Konkurrenzlos

In Zeiten des Wohlstands und der Vielfalt ist der Wettbewerb kein Kampf mehr. Sondern eine Methode zur Entwicklung besserer Lösungen.






Die Umstände, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst.
Norbert Elias

1. Kalter Krieg

In Zeitlupe fliegt der große Knochen durch die Luft, rotiert und erreicht fast den Rand des Himmels, bis ihn die Schwerkraft nach unten zieht. Der große Affe hat sein Werkzeug gefunden. Es ist zuallererst eine Waffe.

Mit diesen Bildern führen Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke den Menschen in die Kulturgeschichte ein. Ein bis dahin hilfloses Tier, das sich ängstlich vor Raubkatzen versteckt, verwandelt sich in „Aufbruch der Menschheit“, dem Anfangskapitel von „2001: Odysee im Weltraum“, zum Herrn der Welt. Es entdeckt, was es kann, und damit sich selbst.

Das führt gleich mal zu Mord und Totschlag.

Der technische Mensch, der Homo faber, geht, kaum sich seiner selbst bewusst, auf den anderen los. Lateiner nennen das concurrere, auf Deutsch aufeinanderrennen – mit festem Kollisionskurs. Wir leben, solange wir uns erinnern können, unter solchen Konkurrenzverhältnissen.

Kubrick und Clarke beschrieben das als Ursprung des Menschlichen – und als Anfang von allem, was da noch kommen sollte. Sie legten mit ihrem Werk auch nahe, dass die Nachfolger des aufbrechenden Affen nicht viel weiter gekommen waren als ihre Ahnherren. Der Kinogänger des Jahres 1968 befand sich in einer Welt, deren wichtigstes Ordnungsprinzip das Konkurrenzdenken war. Man nannte das Kalter Krieg.

Dabei handelte es sich um die wohl bestorganisierte und stabilste Feindschaft aller Zeiten. Man war entweder „hier“ oder „drüben“ und rannte wegen allem und jedem aufeinander los: in der Wirtschaft, der Technik, der Kunst, im Sport, sogar im Weltall. Die große Konkurrenz zwischen West und Ost, den Anhängern des kapitalistischen und des kommunistischen Weltbilds, hat in den vier Jahrzehnten ihres Bestandes zweifelsohne ein historisches Rekordhoch an Wohlstand, Wachstum und Innovation ausgelöst. Hier beginnt der Aufstieg der Konsumgesellschaft und des Wohlfahrtsstaates, der Beginn der Digitalisierung, der Beginn der Transformation vom Industriekapitalismus zur Wissensökonomie.

Da haben wir es: Konkurrenz belebt das Geschäft. Es gibt nicht wenige, die diese Zeit seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ab 1989 schmerzlich vermissen. Das hat mit einem gnädigen, also schlechten Gedächtnis zu tun, dem Verdrängen der Bedrohungen und Freiheitsberaubungen dieser Zeit. Aber nicht nur. Es geht auch um eine tiefe Sehnsucht.

Im Kalten Krieg herrschten klare Verhältnisse. Alles war zwar lebensbedrohlich, aber dafür auch eindeutig. Selbst jene, die damals noch gar nicht geboren waren, reden davon, dass der Zusammenhalt und die Solidarität unter den Menschen damals größer gewesen sei. Heute, das will der Umkehrschluss uns sagen, gehe es härter zu. Jeder gegen jeden. Zu viele andere, die wollen, was wir haben. Der Zeitgeist lügt sich die Taschen voll, in denen Extremisten und Populisten ihr Nest bauen. Wir sind Affen. Die Konkurrenzkultur steckt uns in den Knochen. Wo nur über Gegensätze geredet wird, hat die Horde schon gewonnen. Und wer meint, auf der richtigen Seite zu stehen, hat nur den wichtigsten Grund für den Schlamassel wieder mal übersehen: sich selbst. Der Konkurrenzkampf ist ein Kalter Krieg, den wir gegen uns führen.

