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Du bist, wie du putzt

Wie und womit wir für Sauberkeit sorgen, erzählt viel über uns. Was genau, verrät unsere Autorin.




• Wenn ich erzähle, dass ich als Kind davon träumte, später einmal Putzfrau zu werden, ziehen die Leute die Augenbrauen hoch oder erklären mich zum pathologischen Fall. Tatsächlich finde ich Putzen gar nicht schlimm. Ich mache den Abwasch bei Freunden, sauge, nachdem ich ein Croissant gegessen habe, und wechsle meinen Küchenschwamm, bevor die aufgewischten Quinoa-Samen darin Keimlinge treiben. Wenn ich am Schreibtisch sitze und eigentlich anfangen sollte zu arbeiten, putze ich lieber erst mal, und zwar alles, was nicht schon auf Hochglanz poliert ist, bis hin zum Bürokühlschrank. Und wenn ich Gäste habe, mache ich hinterher klaglos den Abwasch, auch wenn es draußen schon wieder hell wird.

Allerdings putze ich nur, wenn mir danach ist. Ich putze, wenn ich es nötig habe, und nicht, wenn die Wohnung es nötig hat. Damit bin ich alles andere als pathologisch und nah dran am deutschen Durchschnitt, bescheinigt mir Stephan Grünewald. Er ist Psychologe und Mitbegründer des Marktforschungsinstituts Rheingold, das seit Jahren das Putzen als „ideales Verlagern von Problemen“ erforscht.

Wenn in mir drin alles durcheinander ist, versuche ich, wenigstens äußerlich Ordnung zu schaffen. Ausmisten ist das Größte. Die Marken für Reinigungsartikel unterscheiden sich weniger durch ihre Leistung, als dass sie einen bestimmten Putzstil vorgeben. In den Schränken stehen Mittel für verschiedene Geschichten und für jede Verfassung. „Wenn in einer Beziehung nicht reiner Tisch gemacht wird oder jemand verärgert ist, verspricht ,Der General‘ eine private Bodenoffensive im häuslichen Kleinkrieg“, sagt der Psychologe Grünewald. Ist die Schwiegermutter im Anmarsch, „tut es auch ein ,Meister Proper‘“. Der hat eine glänzende Glatze, während Muskel-Shirt und Ohrring eher schmierig wirken. Heißt: Er sorgt für eine glänzende Oberfläche, aber nicht für porentiefe Reinheit. Die Lizenz zum Faulsein – gutes Gewissen inklusive – verspricht wiederum die Marke Frosch: Eine saubere Umwelt ist wichtiger als eine saubere Wohnung, es muss nicht tipptopp sein. Außerdem lebt ein Frosch ja im Tümpel, ein wenig Modrigkeit gehört dazu, alles andere wäre artfremd. Und wer immer öfter Öko-Produkte kauft, liegt außerdem voll im Trend.

Mein Putzschrank hat leider nicht viel zu bieten. Für die Reinigungsindustrie bin ich wohl ein hoffnungsloser Fall: Essigreiniger, Neutralseife, Scheuermilch. Doch, eine Gallseife noch und, immerhin, ein Glasreiniger. Dazu eine Wurzelbürste. Während andere ihre Schwammtücher nach Einmalgebrauch wegwerfen, wandern meine erst mal in die Waschmaschine. Den Boden wische ich, indem ich mit einem Lappen aus alten Bettlaken durch die Wohnung robbe – und damit auch noch den Fortschritt zunichte mache, der uns immerhin aufrechtes Putzen per Wischmopp ermöglicht hat.

Immerhin bin ich mit meiner Strategie nicht den Wellenbewegungen des Marktes ausgesetzt, die Grünewald beschreibt: Aufrüstbewegungen („mit Atomsprengköpfen auf den Flaschen, als direkt einsetzbare Distanzwaffe für totale Vernichtung“) überlappen sich demnach mit dem Prinzip Lavendel: haut- und materialschonende Mittel, die das Heim in eine natürliche, wohlriechende Oase verwandeln.

Aber Geruch kann täuschen. Wenn es nach Zitrone riecht, denkt man: schön, sauber. Das ist eine kulturelle Prägung, weil schon die Großmutter mit Zitronensäure geputzt hat. In Südamerika verbindet man hingegen Chlor mit einem positiven Reinheitsgefühl, also mischt man ihn dort in alle Putzmittel. Hierzulande riecht Chlor ätzend, nach gebleichten Haaren oder bestenfalls nach Schwimmbad, weshalb schon in den Achtzigerjahren „die deutsche Hausfrau mit ,Zitruskraft, die selbst harte Krusten schafft‘ wienerte, bis ,strahlender Glanz wie am ersten Tag‘ das traute Heim erfüllt“, so Grünewald.

