Lenné Snack

Essen verbindet – jedenfalls im Bonner „Lenné Snack“. Ein letzter Besuch.




• Der Mann, den alle nur Addi nennen, weiß um fünf Uhr früh genau, was er braucht: 150 Kilo Fleisch, zehn Körbe Salat – um diese Jahreszeit reicht das immer für die nächsten zwei Tage. Er sitzt in seinem Kombi und kurvt im großen Bogen vom Siebengebirge, wo er wohnt, zum Großmarkt in St. Augustin. Und von dort in die Bonner Südstadt: hohe Bäume, prächtige Altbauten. Der „Lenné Snack“, den Adrian Plonka hier seit knapp 34 Jahren betreibt, liegt strategisch günstig in der Nähe von Universitätsgebäuden, Ämtern, Büros und Wohnhäusern.

Addi hat nur wenig geschlafen. Vor halb zwölf nachts kommt er selten nach Hause. Freitags, wenn die Leute in Trauben auf dem Bürgersteig stehen und trinken, wird es noch etwas später. Aber die kurze Nacht gehört zu seinem Beruf wie das tägliche Zwiebelschneiden, bei dem ihm längst keine Tränen mehr kommen. Mehr brauche er nicht, sagt der Mann im Harley-Davidson-T-Shirt. Dreieinhalb Jahrzehnte lang vier Stunden Schlaf.

Jetzt steht er in der fensterlosen Küche seines Imbisses und schneidet Fleisch. Er putzt den Grill, legt alles zurecht: Tomaten, Gurken, Mais und Soßen. Sein Mitarbeiter Franek paniert Schnitzel, seine Partnerin Anna bereitet Salat-Schalen vor; dafür wäre im Ansturm mittags keine Zeit. In einem Topf blubbern und dampfen zehn Kilo Sauerkraut. Sie sind der Wunsch eines Gastes – einmal noch, zum Abschied.

Die Sache ist nämlich: Der Lenné Snack wird bald für immer schließen. Er wird schon geschlossen sein, wenn dieser Artikel erscheint.

Das ganze Viertel redet von Addis Abschied wie von einem historischen Einschnitt: für Handwerker und Anwälte, für Taxifahrer und Ministerialbeamte, für Bauarbeiter, Studenten oder Professoren. In Addis Imbiss, der aus fünf Bistro-Tischen drinnen und einigen Biertischen draußen unter einer orangefarbenen Markise besteht, kommen alle zusammen, weil die Liebe zu -einer ordentlichen Portion Pommes mit Wurst, Burger oder einfach Ketchup keine Frage des Einkommens ist.


Der Chef: Seit 34 Jahren schneidet Addi Zwiebeln, brät Burger und hat für seine Gäste ein offenes Ohr. Nun hat er genug

Sie ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen können. Der letzte Flecken Konsensgesellschaft.

Ein Original mit bewegter Geschichte

Der Addi: ein untersetzter, bis zum Hals tätowierter Mann mit Kettchen, Brille und Hosenträgern in den Farben der amerikanischen Flagge. Er stammt aus Polen, sein Vater war Bergmann, arbeitete in den Siebzigerjahren in der Zeche Auguste Victoria im Ruhrgebiet. Die Familie zog als Aussiedler hinterher.

Der Sohn kam zu Kölner Nonnen ins Internat, wurde Koch und Metzger. Und noch nicht mal volljährig führte er einen eigenen Imbiss neben dem Eros-Center am Schlachthof, später dann an der Ehrenstraße in Köln mit eher handfestem Publikum. Tolle Zeiten, sagt Addi. Die pikante Schwedensoße auf Ketchup-Basis, die er erfand, verdankt ihren Namen Softpornos, die damals in waren.

Eigentlich passt dieser Mann so gar nicht zu Bonn, das nach den Gehaltsgruppen des öffentlichen Dienstes und akademischen Titeln hierarchisiert ist. Vor allem nicht in die Südstadt.