2. Sag mir, wo du stehst

In der Zeit, in der Kubrick und Clarke ihren Film machten, entstand in der DDR, einem Frontstaat des Kalten Krieges, der Soundtrack der Gesinnung, die uns bis heute gefangen hält: „Sag mir, wo du stehst“, für die FDJ-Combo „Oktoberklub“ frei nach dem amerikanischen Gewerkschafts-Hit „Which Side Are You On?“ aus den Dreißigerjahren komponiert.

Es ist eine dieser Fragen, bei denen die Antwort schon eingebaut ist, von der Sorte „Was hast du gesagt, Alter?“, die ein finsterer Typ nachts in der U-Bahn stellt. Sie lautet: Bist du ein Guter oder ein Böser, einer von uns oder von den anderen? Diese Frage kennt Fortschrittliche und Rückständige, Modernisierungsgewinner und -verlierer. Sie ist eine Androhung von Gewalt. Wer so fragt, will keine Antwort, sondern Unterwerfung. Konkurrenz ist Krieg.

Diese dumme Welt ist von gestern, aber noch lange nicht vergangen. Jeden Tag stellt sie uns ihre Frage, die keine ist: Which side are you on? Und wehe, du antwortest: „Auf meiner, wenn’s recht ist.“

Eine Welt, die vornehmlich solche Fragen stellt, hat ein großes Problem: Sie weiß nicht, dass das richtige Mittel zum Erfolg nicht die Konkurrenz ist, sondern der Wettbewerb. Da stöhnen jetzt nicht nur die Oktoberklub-Fans aller Lager auf. Konkurrenz, Wettbewerb – wo ist denn da der Unterschied? Er ist, vorweg, gut vernebelt.

Konkurrenz bedeutet, dass man will, was der andere hat. Und hat er mehr von etwas als ich, kann ich mir davon was holen? Wenn das nicht klappt, müssen die Unterschiede beseitigt werden. Notfalls durch Krieg. Ein Affenzirkus.

Wettbewerb ist etwas anderes. Es geht nicht um Vernichtung oder Sieg, es geht um eine offene Auseinandersetzung, an der man selber wachsen soll. Wer sich dem Wettbewerb aussetzt, muss sich selber definieren, kennen, wissen, was er kann und wohin er will. Vor allen Dingen auch: wofür er all das macht. Wettbewerb ist kein Zweikampf. Kein Duell. Wettbewerb, das sind die Rahmenbedingungen für dein eigenes Ding. Wettbewerb ist Demokratie. Konkurrenz Diktatur. Wie kann man das eigentlich alles verwechseln?

3. Animal Spirit

In einer Welt, in der die Ressourcen immer knapp sind und alle Werte, alles Denken auf dieser Ressourcenknappheit bauen, ist die Konkurrenz das normale Prinzip. Es ist, wie die Klagenfurter Wirtschaftspsychologin Linda Pelzmann sagt, „animal spirit, ein Urtrieb, der allen Lebewesen gemein ist. Es geht um den Zugriff auf Ressourcen aller Art. Der Ehrgeiz ist angeboren, eingeführt von der Natur als Grundlage der Evolution.“

Da haben wir es. Konkurrenzdenken ist älter, als uns Kubrick und Clarke weismachen wollten. Vielleicht haben sie zu viel Jean-Jacques Rousseau gelesen. Der Mensch, behauptete der, sei in seinem Naturzustand ein feiner Kerl. Gut und edel, versaut habe ihn bloß die Kultur. Deshalb müsse man, so der ihm zugeschriebene Schlachtruf, „Zurück zur Natur!“. Das kann man natürlich.

