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Einleitung

Geld ist die Grundlage der Zivilisation und unserer Kultur. Wer es gering schätzt, verliert mehr als ein bisschen Kohle.






Money don’t get everything it’s true / What it don’t get I can’t use
Berry Gordy / Janie Bradford, „Money (That’s What I Want)“

1. Zivilisation

Klar: Früher war alles besser. Die Menschen, die Natur, das Wetter und die Sache mit dem Geld. Ohne Kohle war die Welt noch in Ordnung. Keine Gier, kein Hass, kein Neid. Und vor allen Dingen: keine Ahnung.

Wann genau war „früher“ noch mal?

Selbstverständlich kann man behaupten, dass die Welt ohne Geld ein besserer Ort war, aber nur, weil diese Zeit weitgehend im Dunkeln liegt. Die Welt, die wir kennen, ist eine des Geldes. Eine bessere Welt hat es nie gegeben. So viel lässt sich sagen.

Nahezu alles, was zur Kultur des Westens oder Abendlandes gehört, wird in den vergangenen 2500 bis 3000 Jahren erdacht. Im ersten Sechstel dieser Zeit entstehen die ältesten Texte der Bibel, und Homer schreibt sein Heldenepos der Illias. Und dann tauchen auch noch merkwürdige Typen auf, die hauptberuflich nachdenken und behaupten, sie würden die Weisheit lieben: die Philosophen. War sonst noch was? Ja, dort, wo heute die Türkei liegt, wird das Geld erfunden, in einem Königreich namens Lydien. Und auch wenn es vielen nicht gefällt: Für das Wohlergehen der Menschheit war das am wichtigsten.

 

Geld, das ist, so hat es der amerikanische Autor Lewis H. Lapham geschrieben, „einer der Grundstoffe, mit denen die Menschheit die Architektur der Zivilisation errichtet“. Ohne Moos nix los, das gilt in Sachen Wohlstand, Entwicklung und Kultur.

Schon die alte Geldwirtschaft war der Demokratie näher als der Tyrannei, und für die neue, die so oft gescholtene und ja durchaus in vielem kritisierte, gilt das noch mehr. Gerechtigkeit und Teilhabe sind ein Zins, den das Geld abwirft. Und es ist kein Zufall, dass der Take-off Europas beginnt, als das Geld in die Welt kommt. Man sollte diese Geschichte kennen, bevor man das Geld und alles, was damit zu tun hat, verteufelt – also die Regeln kennen, bevor man sie bricht.

2. Köpfe

Es war einmal, da war Geld Gold wert oder wenigstens ein wenig davon. Die Lyder, die Erfinder der Goldmünze, hatten gute Beziehungen zu den Mesopotamiern, die schon vor rund 5000 Jahren Gold- und Silberbarren gegen Waren tauschten. Der amerikanische Anthropologe und Geldforscher Jack Weatherford hat in seiner „Geschichte des Geldes“ die Stärken und Schwächen des „Protogeldes“ beschrieben: „Ein ganzes Warenlager aus Olivenöl, Bier oder Weizen ließ sich wertmäßig auf einen leicht transportierbaren Gold- oder Silberbarren reduzieren“, was für Händler, die mit ganzen Schiffsladungen hantierten, praktisch war, für normale Leute, die auf dem Markt ihren Tagesbedarf einkauften, aber keineswegs.

Eine der Kernfunktionen des Geldes ist, dass man fast alles, was Menschen schaffen, damit bewerten kann. Dazu gehört untrennbar das Zählen, Rechnen und Messen, was die meisten Menschen nicht lernen mussten, weil sie nichts besaßen, was man messen konnte. Wer nichts hat, braucht keine Mathematik. Einige Glückliche aber hatten beispielsweise Getreide und Vieh. Das lateinische caput bedeutet so viel wie das Haupt des Tieres – und ist der Stamm des heutigen Begriffs Kapital. In den alten Nomaden- und Stammeskulturen gab es – und gibt es bis heute – einen regelrechten Kult ums Nutzvieh, das dort so verehrt wurde wie später das Geld.

