Partner von
Partner von

Castingshows

Castingshows leben von Teilnehmern, über die sich die Zuschauer lustig machen können. Es geht auch anders.





• Der Wettbewerb „Dein Song“, der seit 2008 im öffentlich-rechtlichen Spartenkanal Kika zu sehen ist, wirkt mit seiner Jury, seinen Promis und seiner Finalshow auf den ersten Blick wie eine austauschbare Variante der unzähligen Castingshows – allen voran „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) mit Dieter Bohlen auf RTL, die gerade die 14. Runde erlebte. Dein Song aber ist anders, nicht nur weil die Teilnehmer Jugendliche zwischen 10 und 19 sind, die selbst komponierte Lieder vorstellen, statt fremde Hits nachzusingen. Spielt bei DSDS Schadenfreude eine große Rolle, bietet Dein Song dem Zuschauer nicht die geringste Gelegenheit, sich auf Kosten der Teilnehmer zu amüsieren.

DSDS, im Jahr 2002 angelaufen und beim Finale der ersten Staffel noch von mehr als zwölf Millionen Zuschauern verfolgt, ist perfekt auf die Bedürfnisse des Publikums zugeschnitten. Die Münchener Medienpädagogin Maya Götz, die die Show und ähnliche Formate wie das im Jahr 2006 gestartete Mode- Pendant „Germany’s Next Topmodel“ erforscht hat, erklärt deren Attraktivität mit dem Umstand, dass die Zuschauer als Bescheidwisser auf dem Sofa sitzen, ohne viel Fachkenntnis mitreden und hemmungslos lästern dürfen.

Bis zu 80 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen im Alter bis 17 Jahre schalteten regelmäßig eine Castingshow ein. Laut Götz hat das Folgen, die über den puren Spaß hinausgehen: „Jugendliche nehmen die Sendung wie ein Lehrprogramm wahr.“ Sie glaubten, erfahren zu können, wie man sich zu verhalten habe, „wenn man es im Leben zu etwas bringen will“. Sie lernten, sich ständig anzupassen und alles hinzunehmen.

Die jungen Zuschauer verinnerlichen auf Dauer auch, wie schlechte Teilnehmer von den Juroren erniedrigt und „in ihrer ganzen Identität“ kritisiert würden, so Götz: „Das ist dann die sogenannte neue Ehrlichkeit, bei der es auch schon mal unter die Gürtellinie gehen darf.“ Weit über die Hälfte der Jungen und Mädchen, die sie zum Thema befragte, halte den undiplomatischen Stil von Dieter Bohlen und Heidi Klum sogar für nachahmenswert.

Das Kreative im Mittelpunkt

Im Sommer 2005 begannen der Fernsehmacher Alfred Bayer, die ZDF-Redakteurin Daniela Zackl und der Musikproduzent Gunther Mende über eine Kindersendung mit Castingshow-Elementen nachzudenken. „Wir wollten eine Plattform zur nachhaltigen Musikförderung schaffen“, sagt Bayer. Sie sollte zwar zeitgeistig aufgemacht sein, als DSDS für Kinder war die Sendung aber nicht gedacht. „Das Wettbewerbsformat mit Jury, Doku-Anteilen und Telefon-Voting war gerade sehr angesagt, und wir wollten die Kinder dort abholen.“ Im Mittelpunkt sollte das Kreative stehen. Daniela Zackl sagt: „Wir klonen keine Stars, wir casten keine Stimmen und auch nicht süße Kinder, die performen können. Wir suchen die besten selbst geschriebenen Songs.“

Heute erreicht Kika mit Dein Song bei Zuschauern unter 13 Jahren einen Marktanteil von rund 30 Prozent. Die Sendung kommt also an bei der Zielgruppe.

Der Wettbewerb besteht seit 2011 aus vier Runden. In der ersten werden aus mehreren Hundert Kandidaten, die ihre Lieder daheim aufgenommen und eingeschickt haben, 16 Teilnehmer ausgewählt. Das Produktionsteam versucht sich schon hier von den Gepflogenheiten der großen Castingshows abzugrenzen. „Wir suchen nur Kandidaten, die wirklich etwas können“, sagt der Regisseur Andreas Simon. „Andere Formate brauchen immer auch schlechte Teilnehmer und solche, über die sich das Publikum lustig machen kann.“ Phase eins wird nicht im Fernsehen ausgestrahlt. Nur einige Einsendungen werden gezeigt. Wo der Verdacht aufkommt, die Bewerbungen könnten von ehrgeizigen Eltern gefordert oder die Songs nicht selbst komponiert sein, hakt das Team nach.

Kurz danach, in Runde zwei, geht es mit Kamera, aber ohne Publikum los: Die Kandidaten stellen ihre Songs vier Juroren vor. Die sagen dann Sätze wie „Es würde deinem Song guttun, wenn …“, reden über Melodien, Akkorde, Strukturen. Ihr Ton ist freundlich, ohne ins Zuckersüße abzugleiten. Und wenn sie allzu freundlich werden, schärfen ihnen die Produzenten hinter den Kulissen ein, dass Kritik zur Legitimation der Jury-Entscheidungen absolut notwendig sei. Kritik müsse sein, sagt Simon, aber eben konstruktiv.