Allerdings nicht lange, weiß Pelzmann, denn dort herrscht das Faustrecht. „Der Normalzustand lautet: Es gibt Sieger oder Verlierer. Es geht um Macht, darum, das letzte Wort zu haben.“ In der Natur muss man das wörtlich nehmen. Solange man will, was der andere hat, gibt es kein Ende. The winner takes it all. „Die großen Sieger wollen ein Monopol, das ganze Revier, alle Ressourcen.“

Die bisherige Kulturgeschichte hingegen ist die Zeit, in der trotz aller heißen und kalten Kriege wenigstens versucht wurde, diesem Naturprinzip entgegenzutreten. Das ist eine enorme Leistung, und eines der Werkzeuge dieses Strebens ist der Wettbewerb, das Bemühen, Sieg und Niederlage nicht endgültig und gnadenlos zu halten. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das ist Wettbewerbskultur.

Dass wir Konkurrenz leicht mit Wettbewerb verwechseln, liegt daran, dass wir uns noch nicht daran gewöhnt haben, dass es auch anders geht. Wir leben erst relativ kurz in einer Zeit des Überflusses, des allgemeinen Wohlstands und der Vielfalt. Lange Zeit bestimmten Not und Knappheit die Regeln – und Konkurrenz war normal. In der Knappheit haben Krieg, Mord und Totschlag ihre Wurzeln. Ich oder du, das eingespielte Ritual ist stark geblieben. Wo aber Fortschritt, Wissensarbeit und Kultur die Not verdrängt haben, ist Konkurrenzdenken einfach nur verrückt. Eine schlechte Angewohnheit von gestern.

4. Die Konkurrenten

Es gibt aber für einige gute Gründe, dieses Konkurrenzdenken beizubehalten. In erster Linie geht es dabei um das alte Affentheater: Macht.

Macht kann man sich bekanntlich nicht bei Amazon bestellen. Es fällt einem irgendwann auf, dass man sie haben kann. Das aber geht anderen auch so. Machtkämpfe sind Rivalitäten, Konkurrenzverhältnisse, die alte Organisationen, Kulturen und ihre Hierarchien – und uns – bis heute wesentlich beeinflussen. In Zeiten, in denen man sich wieder nach Ordnung und Orientierung durch klare Konkurrenzverhältnisse sehnt, glauben manche Leute wieder an „geborene Anführer“, die sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen, um dann „hart, aber gerecht“ für Fairness unter den Untertanen zu sorgen.

Ein Mythos, der gern gepflegt wird. Er beweist allerdings, wie naiv die Leute bis heute mit Hierarchien und Macht umgehen. Und wie wenig Selbstbewusstsein sie haben, wenn einer den Chef macht. Genau das bewegte den deutschen Soziologen Norbert Elias, der 1933 als jüdischer Wissenschaftler vor den neuen „natürlichen Anführern“ Deutschlands erst nach Frankreich, später nach England flüchtete. Er ging von einem alten Machtmotto aus: divide et impera, teile und herrsche. Er nannte das den Königsmechanismus. Dabei geht es darum, dass der Herrscher alle Interessengruppen, die ihn potenziell in seiner Macht gefährden könnten, gegeneinander ausspielt. Er teilt die Opposition, indem er deren Konkurrenz schürt. Ein Meister darin, so Elias, war der französische König Ludwig XIV. Der von ihm geschaffene absolutistische Staat gilt bis heute als Vorlage für alle Nachfolgesysteme. Auch zentralistische Unternehmen arbeiten nach diesem Muster.

Beim Schüren der Konkurrenz ist es entscheidend, dass der Chef sich möglichst neutral gibt. Er selbst hat keine Interessen, niemals. Damit stellt er sich bereits über die Interessengruppen und Lobbys, die ja alle etwas wollen – eine Umverteilung in ihre Richtung in der Regel – und die deshalb den Konkurrenten das Schwarze unterm Nagel nicht gönnen.

Nun gilt es, die Kontur der Gegensätze zu verschärfen. Das klappt am besten mit einer Portion Unverbindlichkeit und Indifferenz. Man spielt alles über Bande, spricht nichts eindeutig aus oder an. Den Rest erledigen die Konkurrenten, die er geschaffen hat, von selbst. Sind sie erst mal Feinde, als Lager etabliert, dann kann der Chef – je nach Kräftestand der Kontrahenten – sich mal der einen, mal der anderen Seite zuneigen. Ein bisschen Zuneigung bekommen dann stets die, die gerade etwas schwächer sind, der „Gerechtigkeit wegen“, versteht sich. Der Chef tut das nicht für sich. Er tut das für die Sache. Die Firma. Das Vaterland.