Es dreht sich alles ums Geld, weil sich damit fast alle menschlichen Bedürfnisse bewerten und sehr viele eben auch befriedigen lassen. Geld ist ein Speicher für Begierden aller Art. Der Nachteil des Tauschens in Naturalwirtschaften ist offensichtlich: Man muss nehmen, was es gerade gibt und der andere anbietet. Die meisten Güter auf den Märkten sind zudem Lebensmittel, leicht verderblich. Wer seine Produkte und seine Arbeit zu Markte trägt, muss schon verdammtes Glück haben, das Richtige dafür zu bekommen. Zahlungsmittel machen hingegen beweglich. Man kann sich mit ihnen kaufen, was man will, von wem auch immer, wann und wo. Das erweitert schlagartig das Angebot an Waren und Dienstleistungen, die Arbeitsteiligkeit und damit die Produktivität erhöhen sich.

Der Take-off des Abendlandes ist kein Zufall. Es lohnte sich nun, nachzudenken und die Bedürfnisse der anderen zu bemerken, was die Voraussetzung aller Innovation ist. Geld macht erfinderisch.

3. Beweglichkeit

So schafft Geld mehr Freiräume und Beweglichkeit, man gewinnt Zeit, um Dinge und Waren gründlicher zu überdenken. Geld erweitert den Horizont seiner Benutzer, wortwörtlich. Schon bald ist die Münze der Lyder in großen Teilen des Mittelmeerraumes verbreitet. Die alten Tauschmärkte sind überwiegend lokal. Wer Güter gegen Güter tauscht, muss beides ständig transportieren, was in dieser Zeit mehr als beschwerlich ist. Das leicht transportierbare Geld erleichtert diese Prozedur deutlich, was zu einer Ausdehnung der Handelsbeziehungen führt. Die Menschen lernen andere Kulturen und Produkte, Verfahren und Denkweisen kennen. Und sie beginnen, den Nächsten nicht mehr nur als Feind zu sehen, sondern auch mal als potenziellen Kunden und Partner. Weil man Menschen, denen man etwas verkaufen will, nicht umlegt, gab es auch hier kleine Fortschritte.

In einer Welt der Tauschwirtschaft sind Verkehrsmittel nur begrenzt sinnvoll. Verderbliche Waren können ohnehin nicht weit transportiert werden. Wo aber die Warenvielfalt wächst, weil der Handel durch das Geld beflügelt wird, ist es sinnvoll, Straßen zu bauen. Das wird später zur Schlüsseltechnologie des Römischen Imperiums, das die Geldwirtschaft interessiert übernimmt und für das Abendland verbreitet.

Geld überwindet Distanzen

Die Funktion als Wertspeicher ist ein überzeugendes Argument. Damit entsteht das Zutrauen in die Verwendung des Geldes, in seine Wirkung. Wer seine Ziege nicht mehr eintauscht, sondern verkauft, muss sich darauf verlassen können, dass das Geld, das er erhält, einige Zeit – idealerweise unbegrenzt – den Wert behält, den es zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses hatte. Als vertrauensbildende Maßnahme eignet sich in einer Welt, in der man alles sehen muss, bevor man es glaubt, am besten etwas, das selten und damit wertvoll ist – Gold und Silber etwa. Die Lyder wählten Elektron, eine natürliche Legierung aus beiden Edelmetallen, die gut zu bearbeiten und haltbar war. Damals war Geldherstellung noch Wertarbeit.

4. Glück / Gewalt

Wo die Frage nach dem Geld gestellt wird, ist die nach dem Glück nicht weit. Weil man mit Geld fast alles kaufen und damit die meisten Bedürfnisse befriedigen kann, hält man es für eine Glückspille. Ein Großteil der gegen das Geld gerichteten moralischen Appelle ist ohne dieses Missverständnis nicht vorstellbar. Geld macht nicht glücklich – das sagt der Enttäuschte, als ob das Gegenteil irgendwann einmal versprochen worden wäre. Es genügt, das Schicksal des bekanntesten, letzten und reichsten lydischen Königs zu kennen, Kroisos alias Krösus, der vor gut 2500 Jahren starb.

