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M-Pesa

Kenia zeigt, welche Fortschritte dank Digitalisierung möglich sind. Eine Rundreise zu innovativen Firmen, die das Leben von Millionen Menschen verbessern.




• Welches Tempo Derrick Muturi gewöhnlich vorlegt, merkt man schon an seiner Art zu sprechen: Die Worte überschlagen sich fast – so, als ob der 27-jährige Kenianer schleunigst zu einer Examensprüfung oder der Entbindung seines ersten Kindes müsste. Doch der Jungunternehmer mit Firmensitz in Nairobis Bishop-Magua-Zentrum leidet lediglich unter chronischer Zeitnot, nimmt am Handy die Bestellungen seiner Kunden entgegen, verfolgt aus den Augenwinkeln, wie seine vier Angestellten die Waren verpacken und erzählt nebenbei die Geschichte seines Unternehmens.

Seine hochfliegenden Pläne begannen wie vieles Bahnbrechende mit einem Desaster. Bei der Jobsuche stolperte der frisch examinierte Informatiker und Betriebswirt über die Anzeige eines Kaninchenfleischhändlers, der folgenden Deal vorschlug: Er verkaufe Interessierten ein Zuchtkaninchenpaar für 80 Dollar und nehme dem Käufer die Nachkommen für sieben Dollar je Exemplar ab – beim legendären Vermehrungstempo der Kaninchen ein verheißungsvolles Angebot.

Muturi schlug ein und verfügte bald über eine mehr als hundertköpfige Kaninchenfamilie. Doch der Deal mit dem Fleischhändler hatte einen Haken: Der Kerl tauchte nie wieder auf – er hatte sein Geschäft schon mit dem Verkauf der beiden Zuchtkarnickel gemacht. Muturis gesamtes Erspartes war für ihren Erwerb und die Ernährung der wachsenden Sippe draufgegangen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich selbst um den Verkauf zu kümmern.

Er hatte bereits ein Computerprogramm geschrieben, um die Entwicklung seiner Tiere zu überwachen: Inzucht und schlecht kontrollierte Fütterung können einen Kaninchenzüchter schnell ruinieren. Vor allem aber wusste er mit Facebook umzugehen: Über das Netzwerk brachte er seine Kaninchen direkt an die Kunden. Das lief so gut, dass Muturi seine eigene Website entwarf, über die er nun unter anderem auch Fisch, Obst, und Gemüse vertreibt. Mit Herdy.co setzt er mittlerweile monatlich 16 000 Dollar um. Noch in diesem Jahr will er seinen Umsatz verdoppeln. Diese Erfolgsstory wurde nicht zuletzt durch eine Erfindung made in Kenya ermöglicht: das über Mobiltelefone abgewickelte Überweisungsverfahren M-Pesa, mit dem Muturi seine Geschäfte bargeldlos abwickeln kann. Im kriminalitätsgeplagten Nairobi ein entscheidender Vorteil.

Mit den Kaninchen fing es an: Derrick Muturi, Gründer von Herdy.Co. Grundlage seines Geschäftes ist das Handy-Geldüberweisungssystem M-Pesa.

„Er ist unser Musterschüler“, sagt Josephine Mwangi im zwei Stockwerke über Muturis Firmensitz gelegenen Nailab-Büro – einem von zahlreichen Inkubatoren, die die rasch wachsende Start-up-Szene in der kenianischen Hauptstadt betreuen. Hier gehen junge Frauen und Männer mit Laptop-Taschen ein und aus. Sie nutzen Nailabs WLAN, tauschen sich mit anderen aus oder holen sich Rat – im Idealfall sogar Kredit – für den Aufbau ihres Unternehmens. Die Vier-Millionen-Stadt hat bereits mehr als 40 Inkubatoren, die zum Beispiel iHub, The Foundry oder Nairobi Garage heißen.

