Wirtschaftsgeschichte

Wetten auf den Tod

Lebensversicherungen als makabres Spiel – eine sehr englische Idee.





• Nach dem Dinner kamen die jungen Adligen Pigot und Codrington auf einen bizarren Plan: Sie wollten nicht mehr allzu lange auf ihr künftiges Erbe warten und vereinbarten, dass derjenige, dessen Vater zuerst sterben würde, dem anderen einen Teil des Erbes zahlen müsste. Anders gesagt, Pigot und Codrington wetteten auf den Tod ihrer Väter. Mit ihrer Entscheidung schrieben sie Geschichte, ohne es zu beabsichtigen – sie veränderten das Wesen von Lebensversicherungen grundlegend.

Die anderen Aristokraten, die im Jahr 1770 zu der Soirée im englischen Newmarket gekommen waren, versammelten sich um die beiden. Ein Lord nahm eine grobe Risikoberechnung vor. Da Pigots Vater bereits über 70 war, Codringtons erst um die 50, schätzte der Lord, Codrington habe eine Chance von drei zu eins, dass dessen Vater Pigots überleben und er vom Erbe seines Wettpartners profitieren würde. Diese ungleichen Voraussetzungen müsse man berücksichtigen: Falls Pigot verlöre, sollte er 500 Guineas, also Goldstücke zahlen. Falls Codrington verlöre, sollte er 1600 Guineas abgeben.

Codrington sah sich unfair behandelt und zog sich aus der Wette zurück. Die Runde der Adligen hatte aber offenbar Gefallen an dem Spiel gefunden, sodass ein Earl sich bereit erklärte, an Codringtons Stelle den Vertrag zu unterschreiben. Gewettet wurde weiterhin auf den Tod der Väter von Pigot und Codrington.

Als der Vertrag unterzeichnet war, wurde ein unglaublicher Zufall bekannt: Pigots Vater war bereits in den frühen Morgenstunden desselben Tages gestorben. Der Erbe hatte die Wette also verloren. Er versuchte, sie für ungültig zu erklären, aber ein Gericht entschied, dass er zahlen müsse.

Was wie ein makabrer Einzelfall wirken mag, war im 18. Jahrhundert in England weitverbreitet. Obwohl das Geschäft mit Lebensversicherungen heute auf Risikominimierung ausgerichtet sei, beruhe die ursprüngliche Idee auf dem Gegenteil, schreibt der Historiker Geoffrey Clark in dem Sammelband „Embracing Risk“: Die Beliebtheit der Lebensversicherungen im England dieser Zeit sei zurückzuführen auf die „Vorliebe der Menschen, auf das Leben anderer zu spekulieren“. Frühe Formen von Lebensversicherungen gab es schon im Mittelalter, sie wurden jedoch in den meisten europäischen Ländern zunächst verboten, in England entwickelte sich das Geschäft weiter.

Oft fanden sich Einzelpersonen, die darauf wetteten, dass eine dritte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt noch leben würde – oder bereits tot wäre. Die Person, auf deren Leben gewettet wurde, musste nicht zustimmen und hatte auch nichts von dem Deal. Darüber hinaus entstanden Gesellschaften, die wie Solidargemeinschaften funktionierten: Die Mitglieder zahlten Beiträge. Wenn ein Versicherter starb, erhielt derjenige, der den Vertrag geschlossen hatte, aus den Mitgliedsbeiträgen eine Summe ausbezahlt. Viele hatten ein ehrliches Interesse, die Familie abzusichern. Doch die Gesellschaften zogen auch jene an, die auf den Tod spekulieren wollten. Die Spieler versicherten dort Menschen, von denen sie glaubten, dass sie nicht mehr lange leben würden.

Auch auf berühmte Personen wurde gewettet: Den Jakobiten, die im Jahr 1745 in einem Aufstand gegen die Krone kämpften, wurden keine großen Überlebenschancen zugebilligt. Als der Admiral John Byng 1757 wegen Dienstpflichtverletzung schuldig gesprochen und hingerichtet wurde, freuten sich diejenigen, die auf seinen Tod gewettet hatten. Selbst Könige waren vor der Spekulation nicht sicher: Als George II. in die Schlacht von Dettingen zog, konnte man darauf setzen, ob er diesen Kampf überleben würde (was er übrigens tat).

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts habe es kaum Kritik an den Wett-Versicherungen gegeben, schreibt der Historiker Geoffrey Clark. Selbst dann nicht, als es 1750 zu einem Zwischenfall im White’s Club in London kam. Ein Mann kollabierte vor der Tür und wurde hineingetragen. Der Überlieferung nach wetteten die Gentlemen auf Leben oder Tod, und als ein Arzt kam, hinderten sie ihn daran zu helfen, denn das wäre ein unzulässiger Eingriff in das Spiel gewesen.

Große Empörung löste erst William Pigot aus, der auf das Leben seines Vaters setzte und verlor. Der Prozess vor Gericht machte die Geschichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Geoffrey Clark zufolge trug dieser Fall dazu bei, dass das Wetten auf den Tod 1774 im Gambling Act verboten wurde. Erst mit der rechtlichen Neuregelung wandelten sich die Lebensversicherungen vom Spiel mit dem Todesrisiko zu einer Garantie für den Versicherten. Mit Menschenleben durfte man nun nicht mehr spielen. ---