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Polygamie in Senegal

Fast die Hälfte der Senegalesinnen teilt sich ihren Ehemann mit weiteren Frauen. Ob und wie sich das rechnet, hat unsere Autorin an einem konkreten Fall untersucht.




• Früher träumte sie oft von dem Mann, den sie einmal heiraten wollte. Er trug sie auf Händen, in ihren Träumen gab es keine zweite oder dritte Frau, der Mann liebte nur eine, und das war sie.

„Nie hätte ich geglaubt, in einer Vielehe zu landen“, sagt Amy Sow – bis sie ihn traf, Amadou Diop (Namen von der Redaktion geändert). „Es war nicht so, dass ich mich in ihn verliebt hätte, als ich ihn zum ersten Mal sah“, sagt sie. „Ich dachte mir nur: Er ist nicht so schlecht. Und mehr habe ich nicht erwartet.“ Am Tag darauf heirateten sie.

Sie hatte es nie eilig damit gehabt. Sie verdiente nicht schlecht, arbeitete in einem der schicksten Spas von Dakar. Sie wusste, dass sie schön war. Das Kopftuch ließ sie meist zu Hause, sie trug enge Kleider und feinen Schmuck. Männer hatten sie gefragt, ob sie heiraten wolle, doch sie hatte immer abgelehnt. Das Leben hätte einfach so weitergehen können, doch das tat es nicht. Denn eines Tages wurde sie 28 Jahre alt.

„Heirate endlich“, sagte die Mutter, „selbst deine jüngeren Schwestern haben schon einen Mann.“ „Heirate endlich“, sagten Onkel, Tanten, Cousinen, Nachbarn. „Du wirst älter und älter und hast noch immer keinen Mann.“ Und sie wusste es ja, weil man es ihr stets eingebläut hatte: Erst die Hochzeit macht dich zu einer richtigen Frau.

„Ich habe einen“, sagte die Tante. „Er ist gut, nein, er ist perfekt. Er lebt in Paris, ein islamischer Prediger.“ Amadou Diop, 49 Jahre alt. Zwei Ehen, die zweite Frau verstorben, insgesamt acht Kinder. Sie telefonierten, er bot ihr den Posten der Zweitfrau an. Einen Monat lang sträubte sie sich. Bis er den Satz sagte, der sie überzeugte: „Ich werde dich Gott näher bringen.“ Da sagte sie Ja. Sie verschenkte ihre kurzen Kleider und trug fortan Kopftuch.

Ein paar Monate später, im November 2004, sah sie ihren Verlobten zum ersten Mal. Er war direkt vom Flughafen gekommen, sein Boubou, sein langes Hemd, war zerknittert von der Reise. Sie saß neben ihm in der Sonne, auf einem Platz im Zentrum, und versuchte sich das Leben an der Seite eines Mannes vorzustellen, von dem sie nicht so recht wusste, was sie mit ihm besprechen sollte.

Am Tag darauf heirateten sie. Das heißt: Eigentlich heiratete nur sie. Er war lieber zu Hause geblieben. An seiner Stelle hatte er einen Freund zur Hochzeit geschickt, das tun viele senegalesische Männer, man nennt den Stellvertreter faux mari, den falschen Ehemann. Ihre Hochzeitsfotos zeigen nicht sie und Amadou, sondern sie an der Seite ihres faux mari.

Seitdem lebt sie in einer Vielehe. Anfangs waren die Frauen zu zweit, bis Amadou Diop nach einem Streit mit Amy beschloss, die Tochter ihrer Cousine zu heiraten. Würde der Patriarch heute ein Foto von seiner Familie machen lassen, dann wären darauf zu sehen: er, seine drei Frauen und die vierzehn Kinder.