Kroisos hatte Geld wie Heu, aber auch den persischen Großkönig Kyros am Hals, der begehrlich nach den Früchten des Abendlandes griff. Kyros eroberte Lydien und soll Kroisos, wie es Brauch war, auf dem Scheiterhaufen verbrannt haben. Der antike Geschichtsschreiber Herodot berichtete hingegen, dass Krösus mit dem Leben davongekommen sei, weil Kyros in letzter Minute begriffen habe, dass ihm ein lebender Kapitalist mehr nützen würde als ein toter. Ein Sieg der Vernunft also. Und schon deshalb ziemlich unwahrscheinlich. Es gab wohl kein Happy End. Es spricht mehr dafür, dass Kyros den Krösus umlegte. Das war aus Sicht des Großkönigs auch verständlich, denn so bekam er, was er wollte.

Die Herrscher der geldlosen Zeit beanspruchten grundsätzlich alle Ressourcen, derer sie habhaft werden konnten. Dafür brauchte man keinen Berater, sondern einfach viele gewaltbereite Mitarbeiter. Alle und alles gehörten dem König und seinen Beamten und Vasallen.

Früher, als angeblich das Geld noch nicht den Charakter der Menschen verdorben hatte, nahmen sich die Herrscher mit Gewalt, was sie wollten. Früher, in der geldlosen Zeit, war nichts besser, aber alles schlechter für die allermeisten.

Viele antike Fürstengräber sehen aus wie Rumpelkammern. Wie die Pharaonen in Ägypten nahmen die Chefs ihren Kram mit ins Grab. Wohin auch sonst? Vermögen wird nicht angelegt, investiert, es schafft keine Innovationen und geht kein Risiko ein. Reichtum ist zum Protzen und zum Prahlen da. Solche Raub- und Mordgesellschaften tauchen in der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder auf, bis heute, und man erkennt sie an der Armut und am Elend ihrer Bürger, ihrem geistigen und ökonomischen Stillstand und einer ignoranten Führungsschicht. Sie schaffen nichts außer Unglück. Und wer von den knappen Ressourcen ein wenig abhaben will, muss sich vollständig unterwerfen. Das sollte jeder bedenken, der das Geldsystem für den Ursprung allen Übels hält. Früher war alles schlechter, und zwar für die allermeisten.

5. Die Kritiker

Geld ist sozialer Fortschritt.

Das Geld, das von Lydien ausgeht, macht erst Griechenland zur führenden Kultur, dann Rom – und „ermöglicht eine Organisation der Gesellschaft in einem viel weiteren Ausmaß, als dies durch familiäre Strukturen und Gewalt erreicht werden konnte“, wie Jack Weatherford schreibt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Soziologe Georg Simmel in seiner „Philosophie des Geldes“ darauf hingewiesen, wie wichtig das Geld für die Entstehung und Entwicklung derjenigen Berufsklassen war, deren Produktivität sich inhaltlich ganz jenseits jeder wirtschaftlichen Bewegung stellt – „die der spezifisch geistigen Tätigkeiten, der Lehrer und Literaten, der Künstler und Ärzte, der Gelehrten und Regierungsbeamten“.

Die Geldwirtschaft heizte die Bedürfnisse an, diese die Begehrlichkeiten, die Wünsche und Ansprüche, die weit über die Existenzsicherung hinausgingen. Dafür brauchte man eine bessere und systematische Ausbildung, Vernunft und Logik, pragmatische Prozesse und Standards, ein klares Rechtssystem und eine gute Verwaltung. All das kommt Wissensarbeitern und Intellektuellen zugute, die seit jeher zu den großen Skeptikern des Geldes gehören und damit immer auch ihre eigene Existenz in Zweifel ziehen. Solche Irritationen kannten die alten Machthaber nicht. Sie lernten und verstanden bald, wie sie sich mit der neuen Technik arrangieren konnten – und machten sie zu ihrer Sache. Die Politik, die Herrschaft und der Staat verbündeten sich mit dem Geld. Und das ist einer der Gründe, warum man beiden bis heute nicht wirklich vertraut.

Dem Geld verdankt Europa den Aufbruch in die Neuzeit.

Im alten Rom beginnt die Geldpanscherei vor 2000 Jahren, mit der Kaiserzeit. Beamte waren bis dahin ehrenamtlich tätige Bürger. Mit Kaiser Augustus schwoll die Bürokratie an. Der Edelmetallanteil der Münzen wurde reduziert, man prägte gleichzeitig mehr Geld, und um die Folgen der Inflation abzuschwächen, erfand man im alten Rom den Sozialstaat, der Brot und Spiele bereitstellte. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts war Rom am Ende, mehr an sich selbst als an den äußeren Feinden gescheitert. Mit dem Imperium versank auch die Geldwirtschaft im finsteren Mittelalter.

