van Bommel

Die van Bommels produzieren in neunter Generation Schuhe – und zählen zu den wenigen Überlebenden in dieser Branche. Porträt einer experimentierfreudigen Familienfirma.




• Floris van Bommel, ein schlanker, schwarz gekleideter Mann mit etwas längerem Haar, führt seinen Hund im Örtchen Moergestel nahe der belgischen Grenze Gassi. Er winkt freundlich, als der ihm fremde Besucher vorbeifährt. Dann geht er weiter seiner Wege. Wenig später wird man ihn in seinem Büro neben der Schuhproduktion wieder treffen. Der 43-Jährige sitzt hinter seinem Schreibtisch, schenkt Cola light ein, der Hund liegt neben ihm auf dem Boden. Van Bommel wirkt zurückgenommen, was irritiert – zumindest, wenn man ihn bis dato nur aus der Werbung kannte.

Denn Floris van Bommel ist nicht nur Kreativdirektor und Inhaber, der gemeinsam mit seinem älteren Bruder Reynier und seinem jüngeren Bruder Pepijn seit rund 20 Jahren den Betrieb der Eltern in nunmehr neunter Generation führt. Er steht mit seinem Namen auch für die bedeutendste Marke des 1734 gegründeten Unternehmens, das heute rund 600.000 Paar Schuhe jährlich verkauft, vor allem in den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Und er ist die wichtigste Werbefigur.

Mal posiert er fast nackt in einer Kampagne, mal mit einer Gitarre in den Straßen von New York und dann wieder mit einer Spielekonsole in den Händen auf einem riesigen Sofa.

Er wird „der Rockstar unter den Designern“ genannt oder „der verrückte Schuhmacher“. Die Herrenhalbschuhe, für deren Gestaltung er hauptverantwortlich ist, sind oft farbig, bestehen aus bis zu 19 unterschiedlichen Materialien und sind häufig versehen mit Spielereien wie etwa einem in die Schuhsohle geritzten Bilderrätsel.

Man erwartet also einen lauten, exaltierten Mann. Und keinen Chef, der leise auftritt, freundlich jeden Mitarbeiter in der Produktion begrüßt, einen fachkundig durch das hauseigene Schuhmacher-Museum führt und der genau wie seine Brüder und seine Eltern in einem eigenen Haus in Moergestel wohnt. In seinem Fall ist es das einstige Haus seines Großvaters, in unmittelbarer Nähe zum Unternehmen.

Die Geschichte der Familie ist bemerkenswert. Sie zeigt, was es braucht, um ein Unternehmen bis in die neunte Generation erfolgreich zu führen, eine Schuhproduktion in einem Hochlohnland wie den Niederlanden zu erhalten und sich in der schnelllebigen Modewelt zu behaupten: feste Wurzeln. Humor. Und viel Platz zum Spielen.

Vielen ist dieses Kunststück nicht gelungen. Von den – Schätzungen zufolge – einst mehr als 200 größeren niederländischen Schuhproduzenten sind nur noch die van Bommels übrig geblieben. In Deutschland begann der Niedergang der Branche in den Sechzigerjahren. Damals wurde die Schuhindustrie zunächst nach Süd-, dann auch nach Osteuropa und später vor allem nach Asien verlagert. Seit 1970 ist die hiesige Produktion um rund 90 Prozent gesunken.

So glaubte 1996 kaum jemand daran, dass ein Unternehmen mit einer großen eigenen Produktion für Schuhe im Preissegment bis zu 400 Euro wie das der van Bommels eine Überlebenschance hätte. Tatsächlich stagnierten die Absatzzahlen des Königlichen Hoflieferanten bei knapp 180.000 Paaren pro Jahr. Frans van Bommel, der Vater der heutigen Inhaber, versuchte sich diesem Trend mit modernen, billigeren Schuhen entgegenzustemmen. Doch weil dies mit der Marke van Bommel nicht funktionierte, schuf er eine neue, jüngere und benannte sie nach seinem mittleren Sohn.

