine schließt das andere nicht aus. Es gibt eben die beiden Strategien, Anerkennung zu erlangen – und deswegen auch unterschiedlich intime Freundschaften. Wir brauchen beides und nehmen die physischen Freunde auch gern mit ins Virtuelle.


„Der Mensch will etwas Besonderes sein“: Björn Vedder am Ammersee

Und was bringt das?

Digitale Medien erleichtern die Pflege der Freundschaften. Auch wenn alle aufgrund ihrer individuellen Lebenswege in unterschiedliche Städte und Länder ziehen, kann man Kontakt halten. Das ersetzt den physischen Kontakt nicht, aber es kommt dem sehr nahe. Eigentlich ist das wie eine Briefkultur, nur war deren Intimität damals den Eliten vorbehalten, heute ist das durch das Internet demokratisiert.

Das heißt, Facebook rettet Freundschaften, die sonst endeten?

Mein Vater hat sein halbes Leben mit Manni Fußball gespielt. Der Manni hat die Flanken gegeben, und mein Vater hat versucht, ein Tor zu machen. Dann ist mein Vater weggezogen und hat den Manni nicht mehr gesehen, und mit dem Austausch ist auch ihre Freundschaft verschwunden. Solche Beziehungen sind dank digitaler Kanäle heute konstanter.

Wenn wir so viele Möglichkeiten haben, Freundschaften zu pflegen: Warum sind dennoch viele Menschen unglücklich?

Weil in ihren Köpfen noch die alten Ideale vorherrschen: von der Freundschaft in der Not und der Kameradschaft beispielsweise. Diese Konzepte passen nicht zum modernen Menschen. Solange wir unsere Vorstellung von der Freundschaft und unsere Erwartungen nicht an die heutige Zeit anpassen, können wir nicht glücklich werden.

Jetzt kennen wir uns ein paar Stunden. Ich schicke Ihnen dann eine Facebook-Anfrage, okay?

Oh, danke, das freut mich.

Ist das nicht verrückt?

Überhaupt nicht. Das ist großartig. ---

Björn Vedder, 42,
ist Philosoph, Publizist und Kurator. Er beschäftigt sich mit Phänomenen der Gegenwart und hat 2017 das Buch „Neue Freunde – Über Freundschaft in Zeiten von Facebook“ veröffentlicht. Vedder lebt mit seiner Familie in Herrsching am Ammersee.

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Nähe und Distanz.

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