Mpreis

Die kleine österreichische Supermarktkette Mpreis hat sich einen Namen gemacht – mit außergewöhnlicher Architektur.




• Das Gebäude ist halb in einen Hang eingegraben, im Inneren ist es ruhig, fast still. Es zieht sich ein Band aus Fenstern um das Gebäude, man blickt auf schneebedeckte Berggipfel. Der Fußboden glänzt in einem dunklen Rot-Ton, die Wände sind dunkellila und moosgrün, auf einer Wand eine Alpenszene mit Schafen und Hirten, davor ein Frauenakt, schräg gegenüber ein Stillleben aus Orangen, Birnen, Käse.

Dies ist keine Galerie, sondern eine Filiale der österreichischen Supermarktkette Mpreis im Osten der Stadt Hall nahe Innsbruck. Das Unternehmen setzte schon früh auf Baukunst. 2004 hat es Österreich bei der Architektur-Biennale vertreten. Das Londoner Magazin »Wallpaper« nennt den Tiroler Händler einen „seriously sexy supermarket“; es gibt Menschen, die sich das künstlerisch gestaltete Wurst- und Käsepapier von Mpreis-an die Wand hängen.

Normalerweise gilt auch im Lebensmittelhandel: Gleichförmigkeit sorgt für Wiedererkennbarkeit. Die heute noch dominierenden Supermärkte sind meist niedrige Zweckbauten mit standardisierter Architektur, effiziente Warenumschlagplätze; Kundenbindung läuft vor allem über das Image und den Preis.

Das ändert sich zwar allmählich, Lebensmittelketten achten mittlerweile mehr auf ihre Optik. Doch Mpreis war seiner Zeit nicht nur weit voraus, es setzt auch auf eine individuelle Architektur. Während die großen Konkurrenten ein Designkonzept für alle Standorte haben, sieht jede der aktuell 270 Mpreis-Filialen anders aus. „Alles entwickelt sich individuell am jeweiligen Ort, und so wissen weder die Kunden noch wir, wie die nächste Filiale ausschaut“, sagt Peter Paul Mölk, 48, der 2016 zusammen mit Sebastian und David, beide Urenkel der Firmengründer, die Unternehmensleitung übernommen hat.

Das Konzept scheint aufzugehen. Obwohl der Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel immer härter wird, legte Mpreis in den vergangenen Jahren beim Umsatz kontinuierlich zu, 2017 lag er bei 870 Millionen Euro. Im landesweiten Vergleich ist Mpreis zwar ein Zwerg, es dominieren Rewe und Spar. In seiner Heimat Tirol hingegen liegt er vor der Konzern-Konkurrenz.

Das Familienunternehmen mit Stammsitz in Völs bei Innsbruck hat 5900 Mitarbeiter. Entstanden ist es aus einem kleinen Gemischtwarenladen, den Therese Mölk und ihr Mann Johann 1920 gründeten. Im Laufe der Jahrzehnte eröffnete die Familie 30 Geschäfte in Innsbruck und Umgebung, die auf wenig Fläche wenige Produkte anboten. Als Anfang der Siebzigerjahre die Cousins Hansjörg und Anton Mölk die Führung übernahmen, drängten große Einzelhändler und Discounter auf den Markt, darunter Spar und Hofer, die österreichische Aldi-Variante.

Gegen die können wir nur bestehen, dachten sich die Unternehmer, wenn wir ebenfalls auf Selbstbedienung und niedrige Preise setzen. 1974 gründeten die beiden Mpreis – das M steht für Mölk –, bauten die bestehenden Märkte aus und neue auf. Anfangs waren es simple SB-Kisten wie die der großen Wettbewerber.

Hunde müssen trotzdem draußen bleiben, eine Filiale in Innsbruck
Peter Paul Mölk, ein Mann, der offen für Neues ist

Doch die Mölks suchten auch nach einem Differenzierungsmerkmal, denn mit den Schnäppchenpreisen der Konzerne konnten sie auf Dauer nicht mithalten. So traf es sich, dass Anton Mölk einen Architekten kennenlernte, der ihm anbot, einen ästhetisch anspruchsvollen Supermarkt zu entwerfen. Dass anspruchsvoll gestaltete Supermärkte funktionieren könnten, wussten die Mölks von Reisen in die Niederlande, wo die Kette Albert Heijn auf Architektur setzte. Außerdem gab es auch in der Familie Interesse an Ästhetik, zu ihr gehört ein Maler, die Lebensgefährtin von Anton Mölk ist Künstlerin.