6. Wechsel

Dem Geld verdankt Europa auch den Aufbruch in die Neuzeit.

Von Italien und den Hansestädten aus hatte sich im 12. und 13. Jahrhundert allmählich ein selbstbewusstes Bürgertum entwickelt, dessen wichtigste Waffe das Geld war. Und dieses Geld veränderte dabei seinen Charakter. Es wurde von einem nützlichen Werkzeug zu einer „sozialen Technologie“, wie es der Ökonom und Autor Felix Martin nannte. Um das Jahr 1200 verbreitete sich von Italien aus der Wechsel, eine Verpflichtungsurkunde, deren Aussteller darin bestätigte, eine bestimmte Menge Geld an einen bestimmten Ort und Empfänger zu bezahlen – oder an einen Dritten, der in der Urkunde benannt worden war.

Das war praktisch, wenn man auf einer der großen Tuchmessen in Oberitalien Ware einkaufte, aber nicht mit Goldmünzen über die Alpen fahren wollte, wo Räuberbanden ihr Unwesen trieben. In den Messestädten wiederum wurden miserable Umtauschkurse angeboten. Der Wechsel war also zunächst ein praktisches Zahlungs- und Kreditmittel, dessen entscheidendes tech

nisches Kriterium aber die „Möglichkeit der Übertragung war“, wie Martin festhielt, die „Gesellschaften und Volkswirtschaften revolutioniert“ und ein „System von Guthaben und Schulden“ errichtet hatte, „das sich unaufhörlich ausdehnt und zusammenzieht, wie ein schlagendes Herz, und den Handelsverkehr aufrechterhält“.

Die entscheidende Kraft dafür war nicht Gold, sondern Glaubwürdigkeit, Zutrauen und Vertrauen. Das klingt bis heute nach moralischen Höhen, hat aber einen ganz profanen Hintergrund: pure Macht. Das neue System traute dem Stärkeren, wie Martin feststellte: „Das Einzige, was wirklich wichtig ist, sind Emittenten, die in der Öffentlichkeit als kreditwürdig gelten, und eine hinlänglich breite Überzeugung, dass ihre Schuldverschreibung von Dritten akzeptiert ist. Staaten und Banken fällt es im Allgemeinen leicht, diese beiden Kriterien zu erfüllen; Unternehmen und erst recht Privatpersonen dagegen nicht.“

Das ist der Punkt. Das große Paradox hinter dem Geld ist, dass es ohne den Staat, den Stärkeren und dessen bürokratische Kontrolle nie die Rolle erlangt hätte, die es heute hat. Das Primat der Politik hat das Geld und unseren Blick darauf immer geprägt. Die erfolgreichen Hansestädte verbanden ganz offen Wirtschaft mit Herrschaft. Die frühkapitalistischen Bankiers wie die Augsburger Fugger, noch mehr aber ihre kaiserlichen Partner, haben diesen Zusammenhang ein wenig im Dunkeln gelassen. Der neuzeitliche Staat und seine Verwaltung haben sich das Kapital offen zunutze gemacht. Und wo das Geld in die Krise gerät, ist die Obrigkeit nicht weit.

7. Goldschmiede

Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat in seinem Buch „Geld aus dem Nichts – Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen“ eine vielsagende Geschichte aus diesen Anfängen der kapitalistischen Geldwirtschaft erzählt: Die vermögenden Händler und Bürger der aufstrebenden Kolonialmacht England vertrauten dem Staat in Form des Königs Charles I. ihr Vermögen an, und zwar dort, wo es ihnen am sichersten schien, im Londoner Tower. Doch König Charles I. kassierte das Vermögen 1640 ein, weil er Geld für Söldner für einen Krieg gegen Schottland brauchte. Das Vertrauen war futsch, und das verbliebene Gold der Londoner landete bei Goldschmieden, die es gegen eine kleine Gebühr sicher aufbewahrten und dafür Papierquittungen ausstellten, die sogenannten Goldsmith-Notes.