Das ist das bewährte Konkurrenz- und Machtmodell, das man unter der Bezeichnung „ausgleichende Gerechtigkeit“ kennt. Das klappt meist gut, weil uns die dahintersteckende Moral von klein auf eingetrichtert wurde. Unter Wettbewerbsbedingungen funktioniert der Königsmechanismus nicht. Er versagt, weil die Interessengruppen selbstbewusst genug sind, um sich nicht manipulieren zu lassen. Vor allen Dingen aber wissen echte Wettbewerber, was sie wollen. Nicht alles Mögliche, sondern das, was sie sich vorgenommen haben.

5. Die Gier

Es ist offensichtlich, was den Königsmechanismus am Laufen hält, etwas, das die meisten Leute weit von sich weisen würden: die eigene Gier, die Angst, weniger abzubekommen als andere. Das sind nicht nur die Kräfte, die hinter Donald Trump, Marine Le Pen und all den anderen Populisten stecken, es ist eine Konstante unserer Kultur: Böse sind immer die anderen.

Nun ist aber das Gegenteil von Gegeneinander nicht Gleichmacherei, sondern Differenz. Wer sich in Konkurrenz zu anderen sieht und bringt, misst sich nicht nur an fremden Federn, sondern will auch, was der andere hat – freilich ohne das, was er schon im eigenen Körbchen hat, mit ihm zu teilen. Die Spieltheorie hat dazu eindeutige Ergebnisse geliefert: Menschen, die an die Konkurrenz gewöhnt sind und dem Königsmechanismus auf den Leim gehen, sind eher bereit, eigene Verluste hinzunehmen, als anderen mehr zu gönnen, als sie selbst bekommen. Diese und viele weitere gleichlautende Ergebnisse machen die anhaltende Kritik am Modell des Homo oeconomicus, der als herzloses, alles kalkulierendes Wesen missverstanden wird, auch so albern. Er existiert nicht, und das ist alles andere als ein Vorteil. An seiner Stelle haben wir Leute, deren Konkurrenzdenken es lieber sieht, wenn es allen dreckig geht.

Paradoxerweise kann aber gerade darin auch ein Ausweg liegen, wie das von dem Mathematiker John Nash formulierte Nash Gleichgewicht nahelegt. Seine Formel geht davon aus, dass jede Partei alles dafür tut, um ihre Interessen so gut wie möglich zu sichern – aber dabei gleichzeitig auch so viel wie möglich vom Wettbewerber bekommen möchte. Dieser wird aber nicht aufs Feindbild reduziert, wie beim Konkurrenzdenken. Er dient als Leitbild, das man nicht stur kopiert, sondern mit den eigenen Fähigkeiten vergleicht. Das ist ein Ansatz, bei dem man „sein Ding“ machen kann, also seine eigene Strategie verfolgen, ohne externe Einflüsse zu hoch zu bewerten oder zu ignorieren. Ein Gleichgewicht eben, das man immer wieder neu findet.

Das ist damit gemeint, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist. In der Welt des Wettbewerbs ist nichts in Stein gemeißelt. Das Nash Gleichgewicht ist für unsere Welt eine weitreichende Einsicht. Es ist die Grundlage des Marktes, des Heimathafens des Wettbewerbs und der Vielfalt.

6. Entmachtung

Schwer vorstellbar? Es wird noch besser, wenn man dem Ökonomen Karl Homann zuhört: „Wir müssen begreifen, dass Wettbewerb nur ein anderes Wort für Kooperation und Solidarität ist. Ohne das Instrument des Wettbewerbs bleiben das nur hohle Begriffe, die nicht funktionieren.“ Homann, einst Deutschlands erster Wirtschaftsethik-Professor, definierte sein Fach selbst als Ende des alten Konkurrenzdenkens zwischen „Moral und Wirtschaft, Ethik und Ökonomik, Solidarität und Wettbewerb“, die stets nur gegeneinander ausgespielt worden seien, obwohl es sich in Wahrheit „um Zwillinge handelt“.