Vor zehn Jahren verfügte Kenia noch nicht einmal über schnelle Internetverbindungen. Wer mit dem Rest der Welt elektronisch in Kontakt treten wollte, musste das quälend langsam über herkömmliche Telefonleitungen oder sündhaft teuer über Satelliten tun. Inzwischen ist der ostafrikanische Staat durch fünf Überseekabel global vernetzt, fast 18 Millionen Menschen verfügen nach Angaben der kenianischen Kommunikationsagentur über einen Breitbandanschluss. Selbst Kibera, der berüchtigte Slum Nairobis, ist als erste Armensiedlung der Welt fast flächendeckend mit WLAN versorgt.

Die Digitalisierung hat das Leben der Kenianer verändert. Viele lassen sich inzwischen von Uber chauffieren, kaufen ihre Busfahrkarte übers Mobiltelefon oder beziehen Strom von einer durch Sim-Karten gesteuerten Solaranlage. Kleinbauern halten sich mit dem Handy über die aktuellen Preise auf dem Laufenden, und Straßenhändler sichern sich Kleinkredite übers Mobiltelefon. Stolz sind die Kenianer vor allem auf die erste Hightech-Innovation Afrikas: das Transfersystem M-Pesa, mit dem per Handy Geld überallhin überwiesen werden kann (siehe Heft brand eins 09/2016, „Das andere Afrika“). Mittlerweile gilt Kenia als Silicon Savannah – Afrikas Antwort auf das Silicon Valley und Bangalore in Indien.

Afrikanische Technik wird sogar exportiert

Erik Hersman ist einer der Väter des Booms: Seine Firma Brck nimmt in der dritten Etage des Bishop-Magua-Zentrums ein halbes Stockwerk in Anspruch. Der Hüne kam vor 42 Jahren als Sohn amerikanischer Missionare zur Welt. Seine Eltern lebten im Südsudan bei den Toposa, um die Bibel in deren Sprache zu übersetzen. Unterdessen vertrieb sich der junge Erik mit Computerspielen die Zeit – später auch im kenianischen Internat. Als es nach den Wahlen im Dezember 2007 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Ethnien in Kenia kam, entwickelte er mit drei Gleichgesinnten die Plattform Ushahidi, was auf Kisuaheli Zeugnis bedeutet. Dort konnten Augenzeugen per SMS Gewaltherde melden, die so eingedämmt werden konnten. Die Plattform kam inzwischen im Krisenmanagement oder bei nationalen Großereignissen in mehr als 50 Staaten der Welt zum Einsatz: Selbst in Barack Obamas Wahlkampf wurde sie genutzt.

Ushahidi, im Bishop-Magua-Zentrum gleich neben Muturis Herdy.co untergebracht, sollte sich als Keimzelle der Digitalisierung erweisen – von hier aus gründete Hersman den iHub als ersten Techie-Treffpunkt des Landes. Nachdem die Szene ein dynamisches Eigenleben entwickelt hatte, konzentrierte er sich auf die Entwicklung neuer Hardware. Seit vergangenem Jahr bietet seine Firma den Supa Brck an – eine Box, die einen robusten Router mit einer Festplatte enthält und für Kleinbusse, Friseurläden oder Kneipen gedacht ist. So können Kunden kostenlos im Internet surfen – auch dank Unternehmen wie Facebook, die den Netzzugang finanzieren. Der Supa Brck soll bald auch in Lateinamerika und Asien zum Einsatz kommen. Die Zeiten seien vorbei, in denen Afrika nur Abnehmer neuer Technik war, sagt Hersman: „Wir machen das jetzt selbst.“

 


Vor zehn Jahren gab es in Kenia noch kein schnelles Internet. Heute gilt es als Silicon Savannah – Afrikas Antwort auf das Silicon Valley.

Dass es so weit kam, ist vor allem einem Mann zu verdanken, den Erik Hersman seinen Freund nennt: Bitange Ndemo, 58, der bis vor wenigen Jahren als Regierungsdirektor im Informationsministerium saß. Der Informatiker und promovierte Ökonom hatte sich im Jahr 2005 an die Weltbank gewandt, um ein auf dem Meeresboden verlaufendes Glasfaserkabel finanziert zu bekommen – doch die Entwicklungsbanker winkten ab. Die 3,12 Terabytes schnelle Verbindung sei für Kenias Verhältnisse überdimensioniert, hieß es aus Washington. Das Land solle warten, bis sich alle infrage kommenden afrikanischen Ozean-Anrainer auf ein gemeinsames Kabel geeinigt hätten. Aber Ndemo wollte nicht warten. Er sorgte dafür, dass in- und ausländische Mobilfunkkonzerne gemeinsam mit dem Staat das Unterseekabel finanzierten. Das Projekt erschien der kenianischen Antikorruptionsbehörde so ungewöhnlich, dass sie Ermittlungen gegen den Regierungsdirektor aufnahm, die allerdings bald wieder eingestellt wurden.