Hochzeit mit Stellvertreter: die Braut und ihr „faux mari“

Die Vielehe ist vor allem: teuer

Eine solche Familie ist nicht nur emotional, sondern auch finanziell anspruchsvoll. Der Mann ist der alleinige Ernährer. Amy Diop hat ihren Job auf sein Drängen hin aufgegeben. Keine ihrer Mitfrauen arbeitet. Jede hat ihre eigene Wohnung. Amy Diop, die lange das Geld verwaltete, das ihr Mann aus Paris an seine drei Frauen schickt, sagt, dass er mindestens 800 000 westafrikanische CFA-Francs (aktuell knapp 1220 Euro) pro Monat für seine Familie ausgebe. Dazu kämen besondere Aufwendungen, „wenn ein Kind krank ist oder Familienfeste anstehen“. 1220 Euro sind in einem Land, in dem das jährliche Durchschnittseinkommen unter 1000 Euro liegt, ein Vermögen. Wer kann sich das leisten?

 

In einem Restaurant an der Küste sitzt die Soziologin Selly Ba und schaut auf das Meer. Sie schreibt eine Zahl auf ein Stück Papier: 35,2 Prozent. Mehr als ein Drittel aller Verheirateten in Senegal leben laut der Nationalen Agentur für Statistik und Demografie (ANSD) in polygamer Ehe. Genauer gesagt: 23,1 Prozent der verheirateten Männer und 44 Prozent der verheirateten Frauen. 1976 waren es noch knapp 52 Prozent der Frauen. „Es ist erstaunlich“, sagt Ba. „Aber die Polygamie ist in Senegal nur geringfügig zurückgegangen.“ Dabei hatten Wissenschaftler bereits in den Sechzigerjahren ihr baldiges Ende vorausgesagt – die Urbanisierung, die Schulbildung für Frauen, der Einfluss westlicher Werte, das sprach für die Kleinfamilie. Vor allem aber haben sich die ökonomischen Grundlagen der Vielehe dramatisch verschlechtert. Wie die meisten Wissenschaftler ist auch Ba der Ansicht, dass die Polygamie in vielen Regionen Afrikas zu einem verbreiteten Familienmodell werden konnte, „weil sie in einer bäuerlichen Gesellschaft, in der es keine Maschinen gab, ökonomisch von Vorteil war: Frauen und Kinder arbeiteten mit auf dem Feld“. Der Mann, der eine große Familie hatte, verfügte auch über viele Arbeitskräfte, die Kosten für sie waren auf dem Land verhältnismäßig gering. Die Polygamie, sagt Ba, sei in Afrika viel älter als der Islam. „Der Islam hat die Polygamie nicht nach Afrika gebracht, er hat sie nur reguliert und legitimiert.“ Früher durfte ein Mann so viele Frauen haben, wie er wollte und sich leisten konnte, der Islam begrenzte ihre Zahl auf vier. Noch immer leben in Senegal mehr als die Hälfte der Menschen auf dem Land, die Agrarwirtschaft ist kaum mechanisiert, für die Bauern dürfte sich also nicht allzu viel verändert haben. Wohl aber für diejenigen, die es in die Städte zieht, wo sie kaum reguläre Arbeitsplätze finden. Die Einkommen sind gering, die Lebenshaltungskosten hoch. Viele junge Männer können es sich nicht leisten, eine Frau zu heiraten, von zwei oder drei ganz zu schweigen. Denn Städterinnen sind anspruchsvoller als die Frauen auf dem Land. Die meisten von ihnen bestehen auf einer eigenen Wohnung, wenn sie eine Vielehe eingehen, und traditionell wird von dem Mann erwartet, dass er für den Lebensunterhalt der Familie aufkommt. Der Heiratsmarkt in Dakar ist komplex, man findet moderne und traditionelle Ehen, muslimische und christliche, monogame und polygame. Es gibt in Dakar weniger Polygame als im nationalen Durchschnitt, laut ANSD sind es 26,4 Prozent der verheirateten Einwohner. Und doch sind es – angesichts der wirtschaftlichen Lage – erstaunlich viele. Für den Mann ist die Polygamie teuer, hat aber neben dem Lustgewinn weitere Vorteile. Die Vielehe steigert sein Prestige und vergrößert die Zahl seiner Nachkommen. Durch die Verbindung mit mehreren Familien kann er zudem wertvolle Allianzen bilden. Die Vielehe gibt es, anders als viele Afrikaner behaupten, nicht etwa deshalb, weil es in bestimmten Ländern mehr Frauen gäbe als Männer – es werden überall etwa gleich