Herrenmode für gemäßigte Individualisten

Floris van Bommel studierte damals Modemanagement und hatte – anders als sein älterer Bruder – noch nicht signalisiert, ins Unternehmen eintreten zu wollen. Doch nach seinem Abschluss im Jahr 1998 kam der damals gerade 22-Jährige in den elterlichen Betrieb. „Ich wusste nicht, was ich sonst hätte machen sollen“, sagt er heute. Der Vater hatte die Firmenanteile zwar schon zu jeweils einem Drittel an seine Söhne verkauft, doch Druck, das Unternehmen fortzuführen, hätten weder er, Floris, noch seine Brüder verspürt. Damals sorgte die Marke van Bommel für rund 85 Prozent des Umsatzes, den Rest steuerte die jüngere Marke bei. Die Verantwortung für sie übergab der Vater seinen Söhnen und ließ sie machen.

„Wir wollten nur Spaß haben“, sagt Floris van Bommel heute. Inwieweit er mit solchen Sätzen sein Image als junger Wilder pflegen will, ist schwer einzuschätzen. Die Grenzen zwischen der Marke und der Person sind fließend. Fakt ist: In einer Zeit, in der auch in den Niederlanden – einer traditionell farbenfrohen Nation – ein cognacfarbener Herrenhalbschuh bereits als gewagt galt, gingen die jungen van Bommels beherzt an ihr Produkt heran. Sie mixten Leder mit Filz, färbten die Sohlen grün, setzten Stücke von Krokoleder ein. Das Ergebnis: ein etwas verrückter Schuh – den man aber im Büro tragen kann. Geschaffen für diejenigen im Mainstream, die sich gern etwas individueller und mutiger zeigen möchten. Von der Mode-Elite des Landes wurde dieser Stil belächelt und für etwas peinlich befunden. Die Urheber ließen sich davon nicht beirren und bewarben die Marke mit einer ironischen Kampagne. Im Mittelpunkt das Gesicht von Floris van Bommel sowie Werbebotschaften wie „Floris van Bommel. Since 1734 … Bla, bla, bla.“

So unbefangen die Junioren damals zu Werk gingen, so konsequent wirkt die Positionierung der jungen Linie aus heutiger Sicht. Obwohl die drei Brüder den Druck von acht Vorgängergenerationen und einer fast 300-jährigen Unternehmensgeschichte gespürt haben mussten – etwas anderes ist kaum vorstellbar –, ist es ihnen gelungen, ihn zumindest für diesen Anfangsmoment abzuschütteln. Ihr Vater gewährte ihnen den notwendigen Freiraum und unterdrückte den Impuls, das vermeintliche Himmelfahrtskommando zu stoppen. Hilfreich war, dass sich das Unternehmen vollständig im Besitz der Familie befand und ohne Fremdkapital wirtschaftete.


Links: Das Führungs-Trio: Pepijn, Floris und Reynier van Bommel (von links ) Rechts: ein Mitarbeiter vor vielen Modellen

Lagerhaltung lohnt sich auch für Saisonware

Der Mut wurde belohnt: Schon zwei Jahre später hatten sich die Umsätze der jungen Linie verdoppelt. Kurz darauf, im Jahr 2002, zog sich der Vater aus dem Geschäft zurück. Der älteste Sohn Reynier wurde Geschäftsführer, Floris Kreativdirektor, Pepijn bekam im Führungsteam die Verantwortung fürs Kaufmännische. Seitdem treffen sich die Brüder mindestens einmal die Woche zur Strategiebesprechung. Entscheidungen werden mehrheitlich getroffen, „weshalb es hilft, dass wir zu dritt und nicht zu viert sind“, so Floris van Bommel.