Probieren wir es halt aus, entschieden die Cousins. Ab Mitte der Achtzigerjahre entstanden die ersten Filialen nach dem neuen Konzept, futuristische Bauten mit großen Fensterfronten und einem roten Mpreis-Würfel darauf. Die Märkte erregten Aufsehen und zogen Kunden an, die Mölks wollten schnell mehr bauen. Doch ein Supermarkt war damals kein Prestigeobjekt, die etablierten Planer hatten kein Interesse. Ein weiterer Architekt brachte Anfang der Neunziger die Wende. Die ersten Filialen wurden noch einheitlich gestaltet, Wolfgang Pöschl schlug den Mölks vor, jede neu zu denken. Sein erster Markt gewann eine Tiroler Auszeichnung für neues Bauen, nun sprachen die Architekten über Mpreis. Und Pöschl begann, den Mölks geeignete Kollegen zu empfehlen. „Um gestalterische Vielfalt zu bekommen“, sagt er heute, „braucht es positive Konkurrenz.“

Wer in den steilen Lagen Tirols einen Supermarkt bauen will, hat zwei Optionen: ein großes Grundstück kaufen, Steine schichten bis die Fläche eben ist, alles zubetonieren. Oder wenig Fläche nutzen und den Bau in die Landschaft einpassen – so wie Mpreis. Die Märkte ragen aus einem Hang, hängen wie eine Bergstation über einer Schlucht oder stehen auf Stelzen, darunter ein Parkdeck. So erleichtert der Verzicht auf Einheitsarchitektur dem Unternehmen die Standortwahl.

Den Kunden signalisiert der Händler: Hier macht sich jemand Gedanken und baut speziell für sie. „Die Bushaltestelle? Ist gleich neben unserem Mpreis“, sagen die Leute in den Dörfern zwischen Innsbruck und Hall, sie scheinen die Marke zu mögen. „Man nimmt jeden Ort ernst, so wie man auch jeden Menschen ernst nimmt“, sagt der Architekt Pöschl über das Konzept.

Die Metallfassade reflektiert die Umgebung: die Mpreis-Filiale in Weer

Bei den älteren Märkten dominieren Glas und Beton, bei den jüngeren Holz aus der Umgebung. In allen ist die Natur ein zentrales Element. Verspiegelte Wandelemente reflektieren einen Wald, das Gebäude scheint in ihm zu verschwinden, Fenster umrahmen benachbarte Berge wie Gemälde. Auch im Inneren sieht jede Filiale anders aus. Auf den Böden dunkles Kunstharz, geöltes Eichenparkett, die Decken aus verzinktem Blech, schwarzem Glas, an den Wänden Grafiken, Gemälde, auch Textfragmente.

„Nacht wär’ und Angst die Welt ohne dich, ohne mich, ohne dich“ steht in Goldschrift über einem Regal. Die Künstlerin Michaela Schweeger, Lebensgefährtin des früheren Geschäftsführers Anton Mölk, gestaltete das Innere der Märkte und das Design von Einkaufstaschen, Werbeanzeigen und Unternehmensbroschüren. Für die Mitarbeiter entwarf sie ein rotes Tuch – man trägt es um den Hals oder am Arm, jeder, wie er will. Selbst das Verpackungsmaterial an der Frischetheke ist, wie bereits erwähnt, bei Mpreis speziell. Schinken, Wurst und Käse wickeln die Verkäufer in Papier, das mit Liebesgedichten bedruckt ist: Zeilen von Eugen Roth und Joachim Ringelnatz, französische Dichter, lokale Mundart, türkische Lyrik. „Literarisches Feinkostpapier“ nannte Schweeger es und hat einen Wirtschaftspreis dafür bekommen.

Vier bis fünf Meter hoch sind die Decken der Märkte, die Gänge breit, die Regale niedrig und mit einer überschaubaren Menge an Waren bestückt. Mitarbeiter füllen die Regale permanent auf, das Sortiment in den Frischetheken ist symmetrisch ausgelegt. Was Ästhetik für ihren Aufgabenbereich bedeutet, lernen die Angestellten in Seminaren. Die Prinzipien entwickelte die Unternehmensführung mit externen Markenberatern, Räume zum Wohlfühlen hieß das Ziel. In den Märkten gibt es keine Musik oder Lautsprecherdurchsagen, keine vollgestellten Gänge. „Wo der Kunde Freiraum spürt, hält er sich lieber auf“, sagt Peter Paul Mölk.

Aber selbstverständlich achten die Kunden auch auf die Preise. Zwar ist der Supermarkt in Österreich nach wie vor die dominierende Handelsform, doch der Druck durch die Discounter wächst. Mpreis hält dagegen, allerdings dezent. Wie andere Supermärkte führen auch die Tiroler eine Reihe Produkte zu Discounterpreisen, kommunizieren dies jedoch nicht mit einer speziellen Verpackung. Sonderangebote stehen ordentlich sortiert in großen Drahtkörben in der Mitte der Gänge, eine schlichte graue Schiene an den Regalen gibt lediglich Produktname und Preis an.

