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Warum gibt es noch Hunger?

In vielen Ländern werden tonnenweise Lebensmittel weggeworfen. Müsste das Essen dann nicht eigentlich für alle Menschen auf der Welt reichen?




• „Und in Afrika hungern die Kinder!“ Kaum eine Kindheit der vergangenen Jahrzehnte blieb von diesem mahnenden Satz verschont, wenn der Teller einmal nicht leer gegessen war. Und sicherlich ist es sinnvoll, darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen anderswo weniger privilegiert sind. Aber wie der langsam eintrocknende Klacks Kartoffelbrei und die übrig gebliebenen Erbsen einem hungrigen Kind in der Sahelzone helfen sollen, leuchtet dem satten Kind hierzulande mit gutem Grund nicht so ganz ein.

Was aber ist mit den rund 60 Prozent der 18 Millionen Tonnen in Deutschland vernichteten Lebensmittel, die den Kunden gar nicht erst erreichen, weil der Großhandel, die Supermärkte oder die Gastronomie sie zuvor auf den Müll werfen? Auch hier wäre eine Umverteilung weniger sinnvoll, als es erscheinen mag. Zwar sind manche Lebensmittel auch noch lange nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum genießbar. Einen Transport würden viele jedoch nicht überstehen, oder sie wären zumindest nicht bedenkenlos verwendbar.

Lieferungen von frischen oder dauerhaft haltbaren Lebensmitteln in die sogenannten Entwicklungsländer würden den Markt für die dortigen Bauern zerstören. Und das wiederum würde verhindern, dass diese in bessere Technik, Methoden und Infrastruktur investieren können. Gerade Nahrung, die durch schlechte Lagerung verloren geht, ist ein massives Problem in armen Ländern. Ebenso die Verteilung vor Ort, weil es an Verkehrswegen und geschlossenen Kühlketten fehlt.

„Die Idee, überschüssige Nahrung aus Europa oder Nordamerika nach Asien oder Afrika zu schicken, ist überholt“, sagt Cindy Holleman von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen. „Eher ergibt es Sinn, Geld zu geben und davon Lebensmittel vor Ort zu kaufen.“ Denn das Problem ist in den meisten Fällen nicht, dass keine Lebensmittel vorhanden sind, sondern dass zu vielen Menschen der Zugang dazu fehlt. Vor allem wegen mangelnder Kaufkraft.

Deshalb geht auch die Hypothese nicht auf, dass die Dritte Welt allein von Sojabohnen und anderen Lebensmitteln ernährt werden könnte, die an die Tiere verfüttert werden, nach denen die Fleischesser der Ersten Welt auf ihren Tellern verlangen (siehe brand eins 12/2017: „Was wäre, wenn niemand mehr Fleisch äße“). Auch diese Sojabohnen müssten sich die potenziellen Käufer erst einmal leisten können. (Dass weniger Fläche für Futtermittel und Weideflächen aufgewendet werden müsste, wenn weniger Fleisch gegessen würde, ist hingegen richtig.)

Neben dem wirtschaftlichen gibt es zwei weitere Faktoren, die hauptverantwortlich dafür sind, dass selbst in Zeiten von immer widerstandsfähigerem und ertragreicherem Saatgut und von global zunehmendem Wohlstand immer noch Menschen hungern. Bewaffnete Konflikte sowie der Klimawandel sind laut einer aktuellen Studie der FAO der Grund dafür, dass 821 Millionen Menschen weltweit zu wenig zu essen haben. Es ist das dritte Jahr in Folge, dass diese Zahl wieder steigt. Zuvor war sie jahrelang gesunken oder stagnierte zumindest.

„Wir sind leider wieder auf dem Stand von vor zehn Jahren“, sagt Cindy Holleman, die die Studie „Food Security and Nutrition in the World“ geleitet hat. „Das Problem ist dabei nur in den allerseltensten Fällen die Verfügbarkeit von Nahrung, sondern fast immer der Zugang dazu – und dieser fehlt aufgrund von Armut.“

Zum einen habe die Zahl der bewaffneten Konflikte in den vergangenen Jahren zugenommen. Diese seien außerdem langwieriger und beträfen aufgrund ihrer zunehmenden Komplexität immer mehr Menschen. „60 Prozent der Menschen, die hungern, leben in Ländern, die von solchen Konflikten betroffen sind“, sagt Holleman. „Wenn diese Konflikte mit Klimakatastrophen zusammentreffen, wird es richtig problematisch.“

Klimakatastrophen wie Dürren oder Hochwasser – manche Länder sind inzwischen auch von beidem betroffen – seien aber nur der deutlich sichtbare Teil des Problems. Oft genügten auch schon kleinere Verschiebungen in den Jahreszeiten – eine später einsetzende oder früher endende Regenzeit beispielsweise –, um die Erträge der Kleinbauern signifikant zu verschlechtern. „Das sind dann keine Katastrophen, die es in die Nachrichten schaffen“, sagt Holleman. „Aber sie tragen zu Nahrungsknappheit bei und zu dem, was wir Food Insecurity nennen. Diese Unsicherheit sorgt dafür, dass die Preise noch stärker steigen als ohnehin schon.“

In Kombination mit sinkenden Einkommen, die in vielen Gegenden Afrikas und Asiens noch viel stärker von Ackerbau und Viehzucht und damit vom Klima abhängen, reicht das oft schon, um zumindest saisonale Hungersnöte hervorzurufen. 51 Länder weltweit haben laut der FAO-Studie inzwischen mit solchen verschobenen Jahreszeiten und Wetterzyklen zu kämpfen. Helfen könnte, verschiedene Getreidesorten anzubauen, die jeweils unterschiedliche Erntezyklen haben. Dadurch ließe sich der jeweilige Zeitrahmen, in dem gute Wetterbedingungen nötig sind, ausweiten und somit das Risiko eines kompletten Ernteausfalls verringern. Hilfreich wären auch neues Hybridsaatgut, das Getreide schneller wachsen lässt, sowie bessere Vorhersage- und Frühwarnsysteme.

Diese Ansätze werden derzeit unter dem Schlagwort „Climate-Smart Agriculture“ (CSA) verstärkt diskutiert, befinden sich vielerorts jedoch noch in der Erprobungsphase. Dringend nötig wären zudem: die politische Misswirtschaft und Korruption in vielen der betroffenen Regionen zu reduzieren, der Einsatz von besseren Ernte- und Lagerungstechniken sowie moderner Methoden, die die Haltbarkeit von vor Ort geernteten Lebensmitteln verlängern.

Der Gedanke, dass sich mit dem Essen, das in Deutschland und anderswo verschwendet wird, der Hunger in Afrika, Asien und Teilen Mittelamerikas bekämpfen lässt, greift also zu kurz. „Wir müssen kein Essen nach Afrika schicken“, sagt die UNO-Expertin Holleman. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Landwirtschaft dort den zunehmend extremen Wetterbedingungen besser gewachsen ist.“ ---