Die wurden bald standardisiert und zu einem üblichen Zahlungsmittel. Ausgegeben wurde aber immer nur so viel, wie Gold bei den Goldschmieden lagerte, die nun auch das von ihren Kunden langfristig angelegte Geld als Kredit vermittelten. Im Jahr 1672 war die Krone, der Staat, wieder pleite, und der neue König Charles II. stellte die Zahlungen an seine Gläubiger ein – was zu einer Panik führte. Alle wollten gleichzeitig ihr Gold zurück, was aber nicht ging, weil der Großteil bereits als Kredit im Umlauf war.

Als Reaktion auf diesen Ärger, so Binswanger, begann „die Transformation der Goldschmiede von Goldausleihern zu Geldproduzenten“. Statt Gold als Kredit zu verleihen, gaben sie gleich Goldsmith-Notes, also Papiergeld, aus. Sie verliehen keine Rücklagen und Ersparnisse mehr, sondern Kredite in Form von Papiergeld. Nun musste man nur noch auf ein Stück Papier die Kreditsumme aufdrucken. Das war das neue Geld, „der Ursprung der modernen Geldwirtschaft“, die die Londoner Goldschmiede zu den „großen Innovatoren der Menschheit“ machte, wie Binswanger schreibt.

Die Geschichte des Papiergeldes beginnt mit einem Betrug des Staates an seinen Bürgern, einem Raub mit anhaltender Manipulation. Unser Geldsystem ist das Ergebnis berechtigten Misstrauens in die Machthaber, die sich oft genug am Eigentum der Bürger vergriffen haben und dabei stets auf nützliche Idioten zählen durften.

Denn nicht mehr Werte und Güter, das bereits Vorhandene, treibt dieses System, sondern Hoffnungen und Erwartungen, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten – und bald auch schon die schiere Tatsache, dass man diesen Kreislauf nicht mehr stoppen kann und will. Alles Geld, so Binswanger, ist seither nichts weiter als „eine Schuld der Banken (…). Die finanzielle Revolution ging der industriellen Revolution voraus.“ Es ist ein weiterer Take-off in der Kulturgeschichte, der größte und schnellste bisher. Bis dahin verstand man Wirtschaft als Haushaltsführung. Man verwaltete sein Eigentum, aber man mehrte es selten. Entweder man konsumierte oder man investierte. Nun aber hatte man ein System, mit dem man Werte schaffen konnte, ohne das, was da war, anzutasten. Das neue System machte es möglich zu investieren, ohne vorher zu sparen. Die Folge war ein anhaltendes Wachstum, das gelegentlich zwar durch Krisen unterbrochen wurde, aber langfristig nach wie vor die Systementwicklung bestimmt.

Was als Idee zum Schutz des Privateigentums gegen die Willkür der Regierung entstanden war, wurde bald von dieser kontrolliert. Im Jahr 1742 erhielt die staatliche Bank of England, die Nachfolgerin der Münzstätte im Londoner Tower, das Monopol zur Banknotenausgabe. Und schon vorher druckte in Frankreich der Schotte John Law im Auftrag des Staates Unmengen an Papiergeld, um die enormen Staatsschulden loszuwerden. Das gelang zunächst ganz gut, ging aber auf Kosten der Bürger, denen man unglaubliche Profite in den Kolonien versprach, die sich als Hirngespinste entpuppen. Als 1720 die Blase platzte, war das Ancien Régime zwar angeschlagen, überlebte aber noch. Beim nächsten Mal, 70 Jahre später, im Mai 1789, ging die Geldgier des Staates ins Auge. Der König wollte die Steuern erhöhen, weil das Budgetdefizit enorm war, doch er sah sich zur Einberufung der Generalstände gezwungen, womit der kostspielige Absolutismus faktisch am Ende war. Das war der Beginn der Französischen Revolution. Nach dem Geld und der Produktion wurde jetzt auch die Gesellschaft neu formatiert, im Guten wie im Schlechten.

8. Demokratie

Seitdem sind Inflationen, Währungsreformen, Finanzkrisen, Vertrauensverluste an der Welt vorbeigezogen, und jedes Mal nannte man das den endgültigen Untergang des Systems. Was das Wissen über Geld angeht, sind die meisten Bürger nicht einmal bis zu den Erkenntnissen der Londoner Goldschmiede vorgedrungen. Sie glauben, dass da draußen irgendwo ein realer Gegenwert für die geschätzten 90 Billionen Dollar an Geldmenge existiert. Gold, Silber, irgendetwas von Wert, das „real“ ist und damit „reell“, also, so sagt es der Duden, „handfest, anständig, ehrlich, echt“ und – die wahrscheinlich wichtigste Bedeutung des alten Wortes – „den Erwartungen entsprechend“.

