Blick in die Bilanz – Nestlé

Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé arbeitet profitabel – und wird dennoch von dem einflussreichen US-Hedgefonds Third Point unter Druck gesetzt. Warum?





• Der im schweizerischen Vevey ansässige Nestlé-Konzern ist mit einem Umsatz von knapp 90 Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2017 der größte Nahrungsmittelproduzent der Welt. In Dollar umgerechnet, erlösten die Eidgenossen 91,6 Milliarden. Die Nummer zwei in der globalen Rangfolge, Pepsico, brachte es auf 63,5 und Unilever auf 60,7 Milliarden Dollar. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres änderte sich an der Dominanz der Schweizer nichts, sie erlösten fast 44 Milliarden Franken (38 Milliarden Euro), unterm Strich stand ein Gewinn vor Steuern von knapp 7,4 Milliarden Franken (6,4 Milliarden Euro). Das entspricht einer Umsatzrendite von 16,7 Prozent, die im Branchenvergleich nicht schlecht ist: Pepsico schnitt mit 17 Prozent etwas besser, Unilever mit 16,4 Prozent etwas schlechter ab als Nestlé.

Was der Hedgefonds Third Point – Inhaber von Nestlé-Aktien im Wert von rund drei Milliarden Dollar – kritisiert, sind die Quellen des Gewinns. Er stammt nämlich nicht nur aus dem laufenden Geschäft, sondern speist sich auch aus dem Verkauf des US-Süßwarengeschäfts an den Konkurrenten Ferrero. Die Position „other operating income“ ist dank des Deals um gut zwei Milliarden Franken höher als im Vorjahr. Ohne diese Sondereinnahme hätte die Rendite Nestlés deutlich unter der seiner Konkurrenten gelegen. Und genau das nutzt Third Point aus, um durch die gezielte Information wichtiger Finanzpublikationen Druck auf das Topmanagement der Eidgenossen auszuüben und weitere Aktionäre auf seine Seite zu ziehen.

Nestlés Geschäft besteht derzeit aus sieben Sparten, von denen drei mit Raten zwischen drei und vier Prozent jährlich wachsen und operative Renditen erwirtschaften, die bei mehr als 20 Prozent liegen. Dazu gehören alle Getränke außer Wasser (Umsatz: rund 10 Milliarden Franken), die Produkte der Gesundheitssparte (von Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminen über Säuglingsmilch bis hin zur Hautpflege (Umsatz: knapp 8 Milliarden Franken) sowie Tierfutter (Umsatz: gut 6 Milliarden Franken). Die restlichen vier Geschäftsbereiche – Wasser, Milchprodukte, Fertiggerichte und Süßwaren – wachsen nicht so stark und werfen weniger Gewinn ab, weshalb sie zur Disposition stehen.

Von rund vier Prozent seines Umsatzes in diesen Sparten hat sich Nestlé in den vergangenen vier Jahren bereits getrennt, parallel neue Firmen akquiriert, zuletzt Atrium Innovations, einen Anbieter von Vitaminprodukten für 2,3 Milliarden Dollar. Außerdem wird der Konzern bis Ende 2018 für 7,2 Milliarden Dollar das Recht erwerben, Starbucks Kaffee zu vertreiben, und rechnet dadurch mit zusätzlichen Erlösen von rund zwei Milliarden Dollar jährlich. Doch Third Point geht das alles nicht weit genug: Nestlé soll sich nach ihrem Willen von 15 Prozent seines Umsatzes trennen – oder eigene Aktien zurückkaufen. Letzteres entlarvt die Intentionen des Fonds, dessen größter Coup darin besteht, Yahoo zum Verkauf seiner Beteiligung an den chinesischen Konkurrenten Alibaba getrieben zu haben. Auch Nestlé brächte ein Aktienrückkauf auf dem Weg in die Zukunft kein Stück weiter. Er würde nur für einen – kurzfristig – steigenden Aktienkurs sorgen.

Nestlé ist in einer stärkeren Position als Yahoo. Mehr als die Hälfte des Umsatzes macht die Firma bereits mit den drei zukunftsträchtigsten Geschäftsbereichen. Nahezu ein Viertel der Erlöse stammt aus dem wachstumsstarken asiatischen Raum (Zone AOA). Auch ohne Unternehmensverkäufe verdient sie Geld, erwirtschaftete mit ihrem operativen Geschäft im ersten Halbjahr liquide Mittel von fast 5,7 Milliarden Franken. Schließlich: Third Point mag clevere PR machen, aber bislang steht der Fonds unter den Aktionären allein da. Sein faktischer Einfluss ist gering. Sein Anteil beträgt angesichts einer Nestlé-Marktkapitalisierung von rund 220 Milliarden Euro in etwa 1,3 Prozent. ---

Der deutsche Apotheker Henri Nestle entwickelte 1867 in Vevey in der französischsprachigen Schweiz (daher der Akzent auf der letzten Silbe des späteren Firmennamens) eine Babynahrung aus Milchpulver, Weizenmehl und Zucker, die gegen die damals hohe Kindersterblichkeit helfen sollte. Bald fusionierte er mit Anglo-Swiss, der Firma zweier Amerikaner, die Kondensmilch herstellten. Aus diesen zwei Produkten entstand ein Portfolio von heute mehr als 2000 Marken. Nestlé ist mit 413 Produktionsstellen und 323 000 Mitarbeitern in 189 Ländern aktiv – und dies immer noch mit dem vom Familienwappen der Vorfahren des Gründers abgeleiteten Markenzeichen, dem kleinen Vogelnest.