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John Sherman

Ende des 19. Jahrhunderts waren die USA fest in der Hand von Monopolisten. Ein sonst eher erfolgloser Politiker versuchte sie zu stoppen: John Sherman.





• Es war Anfang Februar 1889, als John Sherman einen Brief empfing, der die USA verändern sollte. Absender war der Chef der Great Western Oil Works, einer kleinen Erdölraffinerie in Cleveland. Der beschwerte sich in dem Schreiben darüber, dass der Gigant Standard Oil beim Transport von Erdöl hohe Rabatte von den Eisenbahngesellschaften erhalte. Kleine Firmen wie seine müssten dafür deutlich mehr bezahlen. Das sei sehr unfair.

Sherman war ein erfahrener, aber kein die Herzen gewinnender Politiker. Er wurde auch der Eiszapfen aus Ohio genannt. Seit mehr als 30 Jahren war er Senator für den Bundesstaat Ohio, dreimal hatte er versucht, sich von den Republikanern zum Präsidentschaftskandidaten nominieren zu lassen, dreimal war er durchgefallen, was ihn verbitterte. Als er den Brief aus Cleveland las, war ihm schnell klar, was das bedeutete – und er sah die Chance, noch einmal auf sich aufmerksam zu machen – die großen Monopole waren ihm ein willkommener Gegner.

Die USA waren Ende des 19. Jahrhunderts fest in der Hand der Großindustriellen. Die »New York Times« fand für sie den Titel „Räuberbarone“, weil sie beinahe jede Branche fest im Griff hatten: John D. Rockefeller die Erdölindustrie, Andrew Carnegie die Stahlindustrie, J. P. Morgan die Banken. Sie trafen Absprachen, kauften kleine Konkurrenten auf, hebelten den Wettbewerb aus und diktierten die Preise.

Besonders skrupellos dabei war die von John D. Rockefeller gegründete Standard Oil Company. Es war ihm gelungen, sein Unternehmen sehr schnell sehr groß zu machen: 1870 lag sein Marktanteil im Raffinerie-Geschäft bei rund 10 Prozent, 1874 bei rund 40 Prozent und 1880 schon bei 80 Prozent. Doch ein solches Wachstum, argumentierte der kleine Konkurrent Great Western Oil Works, lasse sich nicht allein mit Skaleneffekten und technischen Erneuerungen erreichen – es brauche dazu auch allerlei schmutzige Tricks.

Tatsächlich besaß Standard Oil im Jahr 1889 die Hälfte aller Kesselwagen, verfügte über wichtige Pipelines und kontrollierte damit die Transportwege. Der Riese war dazu noch in der Lage, Erdöl in Tankwagen abzufüllen, was die kleineren Raffinerien nicht konnten. Sie transportierten ihr Produkt in Fässern, die häufig leckten. An einen Wettbewerb mit Rockefeller war überhaupt nicht zu denken.

Im Frühjahr 1889 war Great Western Oil Works nicht die einzige kleine Raffinerie, die um Hilfe rief. Sherman bekam auch Post von anderen Unternehmen, die sich bereits gegen Standard Oil zur Wehr gesetzt hatten und gegen das Unternehmen wie gegen die Eisenbahnlinie Pennsylvania Railroad geklagt hatten, jedoch erfolglos. Nun forderten sie ein Gesetz, das Rabatte verbot.

Wie schwierig es war, sich gegen die großen Bosse durchzusetzen, erfuhr Sherman vom Chef des Landmaschinenherstellers John Deere aus Moline im Bundesstaat Illinois. Der hatte sich ebenfalls in einem Brief an Sherman gewandt. „Bei anderen Produzenten von Landmaschinen stoßen wir auf erhebliche Unzufriedenheit wegen der Trusts und Allianzen, die für alle nötigen Teile existieren, die zur Herstellung gebraucht werden.“

Die Chefs von John Deere gingen ins Detail. Das Unternehmen verarbeite jedes Jahr 1000 Tonnen Stahl. Im Jahr 1880 kostete das Pfund noch 6,50 Cent. Aber seit sich in jenem Jahr mehrere Hersteller zusammengeschlossen hatten, sei der Preis gestiegen. Zunächst auf 7,75 Cent, schließlich im 1887 sogar auf 9 Cent. Bei John Deere wusste man auch, wie man das künftig verhindern könnte. „Gäbe es klare Gesetze, die den Wettbewerb schützten und Strafen vorsähen für Personen, die gemeinsam agieren, mit der Absicht, die Produktion zu limitieren und die Preise zu kontrollieren, gäbe es stabilere Preise.“

Das sah Sherman ebenso. Schon im Sommer 1888 hatte er im Finanzausschuss des Senats beantragt, ein Gesetz auszuarbeiten, mit dem Zweck, „den freien Wettbewerb“ durchzusetzen, „die Produktion zu stärken und die Preise zu senken“.

Anfang 1890 war das Gesetz durch mehrere Lesungen gegangen und wurde verabschiedet. In Artikel 1 wurde „jeder Kontakt, jede Zusammenarbeit in Form einer Allianz oder eines Trusts oder einer anderen Verschwörung, um den Handel zwischen mehreren Staaten oder Nationen zu behindern“ als illegal erklärt. Und Artikel 2 schrieb fest: „Jede Person, die eine Tätigkeit monopolisiert oder versucht, ein Monopol zu errichten, oder versucht, sich mit anderen zusammenzuschließen, um ein Monopol zu errichten, ist eines Vergehens schuldig.“ Einen Namen bekam das Werk auch: Sherman-Antitrust-Act, nach dem Mann, der es auf den Weg gebracht hatte. Das Gesetz setzte weltweit Maßstäbe. Der amerikanische Oberste Gerichtshof nannte es später die „Magna Carta des freien Unternehmertums“.

Trotzdem wurde es lange Zeit nicht angewendet, weil Konzerne dagegen opponierten. Erst 1906 erinnerte sich Präsident Theodore Roosevelt an das Gesetz, als er sein Wahlkampfversprechen einlöste, gegen die Monopole vorzugehen. In jenem Jahr leitete die Regierung ein Verfahren gegen die Standard Oil Company ein, weil das Unternehmen gegen den Sherman-Antitrust-Act verstoßen habe. 1911 gab der Oberste Gerichtshof der Regierung recht. Standard Oil wurde zerschlagen und in 34 Einzelgesellschaften aufgeteilt. Es war der Anfang vom Ende der alten großen Monopole.

John Sherman hat das nicht mehr erlebt. Er starb im Jahr 1900. Und da war noch nicht abzusehen, welche Folgen sein Wirken einmal haben würde. Im Nachruf der »New York Times« auf den Senator wurde der Sherman-Antitrust-Act noch nicht einmal erwähnt. ---

„ Jede Person, die eine Tätigkeit monopolisiert oder versucht, ein Monopol zu errichten, oder versucht, sich mit anderen zusammen- zuschließen, um ein Monopol zu errichten, ist eines Vergehens schuldig.“