Das fürchtete auch Addi, als der Mietvertrag seines Ladens in Köln 1984 auslief und ein Nachfolger für den Imbiss an der Bonner Lennéstraße gesucht wurde. Er fragte sich, „was ich mit den ganzen Akademikern überhaupt reden soll. Ob ich hier akzeptiert werde.“ Die Sorge erwies sich als unbegründet. Auch in Bonn lebten bodenständige Leute wie die Fahrer des nahe gelegenen Auswärtigen Amtes oder Studenten.

Und Addi ist ein offenherziger Typ, wie man ihn im Rheinland bis hin zum Ministerialrat schätzt, was aber auch sonst ein vorteilhafter Charakterzug ist. Addi hat manchmal den Eindruck, „dass den Akademikern und den reicheren Leuten in ihrem Umfeld das Einfache fehlt, das hier herrscht“. Dass sie den Kontakt zu einem Arbeiterkind wie ihm suchen, um sich zu vergewissern, nicht ganz abgehoben zu sein.

Er kam also nach Bonn, damals noch Hauptstadt, hängte zur Boulevardzeitung überregionale Tageszeitungen unter den Spielautomaten, um es den Akademikern etwas wohnlicher zu machen, und der Laden begann zu laufen. Wenn Kinder in den Lenné Snack kommen, gehen sie mit einem klebrigen Lolli nach Hause. Addi ist auch ein Marketingtalent.

Ein bisschen Dorf in der Stadt

Elf Uhr, jetzt ist geöffnet. Der erste Kunde ist ein Dachdecker mit ernstem Gesicht. „Guten Morgen, Addi“, brummelt er und setzt sich nach draußen. „Guten Morgen, setz dich!“, ruft Addi fröhlich zurück. Der Dachdecker bestellt einen Berg Pommes und lächelt, als habe er vor allem das „Guten Morgen“ gebraucht. Aber die Pommes duften auch gut.

Die Szene wiederholt sich nun unentwegt: Handwerker in Berufskleidung, Doktoranden in Kapuzenpullis, Senioren in Rentnerjäckchen kommen rein und freuen sich über den herzlichen Empfang. Manche winken einfach nur im Vorbeigehen.

Im Umkreis von 200 Metern gibt es unter anderem: zwei Sushi-Läden, eine Bäckerei, ein Café, eine alternative Kantine, ein asiatisches Restaurant und eine Traditions-Gaststätte, die allerdings erst abends öffnet. Keiner dieser Orte scheint so geliebt zu werden wie der Lenné Snack.

Woran das liegt? Natürlich auch: am Essen. „Wir machen selbst das Gyrosfleisch frisch“, sagt Addi, während er die Sehnen von einem Stück Schweinefleisch reißt. „Die meisten Gyros-Buden nehmen da ja eher diese gefrorenen Blöcke. Ekelhaft!“ Die Bandbreite seiner Karte reicht von der kleinen Pommes über den großen Burger bis zum feineren Entrecôte. Oder Reibekuchen. Oder Piroggen, gefüllte polnische Teigtaschen (siehe auch brand eins 03/2014: „Ein Hoch auf die faulen Piroggen“). Es riecht nicht nach ranzigem Fett, weil er das Frittierfett häufig austauscht.

Allerdings geht es nicht nur um Geschmack und Geruch. „Die Innenstädte werden immer anonymer. Die persönliche Atmosphäre, die hier herrscht, kann in den vielen Franchise-Restaurants doch gar nicht entstehen“, sagt Taxifahrer Volker „Balu“ Schwab, der Addis Laden seit Jahrzehnten täglich ansteuert und sich als Stammkunde den Kaffee hinter dem Tresen selbst einschenken darf. „Und ganz ehrlich: Diese Atmosphäre entsteht auch nicht in den neuen kleineren Läden, die überall öffnen. Kaffee?“ Dem neuen Kunden, der in der Tür steht, macht er den Kaffee gleich mit.