Darauf baut unser Wohlstand nicht. Die Moral, die aber über das Geld richtet, stammt aus einer ganz anderen Zeit als das Objekt ihrer Kritik.

Es gibt kein Zurück in die Realwirtschaft. Der Zug ist abgefahren.

Wir sagen „Bares ist Wahres“ und sehen Münzen und Scheine, wo geschätzte 92 Prozent der Geldmenge nur noch als digitaler Abdruck in Computerspeichern existiert, Buchungen, die nichts weiter wiedergeben als das Verhältnis zwischen Schuld und Anspruch. Die Geschichte des Vertrauensbruchs durch die Macht – und das sind Banken, Staaten und Politik gleichermaßen – weist eine Kontinuität auf, die ihresgleichen sucht. Das moderne Geldschöpfungssystem ist auch Notwehr gegen diesen Machtmissbrauch. Und da ist es kein Wunder, dass die Leute lieber Gold und Silbermünzen unterm Kopfkissen haben als auf der Bank und lieber Bargeld in der Tasche, mit dem sie jederzeit etwas kaufen können, als das Gefühl, dass ihnen die da oben jederzeit den Kredit sperren können. Willkür, Enteignung und im Nachhinein als rechtens erklärtes Unrecht gibt es auch im digitalen Zeitalter. Nur dass die Missbrauchsmöglichkeiten nun so schnell wie das Licht sind.

Geld ist damit, noch mehr als der Spiegel unserer Wünsche, der Wertmaßstab für unsere Fähigkeit zu vertrauen und uns etwas zuzutrauen. Es sind nicht nur die Machthaber, an denen wir – begründet – zweifeln. Wir misstrauen dem Geld, weil wir unserer Vorstellungskraft, die das Geld geschaffen hat, nicht über den Weg trauen. Wir trauen dem Geld nicht, weil wir uns selbst nicht trauen.

Können wir auch anders?

Umgangssprachlich wird das oft mit der Abkehr von der Finanzwirtschaft und der Rückkehr zur Realwirtschaft gleichgesetzt. Geht das?

Der Rostocker Wirtschaftshistoriker Michael North, Autor des Standardwerkes „Kleine Geschichte des Geldes“, winkt ab. Bei allen Problemen, die zu lösen sind, bei allem Ärger, den das moderne Geldsystem bereitet, warnt der Experte davor, sich Illusionen zu machen. „Es gibt kein Zurück in die Realwirtschaft. Der Zug ist lange abgefahren.“

Stattdessen empfiehlt North mehr Allgemeinbildung in Sachen Geld. Es wimmelt vor Verklärungen, etwa wenn „die gute alte D-Mark in den Himmel gehoben wird und der Euro schlecht geredet – wofür es keine vernünftige Begründung gibt“, so North. Beim Geld wird Wissen durch Gefühl ersetzt. Das ist nicht nur bei finanzbildungsfernen Schichten der Fall, also bei fast allen, sondern auch dort, wo scheinbar die Fachleute regieren, in der Mainstream-Ökonomie.

9. Mainstream Money

Mathias Binswanger gehört nicht zu diesem Mainstream und ist dennoch – oder trotzdem – zu einem der einflussreichsten Vertreter seines Faches geworden. Und der ökonomische Mainstream folgt genauso wie viele Kritiker des Geldsystems der alten Kultur, in der „die Geldschöpfung aus dem Nichts, die vor 400 Jahren bei Londons Goldschmieden begann, nie stattgefunden hat“. Und so werde, sagt er, das Bild einer Geldwirtschaft vermittelt, „bei dem die Leute ihre Ersparnisse auf die Bank bringen, damit die wiederum anderen einen Kredit geben kann“. Jedem realen Wert ist ein realer Gegenwert zugerechnet. Dieses Denken, sagt Binswanger, „ist falsch und steht unserem Verständnis des ökonomischen Prozesses im Weg“.

