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Guten Tag, Herr Kollege!

Wenn die Roboter arbeiten, wer verdient dann das Geld?
Drei Vorschläge.




Irgendwann wird es einmal so sein: Roboter fahren Auto, übersetzen Texte, erledigen die Buchhaltung. Wie viele Jobs die automatisierten Kollegen übernehmen werden, weiß heute noch keiner so genau. Für große Aufmerksamkeit sorgten der Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne von der Universität Oxford, als sie in einer Studie vorhersagten, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA durch Automatisierung auf Dauer verschwinden könnten. Selbst Studien von vorsichtigeren Autoren prognostizieren, dass jeder vierte (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB), jeder fünfte (OECD-Vorhersage für Deutschland) oder jeder siebte Job (OECD-Durchschnitt) eines Tages von Maschinen erledigt werden könnte.

Das klingt dramatisch. Zumal sich nicht jeder Mensch rechtzeitig anpassen kann und nicht jede Umschulungsmaßnahme dabei hilft, etwas Neues zu finden, selbst wenn angeblich überall Fachkräfte fehlen.

Doch zu Panik besteht kein Anlass. Das IAB, eine Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit, teilt mit: „Die Digitalisierung wird bis zum Jahr 2035 nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung haben, aber große Umbrüche bei den Arbeitsplätzen mit sich bringen.“

Das lehrt auch die Geschichte des Fortschritts, der kein Heer von dauerhaft Arbeitslosen hinterließ, sondern mehr Wohlstand und neue Tätigkeiten brachte, wie etwa den Youtube-Influencer, dessen Tätigkeit noch vor anderthalb Jahrzehnten niemand auch nur erahnen konnte.

Aber eine Frage bleibt: Wenn die Roboter die Arbeit erledigen, wer verdient dann das Geld? Im Folgenden werden drei Konzepte vorgestellt – und ihre Chancen zur Umsetzung eingeschätzt.

1. Besitze, was dich ersetzt!

Das Problem

Jeder Roboter, der seit den Neunzigerjahren in Deutschland zum Einsatz kam,  ersetzte zwei Arbeitnehmer. Zu diesem Ergebnis kommt Jens Südekum, Professor für Volkswirtschaftslehre am Institut für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Forscher untersucht, welche Folgen die Automatisierung auf deutsche Industrie-Belegschaften hat. Vorläufiges Ergebnis: Ja, Roboter vernichten Arbeitsplätze. Aber: Die Stellen verschwinden nicht über Nacht. Viele der betroffenen, von Südekum ausgewerteten Mitarbeiter erhielten bis zum Ruhestand neue Aufgaben. Und andernorts entstanden neue Jobs – etwa im Dienstleistungsbereich.

Das „eigentliche Problem“ sei das Lohnniveau. Denn die Entwicklung habe auf die Lohnverteilung langfristig einen negativen Effekt. „Wenn auch bislang noch nicht dramatisch“, sagt Südekum. Das dürfte sich ändern, wenn sich die Entwicklung durch „wirkliche künstliche Intelligenz“ weiter verschärft.

Für hoch qualifizierte Menschen, deren Tätigkeit eher komplementär zu den Technologien ist, etwa Ingenieure oder Software-Entwickler, ergeben sich neue Möglichkeiten. Schlecht sieht es für die Geringqualifizierten aus. Und für die zahlenmäßig so große Gruppe derer, die eine solide Berufsausbildung besitzt, mit der sie bisher noch recht gut verdient: die klassischen deutschen Industriearbeiter und die Sachbearbeiter in den Büros, auf die die Automatisierungswelle ja ebenfalls zurollt. Sie alle müssen mit Einbußen rechnen.


Der Sozialroboter „Flobi“.
Er dient der Grundlagenforschung über
menschliche Kommunikation

 
Die Lösung

Die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmen. Oder in den Worten des Ökonomen Richard Freeman aus Harvard: „Würden wir unseren Ersatz besitzen … ginge es uns besser“, schreibt er. Und fährt fort: „Besitzen andere die Roboter, die uns ersetzen, würden wir arbeitslos und nach neuer, schlechter bezahlter Arbeit suchen.“ Wenn aber Arbeiter Anteile an den Robotern halten, dann verdienen sie mit.

Daher will Südekum die Beschäftigten zu „Miteigentümern der Betriebe machen“. Doch nicht die klassische Form der Mitarbeiterbeteiligung schwebt ihm vor, also über Aktien des eigenen Unternehmens oder über eine sogenannte stille Teilhabe – das erscheint ihm angesichts des Klumpenrisikos zu riskant.

Er will die Beschäftigten lieber an möglichst vielen Unternehmen teilhaben lassen: „Ich könnte mir vorstellen, dass ein Teil des Lohnes künftig in einen breit gestreuten Indexfond fließt, der zum Beispiel den Dax oder Dow Jones nachbildet.“ Der Einzelne könne mit dieser Form des „Aktienzwangssparens“ dann über die Dividende mitprofitieren. Der Effekt der sinkenden Löhne würde gemildert, man verdiente mit, wenn Unternehmen am Maschineneinsatz verdienen.