Immer gut drauf: Addi mit Lebensgefährtin Anna, Mitarbeiterin Sylwia (Mitte) und Gästen

Letzte Feldstudien

Wenn Addi schließt, wird etwas fehlen, da sind sich alle einig. Ein kultivierter Anwalt namens Bernd sagt: „Hier begegne ich seit Jahrzehnten Leuten aus allen Gesellschaftsschichten. Eine nivellierte Gesellschaft, in der sich die dollsten Gespräche ergeben.“ Und selbstverständlich duzt man sich meistens.

Solches Miteinander wird im Zustand kollektiver Trauer wahrscheinlich überromantisiert. Ein Anwalt plaudert nicht zwangsläufig mit einem Handwerker, nur weil es so voll ist, dass die Bedienung das Weinglas nicht bis an den Tisch bringen kann. Aber es geschieht. Gerade zum Beispiel: Während Addi unentwegt zwischen Grillzeile, Kasse und Küche hin und her läuft – braten, frittieren, anrichten, abkassieren, dreckige Teller wegbringen und frische holen, grüßen, zuhören, kochen, eine Reservierung notieren – unterhält sich Bernd mit einem Mann, der auf die Reinigung von Öltanks spezialisiert ist.

Und selbst wenn nicht miteinander gesprochen wird: Man begegnet sich hier auf Augenhöhe. Salzige Pommes, ordentlich Mayo, saftige Burger, dazu ein eiskaltes Bier. Seliges Strahlen.

Addi sagt leise: Der eben ging, der ist Polizist. Der vor dem Fenster: Ex-Junkie. Stammgast Ralph, der von der „Geborgenheit“ des Ortes schwärmt, ist Heilpädagoge und Krimiautor. Zwei Frauen, die sich in einem Anflug von Kalorienbewusstsein eine Currywurst teilen und mit einer Männertruppe flirten, machen was mit Politik. Ein Großelternpaar lässt sich einen frisch geimpften Säugling zeigen. Ein Dürrer in Rennradmontur füllt gierig seine Fettkammern auf.

Neben der abschließbaren Aufladebox für Handys, die den Effekt hat, dass ihre Besitzer beim Essen nicht auf Bildschirme starren, sitzt ein älterer Mann aus der Nachbarschaft, der beim Gedanken an den letzten Tag des Imbiss-Restaurants sentimental wird. „Dann ist das Leben hier raus.“

Addi sagt, er habe schon damals in Köln mit vielen Einsamen zu tun gehabt. Die gebe es auch in einem wohlsituierten Viertel wie der Bonner Südstadt. „Die Leute glauben immer, dass Leute wie ich eine gewisse Menschenkenntnis haben“, sagt er. „Aber ich weiß gar nicht, ob das so stimmt.“ Er versuche jedenfalls immer, ein guter Zuhörer zu sein und keine vorschnellen Ratschläge zu geben.

Addi macht halblang

Bald wird er selbst ein echter Südstadt-Bewohner: mit einem Haus, auf das sie im Viertel noch lange zeigen werden, weil da mal der Lenné Snack drin war. Ihm gönnt das hier jeder – dem Addi, der auch mal die Blumen der Nachbarn versorgt.

Als Kind in Beuthen, Polen, lebte er mit seiner Familie zu viert in einem Zimmer. Sein erster Imbiss: eine Bretterbude am Puff. Das Geld zur Eröffnung des Ladens an der Ehrenstraße bekam er nur zusammen, erzählt er, weil ein Kompagnon und er besser Karten spielten als andere.

Und jetzt: Rente mit 56! Er hat das Haus, in dem sich der Imbiss befindet, vor Jahren gekauft, will nun darin einziehen, die Räume des Imbisses umbauen und als Wohnung vermieten. Und dann einen Gang zurückschalten – so der Plan.