Mit seinem Kollegen Andreas Suchanek hat Karl Homann beschrieben, was für mehr wahre statt ausgleichende Gerechtigkeit sorgt: der Leistungswettbewerb, die Disziplinierungsfunktion des Wettbewerbs, mit seinen Entdeckungs- und Entmachtungsfunktionen.

Im Leistungswettbewerb zeigt sich bereits der massive Unterschied zum simplen Gegeneinander der Konkurrenz. Er besteht darin, dass die „Konkurrenten um Kooperationschancen konkurrieren“. Es geht also nicht um die Auseinandersetzung von Firma A mit Firma B, sondern um die Beziehung zum Kunden, für den man sich tatsächlich in den Wettbewerb begibt. Zum Wettbewerb gehören also drei: die beiden, die um den Kunden werben, und der Kunde selbst, der die Vorgaben und Anreize liefert.

Dieses Merkmal findet sich, so Homann und Suchanek, auch in der Politik, wo man nach Wählern sucht, oder bei „karitativen Organisationen, die um Spendengelder konkurrieren“. Der springende Punkt dabei ist, dass der Leistungswettbewerb die Kontrahenten dazu „zwingt“, und zwar „wirkungsvoller, als Appelle und Verordnungen das je könnten (…), Leistungen zu erbringen, die von anderen gewünscht werden“ – und eben nicht nur von einem selbst. Damit würden die Wettbewerber durch eine „Disziplinierungsfunktion“ auf Kurs gebracht, der sie zurück zum Kunden führt.

Eine der wichtigsten Folgen ist, dass Vielfalt geschaffen wird. Größere Auswahl und Differenz waren auf allen Märkten stets das Ziel; in der Wissensgesellschaft und ihrer auf Personalisierung abgestellten Produktion wird das noch bedeutender. Denn mehr Angebot bedeutet für die Kunden auch, dass sie die Chance bekommen, „sich über ihre Interessen und die Möglichkeiten, sie zu realisieren, klarer zu werden“, schreiben Suchanek und Homann.

Wettbewerb belebt das Geschäft. Er macht erfinderisch. Wo es nur einen Anbieter gibt, sinkt die Bereitschaft zur Innovation gen null. Wo aber Mitbewerber die Ruhe stören, muss sich jeder Wettbewerber etwas einfallen lassen, auch etwas Neues. Friedrich von Hayek hat deshalb die „Entdeckungsfunktion“ des Wettbewerbs hervorgehoben, die für ihn die Quelle der Innovation war. Joseph Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ folgt dem gleichen Gedanken: Unternehmer ist für ihn ein anderes Wort für Wettbewerber, und das bedeutet so viel wie Erneuerer. Die Innovation zerstört die alten Monopole und entmachtet den König, der auf Machterhalt und Gegeneinander baut. Das ist die wichtigste Funktion des Wettbewerbs überhaupt.

Der deutsche Ökonom Franz Böhm nannte ihn das großartigste Entmachtungsinstrument der Geschichte: „Bei Wettbewerb hat man die Möglichkeit, sich der Macht eines Arbeitgebers, eines Staates, eines Produzenten zu entziehen durch die Abwanderung zu einem anderen Mitbewerber.“ Wettbewerb ist schlecht für Könige. Aber gut für Talente.

7. Regeln

Natürlich braucht Wettbewerb seine Zeit, und er kommt nicht von selbst. Adam Smith, Moralphilosoph und Vater des Kapitalismus, habe keineswegs allein auf dessen „unsichtbare Hand“ gesetzt, sagt Homann. Smith wusste, dass „Geschäftsleute des gleichen Gewerbes“ sich bei praktisch jeder Gelegenheit gegen die Öffentlichkeit „verschwören“ , indem sie Absprachen über Preise und ihre Produktion träfen. Das liegt in der Natur des Menschen, der Gleichgewicht nur schätzt, wenn er gerade auf dem unteren Teil der Wippe sitzt.

