Hörspielwürfel Toniebox

Wie zwei in die Jahre gekommene Kassettenjungs einen Hörspielwürfel erfanden.





• Ausgerechnet die geliebten Hörspiele führten bei Patric Faßbenders Kindern vor ein paar Jahren regelmäßig zu Frust. Ständig zerkratzten die CDs, immer wieder funktionierte das Abspielgerät nicht. Der 47-Jährige ist als „Kassettenkind“ groß geworden, mit den „Fünf Freunden“ und den „drei ???“.

Für seine Kinder suchte er nun nach einem modernen, kindgerechten Abspielgerät – und fand nichts. MP3-Player: kompliziert zu bedienen. Tablets: viel zu großes Ablenkungspotenzial durch das Display. „Meine Frau und ich wollten ihnen kein iPad ins Kinderzimmer stellen.“

Faßbender, der damals Kreativdirektor einer Werbeagentur war, kündigte seinen Job und entwarf selbst das leicht bedienbare Audiosystem, das ihm vorschwebte. „Ich hatte allerdings wenig Ahnung von Finanzen und auch noch nie ein Produkt entwickelt“, sagt der Grafiker.

An dieser Stelle kam Marcus Stahl ins Spiel, den Faßbender aus der Elterninitiative ihres Düsseldorfers Kindergartens kannte. Ein Ingenieur, der lange in der Telekommunikationsbranche gearbeitet und schon Erfahrung als Gründer hatte. Der 50-Jährige musste nicht lange nachdenken, als Faßbender ihm von seiner Idee erzählte: kein Display, keine Tasten, kein Kabel. Stattdessen ein Audiosystem, das aus einer kleinen Box und passenden Figuren besteht.

Die „Toniebox“ ist ein mit buntem Stoff verkleideter Würfel mit zwölf Zentimeter langen Kanten. Die Audiowiedergabe funktioniert dank NFC-Technik, also Nahfeldkommunikation: Die Hörspiele stecken in Figuren wie Benjamin Blümchen oder Räuber Hotzenplotz. Stellt man die Figur auf die Box, dann beginnt die Wiedergabe; um ein Kapitel vor- oder zurückzuspringen, berührt man die Toniebox auf der rechten oder linken Seite; nimmt man die Figur herunter, stoppt die Geschichte.

Beim ersten Aufstellen der Figuren, der sogenannten Tonies, wird ihr Inhalt übers WLAN aus der Cloud auf die Box geladen. Die knapp 80 Euro teure Box kann samt der Figuren, die jeweils rund 15 Euro kosten, so auch mit in den Garten oder Urlaub genommen werden.

Als Marcus Stahl einen Prototyp zu Hause ausprobierte, war sein kleiner Sohn begeistert: „Der dachte, dass ihm Lars, der Eisbär, die Geschichte erzählt“, sagt Stahl. Sein Sohn sei nicht einmal ein großer Hörspielfan gewesen. „Da wusste ich, dass wir Erfolg haben würden.“

Drei Jahre dauerte es, bis die Idee marktreif war. Die beiden Gründer bemühten sich um die Lizenzen für ihre Lieblingshörspiele. „Es war eine große Fleißarbeit, aber keine Hürde“, sagt Patric Faßbender. „Eigentlich waren alle großen Kinderbuchverlage sofort interessiert.“ Weil sie den Begriff der Hörfigur schützen ließen, schufen die beiden eine neue Lizenzkategorie, was die Rechteverhandlungen deutlich erleichterte.

Mit Freunden und Bekannten bauten die beiden Familienväter einen Gesellschafterkreis auf, der zusammen einen einstelligen Millionenbetrag investierte. Für die Produktionskosten nahmen Faßbender und Stahl zudem drei Kredite auf.

Seit September 2016 ist die Toniebox im Handel. Im ersten halben Jahr verkauften Faßbender und Stahl 50 000 Boxen und mehr als 300 000 Hörfiguren, allein im Mai waren es 80 000. Der schnelle Erfolg übertraf die Planung: Zum Ostergeschäft gab es Lieferengpässe.

Vor einem Jahr waren sie zu acht, inzwischen kümmern sich 32 Mitarbeiter um Vertrieb, Logistik, Technik und Marketing. Ende des Jahres sollen es 50 sein. Die beiden Gründer peilten für 2017 einen Umsatz von elf Millionen Euro an, momentan liegen sie deutlich darüber.

Auch aus dem Ausland gibt es Anfragen. Zum Weihnachtsgeschäft 2018 soll das Audiosystem international erhältlich sein. Es steht in Elektronikmärkten, Spielwarengeschäften und Buchhandlungen – und in Zukunft wohl nicht mehr nur in Kinderzimmern.

Die bestverkaufte Figur ist momentan der Pirat, ein sogenannter Kreativ-Tonie, der sich mit eigenen Inhalten bespielen lässt: mit selbst vorgelesenen Geschichten oder Audio-Botschaften zum Beispiel. Genau diese Funktion macht die Box auch für Geschäftskunden attraktiv, als Werbegeschenk oder Kommunikationskanal. Mit einem Fußball-Bundesligisten und der Lufthansa führen die Gründer bereits Gespräche.

Aber auch im Kinderzimmer wollen die beiden Gründer noch präsenter werden. Rund 50 verschiedene Figuren haben sie inzwischen im Programm – Hörspiele, Lieder-Sammlungen oder vertonte Wissensbücher –, und jeden Monat kommen neue dazu.

Online tauschen sich die Toniebox-Nutzer – oder eher: deren Eltern – über Regale für die Figuren oder selbst genähte Box-Taschen fürs Auto aus. „Als Werber habe ich mir viele Jahre lang gut bezahlt Gedanken gemacht, wie man eine emotionale Bindung zu Produkten erreicht“, sagt Patric Faßbender. „Dass sich das bei der Toniebox einfach organisch entwickelt hat, ganz ohne große Gelder, ist toll.“ ---