Er führt durchs Werk, wo rund 280 manuelle Arbeitsschritte für die Herstellung der Schuhe notwendig sind. Ein Bild wie aus einer vergangenen Zeit: An den Maschinen sitzen vornehmlich Männer, ziehen Leder passend und färben mit Pinseln Sohlen. 200 Menschen arbeiten heute für die Firma – 155 am Hauptsitz in Moergestel und in den eigenen Filialen in den Niederlanden, 45 in den Geschäften in Belgien und Deutschland. Die Zahl der verkauften Schuhe steigt seit Jahren und hat sich 2017 mit 585.000 seit der Übernahme der Brüder fast verdreifacht. 80 Prozent davon entfallen auf die Marke Floris van Bommel.

Nach wie vor werden jährlich etwa 150.000 Paar Schuhe in Moergestel produziert. Das Gros von rund 75 Prozent kommt aus einem Werk in Portugal, das Land ist für seine hochwertige Schuhproduktion bekannt. Dank dieser Mischung können Floris-van-Bommel-Schuhe für eine breitere Käuferschaft kalkuliert werden, die meisten kosten zwischen 180 und 230 Euro. Der Standort in den Niederlanden stehe nicht zur Disposition, sagt van Bommel: „Es geht um Verwurzelung, Seele, Heimat, Langfristigkeit und Erhalt von Know-how.“ Um um cleveres Marketing, denn die Luxusmarke van Bommel strahlt auf die jüngere und billigere ab.

Die Designs mögen zuweilen gewagt sein, seine Expansion geht das Unternehmen vorsichtig an. Die Marke van Bommel gibt es nur in den Niederlanden zu kaufen, denn der Markt für Schuhe um die 400 Euro sei überall schon besetzt. Floris-van-Bommel-Schuhe werden zu rund 55 Prozent in der Heimat und zu 20 Prozent in Belgien verkauft. 5 Prozent gehen in andere europäische Länder wie Österreich, die Schweiz oder Luxemburg. Und die restlichen 20 Prozent gehen nach Deutschland, wo es seit Ende 2014 mit Düsseldorf und Köln auch zwei eigene Flagshipstores gibt. „Wenn wir in Berlin auf der Modemesse ausstellen, wollen von Kanadiern bis Japanern und Russen alle unsere Schuhe vertreiben. Die meiste Zeit sind wir damit beschäftigt, Nein zu sagen“, so van Bommel. „Natürlich könnten wir einen Flagshipstore in Miami eröffnen. Dann könnte ich zur Eröffnung dorthin fliegen und einen Champagner trinken. Doch was hätte ich derzeit davon? Wenn überhaupt, trinke ich einen Champagner lieber in Moergestel. Wir wollen langsam wachsen. Und weiterhin nur aus eigenen Mitteln.“

Dass dies bislang geklappt hat, dafür gibt es mehrere Gründe. Einer der wichtigsten: „Die Marke Floris van Bommel hat eine glasklare Positionierung als hochwertiger Lederschuh mit Twist“, sagt Andre Bangert, Ressortleiter Männermode bei der Zeitschrift »Textilwirtschaft«, dem Zentralorgan der Branche. Dieser „moderne Part im Business-Schuh-Segment“ sei bis zum Auftauchen der van Bommels in Deutschland mehr oder weniger unbesetzt gewesen, ähnlich wie das Preissegment um die 200 Euro, das nun eine „Brücke“ darstelle zwischen dem gehobenen Mainstream, den Lloyd anbiete, und den Premium- und Luxusschuhen von Ludwig Reiter, Crockett & Jones oder Alden.