Wachstum und der damit verbundene materielle Wohlstand sind das Ergebnis von Investitionen, die wiederum künftige Produktionen und Dienstleistungen ermöglichen. Das Geld dafür stammt aus Krediten, weshalb Binswanger die Bezeichnung Kreditgeldwirtschaften verwendet. Der Vorteil dieser Methode liegt auf der Hand: Um Neues zu schaffen, muss man nicht sein vorhandenes Vermögen einsetzen oder dafür sparen, was den Konsum einschränken würde. Diese Kredite schaffen also faktisch „Geld aus dem Nichts“, sie sind zusätzliches Geld, mit dem man wiederum mehr kaufen kann und das den Verkäufern wiederum mehr Einnahmen beschert.

Beim Geld wird Wissen durch Gefühl ersetzt, so der Rostocker Wirtschaftshistoriker Michael North. Das gilt allerdings nicht nur für rechenschwache Laien, sondern auch für Experten, die sich rund ums Geld positionieren, ergänzt der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Mathias Binswanger. Geld wird falsch gedacht.

Dabei wird immer mehr Geld geschaffen, und davon bekommen letztlich alle etwas ab, Investoren, Gesellschafter, Unternehmer und Arbeitnehmer, deren Löhne und Gehälter steigen, und natürlich der Staat, der mehr Steuern kassieren kann. Die Gewinne entstehen, weil die „Produktion dem Verkauf der Güter vorausläuft und somit das früher produzierte Angebot auf die Nachfrage von heute trifft“, so Binswanger. Diese Nachfrage ist aber, weil mehr Geld durch Kredite geschaffen wurde, „höher als die früher für die Produktion des Angebots angefallenen Kosten“.

Wenn dieser Prozess abreißt, sind die Folgen Konkurs und Arbeitslosigkeit, geringerer Wohlstand und Perspektivlosigkeit. Also das, was man gemeinhin als Krise bezeichnet – etwas, das immer wieder passiert. Nun könnte man damit gelassen umgehen, denn jeder dieser Krisen folgte eine Erholung und neuerliches Wachstum, das zu mehr Wohlstand führte. Solange Menschen Bedürfnisse haben, die von Produkten, Dienstleistungen, und was man sonst noch verkaufen kann, befriedigt werden können, ist das kein Problem. Man kann Geld schöpfen wie verrückt, solange man den Leuten etwas verkaufen kann. Endlos.

„Nein“, sagt Binswanger. Wäre auch zu schön gewesen, so ein Goldesel. Es sind nicht nur Umwelt- und Ressourcenprobleme, die dem entgegenstehen, sondern auch, in mindestens demselben Maße, die begrenzte Vorstellungskraft von Menschen. Das Problem, sagt er, sei schlicht, „dass in entwickelten Ökonomien mehr Geld vorhanden ist als brauchbare Ideen und Möglichkeiten für sinnvolle Investitionen in der Realwirtschaft, mit denen man auch was verdienen kann“.

Zwar gibt es, damit Wachstum nicht abreißt, ständig neue Produkte, Ideen und Erfindungen – beziehungsweise was man auf den ersten Blick dafür hält. Die Vorstellung einer Wissensökonomie baut ja genau darauf: alle Konzentration auf Innovation und immer mehr individualisierte Produkte und Dienstleistungen, um die Dynamik des Systems zu erhalten. Aber das ist leichter gesagt als getan, und deshalb sucht sich das Geld neue Renditemöglichkeiten auf dem Finanz- und Immobilienmarkt. Hier sind wir dann bei der Gefahr der spekulativen Blasen, also der übertriebenen Erwartungen in diese Felder, die mit großem Krach platzen. Natürlich helfen Regulierung und Kontrolle dagegen, aber verhindern könnten sie den Ärger nicht, sagt Binswanger: Wenn man maximale Gewinne und maximales Wachstum wolle, seien solche Instabilitäten Teil des Programms. Auch das ist eben Teil der Geschichte: Wo es mehr Geld als Verstand gibt, ist der Schaden nicht weit.