Unter den Kandidaten im Sommer 2016: die zwölfjährige Antonia White aus Berlin. Ihre Schwester hatte sie überredet, ein Lied einzureichen, das ursprünglich nur ein kleines, auf der Ukulele begleitetes Gedicht war. Ihre Mutter stimmte zu: „Wir kannten die Sendung und wussten, dass hier niemand bloßgestellt wird. Selbst die Doku-Elemente der Sendung sind auf liebevolle Weise gefilmt.“ An einer Show, die nur die Zeit zwischen zwei Werbeclips überbrücken soll, hätte sie ihre Tochter nicht teilnehmen lassen.

In Runde zwei zählte Antonia zwar nicht zu den drei Kandidaten, die mit einer „Wildcard“ direkt ins Finale gelangten – aber zu den acht, die die Jury in die dritte Runde schickte: zum „Komponistencamp“ auf Ibiza. Dort arbeiteten professionelle Musiker mit ihr und den anderen an den Songs. Auf der Grundlage eines Auftritts in der Ferienanlage siebte die Jury erneut aus. Die fünf besten Kandidaten qualifizierten sich für das Finale. Bevor das ausgetragen wurde, erhielten sie wie die Wildcard-Inhaber die Chance, ihre Lieder in Deutschland mithilfe bekannter Künstler, den „Dein-Song-Paten“, zu verfeinern.

Und so trat Antonia beim Finale im März mit Tim Bendzko auf. Sie sang englisch, er deutsch. Das Saalpublikum war begeistert. Das Fernsehpublikum kürte per Telefonabstimmung Antonia zur „Songwriterin des Jahres“ 2017. Dem Konzept der Macher zufolge sollte es sich dabei allein von der Song-Qualität leiten lassen.

Die Sendung versucht möglichst wenig Enttäuschung zu produzieren. Darum ist am Ende keine Rangliste zu sehen, und alle Teilnehmer werden bewusst wertgeschätzt. Die Mutter des Finalisten Mathis sagt: „Wettbewerb ist okay, wenn mit den Verlierern fair umgegangen wird.“

„Als Grundimpuls spielt der Wettbewerb natürlich schon eine Rolle, er spornt alle an“, sagt der Darmstädter Musikproduzent Christoph Paulssen, der zu den Fachberatern bei dem Wettbewerb gehört. „Aber er tritt im Laufe der Sendung immer stärker in den Hintergrund.“ Eigentlich hätten alle gewonnen, die es nach Ibiza oder mit einer Wildcard direkt ins Finale schafften. Sie sind alle auf einer CD zu hören.

„Ich glaube gar nicht, dass es den meisten Teilnehmern um den Songwriter-Titel geht. Denen geht es nicht darum, sich gegen die anderen durchzusetzen“, sagt der Frankfurter Produzent Martin Haas, der unter anderem mit dem Musiker Moses Pelham zusammenarbeitet und zur Jury gehört. Er glaubt: „Die wollen eher wissen, wo sie selbst stehen und ihren Song zeigen.“

Fragt man die Künstler, was für sie wichtig war, sprechen viele vom Abend nach dem Wiesbadener Casting, an dem alle Teilnehmer gemeinsam vor dem Hotel musizierten, oder von der Ferienlager-Atmosphäre auf Ibiza.

Gewinnen? Ist natürlich auch cool

Der Wettbewerbsmodus gefiel ihnen aber auch. Eine der Finalistinnen, Vanessa, nimmt auch regelmäßig an Mathematik-Wettkämpfen teil: „Es macht Spaß, wenn man herausgefordert wird und erlebt, dass man über sich hinauswachsen kann“, sagt sie. Und Antonia findet im Rückblick: „Die Idee, zu gewinnen, war natürlich auch cool.“ Wie viele Teilnehmer es darauf anlegen, so erfolgreich wie Lina Larissa Strahl zu werden, ist eine andere Frage. Die damals 15-Jährige gewann das Finale 2013 mit dem Song „Freakin’ Out“: „Du bist so ober-läss-ig und mein Herz das-spielt-verrückt. Ohhohhohohho!“. Danach machte sie Detlev Buck zur Hauptdarstellerin seines Kinofilms „Bibi und Tina“.

Ihr Erfolg ist den Machern von Dein Song etwas unangenehm. Sie gönnten ihn ihr, sagen sie. Eigentlich mühe sich die Produktion aber, ein „übermäßiges Andocken der Industrie“ zu verhindern, es gäbe bewusst keinen Plattenvertrag als Preis. Sie wollen keine Teenie-Idole erzeugen.

Alfred Bayer zeigt eine Liste, die von der Nachwuchsförderung zusammengestellt wurde: ein Angebot, auf das die Teilnehmer zurückgreifen können. Einige Kandidaten haben nach der Sendung mal irgendwo einen schönen Auftritt, musizieren gar gemeinsam als Band. Andere wiederum nehmen an Wettbewerben wie „Jugend musiziert“ teil – so etwas ist eher das Ziel.

Siegerin Antonia will lieber Altersgenossen beim Komponieren unterstützen. Sie hat an ihrer Schule eine Songwriting-AG gegründet. ---