Dass die van Bommels diese Idee aus den Niederlanden mitgebracht hätten, wo Männer traditionell bereit seien, mehr für Schuhe auszugeben, sei „ein kluger Zug“ gewesen, so Andreas Schaller, der seit 29 Jahren bei Lloyd arbeitet – mittlerweile als Geschäftsführer – und den hiesigen Markt für Herrenschuhe wie kaum ein Zweiter kennt. Der Zeitgeist habe den van Bommels in die Hände gespielt, sagt Schaller: „Seit rund acht Jahren erleben wir eine nie dagewesene Casualisierung in der Herrenschuhmode. Nur Wirtschaftsprüfer und Banker müssen noch klassische Herrenschuhe im Arbeitsalltag tragen.“

Der Rest darf auch Sneaker anziehen. Oder eben ein etwas ausgefallenes Modell von Floris van Bommel. Hinzu kommt: Schon seit Jahren steht der klassische Schuhhandel unter Druck – und die Schuhproduzenten müssen neue Vertriebswege finden. So kaufen immer mehr Menschen ihre Schuhe online bei Händlern wie Zalando. Der Anteil am Markt ist in wenigen Jahren von null auf 15 Prozent gestiegen. Bekleidungsketten wie H&M oder Zara haben eigene Schuhe mit ins Sortiment aufgenommen. Und auch die großen Bekleidungshäuser wie Peek & Cloppenburg oder Anson’s versuchen einen Teil des lukrativen Geschäfts zu erobern, indem sie vom Schuh bis zur Jacke ihre Kunden komplett einkleiden.

In Deutschland arbeiten heute noch etwa 15.000 Beschäftigte in der Schuhindustrie. Allerdings sind die wenigsten von ihnen in der Produktion oder in größeren Betrieben beschäftigt; dort findet oft nur noch die Endmontage importierter Schuhbestandteile statt.

Lloyd, einer der letzten großen Betriebe in Deutschland, stellt täglich rund 7500 Paar Schuhe her, etwa 5600 davon in seinen rumänischen und indischen Werken. Die restlichen 1900 Paare entstehen durch das Verbinden importierter Sohlen und Schuhoberteile im Werk neben der Konzernzentrale im norddeutschen Sulingen, wo rund 550 der 700 Beschäftigten hierzulande arbeiten. Nur ein winziger Teil der gesamten Produktion, die rahmengenähte Edellinie 1888, wird vollständig in Sulingen produziert.

Verkauft werden in Deutschland rund 400 Millionen Paar jährlich. Abzüglich der Exemplare, die an Besucher aus dem Ausland gehen, sind das durchschnittlich rund vier Paar pro Einwohner – im Vergleich mit anderen Ländern ein hoher Wert. Aber die Bundesbürger gelten als extrem preissensibel. In einer größeren Studie der Zeitschrift »Textilwirtschaft« aus dem Jahr 2017 gaben Männer an, im Durchschnitt nicht mehr als 65 Euro für einen Halbschuh aus Leder auszugeben, bei der großen Mehrheit liegt der Maximalpreis bei rund 100 Euro. Zwar ist das immer noch mehr, als die Kunden bereit sind, für einen Sneaker auszugeben (Durchschnittswert 49 Euro), aber es ist dennoch eine Herausforderung für die Hersteller klassischer Herrenschuhe. So kostet ein Paar von Lloyd im Schnitt rund 130 bis 140 Euro. „Würden wir komplett in Deutschland produzieren, müssten wir den Preis mindestens auf 190 bis 200 Euro erhöhen. In der Menge, die wir brauchen, wäre der Schuh dann hierzulande unverkäuflich“, so Andreas Schaller, der Geschäftsführer.

Das Unternehmen van Bommel wurde 1734 in der Nähe der niederländischen Stadt Breda von Reynier van Bommel gegründet und wird heute in der neunten Generation von den Brüdern Reynier, Floris und Pepijn van Bommel geführt. Der Großvater der drei blieb bis nach seinem 80. Geburtstag in der Firma, was für den Sohn Frans van Bommel nicht leicht war. Der Patriarch und sein designierter Nachfolger stritten sich unter anderem über den Sinn von Marketing.

Als Frans van Bommel die Führung übernahm, war er bereits über 50 – und der Einzige aus der achten Generation, der Interesse am Unternehmen hatte; der Niedergang der niederländischen Schuhindustrie war bereits in vollem Gange. Aufgrund seiner Erfahrungen verfasste Frans van Bommel ein Statut, um künftig Konflikte zu verhindern. So legte er fest, dass jeder seiner Söhne ein Drittel des Unternehmens erhalten sollte – sofern er im Alter von Anfang 30 in der Firma tätig sein würde. Frans van Bommel zog sich schon mit Anfang 60 zurück.