10. Qualität

Binswangers Lösung des Dilemmas ist mehr Pragmatismus. Die Ökonomie müsse lernen, was in der Finanzmarkttheorie längst bekannt ist: Hohe Gewinne gibt es nur bei einem hohen Risiko. In der kulturangebenden Makroökonomie hingegen wird diese Regel einfach vergessen und verdrängt. Laut Binswanger werde „ein möglichst hohes Wirtschaftswachstum angestrebt, ohne die damit verbundenen Risiken zu beachten“. Das Einzige, was man in der Mainstream-Fraktion im Zusammenhang mit einem unbegrenzten Wachstum als Gefahr erkenne, sei die Inflation. Wenn die galoppiert, dann erhöhen die Zentralbanken einfach die Zinsen und „würgen damit das Wachstum ab“. Ein ziemlich brachiales und riskantes Geschäft.

Binswanger ist überzeugt, dass die meisten Menschen in den entwickelten Wohlstandsstaaten nicht bereit sind, ein so hohes Risiko einzugehen: „Wir würden uns wohler fühlen in einer Wirtschaft, die langsamer wächst, dafür aber weniger krisenanfällig ist, in der die Renditen geringer ausfallen, die aber eine höhere Lebensqualität hat.“ Man müsse dabei gar keine großen moralischen Geschütze auffahren, sondern einfach nur daran denken, wie der Kapitalismus traditionell mit hohen Risiken umgegangen sei: in der Regel vorsichtig. „Aktiengesellschaften sind Risikogemeinschaften. Das waren keine Glücksspieler“, sagt er. Es ging und geht um „reelle Erwartungen“. Also doch. Vielleicht keine Realwirtschaft, aber dafür ein reeller Umgang mit Geld und Wachstum und Politik, die miteinander verwoben sind, mehr, als das gut ist.

Aber gutes Geld? Binswanger ist skeptisch, ob die vor allem von alternativen Kreisen favorisierten Modelle der Komplementärwährungen tatsächlich für eine solide Reform des Geldsystems taugen. Regiogelder wie der Chiemgauer (siehe brand eins 02/2004: Das geht: Das macht zwei Chiemgauer, bitte!) könnten zwar „sinnvolle und durchaus erfolgreiche Nischen bilden“, aber eben nur im „Windschatten des herkömmlichen Systems, das weiterhin Bestand hat. Sie funktionieren, weil die meisten Zahlungen in offizieller Währung erfolgen.“ Und Bitcoin, so warnte Binswanger schon vor Jahren, zeige vor allen Dingen, wie schnell eine gut gemeinte Komplementärwährung, die die Gefahren und Abhängigkeiten des alten Systems beseitigen soll, selbst zu einem Spekulationsobjekt werde „und damit zu neuen Instabilitäten“ führe, statt diese, wie geplant, zu verhindern (siehe auch 04/2014 brand eins: Welches Potenzial haben Bitcoins?).

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als aus dem Geld das Beste zu machen.

Das erfordert eine neue Kultur des Geldes, den nächsten Schritt, den es gehen muss. Es muss wieder an Wert gewinnen, indem es sich ein bisschen rar macht, wie alle guten Dinge.

In entwickelten Volkswirtschaften gelte nicht mehr das Prinzip „so viel Wachstum wie möglich“, sondern „so viel Wachstum wie nötig“, sagt Mathias Binswanger. Man fährt besser, wenn man nicht zu schnell fährt, sondern auf Sicht. Das ist die Phase, in der sich das Geld heute befindet, und, wie könnte es anders sein, der Rest alles Menschlichen auch. Die Qualität fordert die Quantität heraus, das ist der Sinn der Transformation, in der wir heute stecken. Und dabei darf man nie vergessen: Geld kann nicht mehr können, als wir wollen. Es spiegelt unsere Wünsche wider. Es ist wie wir. Vielleicht hadern deshalb so viele mit ihm. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Wo es nur Geld gibt und keine Idee, wird Geld wertlos.

Wertbeständig hingegen ist, wenn man weiß, was man will.

Das zählt.

Das Geldsystem braucht eine Reform, klar. Aber die liegt weder im radikalen Schnitt zu dem, was ist, noch in einem „Weiter so“. Es gehe darum, sagt Mathias Binswanger, von einem Wachstum des „so viel wie möglich“ zu einem „so viel wie nötig“ zu kommen. Wo es nur Geld gibt und keine Ideen mehr, wird das Geld wertlos. Und was wir wollen, auch.

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