Haben die Kritiker des Wettbewerbs also recht? Tut er nur so, als ob er vielfältig ist, und verbirgt er die brutale, einseitige Konkurrenz hinter sich? Homann antwortet auf solche Vorhaltungen gern mit der Gegenfrage, wie denn ein Fußballspiel verliefe, wenn man auf den Schiedsrichter verzichten würde? „Rahmenordnungen sind unerlässlich.“ Denn: Jeder will ein Monopol haben. Niemand schätzt den Wettbewerb, wenn er ihn erst mal gewonnen hat. Der Wettbewerb ist eine dynamische Größe, ein Prozess. Der Sieger hört nicht auf, siegen zu wollen, und will alles nehmen. Aber das mindestens genauso große Problem lautet: Er lässt alles so, wie es für ihn gemütlich ist. Große Sieger im Wettbewerb werden Monopolisten, die Entwicklung, Innovation und Verbesserung bei sich und anderen kleinhalten oder ganz verhindern. Monopole versetzen ihre Branche in Zeitlupe. Das heißt auch: Sie sorgen dafür, dass anderen Menschen Chancen vorenthalten werden. The winner takes it all – das gilt auch für die Hoffnung.

8. Selbstbetrug

Es ist durchaus eine Kulturfrage, welche gesellschaftlichen, menschlichen und vor allem moralischen Vorbilder herrschen. Wo die Neigung besteht, in Differenzierung und Vielfalt eher eine Systemstörung zu erkennen, und wo Ein- und Unterordnung durchaus erwünscht sind – dort gibt es kaum ein Fundament für ein Denken, in dem der Wettbewerb aus dem Schatten der Phrase heraustritt. Noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war – nicht nur – in Deutschland die Monopolisierung, der zusammenführende Korporatismus, etwas völlig Normales. Marktbeherrschung war ein Ordnungsprinzip. Bis Ende der Achtzigerjahre unterbanden hierzulande und in den meisten europäischen Staaten staatliche Telekommunikationsmonopole jede technologische Entwicklung konsequent. Erst danach setzte die bis heute größte Monopolzerlegung unmittelbar den Startschuss für das Internet und das Entstehen unzähliger Provider.

Mittlerweile haben auch die EU-Kartellbehörden ihre Lektion gelernt. Rekordstrafen – wie gegen Intel (1,06 Milliarden Euro) oder Microsoft (899 Millionen Euro) sorgten für Schlagzeilen, doch noch lange nicht für ein Umdenken. Das heißt allerdings nicht, dass das Misstrauen gegen den Wettbewerb überwunden wäre. Man kann ja mal einen einfachen Test machen und in einer beliebigen Runde das Wort Privatisierung aussprechen. Wie viele erkennen darin ein Synonym für Wettbewerb und wie viele eine satanische Methode, die nur zu Unrecht, Unsicherheit und Unterdrückung führt?

Und umgekehrt: Hat die rege und öffentlichkeitswirksame Tätigkeit der Kartellbehörden, die den Wettbewerb durchaus sichern, zu einem Ende der Subventionsökonomie geführt, in der der Wettbewerb zur absurden Randnotiz geworden ist? Nein. Der Kalte Krieg gegen die ökonomische Vernunft dauert an. Aus Angst, „seinen Anteil nicht zu bekommen“.

9. Kuchenstücke

Dabei, so sagt es Karl Homann klar, ist „Wettbewerb solidarischer als Teilen“. Das gilt nach der herrschenden Moral als glatter Skandal, ist aber sein genaues Gegenteil. Das System der Konkurrenz hat sich in Zeiten des Mangels verfestigt. Politik und Macht bestanden meist darin, diesen Mangel zu verteilen – so gerecht wie möglich, versteht sich. Dahinter steckt das Weltbild der vorökonomischen Ära, in der Wachstum kaum eine Rolle spielte. Das „Nullsummenspiel“, wie Homann es nennt – in der Forschung auch als Fixed-Pie-Theorie bekannt, der Theorie vom endlichen Kuchen. Alles, was auf dieser Welt ist, gilt als endlich, deshalb kann man es natürlich auch nur aufteilen, wenn man gerecht sein will.