Überhaupt, die deutsche Hausfrau: „30 000 Quadratmeter Boden fegt, wischt oder saugt die deutsche Durchschnittsmutti mit einem Mann und zwei Kindern jährlich“, schrieb der »Spiegel« 1986. Diese Fläche wird mit den Wohnungen immer größer, wie der Bestand von zu putzenden Möbeln und Gebrauchsgütern und die Zahl der Haustiere, die zusätzliche Arbeit machen. Früher war eine vollgestellte Wohnung ein Prestigeobjekt, heute sind es möglichst große und leere Räume. Wer aber viel Raum hat, hat oft auch wenig Zeit und damit ein doppeltes Putzproblem.

Männer am Eimer

Die Ostdeutschen putzen am meisten, im Schnitt 5,7 Stunden pro Woche. Die Westdeutschen nur 4,3 Stunden. Und: Nach Dekaden der Verweigerung beteiligen sich inzwischen auch zwei Drittel der Männer. Weiter gibt es den „neuen jungen Mann“, der nicht erwartet, „beputzt“ zu werden, beobachtet die Raumpflegerin und Ethnologin Katharina Zaugg. Trotzdem kaufen meistens Frauen die entsprechenden Produkte ein und überreden dann die Männer, auch zu putzen. Laut einer Studie der Universität Alberta in Edmonton, Kanada, putzen rund zwei Drittel der Männer nur aus Liebe zur Partnerin. Zaugg ist aber so oder so nicht zufrieden: „Das Haus ist verwaist, ihm wird keine Aufmerksamkeit geschenkt, weder von Männern noch von Frauen.“ Sie kenne viele Frauen, die gern putzten, es aber nicht gern zugäben, weil sie sich dann als Heimchen fühlten. Viele von ihnen hätten im Zuge der Emanzipation den Haushalt zurückgelassen. Zaugg fordert sie auf, ihn zurückzuerobern, sie sollten sich „freiwischen“.

Denn Putzen ist eine Kulturtechnik wie Schreiben und Kochen, und sie entwickelt sich weiter. Doch tradierte Verhaltensmuster stehen dem Fortschritt im Wege: Die Frau hat das Haus verlassen, aber wenn der Mann im Haushalt zugange ist, ist sie irritiert. Wolfgang Feiter, Marketingleiter von Erdal-Rex sagt dazu: „Wir waren entsetzt über eine Rheingold-Studie zum Waschen: Wie die Frauen diesen Bereich besetzt halten! Die Männer machten alles falsch, die dürfen nicht mal Wäsche aufhängen.“

Wie kriegt man also den Mann an die Leine und den Eimer?

Erst einmal: Wenn Männer putzen, dann systematisch. Sie sehen die Verschmutzung als wissenschaftliches Problem, das es zu lösen gilt: Wie bekomme ich das Ding jetzt sauber? Sie putzen auch länger und gründlicher – vorausgesetzt, es handelt sich um Maschinen und Geräte und nicht um den Haushalt. Männer fokussieren, Frauen haben eher den ganzen Haushalt im Blick, sagt Grünewald.

Das wirke sich auch auf die Wahl des Putzmittels aus. Statt Universalreiniger verwenden sie Spezialmittel oder kaufen – im Bau- statt im Drogeriemarkt – den Hochdruckreiniger. Die Industrie richtet sich auf die putzenden Männer ein. In Werbespots schwingen immer mehr gut aussehende bis verführerische Männer den Wischmopp.

Aufräumen! Die Putzfrau kommt

Trotzdem: Wer kann, schiebt das Putzen meist ab, Schätzungen zufolge beschäftigt jeder zehnte Haushalt in Deutschland eine Putzhilfe. Nur sechs Prozent davon sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt, der Rest arbeitet schwarz. Aber auch wenn sie dringend gebraucht werden, Wertschätzung erfahren Putzkräfte deshalb noch lange nicht. Sie werden versteckt. Sie kommen ganz früh oder ganz spät, wie die Heinzelmännchen. Keiner sieht, wie sie arbeiten, nur dass sie gearbeitet haben.