Das derzeitige Führungsteam überarbeitet die Firmenverfassung für die nächste Generation; sowohl Reynier als auch Pepijn van Bommel haben Kinder. So einigte man sich, dass Ehepartner von Familienmitgliedern nicht in der Firma arbeiten sollen, weil dies zu Streitigkeiten führen könnte. „Einen Kampf ums Unternehmen“, so wie ihn ihr Vater erlebt habe, wolle man so weit wie möglich vermeiden, so Floris van Bommel.

„Das Denken in kompletten Outfits, das online wie stationär immer wichtiger wird, bedient van Bommel mit seinen modernen Schuhkollektionen überdurchschnittlich gut“, sagt der Branchenkenner Bangert. Hinzu kommt ein guter Service für die Händler: Sie müssen ihre Lager zu Beginn der Saison nicht mit Ware füllen und hoffen, dass sie diese verkaufen, sondern können jederzeit auch kleine Mengen ordern.

Möglich macht das ein großes Depot in Moergestel. Dort lagern bis zu 100.000 Paar Schuhe, was sehr viel Kapital bindet – und bei so manchem Unternehmensberater vermutlich für Schnappatmung sorgen würde. Entstanden ist das Lager – und damit die Vertriebsstrategie – allmählich und also typisch für die van Bommels und ihre Art zu arbeiten. „Unsere Klassiker, die über Jahre gleich bleiben, hatten wir immer schon gelagert“, so Floris van Bommel. Doch dann hätten immer mehr Händler immer hartnäckiger nachgefragt, ob sie nicht auch von der Saisonware kleine Mengen ordern und bei Bedarf nachbestellen könnten, sprich: ob nicht der Hersteller das unternehmerische Risiko tragen könnte. Statt den Wunsch empört zurückzuweisen, starteten die drei Brüder Testballons und produzierten zunächst drei saisonale Modelle auf Lager. Parallel überlegten sie sich, wie sich Überproduktion möglichst vermeiden oder durch Fabrikverkauf sowie ein Outlet absetzen ließe.

Mittlerweile können Händler 60 saisonale Modelle innerhalb kürzester Zeit nachordern. Die Folge: Es gibt mehr Nach- und weniger Erstbestellungen. Unterm Strich ist die Menge der verkauften Schuhe meist gleich geblieben. Trotz dieses vermeintlichen Nullsummenspiels sind sich die Brüder sicher, dass die Übernahme des Risikos, die Kapitalbindung und der Aufwand, Überkapazitäten abzubauen, lohnen. Denn: „Wir haben unsere Position im Markt gestärkt, insbesondere in Deutschland“, sagt Floris van Bommel, um den herum es jetzt am späten Nachmittag bereits leise geworden ist. Für die meisten ist Feierabend, sie sind zu Hause, in der großen Mehrheit in Moergestel oder den umliegenden Städtchen. Nicht wenige arbeiten bereits in der zweiten oder dritten Generation für die van Bommels.

Bald kommen Schuhe aus dem Drucker

Seit einigen Jahren gibt es auch Damenschuhe der Marke Floris van Bommel, der Anteil am Gesamtumsatz ist von zwei Prozent im Jahr 2014 auf voraussichtlich zehn Prozent im laufenden Jahr gestiegen. Zudem werden passend zu den Schuhen Gürtel angeboten, die bei fast jedem dritten Paar Schuhe mitverkauft werden. Ob all das reicht, um die Firma irgendwann erfolgreich an die zehnte Generation weiterzugeben?