 
Die Realität

Jens Südekum räumt ein: „Ich habe kein fertiges Konzept, ich denke einfach laut nach.“ Auch er weiß, dass zumindest die Deutschen sehr skeptisch gegenüber Aktien sind. Aber der Punkt sei, sagt Südekum: Die Diskussion müsse endlich angeschoben werden, „wenn das Gefüge der Gesellschaft zusammengehalten werden soll“.

2. Zur Kasse, bitte!

Das Problem

Wenn der Mensch arbeitet, erzielt der Staat Einnahmen aus Lohnsteuer und Abgaben. Wenn ein Roboter arbeitet, fällt keine Lohnsteuer an. Das ist doppelt problematisch: Zum einen nimmt die Maschine dem Arbeiter den Job weg. Außerdem verdient der Staat weniger, wenn die Maschine beschäftigt wird.


Die Lösung

Der Staat führt eine Maschinensteuer ein. Das hat sogar Bill Gates im Jahr 2017 in einem Interview mit dem Onlinemagazin »Quartz« vorgeschlagen. Über eine solche Steuer könnte die Allgemeinheit an den Profitabilitätsschüben teilhaben, die durch die Automaten ermöglicht werden.

Würde man Roboter ähnlich wie Menschen besteuern, so Gates, könnte das rasante Tempo der Entwicklung gedrosselt werden. Die Einnahmen würden die entfallene Einkommensteuer ersetzen und den sozialen Sektor stärken, in dem es einen „sehr, sehr großen“ Bedarf an Menschen gebe: etwa in den Schulen, die kleinere Klassen bräuchten, bei der Pflege älterer Menschen oder der Betreuung von Kindern.

Bill Gates ist mit dieser Idee nicht allein. Auch im Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments wurde vorgeschlagen, den Beitrag von Robotern und Künstlicher Intelligenz in den Betriebsergebnissen gesondert auszuweisen, um ihn dann zu besteuern. Und der Postchef Frank Appel schlug vor, bei menschlicher Arbeit künftig auf die Mehrwertsteuer zu verzichten und nur die Arbeit von Robotern zu besteuern: „Warum denn nicht?“

 

Die Realität

Die Definition dessen, was ein Roboter und wie groß sein Anteil an der Wertschöpfung ist, wird in der Praxis schnell kompliziert. Und eine Robotersteuer würde genau dort wirken, wo Wachstum entsteht. Sie wäre insofern eine Innovationsbremse. Oder wie es der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil (SPD), ausdrückt: eine Form der „Maschinenstürmerei“. Außerdem wäre der Steuerwettbewerb für eine Volkswirtschaft gefährlich. Es wird immer irgendwo auf der Welt ein Land geben, das mit besseren Konditionen lockt und daher den Standort im Hochsteuerland gefährdet.

 
3. Einfach leben!

Das Problem

Es gibt viel zu tun. Und es gibt es genug Tätigkeiten, die man sich gern von Robotern abnehmen lassen würde, um sich Sinnvollerem zu widmen. Doch in der Erwerbswelt von heute herrscht immer noch Arbeitszwang.

 
Die Lösung

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es der Ökonom Thomas Straubhaar vorschlägt (siehe brand eins 05/2017, „Wie überlebt der Sozialstaat die Digitalisierung?“) *. Er will das Sozialsystem komplett umgestalten, indem der Staat jedem Bürger 1000 Euro im Monat auszahlt.

Der niederländische Historiker Rutger Bregman geht in seinem Buch „Utopien für Realisten“ noch etwas weiter. Bregman, der das Motto „Jobs are for Robots, life is for People“ vertritt, ist davon überzeugt, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Menschen nicht zu Faulenzern machen würde, sondern produktiver und die Gesellschaft insgesamt besser. Weil der technische Fortschritt enorme Produktivitätsgewinne hervorgebracht hat, glaubt Bregman, dass es möglich sei, nur noch 15 Stunden pro Woche zu arbeiten, wie es einst der Ökonom John Maynard Keynes voraussagte. Den Rest der Zeit, so Bregman, könne man mit privaten, kreativen, sozialen und gemeinnützigen Tätigkeiten verbringen. Eine Utopie? Keineswegs, sagt Bregman. Schließlich sei die Arbeitszeit zwischen 1850 und 1980 immer weiter gesunken. Für ihn braucht es zur Durchsetzung nur das Eingeständnis, dass wir die Chance auf die 15-Stunden-Woche in den vergangenen Jahrzehnten durch unsere Konsumsucht vermasselt haben, dass hohe Produktivität keine langen Arbeitszeiten mehr braucht und dass zu viele Stunden, die derzeit an Arbeitsplätzen verbracht werden, für sinnlose Tätigkeiten draufgehen.

 
Die Realität

Tatsächlich würde das bedingungslose Grundeinkommen die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt durcheinanderwirbeln. Doch schon heute wird in Deutschland etwa ein Fachkräftemangel beklagt, der den Unternehmen und den Sozialsystemen gleichermaßen schaden könnte. Würden die Beschäftigten weniger arbeiten, verschärfte sich dieses Problem noch weiter. Insofern muten Bregmans Vorschläge einigermaßen utopisch an. Doch als utopisch galt einst auch die 40-Stunden-Woche. --

* b1.de/T_Straubhaar