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Rötger „Brösel“ Feldmann

Mit dem Anarcho-Rocker Werner kesselte vor 30 Jahren eine bölkstoffsaufende Comic-Figur durch deutsche Buchläden und Kinos. Sein Erfinder hat sich trotz des späteren Absturzes die Rebellen-Pose bewahrt. Nun versucht er sich an einem Neustart.




• Neulich, nach all den Jahren, krachte er wieder einmal mit dem TÜV zusammen. Den Prüfern hatten Bremslicht und Nummernschild seiner tiefergelegten 1957er-Harley missfallen, die er schräg hinterm Sattel montiert hatte. Sah wesentlich geiler aus, war nur nicht so gut erkennbar, also leider verboten. Fluchend hatte er zwei Tage geschweißt und geschraubt – bis er endlich die Plakette bekam.

Beim Hinausgehen fragte er einen TÜV-Offiziellen, ob ihm klar sei, dass er sich nie auf eine solche „Schiebkarre“ setzen würde? Dass er daher selbstverständlich sofort wieder alles zurückbauen werde? Der Mann zuckte nur mit den Achseln. Es folgten zwei weitere Tage mit Schweißen, Schrauben und Friemeln. Danach war alles wieder beim Alten und Unangepassten. Also wie immer bei Rötger Werner Friedrich Wilhelm Feldmann.

Der Erfinder der motorradkesselnden Comic-Figur Werner, besser bekannt unter seinem Pseudonym Brösel, ist heute ein drahtiger Senior von 68 Jahren. Feldmann trägt immer noch die gleiche Nickelbrille wie zu seinen besten Zeiten, hat nichts von seinem derben Humor, aber einiges an Trinkfestigkeit und Rockermatte eingebüßt. Mit seiner Frau Petra lebt er in einem kernsanierten Bauernhof im Schleswig-Holsteinischen, sie werkeln viel im Garten, kümmern sich um eine Katze namens Anna und fahren einmal pro Woche nach Kiel, um bei einer Bio-Kooperative plastikfrei einzukaufen.

Ausgegangen wird nur noch selten. „Ich komm’ ja nicht mehr raus aus der Burg hier“, sagt Brösel, „ich muss jetzt mit Volldampf zeichnen.“ Darauf achtet Petra, mit der er seit 1999 verheiratet ist. Frau Feldmann sorgt auch mit mütterlicher Strenge dafür, dass der Cartoonist ausreichend Pfefferminztee schlürft und sich warm anzieht, wenn er zum Fotografiert-Werden hinaus in den klarkalten Winternachmittag geht.

Er will es noch mal wissen: Rötger „Brösel“ Feldmann bringt ein neues Werner-Buch heraus und lässt das legendäre Rennen von 1988 wieder aufleben.

Das Revival ist auch Schuldentilgungsprogamm

Und heute? Eigentlich säße er am liebsten in seinem „Lattenheim“, einer Oversize-Gartenlaube mit schwedischem Armeeofen und Blick ins Grüne. Der Bölkstoff, den die Flensburger Brauerei in seiner Lizenz abfüllt und ihm kostenlos auf den Hof stellt, rührt er nur noch in Ausnahmefällen an. Und statt sich aufs Motorrad zu quälen, nimmt er heute, wenn überhaupt, für Ausfahrten lieber den mattschwarzen Mini Cooper mit großer Werner-TV-Werbung auf der Flanke. „Ich lach’ mich dann immer über die greisen Silberpappeln auf ihren Harleys schlapp. Die ham vier lange Unterhosen an, und beim Tanken läuft denen das Wasser in die Stiefel.“

Gegen acht liegt er meistens bereits im Bett. Guckt noch eine Zeit lang „GNTM oder andere Scheiße“, wobei er das Finale selten in wachem Zustand erlebt. Aufgestanden wird um fünf Uhr morgens, spätestens um sieben Uhr sitzt Brösel an seinem alten Kartentisch im ersten Stock des Gehöfts, mit Blick in seinen wunderbaren Garten, Bleistift in der Hand und einer Deadline im Nacken. Ironie des Schicksals: Der selbst ernannte Rebell, der lieber tagelang mit einem Schweißgerät hantiert, als sich Behörden oder Bestimmungen zu beugen, hat sich selbst zum disziplinierten Arbeiten verdonnert.