Auch innerhalb des Landes ließ „Dr. Digital“ Glasfaserverbindungen bis an den entlegenen Turkana-See verlegen und sorgte für eine deutliche Reduzierung der Mobilfunkgebühren. Vor allem aber wird Ndemo wegen seiner Geburtshilfe für M-Pesa gepriesen. Seiner großzügigen Interpretation der Gesetze sei zuzuschreiben, dass das Geldüberweisungssystem überhaupt auf die Beine kommen konnte, heißt es.

Die kenianische Vodacom-Tochter Safaricom hat ihren Sitz in Nairobis schickem Stadtteil Westlands. Das Geschäftsviertel gelangte vor fünf Jahren durch den Überfall somalischer Islamisten auf ein Einkaufszentrum zu trauriger Berühmtheit. Entsprechend scharf sind die Sicherheitskontrollen. Safaricom ist mit rund 50 000 Mitarbeitern der größte private Arbeitgeber im Land und gilt als der beste. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahrzehnt jährlich etwa 6,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. „Wenn Safaricom scheitert“, sagt Kenneth Okwero, der Chefstratege des Mobilfunkanbieters, „dann scheitert der kenianische Staat.“

Ein digitaler Pionier: Erik Hersman

Die Kenianer zahlen fast alles per Handy

Die Branche hat Afrika in den vergangenen zwei Jahrzehnten in die Moderne katapultiert. Während zur Millenniumswende sämtliche südlich der Sahara lebenden Menschen noch auf weniger Festnetztelefone angewiesen waren, als Manhattan hatte, zählt dieser Teil der Welt inzwischen mehr als 700 Millionen registrierter Handys. Afrikas Mobilfunkmarkt wuchs in den vergangenen Jahren um jeweils 30 Prozent, so schnell wie nirgendwo anders auf der Welt. Seit der Kolonialisierung beeinflusste den Kontinent nichts stärker als die Informationstechnik, sie macht die Integration in die Weltwirtschaft möglich. „Afrika“, sagt Auma Obama, die Halbschwester des einstigen US-Präsidenten, „ist wie eine Blume, die sich ihren Weg durch den Schutt gebahnt hat.“


Gründer haben eine Zielgruppe entdeckt, die von traditionellen Firmen sträflich ignoriert wurde: arme Leute, die auf dem Land leben.

Eine erste Blüte brachte der technische Fortschritt am 6. März 2007 hervor – damals führte Safaricom das Geldüberweisungssystem M-Pesa offiziell ein. Die Idee stammt ursprünglich vermutlich von einfallsreichen kenianischen Kunden. Diese hatten Telefonguthaben, die an andere Nutzer versendet werden können, in ein Zahlungsmittel verwandelt. Wer Geld brauchte, dem wurde „air time“ überwiesen, die er dann mit einem Freund oder Nachbarn gegen Bares eintauschen konnte. Eine britische Nichtregierungsorganisation entwickelte daraus ein System zur Verwaltung von Kleinkrediten. Schließlich kam bei Vodacom, der Mutter von Safaricom, jemand auf die Idee, das Ganze zu einem Geldüberweisungssystem auszubauen. Für den Transfer braucht es lediglich ein einfaches Mobiltelefon, über das weit mehr als 80 Prozent der kenianischen Haushalte verfügen – sowie ein Netz an Agenten, die Bargeld entgegennehmen oder auszahlen können. Das hatte Safaricom für den Verkauf von Telefonkarten und Gesprächsguthaben bereits landesweit aufgebaut.