Die Wiener Organisationsberaterin Roswita Königswieser atmet tief durch. Das ist der alte Aberglaube: „Wenn ich etwas gewinne, muss ich es einem anderen weggenommen haben. Und wenn ich etwas nicht habe, dann hat meinen Teil jemand anderer.“ Dass Entwicklung und Wachstum aus weniger längst mehr gemacht haben, dass der menschliche Geist und die Fähigkeit zu Wettbewerb und damit Innovation uns voranbringen, ist spurlos an den meisten vorbeigegangen.

Alte und neue Moralisten machen damit ihr Kleingeld. Mal wird es als Legitimierung für ungenierte Machtausübung benutzt, denn es muss ja jemanden geben, der „gerecht teilt“ – das Geschäftsmodell der klassischen Politik. Oder man behauptet, der Kuchen reiche eben nicht für alle. Deshalb müssen die, mit denen man leider nicht teilen kann, draußen bleiben.

Umverteilungs-Ideologie und Fremdenhass haben mehr miteinander zu tun, als vielen recht ist. Was aber ist das für eine Solidarität, die auf Ausgrenzung basiert, auf Angst, zu kurz zu kommen? Statt darüber nachzudenken, wie man aus weniger mehr machen könnte, indem man sich dem Wettbewerb aussetzt? Richtig: gar keine.

10. Auf die Plätze

Worauf bauen die alten Konkurrenz-Irrtümer? „Auf Angst“, sagt Roswitha Königswieser. „Konkurrenzdenken kommt dabei heraus, wenn man sich schwach fühlt. Es baut immer auf mangelndes Selbstbewusstsein und zu wenig Selbstvertrauen.“ Das gilt, wenn man nur kopiert, was der Konkurrent tut, das gilt, wenn man immer und überall beliebter sein will als andere und „wo wir uns in Konkurrenz bringen – statt den Wettbewerb, die faire und offene Auseinandersetzung zu suchen“. Wettbewerber erkenne man, sagt Königswieser, ganz einfach daran, dass sie sich zu erkennen geben: „Die verstecken sich nicht, sie zeigen, was sie können.“ In Systemen, die auf alter Konkurrenz gebaut sind, dem Königsmechanismus unterliegen, ist das nicht erlaubt. Konflikte werden hintenherum ausgetragen. Mächtig sind die Seilschaften, kommuniziert wird über Flurfunk. Übertragen auf die Gesellschaft findet sich das in der Nebenabsprache, dem Bilden von Kartellen und – ganz legal, aber dennoch ein Abkömmling dieses Denkens – in den korporatistischen Organisationen und Lobbys aller Art.

Statt Leistung und Innovation wird die System- erhaltung gefördert, das Mittelmaß wird zum Maß der Dinge. Der Rahmen dazu ist die Überregulierung – von Branchen und Märkten ebenso wie von der Arbeitswelt und der Selbstbestimmung des Einzelnen. Man betreibt, aus vordergründiger Sorge vor den Folgen schlechter Konkurrenz, die Abschaffung des Leistungsprinzips und damit des Wettbewerbs.

Nur der Wettbewerb aber fördert die Entwicklung von Fähigkeiten und pflegt nicht die Defizite. Und er ist nicht feige. Das Selbstbewusstsein, das er produziert, kommt in der stolzen Einsicht von unternehmerischen Menschen aller Art zum Ausdruck, die das, was sie gut können, auch zeigen wollen. Der Wettbewerb geht gern raus, aber nicht, um Streit zu suchen oder andere zu vermöbeln, sondern weil er mit ihnen um die Wette laufen will. Zeig, was du kannst. Kann’s losgehen? ---