Die Automatisierung schreitet auch in dieser Branche voran und verbilligt manchen Produktionsschritt. In jüngster Zeit sind auch aus diesem Grund neue Unternehmen wie die norddeutsche Laufschuhfirma Lunge oder das bayerische Turnschuhunternehmen Vor gegründet worden, die vollständig in Deutschland produzieren – allerdings im Premiumsegment.

Dass sich durch Automatisierung die Produktion von Schuhen im großen Stil wieder in Westeuropa lohnen und neue Konkurrenz entstehen könnte, daran glauben angesichts des nach wie vor hohen Anteils der Personalkosten weder van Bommel noch der Lloyd-Geschäftsführer Schaller. Der sagt: „Wir produzieren 1200 Schuhvarianten in bis zu 18 verschiedenen Größen. Theoretisch verlässt durchschnittlich nur alle siebeneinhalb Tage ein identisches Paar unsere Produktion. Auch wenn wir groß sind: Wir bleiben eine Manufaktur.“

Ganz ähnlich sieht es bei den van Bommels aus, nur dass sie noch deutlich mehr Arbeitsschritte per Hand in den Niederlanden ausführen lassen. Zwar honorieren dies die Kunden bislang nur bedingt, doch der Mode-Experte Bangert hält das Festhalten an Qualität und Tradition für sinnvoll. Und der Lloyd-Chef Schaller hat die Erfahrung gemacht, dass „Made in Germany“ zum Beispiel in China oder Russland ein wichtiges Verkaufsargument ist. Dass alles so bleibt, wie es ist, scheint dennoch unrealistisch.


Dieser Mitarbeiter verklebt die Sohlen mit den Schuhen

Adidas hat 2017 seine erste sogenannte Speedfactory im bayerischen Ansbach in Betrieb genommen, eine zweite ist in den USA entstanden. Dort sollen jeweils 500.000 Paar Schuhe innerhalb von Tagen nach individuellen Kundenwünschen produziert werden können – per Drucker. „Wenn in Laboren die Menschen heute schon Koteletts in 3 -D drucken können, warum sollen sie dann nicht auch irgendwann Lederschuhe auf diese Weise herstellen?“, fragt Schaller. Und Floris van Bommel ist sich sicher: „In der nicht so fernen Zukunft werden 3-D-Drucker eine große Rolle in der Schuhherstellung spielen – und irgendwann mit Sicherheit auch bei uns.“

Was bedeutet das für seine Firma? „Ich weiß es noch nicht“, sagt er. „Was ich weiß, ist, dass wir in den vergangenen Jahrhunderten immer Lösungen für die Herausforderungen der jeweiligen Zeit gefunden haben. Und dass starke Marken immer relevant bleiben werden. Wenn wir weiter dafür sorgen, dass unsere Marke stark ist, können wir alle entspannt bleiben.“

Dazu passt der neue Unternehmensfilm, Drehbuch: Floris van Bommel. Die drei Brüder haben für das Werk eigens einen Kinosaal im Unternehmen einbauen lassen, vor einer riesigen Leinwand stehen zwei Dutzend schwere englische Clubsessel. Ein großer Jungs-Traum. Die Story des Films: Während Reynier und Pepijn sich über ihren Bruder ärgern, weil der nicht pünktlich zu einem vereinbarten Dreh erscheint, erzählen sie selbstironisch die Geschichte der van Bommels und der niederländischen Schuhindustrie. Derweil sieht man in einer Parallelhandlung, wie Floris und Vater Frans auf Hollandrädern durch Moergestel fahren und reale Orte der Familien- und Firmengeschichte besuchen. Während sie unter anderem in der örtlichen Kneipe noch ein Bier trinken und mit dem Wirt über die alten Tage plaudern, verlieren sie die Zeit aus den Augen. Später kommt es dann doch zum geplanten Treffen der drei Brüder und natürlich zur Versöhnung.

Die Botschaft der van Bommels: Wir kennen unsere Geschichte. Wir wissen um unsere Verantwortung. Aber wir können auch über uns lachen. Und wir haben beschlossen, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen. ---