Auf diese Innovation schienen die Kenianer gewartet zu haben: Bereits nach einem Jahr nutzten zwei Millionen das Transfersystem. Die große Mehrheit war bis dahin von den herkömmlichen Geldinstituten links liegen gelassen worden. Wie in den meisten afrikanischen Staaten verfügten kaum zehn Prozent der Haushalte über ein Bankkonto. Wer zum Beispiel als Städter seiner Verwandtschaft auf dem Land etwas Geld zukommen lassen wollte, musste einem Busfahrer einen Umschlag mit Banknoten in die Hand drücken, den dieser dann in der Provinz abliefern sollte. Keine ideale Lösung.

Gut zehn Jahre nach seinem Start hat sich M-Pesa zum mit Abstand beliebtesten bargeldlosen Zahlungsmittel des Landes entwickelt. Schon heute kann man in Cafés, an Tankstellen oder bei Straßenhändlern per Handy zahlen. Auch die monatliche Stromrechnung oder das Schuldgeld lässt sich so begleichen. Täglich werden 16 Millionen Transaktionen über 28 Millionen M-Pesa-Konten abgewickelt, im vergangenen Jahr wurden mehr als 50 Milliarden Euro überwiesen. Längst bieten auch Konkurrenten den Service an – und seit Kurzem können die Transfers auch zwischen den mittlerweile sechs kenianischen Betreibern stattfinden.

Seinen Siegeszug hat das Geldüberweisungssystem auch in anderen Staaten des Kontinents fortgesetzt. Inzwischen sind mehr als 140 Anbieter in 39 afrikanischen Staaten aktiv. Und auch nach Albanien und Rumänien wurde die Technik mittlerweile exportiert. Rita Okuthe, die Safaricom-Direktorin, denkt indessen schon weiter: „Wir werden die Art und Weise, wie Geld gesehen wird, grundsätzlich verändern.“

Sie ist, was man im englischen Sprachraum ein „Powerhouse“ nennt: vor Energie fast Funken sprühend. M-Pesa werde die Welt wie einst die Erfindung des Telegrafen umkrempeln, prophezeit sie. Während herkömmliche Finanzexperten Kapital noch immer als eher statisches Gut betrachteten, käme es in der digitalen Epoche darauf an, das Geld in pausenloser Bewegung zu halten. „Wir verdienen nichts mit Zinsen“, sagt Okuthe. „Wir verdienen damit, dass wir das Geld bewegen.“

Noch ist M-Pesa allerdings gehandicapt: Da das Unternehmen vom Gesetzgeber nicht als Bank, sondern als Kommunikationsdienstleister betrachtet wird, hat der Staat die Summe pro Transfer auf 1400 Dollar beschränkt. Diese Hürde werde nicht von Dauer sein, sagt Okuthe. „Wir sehen uns nicht als Telekommunikationsunternehmen“, sagt Okuthe. „Wir sehen uns als Unternehmen, das das Leben seiner Kunden transformiert.“

Okuthe leitet Safaricoms Geschäftskundensparte. Von ihrem Schreibtisch aus werden Unternehmen betreut, die ihre Existenz M-Pesa verdanken, das gilt besonders für M-Kopa. Kopa ist Kisuaheli und bedeutet leihen. Aus dem jungen Unternehmen soll einmal so etwas wie eine Bank werden.

Die Geschäftsidee beruht auf der Beobachtung, dass Handy-Besitzer, die wie fast die Hälfte aller Kenianer über keinen Stromanschluss verfügen, oft stundenlang zu einem Ladegerät gehen müssen. Dabei könnte ihr Problem bereits mit einer kleinen Solaranlage gelöst werden – die sich allerdings kaum ein auf dem Land lebender Mensch leisten kann. So kamen Findige auf die Idee, solche Solaranlagen auf Raten abbezahlen zu lassen. Wer 365 Tage lang umgerechnet 40 Cent pro Tag, zuzüglich einer einmaligen Summe von 24 Euro zahlt, ist Eigentümer eines Mini-Kraftwerks; zum Paket gehören neben einer Batterie auch eine Lampe und ein Radio. Bei einer Anzahlung von 63 Euro und täglichen Raten von 99 Cent wird noch ein kleiner Fernseher mitgeliefert.