viele Jungen und Mädchen geboren. Sondern weil sich in einigen Staaten mit hoher Geburten- und Sterblichkeitsrate Regeln herausgebildet haben, die die Polygamie begünstigen. Weil die Bevölkerung schnell wächst, ist jede neue Generation größer als die davor. Ältere Männer heiraten junge Frauen, haben also eine größere Auswahl. Dazu kommt, dass geschiedene und verwitwete Frauen schnell wieder heiraten. Die Lust des Mannes, seine Bedürfnisse, seine Versorgung im Alter stehen im Zentrum des polygamen Heiratsmarktes. „Der Mann möchte Veränderung“, sagt Selly Ba, „er möchte mit vielen Frauen schlafen. Und deshalb wird es die Polygamie weiterhin geben.“ Die Lust der Frauen spielt bei dem Arrangement keine Rolle. Ihre Lust soll nach patriarchaler Tradition kontrolliert werden, nicht selten wird sie ganz ausgeschaltet. Die weibliche Beschneidung ist in Senegal offiziell seit 1999 verboten, fast ein Viertel der Frauen ist beschnitten. Auch Amy Diop wurde als kleinem Mädchen die Klitoris entfernt, damit sie ihrem Mann einmal die Treue halte. Aber inzwischen bringen immer weniger Mütter ihre Töchter zum Beschneiden. Hört man die Klagen vieler selbstbewusster Senegalesinnen und liest „Une si longue lettre“, den Roman, in dem die Schriftstellerin Mariama Bâ eindrücklich die Leiden einer Frau in einer Vielehe beschreibt, dann bringt die Polygamie den Frauen nur Qual und keine Vorteile. Umso erstaunlicher ist es, dass es oft Mütter sind, die ihre Töchter zur Eheschließung drängen. Und dass ein Parlament mit einem Frauenanteil von 42 Prozent die Polygamie nicht abschafft. Seit 1972 ist sie legal, die Brautleute müssen zu Beginn festlegen, ob sie monogam oder polygam leben wollen – einmal getroffen, kann die Entscheidung nicht rückgängig gemacht werden. Selly Ba, die sich selbst als Feministin bezeichnet, argumentiert auf verschlungenen Wegen gegen die Polygamie. „Früher haben wir viel über Gleichheit gesprochen, doch wir sind auf taube Ohren gestoßen“, sagt sie. „In einer Gesellschaft, in der rund 95 Prozent der Menschen Muslime sind, musst du mithilfe des Islams argumentieren, um Gehör zu finden.“ Also weist Ba darauf hin, dass die Polygamie besser sei, als wenn der Mann einfach nur zahlreiche Affären unterhielte, man nennt sie hier „deuxième bureau“, zweites Büro. Also führt sie aus, dass „die Praxis der Polygamie in den meisten muslimischen Staaten sehr selten geworden ist“, in einigen offiziell verboten, in der Türkei etwa oder in Tunesien. Also argumentiert sie, dass der Prophet Mohammed die Vielehe eigentlich auf wenige Fälle begrenzen wollte – nämlich dort, wo eine finanzielle Notwendigkeit existiere, etwa weil eine Witwe oder Waisen versorgt werden müssen. Im Koran steht: „Heiratet, was euch an Frauen gut scheint, zwei, drei oder vier, wenn ihr aber befürchtet, nicht gerecht zu handeln, dann nur eine.“ Und welcher Mann, fragt Ba, könne diesem Anspruch schon genügen? Ba kennt berufstätige Frauen, die sich bewusst für die Polygamie entschieden haben – weil sie so mehr Freiheit hätten. Sie kennt solche, die sich in einen verheirateten Mann verliebt haben. Und andere, denen das finanzielle Arrangement behage. Sie kennt aber auch viele andere, die sich eigentlich anderes erhofft hatten. Die einer Vielehe resigniert bis widerwillig zustimmten, weil der gesellschaftliche Druck zu groß geworden sein. Gut ausgebildete Frauen, die sich jahrelang auf ihr Studium und ihren Beruf konzentriert haben. Die mit Ende 20 oder Mitte 30 den Druck der Familie spüren. Und plötzlich sind da gar nicht mehr so viele junge Männer, die unverheiratet sind und einen Job haben, die heiraten können oder wollen. Und plötzlich ist da dieser ältere verheiratete Mann, der einem die Position der Zweitfrau bietet. Einer wie Amadou Diop. Nur: Wie kann er sich das eigentlich leisten?