Viele, die Dreck wegmachen, werden wie solcher behandelt. Im indischen Kastensystem ist es explizit: Die Paria, die Unberührbaren, fassen den Dreck an, weshalb man sich von ihnen fernhält. Aber auch in westlichen Kulturen gibt es Hotelgäste, die sich beschweren, wenn Reinigungspersonal im Lift mitfährt. Scheußliche Kittel tragen Putzfrauen sowieso, Putzfrau, das klingt wie das Gegenteil von Erfolg.

Wer putzen lässt, tut das, weil es ihn nervt, es selbst zu tun, oder er Zeit sparen will. Nur: Was macht man dann eigentlich in den gesparten drei Stunden? Viele Auftraggeber bleiben sogar zu Hause, während die Putzkraft da ist. Oder sie räumen vorher auf. Unterm Strich hat man wenig Zeit gespart, ist aber neuen Zwängen ausgeliefert.

Man muss ja darauf achten, dass alles richtig gemacht wird. Es gibt immer mehr Materialien, die es zu putzen gilt. Auslegware und verschiedene Hard-Floor-Beschichtungen haben den Teppich weitgehend abgelöst. In dicken Ikea-Katalogen gibt es allerlei Möbel, kaum einer kauft noch etwas, das aus robustem Holz gefertigt wurde. Viele haben ein Cerankochfeld statt eines Gasherds, wie er noch in meiner Berliner Wohnung steht. Bei Wänden, Böden und Möbeln sind Naturmaterialien beliebt, wobei nur wenige bedenken, dass zum Beispiel der Schmutz an der rauen Oberfläche von Schieferstein schnell hängen bleibt. Wenigstens habe ich kein Marmorfensterbrett – das würde mein Essigreiniger schnell vernichten, weil er den Kalk aus dem Stein löst. Andere Sachen wiederum gehen kaputt, wenn man sie gar nicht reinigt.

Und doch scheint es einen Gegentrend zu geben. „Die neue Macht des Putzens“ heißt eine Studie des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel (IKW). Danach haben die deutschen Putzer eines gemein: Sie nutzen diese Tätigkeit für den Rückzug ins Private, sie verspricht Verlässlichkeit und Struktur. Putzen als Freiraum, in dem man sich nicht beweisen muss, sich fast schon erholen kann, vom Zwang zur Dauerproduktivität und ständiger Selbstoptimierung. Selbst Kochen ist ja schon normativ aufgeladen – wer Spaghetti kocht, ist langweilig bis unkreativ.

Putzen als elementare Daseinsversicherung in einer zunehmend virtuellen Welt: Ich putze, also bin ich. Es fühlt sich schon ein wenig philosophisch an, wenn man ordnet und sortiert, alles von allen Seiten betrachtet und bearbeitet, dem schönen Schein der Oberfläche auf den Grund geht.

Und am Ende ist die Lösung nicht unbedingt, dass das Problem weg ist, sondern dass es ausreichend hoch verdünnt (gelöst) und damit vorerst unsichtbar ist. Und das ist wichtig – vor allem, wenn Gäste kommen. ---

Welcher Putz-Typ sind Sie?

Nach einer Studie des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel (IKW) gibt es fünf verschiedene Typen:

1. Der Perfektionist

Er versucht, mit Putzattacken sich selbst und sein Leben in den Griff zu bekommen.

2. Der Kaschierer

Sein Motto lautet: Offensichtliche Unordnung oder Dreck müssen beseitigt werden, mehr aber auch nicht.

3. Der Herrscher

Er erklärt sein Ordnungssystem und damit seine Auffassung von Sauberkeit zum einzig Wahren. Niemand putzt so gut wie er – auch wenn er gar nicht selber putzt, sondern alle Arbeiten delegiert.

4. Der Lebenskünstler

Er sagt: „Sauber ist, wenn weiße Socken nicht schwarz werden, wenn man über den Boden geht.“ Nach dem Prinzip Selbstbestimmung geht er demonstrativ gelassen an das Thema Putzen heran. Es muss weder besonders sauber noch übertrieben ordentlich sein.

5. Der Kontroletti

Er denkt im Grunde wie der Herrscher: Nur er weiß, was wann und wie geputzt werden muss. Anders als der Herrscher inszeniert er sich aber als Diener und übernimmt die ganze Putzarbeit, aber nur, um damit heimlich die Kontrolle zu haben.