Der Nutzen des Geschäftsmodells liegt auf der Hand: Abends Licht zu haben, Musik hören zu können und zu wissen, was im Rest des Landes vor sich geht, sind große Errungenschaften. Das Elektrifizierungsprogramm wäre ohne M-Pesa undenkbar gewesen: Nur so lassen sich die fälligen Raten überweisen und bei säumigen Kunden der Strom abschalten; dafür sorgt ein die Solaranlage steuernder Telefon-Chip.

M-Kopa hat bereits mehr als 600 000 Kunden – sowie fünf Wettbewerber, die von dem neu geschaffenen Markt mit profitieren wollen. Der ist gigantisch: 600 Millionen Bewohner des Kontinents sind noch ohne Strom. M-Pesa und M-Kopa demonstrieren nebenbei den Banken, dass sich auch mit der armen Landbevölkerung Geschäfte machen lassen.

Das gilt auch für Versicherungen. Die große Mehrheit der Bevölkerung kann die hohen Prämien für herkömmliche Produkte nicht bezahlen. Steven Maina, der in einer alten Villa in einem grünen Viertel Nairobis empfängt, hat eine Alternative im Angebot. Unter den Fittichen von Safaricom hat er M-Tiba entwickelt (von Kisuaheli Matibatu: Pflege). Anders als eine herkömmliche Versicherung finanziert M-Tiba lediglich Krankenhaus- oder Arztbesuche in Höhe des Betrags, den der Kunde auf seinem Konto angesammelt hat. Dafür kann der über die Höhe der regelmäßigen Einzahlungen selbst entscheiden. Dank des Produktes können verantwortliche Familienmitglieder einen Teil ihrer Einkünfte für die Gesundheitsversorgung abzweigen – die der unverantwortliche Teil der Familie womöglich sonst auf den Kopf hauen würde. M-Tiba hat bereits eine Million Kunden.

Angebote wie diese kommen vor allem der afrikanischen Mittelschicht zugute – jener Gruppe von Menschen, die jährlich über mehr als 5000 US-Dollar verfügen. Diese Gesellschaftsschicht wächst – wie stark, ist unter Experten umstritten –, doch das große Problem Afrikas ist seine Unterklasse, die in absoluten Zahlen ebenfalls wächst: Menschen, die von zwei US-Dollar und weniger am Tag überleben müssen. Können auch sie von der Digitalisierung profitieren?

Der neue Rohstoff auf dem Kontinent: Daten

Kibera ist der berüchtigtste Slum Nairobis. Hier gab es bis vor wenigen Jahren noch nicht einmal Toiletten. Die rund 500 000 Bewohner der Armensiedlung waren für ihre „fliegenden Klos“ bekannt – mit Kot gefüllte Plastiktüten, die in hohem Bogen entsorgt wurden.

Heute gibt es in Kibera öffentliche WCs – zugänglich für umgerechnet acht Cent pro Benutzung – sowie eine den gesamte Slum abdeckende WLAN-Verbindung, für die man acht Cent pro Stunde oder zwölf Euro pro Monat zahlen muss. Kiberas Bewohner nutzen das Internet vor allem, um an Wettspielen teilnehmen zu können, sagt der Slumführer, Rapper und Webdesigner Slavey da Illes Slavey. Es ist der Traum der Chancenlosen, der Armut zu entkommen.

Doch der Zugang zum Netz macht auch produktivere Tätigkeiten möglich. In einem der wenigen ordentlich gemauerten Gebäude von Kibera befindet sich das mit älteren Geräten ausgestattete Computerzentrum Tunapanda Institute (Wachstum), in dem Erwachsene programmieren und Kinder mit den Rechnern umgehen lernen können. Auch Slavey belegte hier einen Kurs in Webdesign.