Die mit der Polygamie verbundenen Probleme sind ein gutes Geschäft – für den Marabout

Mann braucht: Abwechslung

Der 62-Jährige war gegen das Interview. Das hatte seine Frau Amy Diop gleich zu Beginn klargemacht. Was solle es da groß zu reden geben. Sie könne ja machen, was sie wolle. Aber bitte ohne ihn.

Also sitzt man auf schweren Ledersesseln in ihrem Wohnzimmer in Guédiawaye, einem Vorort Dakars, dort, wo die Betonstraßen zu Sandpisten werden. Der Herr des Hauses lässt sich lange nicht blicken, bis er irgendwann hereinkommt, „um zu beten“. Dann aber setzt er sich, um zu erzählen.

Man müsse, sagt er, das mit der Polygamie so sehen: „Stell dir vor, es gäbe nur eine einzige Fabrik, die Zucker produziert. Was passiert, wenn sie kaputt ist?“ Wenn zum Beispiel eine Frau ein Kind geboren oder ihre Regel habe, dann dürfe man nicht mit ihr schlafen. Und was mache dann der Mann? „Ein Mann braucht Abwechslung. Wenn ich mit einer neuen Frau zusammen bin, ist mein Herz glücklich.“ Frauen bräuchten keine Abwechslung, findet er. „Die Männer wurden anders geschaffen als die Frauen. Ein Mann kann der Versuchung viel weniger widerstehen. Man sieht das schon daran, dass Gott uns erlaubt hat, vier Frauen zu haben. Die Frau muss widerstehen, weil sie es kann. Sonst versündigt sie sich.“

Der Polygame sei ehrlicher als der Monogame, der fremdgehe, sagt Amadou Diop. Immerhin übernehme er Verantwortung. Immerhin blieben die Kinder und auch die Frauen in stabilen Verhältnissen, selbst wenn sich der Mann in eine neue verliebe.

Finanziell lohne sich das alles gar nicht. „Hätte ich nicht so eine große Familie“, sagt er, „wäre ich längst ein reicher Mann.“ Er sei polygam, weil er daran Geschmack gefunden habe.

Es sei eine Frage des Managements, sagt er. „Man muss denken können. Organisieren.“ Man müsse dafür nicht studiert haben, er persönlich habe nur eine religiöse Schule besucht, „doch du musst auf Zack sein“.

Zuerst sei er in die Elfenbeinküste gegangen, um dort mit Lebensmitteln zu handeln, so habe er sich die drei Häuser erarbeitet, in denen jetzt seine drei Frauen leben. „Europa ist vorbei. In Afrika kannst du Geld machen. Da liegt das Geld auf der Straße.“

Danach sei er nach Paris gegangen mit einem Touristenvisum, er sei untergetaucht und habe ein Jahr als Illegaler gelebt, bis es ihm gelungen sei, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