Addi korrigiert: „Das mit der Rente mit 56 ist falsch. Ich werde schon noch irgendwas machen müssen, um das Leben wirklich genießen zu können, irgendetwas Ruhiges, Entspanntes.“ Aber, sagt er: „Ich bin finanziell abgesichert. Ein Haus ist drin, wenn man über drei Jahrzehnte früh aufsteht, lange arbeitet, gut rechnet und nicht am Tresen zu saufen anfängt.“


Das Essen: Neben der beliebten Currywurst gibt es bei Addi auch Spiegeleier, Bratwurst, Burger, Reibekuchen oder polnische Küche

Eine sichere Sache: die Currywurst

Addis Bestseller ist die Currywurst mit Pommes, billig im Einkauf und allseits beliebt. Ein namhafter Kantinenessen-Anbieter bestätigt die Liebe zur Wurst: „Ungeschlagen an der Spitze in der Betriebsverpflegung steht auch in diesem Jahr die Currywurst mit Wellenschnittpommes.“ Und Heinz-Peter Finke, Vizepräsident des Bundesverbands Schnellgastronomie und Imbissbetriebe, sagt: „Von einer Imbissbude am richtigen Standort kann man weiter gut leben, wenn man es richtig anstellt. Die Kult-Currywurst à la Ruhrgebiet wird erst recht nicht sterben.“

In Deutschland wächst die Zahl der umsatzsteuerpflichtigen Imbiss-Stuben: 2002 gab es 24 638, heute 34 295. Aber als Imbiss-Stuben führt diese Statistik auch Dönerläden, Pizza-Ecken, vegane Bistros und Food Trucks. Man entnimmt ihr nicht, dass im vergangenen Jahrzehnt viele klassische deutsche Imbisse verschwunden sind. Viele von ihnen finden keinen Nachfolger, sagt der Branchenkenner Finke. Oder keine Antwort auf die Konkurrenz, zu der auch große Fast-Food-Ketten und Burger-Manufakturen gehören.

Addi sagt: „Mein Laden brummt, das sind die besten Jahre. Aber selbst an der Salattheke im Supermarkt kann ich sehen, wie sich die Essgewohnheiten ändern. Ich verdanke mein gutes Geschäft einer Generation, die mit mir altert. Die 18- oder 19-Jährigen erreiche ich nicht mehr wie früher.“ Sie wachsen mit Studien auf, die den Effekt von Fast Food auf den Körper mit bakteriellen Infektionen vergleichen und fragen ihn, ob er vielleicht auch eingewickeltes Gemüse habe.

Veggie-Burger und Salate hat er natürlich. „Aber man erwartet es eben nicht, damit fängt es doch an. Hätte einer meiner Söhne den Laden übernommen“, sagt er, „müsste langfristig ein zeitgemäßeres Gesamtkonzept her.“

Dann lieber aufhören, wenn es am schönsten ist. Sagten die beiden Söhne, von denen keiner ins Imbiss-Geschäft einsteigen wollte. Sagte seine Partnerin Anna. Dachte Addi selbst, als er vor einem Dreivierteljahr in der Kirche saß und traurig war, mit seinen erwachsenen Söhnen nie einen Urlaub gemacht und zwei Ehen in den Sand gesetzt zu haben. Seit jenem Sonntag steht für ihn fest, dass er den Lenné Snack schließt, um mehr Zeit für sich und die Familie zu haben.

Aber noch nicht heute. Es ist Abend geworden, einer der letzten warmen Septembertage in diesem Jahr. Aus den Lautsprechern tönt Cyndi Laupers „Time after Time“, 1984 ein großer Hit. Die Leute sitzen dicht an dicht. Sie bestellen Pommes, wollen Schnitzel, ordern Burger mit Schwedensoße wie aus Protest gegen das allgegenwärtige Gesundheitsdiktat. Ihr Plaudern ist ein einziges Sausen und Dröhnen. Addi arbeitet, bis es irgendwann ruhig wird. Arbeitet weiter, bis der Laden wieder sauber ist.

Dann erst fährt er heim. ---