Mpreis verbindet Architektur, Design und Poesie mit dem Geschäft. Für Peter Paul Mölk ist das ein Zusatzangebot an seine Kunden: „Manche Menschen sehen eine Botschaft, manche sehen nur ein Bild oder Worte. Wir wollen in der Gestaltung der Märkte eine Vielfalt bieten, in der sich jeder Kunde wiederfinden kann.“

In der Selbstdarstellung der Firma heißt es: „Als moderner und zeitgemäßer Nahversorger sind wir bei Mpreis bemüht, festgefahrene Konventionen aufzubrechen und individuelle Lösungen in vielen Bereichen anzustreben. Gerade in einem Land, in dem eine solche Vielfalt an landschaftlichen Besonderheiten, kulturellen Traditionen und Dialekten herrscht, ist die Verantwortung diesem Umstand gegenüber natürlich groß.“ Den eigenen Anspruch erfülle das Unternehmen gut, sagt Rainer Zimmermann, Handelsdesign-Experte an der Hochschule Düsseldorf: „Ihre Märkte sind kein klassischer Point of Sale, sie sind konsequent individuelle Orte.“

Gastronomie ist ein wichtiger Teil des Konzepts: Mpreis Natters
Mpreis Niederndorf

Mehr als 40 Architekten haben bisher an Neu- und Umbauten für Mpreis gearbeitet, die Mölks sprechen Planer direkt an, den typischen Architekten-Wettbewerb hat es nie gegeben. Trotz aller ästhetischen Ansprüche steht die Zweckmäßigkeit des Supermarktes an erster Stelle, zentrale Parameter wie Fläche und Regalmaße sind fix. „Ein Architekt soll uns nicht nur schöne Räume bauen, er soll sich mit den Bedürfnissen und Funktionen eines Lebensmittelmarktes auseinandersetzen“, sagt Mölk. Davon abgesehen, haben die Planer freie Hand, ihre Ideen zu realisieren, auch die Logo-Würfel und den Schriftzug des Unternehmens dürfen sie variieren.

„Es ist immer wieder ein Pingpong-Spiel“, sagt der Innsbrucker Architekt Rainer Köberl. „Man fühlt sich nicht als Dienstleister. Man ist Gesprächspartner auf Augenhöhe in einem ständigen Dialog.“ Die Planer seien in unternehmerische Entscheidungen einbezogen, von der Standortwahl bis zur Präsentation der Waren, zugleich zeigten sich die Mpreis-Chefs offen für alle Vorschläge und diskutierten selbst Details wie Wandfarben und Mülleimertyp. Der Blick von außen wiederum beschert dem Unternehmen ungewöhnliche Ideen, etwa das Gestalten der Obstabteilung als Schaufenster zur Straße in einem Innsbrucker Markt. „Bei jedem Projekt führen wir viele Diskussionen, das läuft nie ohne Reibungen. Und es ist positiv, dass man sich auch reibt“, sagt Peter Paul Mölk. „Es ist für uns eine Evolution, ein Lernprozess.“

Klar vorgegeben ist den Architekten das Budget, sie sollen mit günstigen Materialien viel Wirkung erzielen. Allerdings agiere Mpreis flexibel, sagt Köberl. „Braucht es in einem Markt ein besonderes Licht oder sieht ein teurer Holzboden am besten aus, dann wird nicht groß diskutiert. Sie entscheiden stets situationsbezogen.“ Mölk sagt: „Die Baukosten sind bei uns so wie bei anderen. Was uns unterscheidet, das ist die Zeit, die wir in die Projekte stecken.“ Denn der ständige Wechsel der Architekten und das individuelle Planen der Märkte verhindern zwar Routine und garantieren ein ständiges Infragestellen des Bestehenden – doch flott geht es nicht.

Kunst und Käse gibt’s in dieser Innsbrucker Filiale

Ebenso geht die Firma auch ihre Expansion an. „Aus der Region langsam wachsen und über das langsame Wachsen das Regionale wieder weiterspinnen“, so beschreibt Mölk die Strategie. Mittlerweile ist Mpreis auch in Kärnten, Südtirol, Vorarlberg und Salzburg vertreten, auch in diesen Bundesländern gibt es wie in Tirol viele Kleinbauern, viele kleine Bergdörfer und viel Tourismus.

