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Wie Anfahren am Berg

Dank einer digitalen Sprachtherapie sollen Stotterer wieder flüssig sprechen können.





• Was haben Nicole Kidman, Ed Sheeran und Marilyn Monroe gemeinsam? Sie haben alle einmal gestottert. So wie rund fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Bei vielen verschwindet es im Laufe der Jahre wieder – 1,2 Prozent der Bevölkerung weltweit leiden jedoch dauerhaft unter dem Problem. Bis heute ist die Ursache des Stotterns nicht vollständig geklärt. Man weiß nur, dass es über alle Berufe, Milieus und Bildungsgrade hinweg auftritt und eine Heilung im Erwachsenenalter nahezu ausgeschlossen ist.

„Sehr viele Stotterer leiden psychisch stark unter ihrer Redeschwäche und ziehen sich deshalb sozial zurück“, sagt Peter Langkafel. „Manche leiden an Depressionen oder Angststörungen, und viele berichten über berufliche Nachteile, weil man sie für weniger intelligent hält.“

Langkafels Software Speechagain hilft beim Lernen einer neuen Artikulationsweise, mit der die Betroffenen das Stottern überwinden können. Diese alternative Sprechtechnik nennt sich „Fluency Shaping“ und erinnert ein wenig an das Anfahren mit dem Auto am Berg. Man muss die Kupplung vorsichtig kommen lassen – für Stotterer heißt das, dass sie bei Fluency Shaping die Worte langsam anschwellen lassen müssen. „Das klingt zunächst etwas ungewohnt, verhindert aber dieses stakkatoartige Hängenbleiben und Wiederholen einzelner Silben“, erklärt Langkafel.

Am Institut der Kasseler Stottertherapie (KST) wird diese Technik bereits seit rund 20 Jahren mit Erfolg angewendet – allerdings hauptsächlich in aufwendigen Sitzungen vor Ort. Speechagain überträgt den Therapieansatz, der wissenschaftlich anerkannt ist und von allen wichtigen Krankenkassen bezahlt wird, ins Digitale. Mit Headset vor dem Computer, Smartphone oder Tablet erlernen die Menschen die neue Artikulationsweise. „Innerhalb von 30 Millisekunden erkennt das Gerät, ob die Aussprache richtig ist“, sagt der Gründer. „Andernfalls kommt ein Signal und ein Hinweis, was zu verändern ist.“ Nach einer Weile bekommen die Patienten Videos von Situationen aus dem realen Leben angezeigt: Brot kaufen beim Bäcker, ein Ticket an der Kinokasse oder jemanden kennenlernen. „Diese Simulationen und ein Transfer in die Realität sind wichtig, denn viele stottern nur, wenn sie in sozialen Stress geraten.“

Um die Software zu entwickeln, haben Langkafel und seine Firma Digital Health Factory mit dem KST ein Joint Venture namens Digithep gegründet, wo rund ein Dutzend Mitarbeiter an Speechagain arbeitet. Am Kasseler Institut wurde die Software etwa ein Jahr lang in Therapiesitzungen erprobt und schrittweise verbessert. Fünf Stunden pro Woche müssen die Patienten in der Anfangsphase investieren. „Das ist nicht leicht, das lernt man nicht in einer Viertelstunde“, sagt Peter Langkafel über die Hoffnungen auf sofortigen Erfolg. „Die Klienten lernen, bestimmte Muskelgruppen beim Sprechen sehr gezielt einzusetzen. Sich eine neue Sprechtechnik anzueignen ist ein wenig wie eine neue Sprache zu lernen, auch das braucht Zeit.“ Erste Verbesserungen seien aber schon nach ein paar Tagen hörbar, nach einigen Wochen funktioniere das Sanft-anschwellen-Lassen so gut, dass man kaum noch einen Unterschied wahrnehmen könne.


Wer die Therapie auf Englisch macht, stottert anschließend auch nicht mehr, wenn er Deutsch spricht – oder umgekehrt.

Heilen kann aber auch die Software nicht: Die Patienten müssen lebenslang weiterüben, allerdings nur noch zwischen 30 und 60 Minuten pro Woche. Ein System aus Sternchen und Stufen, die gesammelt und erreicht werden können, soll sie bei Laune halten: „Wir haben uns sehr genau angesehen, wie Fremdsprachen-Apps wie Duolingo es schaffen, Millionen Nutzer zu motivieren, wenn es darum geht, Spanisch oder Französisch zu lernen.“

Neben dem Eugen Münch-Preis für innovative Gesundheitsversorgung 2017 und anderen Auszeichnungen erhielten die Entwickler im Oktober vergangenen Jahres auch einen Platz im „German Accelerator Tech“, einem Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums. Die damit verbundenen Büroplätze in New York kommen den Gründern gelegen, die USA sind der erste Ort, an dem die Firma ihre Software für 79 Dollar pro Monat anbieten will. Denn obwohl die Kasseler Stottertherapie von den Krankenkassen bezahlt wird, gilt das nicht automatisch für die Onlineversion. „In Deutschland ist der Weg über Verträge mit 144 verschiedenen Krankenkassen sehr mühsam“, sagt Langkafel. „Deshalb beginnen wir zunächst in den USA, wo eine ausgeprägtere Selbstzahlermentalität herrscht.“

Langfristig soll Speechagain aber auch in Deutschland und weiteren Ländern verfügbar sein. Das Faszinierende dabei: Die Methode funktioniert unabhängig von der Landessprache. Wer die Therapie auf Englisch macht, stottert anschließend auch nicht mehr, wenn er Deutsch spricht – oder umgekehrt. ---