Danach baute er den Schmuckdesignerinnen von Victorious Bone Craft eine Internetseite, auf der sie ihre Erzeugnisse nun weltweit vermarkten können. Die Werkstatt ist eines jener Vorzeige-Projekte, in die ausländische Diplomaten ihre Besucher gern mitnehmen: Sechs Slumbewohner stellen hier Anhänger, Kruzifixe und Salatbestecke aus Rinder-, Schafs- oder Kamelknochen her. Bezahlt wird selbstverständlich mit M-Pesa, für Licht sorgt eine vom Handy gespeiste LED-Leuchte. Auch wenn die Bewohner besser gestellter Stadtviertel wesentlich mehr von der IT profitierten, hätten deren Errungenschaften auch schon ihren Weg in den Slum gefunden, sagt Slavey: „Sie haben unser Leben zumindest ein wenig verbessert.“

Bietet ein Gesundheitskonto für kleines Geld an: Steven Maina

Die eigentliche Revolution bahnt sich allerdings weder im Slum noch in den Mittelklassevierteln an, sondern in den Rechenzentren der großen Dienstleister und in kenianischen Regierungsstuben. Dort herrscht wie in den meisten afrikanischen Hauptstädten weitgehende Unkenntnis über die eigene Bevölkerung. So manche Entwicklungsstrategie scheiterte allein daran, dass keine brauchbaren Daten vorlagen. Ein verlässliches Geburtenregister, ein Kataster- oder statistisches Amt sucht man noch heute in den meisten Staaten vergeblich. „Zur Lösung sozialer oder wirtschaftlicher Probleme braucht man Daten“, sagt Donatien Beguy, Chef des African Population and Health Research Centers in Nairobi. „Man kann keine Schulen bauen, ohne zu wissen, wie viele Schulkinder man unterbringen muss.“

An diesem Problem arbeitet wiederum Bitange Ndemo. Nach seiner Amtszeit als Regierungsdirektor wechselte er an die Universität von Nairobi, wo er nun an der neuen Front der Informationstechnik tätig ist: der Auswertung riesiger Mengen an Daten. Inzwischen sei nicht mehr die Verbindung der Bevölkerung mit dem Internet „das große Ding“, sagt der Professor: „Das Ding ist jetzt die Auswertung von Daten.“

Schon heute verfügt Safaricom über viele Informationen. Dank M-Pesa weiß der Konzern fast alles über Vermögen und Vorlieben seiner Kunden, auch darüber, wo sie sich gewöhnlich aufhalten. Für Unternehmen, die sich auf den kenianischen Markt begeben wollen, sind solche Informationen Gold wert. Doch bisher bietet Safaricom seine Daten Dritten nicht zum Kauf an – obwohl es aufgrund rudimentärer Datenschutzbestimmungen niemand daran hindern könnte. Der Informationshandel werde aber kommen, kündigt die Safaricom-Direktorin Rita Okuthe an. Zunächst einmal müssten die Rohdaten aufbereitet werden.

Noch vor zehn Jahren hätte kaum jemand geglaubt, dass ein afrikanischer Staat mit derartigen Problemen konfrontiert sein könnte. Tatsächlich scheint Nairobi auf dem Weg in die Postmoderne zu sein. Der rotbärtige Missionarssohn Hersman kündigt für Mitte des Jahres eine weitere Erfindung an, die „die Kommunikationsindustrie noch einmal gehörig durchrütteln“ werde. Und 100 Kilometer außerhalb Nairobis entsteht derzeit Konza Technopolis – ein Gewerbepark und Universitäts-Campus, der zum Herzen der afrikanischen Digitalisierung werden soll.

Investoren, Politiker und Unternehmer aus aller Welt pilgern nach Nairobi, um sich ein Bild von der Silikon-Savanne zu machen. Im iHub trifft eine chinesische Delegation mit einer Gruppe von Österreichern zusammen. Letztere hat der Wiener Entwicklungsexperte Hans Stoisser nach Kenia gelockt. Der Buchautor („Der schwarze Tiger – Was wir von Afrika lernen können“) möchte verhindern, dass der Kontinent vollends den Chinesen überlassen wird: „Wir Europäer haben unseren Nachbarn so vieles zu bieten, zunehmend gilt das auch umgekehrt.“ Was sich hier anbahne, sei „atemberaubend“, sagt Stoisser. Und seine Begleiter stimmen ihm zu.

Er hätte sich nicht träumen lassen, was er in Nairobi zu sehen bekam, resümiert ein Wiener IT-Unternehmer: „Das hier und was ich in Europa über Afrika lese, hat so viel miteinander zu tun wie ein Löwe mit einer streunenden Katze.“ ---