Als die Familie vor mehr als 30 Jahren ihre ersten Individual-Märkte planten, war der Widerstand in ihrer Heimat groß. „Wenn ihr mir was hinstellt, das aussieht wie ein Stall, dann treib’ ich euch die Tiere rein!“, blaffte ein Bürgermeister. Im Alpbachtal formierte sich eine Bürgerinitiative gegen die moderne Einkaufsarchitektur, in St. Johann stritt der Architekt Pöschl acht Stunden lang mit dem Ortsrat über die Dachform, der Planer wollte es flach, die Einheimischen wollten den traditionellen Giebel. „Wo Architektur nie eine Rolle gespielt hatte“, sagt Wolfgang Pöschl, „landete Mpreis plötzlich wie ein Raumschiff.“

Heute gelten die Märkte als Aushängeschild der Region, die Tiroler Marketingagentur macht mit ihnen Standortwerbung, Architekten und Handelsexperten aus aller Welt besuchen die Filialen. Manche Gemeinden sehen in Mpreis einen Katalysator für die Entwicklung ihres Ortes. Als die Marktgemeinde Telfs nahe Innsbruck ein neues Wohngebiet plante, bat der Bürgermeister die Mölks, als Erstes eine Filiale zu bauen. Das knapp 3000 Einwohner zählende Fließ bei Landeck, von Abwanderung bedroht wie viele kleine Orte, leistete sich eine komplett neue Infrastruktur: Gemeindeamt, Arzt, Jugendzentrum, Seniorenhaus – und mittendrin ein Mpreis.

Denn das Unternehmen bringt einem Ort mehr als ein schönes Gebäude: In viele Märkte ist ein Bistro-Café integriert, in den meisten Dörfern ist es die einzige Gastronomie. Das Konzept entstand vor fast drei Jahrzehnten. Neuerdings holt sich Mpreis auch lokale Geschäfte in die Märkte: Blumenladen, Apotheke, Metzger – für den Ort bedeutet es ein Einkaufszentrum und für Mpreis mehr Kunden.

Gar nicht provinziell:
eine weitere Ansicht der Filiale in Weer
Jeder Markt anders: Auf diese Idee kam Wolfgang Pöschl
Stilprägend für moderne Tiroler Architektur: die Filiale in Weer

„Letztlich sind auch wir austauschbar, der Kunde kann überall einkaufen“, sagt Peter Paul Mölk. „Über Kooperationen mit lokal verankerten Betrieben stärken wir unsere Kundenbindung und Einzigartigkeit.“ Der Chef gilt als offen für neue Ideen, so will er auch Ferienwohnungen in Mpreis-Bauten integrieren.

In Sachen Ästhetik hat das Unternehmen in Österreich längst Nachahmer gefunden, auch andere Lebensmittelhändler bauen auf hohem Niveau. Bei Spar ist Architektur ein wichtiges Element der Unternehmensstrategie geworden, selbst Discounter wie Lidl und die Aldi-Schwester Hofer lassen sich mittlerweile aufhübschen. Der Münchener Handelspsychologe Norbert Wittmann sieht Mpreis dennoch nicht in Gefahr: „Ein Design-Supermarkt kann auf Kunden auch elitär wirken. Mpreis ist ein Spagat gelungen, denn sie gleichen das Extravagante der Optik mit Regionalität und Nachhaltigkeit aus.“

Arno Ritter, Leiter des Forums Architektur und Tirol in Innsbruck, schreibt Mpreis einen starken Einfluss auf die Bauweise in der Region zu: „Die Individualität und der architektonische Anspruch der Märkte hat der modernen Architektur in Tirol einen wesentlichen Schub gegeben, jeder neue Mpreis setzt eine neue Benchmark.“ Er attestiert der Firma sogar eine pädagogische Funktion: „Mpreis ist einer der subtilsten Volksbildner, denn ein Supermarkt ist kein exklusiver Ort wie eine Kirche oder ein Museum, sondern ein Alltagsraum. Wer einkauft, der bekommt ganz nebenbei vermittelt, wie zeitgenössische Ästhetik, Raumatmosphäre und Materialqualität wirken.“

Im Laufe der Jahre hat sich die Architektur der Mpreis-Märkte verändert; radikale, spektakuläre Bauten sind mittlerweile selten. „Früher waren unsere Märkte Revoluzzertum, Tirol tickte konservativ, Architekten und Bauherren wollten Konventionen brechen“, sagt Mölk. „Heute geht es darum, anspruchsvolle Architektur mit Themen wie ökologischen Materialien und Energiesparen zu verknüpfen. Unsere Märkte sind keine Statement-Bauten mehr, sie müssen nicht mehr schreien.“

Mit den Mini M genannten Filialen – Nachfolger der Tante-Emma-Läden – nimmt das Unternehmen auch kleine Orte ins Visier, die große Ketten für nicht lukrativ halten. Dort werden alle Produkte zum selben Preis wie in den großen Filialen angeboten, sodass die Kunden nicht mehr in die nächstgrößere Stadt zum Einkaufen fahren müssen. Zunächst waren die Mini-Märkte einfach und simpel gebaut, seit dem Jahr 2014 sind es ebenfalls Projekte mit Architekturanspruch. „0815 machte schnell keinen Spaß mehr“, sagt Mölk. „Wer will denn schon Einheitsbrei?“ ---