Denn dummerweise sind von der Achterbahn-Pleite und einem unglücklichen Ost-Immobilieninvest rote Zahlen hängen geblieben. Das neue Buch ist daher nicht nur Revival-Versuch, sondern auch privates Schuldentilgungsprogramm. Im Juni soll es erscheinen, bis zur Druckabgabe bleiben nur noch wenige Wochen. Momentan verlaufe sein Leben zwangsläufig im „EffKah-Zett-Modus“, klagt Brösel, „fressen, kacken, zeichnen“.

Immerhin hat das Ehepaar aus den Trümmern der Insolvenz die Rechte an den alten Werner-Comics gerettet. Die sollen baldmöglichst im familieneigenen Bröseline-Verlag (Geschäftsführerin: Petra Feldmann) neu aufgelegt werden. Auch für ihre Ego-Bude haben die Feldmanns Pläne. „Wir haben keine Nachkommen, da muss man beizeiten darüber nachdenken, was aus dem Haus werden soll“, sagt Brösel. Ideal wäre ein Werner-Museum, sagt seine Frau, mit einer Stiftung zur Kunstförderung und als Teil der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen.

Da passte es perfekt, dass im vergangenen Jahr Holger Hübner und Thomas Jensen bei ihnen auf dem Hof standen. Die Macher des Wackener Heavy-Metal-Festivals waren 1988 selbst Gäste des legendären Ur-Rennens auf dem Hartenholmer Flugplatz gewesen – zwei Jahre, bevor sie ihr eigenes Ding an den Start brachten. „Für Holger und mich war es damals die erste große Festival-Erfahrung überhaupt“, erinnert sich Jensen. „Seither gehört es für uns mit Woodstock und Wacken zu den drei großen Ws der Festivalwelt.“ Und zum 30-jährigen Jubiläum wollen es die beiden routinierten Großveranstalter jetzt wieder auflegen.

Viele Anwohner nahmen damals allerdings weniger schöne Erinnerungen mit. „Es war ein Überfall der Menschenmassen auf unser Dorf“, heißt es in einer Chronik der Gemeinde Hasenmoor. Damals versank ein ganzer Landstrich im Chaos, als statt der erwarteten 100 000 mehr als 200 000 Festival-Besucher ins Dorf strömten, schon am ersten Festival-Tag das Bier ausgetrunken war und am dritten schwerer Regen das Gelände in eine einzige Schlammpackung verwandelte. Viele Besucher, so berichtet die Chronik, hätten ihre Notdurft in Maisfeldern und Hausgärten verrichtet. Auf der Suche nach Brennbarem seien Garten- und Koppelzäune abgerissen und verheizt worden. „Die allgemeine Meinung war, nachdem auch die letzten Nachzügler den Ort wieder verlassen hatten: nie wieder ein Werner-Rennen oder Ähnliches in unserer Gegend.“ Entweder sind die Hartenholmer vergesslich, oder sie vertrauen der Professionalität der erfahrenen Wackener Festival- Macher, jedenfalls soll das Revival jetzt auf exakt demselben Acker stattfinden, der damals zerpflügt wurde. Beim „größten Knaller seit Ben Hur“ (Festival-Eigenwerbung) wird Ende August der 68-jährige Feldmann mit seiner frisierten Horex gegen seinen nunmehr 74-jährigen Freund und Erzrivalen Holger Henze antreten. Andi Feldmann und sein Mechaniker Ölfuß tüfteln bereits kräftig an Brösels Red Porsche Killer, dessen vier Motoren sie mit einer modernen Druckluftschaltung auf Höchstleistung trimmen wollen. „Dieses Mal knacken wir Holgi und seine Scheiß-Wanderdüne“, hofft Brösel. Thomas Jensen hofft auf 50 000 Besucher. „Brösel als der Leonardo da Vinci der norddeutschen Tiefebene“, glaubt er, „ist nach wie vor hochaktuell.“ Und wenn nicht? Was, wenn der ergraute Rebell über die Jahre seine Sogkraft eingebüßt hat? Was also, wenn bei Werner, wie er es selbst ausdrücken würde, „nix mehr kesselt“? Dann würde immerhin schon mal der Titel des neuen Werner-Abenteuers passen, der lautet: „Werner – Wat nu!?“