In Paris führt Amadou Diop das Leben eines Habenichts, und keiner, der ihn sieht, käme auf die Idee, dass er in Senegal wie ein Fürst lebt. Mit fünf, sechs anderen Afrikanern teilt er sich ein Zimmer für 500 Euro in einem Banlieue, „so können wir uns 80 Prozent der Kosten sparen“. Er verrichtet die Jobs, die er finden kann, mal verdinge er sich als Reinigungskraft in einem Hotel, dann erledige er Reparaturarbeiten. Nebenbei bietet er seine Dienste als islamischer Prediger an. „Ich schaue nicht nach links und nicht nach rechts, ich esse nur zweimal am Tag, ich lebe wie ein Junggeselle. Ich koche, putze, wasche selber.“

Paris, sagt Amadou, das sei kein Leben. Doch alle drei, vier Monate komme er zurück nach Senegal. Und dort wandelt sich sein Leben auf wundersame Weise. Er muss nicht putzen, waschen, kochen, er wird gehegt und umsorgt. Er verbringt jeweils einen Monat bei einer seiner Frauen. „Und natürlich gibt es Konkurrenz zwischen ihnen. Jede versucht, es dir besonders schön zu machen.“

Ihm persönlich, sagt er, reichten seine drei Frauen. „Ich habe mich an sie gewöhnt, ich will sie nicht missen, und ich will auch keine neue mehr.“ „Ha“, wirft Amy Diop ein, „glaube keinem senegalesischen Mann. Eure Versprechen zählen nichts. Gar nichts. Du kannst auch mit 90 noch eine andere heiraten. Wäre ich ein Mann, ich hätte nur eine einzige Frau.“

Es ist der Moment, in dem sich das Interview in einen kleinen Ehestreit verwandelt. Genüsslich ziehen sich die beiden gegenseitig auf. Eifersüchtig sei sie, klagt er. Und faul obendrein: „Heute hast du bis zehn Uhr morgens geschlafen, bis kurz bevor die Journalistin kam.“ Die Frauen, sagt er, wollten mehr und immer mehr. „Dauernd wünschen sie sich neue Kleider. Hatten sie einmal auf einer Feier eines an, wollen sie es nie wieder tragen. Sie schlafen viel. Sie essen viel. Sie verschwenden Wasser. Wir Männer geben einfach alles.“

Sie hält ihm vor, seine Versprechen nicht zu halten: Eine eigene Boutique habe sie bekommen sollen, mit Prêt-à-porter und allem Pipapo. Und jetzt biete er ihr gerade mal an, auf dem Markt mit Zeug zu handeln. Nach Paris wolle sie! „Ich würde ein neues Leben beginnen! Mich völlig neu erfinden!“

„Einen Teufel werde ich tun“, schnaubt er. „90 Prozent der Frauen, die Afrikaner mit nach Europa nehmen, trennen sich von ihnen. Plötzlich haben sie ihre Freiheit und rennen weg.“

Die Polygamie, sagt Amy Diop, als ihr Mann das Zimmer wieder verlassen hat, habe einen Vorteil und viele Nachteile. Ginge der Mann zu einer anderen, habe man einen Moment lang seine Ruhe. „Doch dann ist da die Eifersucht. Die Frauen sind so eifersüchtig. Und dann gehen sie zum Féticheur, zum Wunderheiler, um den Mann und ihre Nebenfrauen zu verhexen. Das schafft so viele Probleme. Der Mann ist wie ausgewechselt, er ist aggressiv, ganz ohne Grund und alles nur wegen der Hexerei.“

Es profitiert: der Wunderheiler

In einem dunklen Zimmer im Erdgeschoss sitzt auf seinem Gebetsteppich Seydou Nourou, 69 Jahre alt. Er ist groß und hager, eines seiner Augen schaut ins Nichts. Vor ihm liegt eine Decke voller Sand, aus der liest er seinen Kunden die Zukunft, neben ihm stehen Behältnisse mit Kräutern, aus denen braut er ihnen Zaubertränke.

Nourou kennt die Untiefen der Polygamie, die quälende Eifersucht, denn all die Unglücklichen des Viertels landen eines Tages bei ihm. Er ist ein Marabout, ein islamischer Geistlicher, der seinen Kunden ein breites Angebot an Dienstleistungen offeriert: Gebete, Segnungen, Wunderheilungen und Problemlösung aller Art. Der Marabout ist eine besondere Figur. Als Sufi-Missionare den Islam vom neunten Jahrhundert an nach Senegal brachten, verwob er sich mit den einheimischen Traditionen und wuchs zu einer ganz eigenen, afrikanischen Religion, die lange Sache der Oberschicht blieb. Erst im Widerstand gegen die französische Kolonialmacht wandten sich viele Menschen diesem Glauben zu.

Nourou sagt, dass ihn Männer wie Frauen, Singles wie Verheiratete besuchten, am häufigsten aber kämen Frauen, die sich darüber beklagten, dass der Mann eine andere liebe. „Manche bitten darum, dass die andere verschwinde, sterbe, krank oder verrückt werde, das aber verbietet der Islam.“ Was er hingegen bieten könne: eine Sure aufsagen, die den Mann dazu bringe, seine verstoßene Frau wieder mehr zu lieben.

Seien die Kundinnen mit seiner Arbeit zufrieden, stehe die Zahlung an, die Preise berechne er mit Blick auf Aufwand und Zahlungsfähigkeit. Die Liebes-Sure koste zum Beispiel 50 000 CFA-Francs, umgerechnet 76 Euro. Weigerten sich die Kunden zu zahlen, sage er ihr die Sure einfach von hinten nach vorn auf, der Zauber verfliege dann. Nourou zuckt mit den Schultern. „Und dann haben die Leute eben wieder ihre Probleme.“

Seine Klienten scheinen Nourou zu schätzen. Der Kühlschrank in der Ecke dort? Habe ihm eine Kundin geschenkt, die verzweifelt war, weil ihr Mann sie wegen einer anderen verlassen habe. Nach seinen Gebeten kam er zurück, „jetzt leben sie zu dritt in glücklicher Polygamie“. Die Gefriertruhe da draußen? Eine Gabe einer anderen Kundin, „sie lebt in Monogamie, doch ihr Mann gab ihr zu wenig Geld. Dank meines Einsatzes ist er wieder spendabler geworden“.

80 Prozent der verheirateten Frauen gingen zu einem Marabout, sagt Nourou. Und 70 Prozent der Männer, die kämen, weil sie befürchteten, verlassen zu werden, weil sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten seien. Diejenigen, die nicht vor ihm stünden, seien die Glücklichen, sagt Nourou. Deren Liebe ganz ohne Zauber funktioniere, „die pure Liebe“. Aber wer habe die schon?

Die Geschäfte liefen jedenfalls blendend, was leider dazu führe, dass es in seinem Metier viele Quacksalber und Schwindler gebe. Er hingegen habe die Kunst von seinem Vater gelernt und praktiziere seit 40 Jahren. Wenn er sich recht erinnere, dann seien die Geschäfte überhaupt noch nie so gut gelaufen. „Es sind die Zeiten. Die Konsumgesellschaft. Jeder will mehr. Jeder hat viele Begierden. Die Frauen wollen keine Nebenfrauen, die Männer wollen immer mehr Frauen.“

Der Marabout lebt mit drei Frauen zusammen. Er kann es sich leisten. ---

Senegal liegt im Westen Afrikas. Rund 95 Prozent der 15,4 Millionen Einwohner sind Muslime. Sie hängen in der überwältigen Mehrheit den vier Sufi-Bruderschaften an, die einen toleranten Islam vertreten. Die Wirtschaft des Landes wächst schnell, für dieses Jahr rechnen Ökonomen mit einem Wachstum von sieben Prozent. Davon profitieren aber vor allem ausländische, in erster Linie französische Konzerne und eine dünne senegalesische Oberschicht. Senegal ist eines von 58 Ländern weltweit, in denen die Vielehe gesetzlich erlaubt ist, die meisten von ihnen befinden sich in Afrika.