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Eine Nacht in der Schokoladenfabrik

Wenn du merkst, kein Song, kein Film, kein Nichts berührt dich mehr – dann hast du einen Flatrate-Kater. So wie ich.





• In der vierten Klasse hatte ich einen Freund, in dessen Elternhaus eine Schrankwand stand, an die ich mich bis heute erinnere. Sie hatte eine Schublade voller Süßigkeiten. Ich weiß noch, wie mein Freund sie das erste Mal in meinem Beisein öffnete und lustlos in Schokoriegeln, Sahnebonbons und Gummibärchen herumwühlte. Dabei sah er aus wie ein alter Pirat, der seine tausendste Schatzkiste gefunden hatte.

Für mich war der Anblick überwältigend, zu Hause war Schokolade streng rationiert. „Nimm dir, was du willst“, sagte mein Freund gönnerhaft und klang dabei wie ein Erwachsener. Falls ich damals schon Anstand hatte, vergaß ich ihn. Ich stopfte meinen Bauch und meine Taschen voll. Aber statt mich zu freuen, dachte ich den Rest des Tages nur noch daran, was ich alles zurücklassen musste.

Rückblickend betrachtet hatte ich es das erste Mal mit einem Problem zu tun, das mich heute, im Flatrate-Zeitalter, wieder beschäftigt. Es ist die scheinbar einfache Frage: Wie viel ist zu viel? Ich kann so lange surfen und telefonieren, wie ich will, so viel Musik hören, wie die Archive von Spotify hergeben, und täglich stundenlang auf Netflix hängen, ohne je alle Serien bis zur letzten Folge gesehen zu haben. Ich hatte noch nie mehr als jetzt. Warum bin ich nicht zufrieden?

Weil ich festgestellt habe, dass „unbegrenzt“ zwar ein Wert ist, aber keiner, der mich glücklich macht. Das Schlaraffenland verliert in dem Moment seinen Reiz, in dem wir es betreten. Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus? Können wir – sorry, Marx – Waren refetischisieren?

Ich will es versuchen und begebe mich auf die Suche nach meinen alten CDs. Wie der Rest meiner Jugend stecken sie in Turnschuhkartons mit D-Mark-Preisschildern. Obenauf liegt „All Eyez On Me“ von 2Pac. Als ich die Box öffne, fallen mir die rausgebrochenen Plastikzähne der CD-Halterung in den Schoß. Ich drehe die Scheibe ins Licht und verfolge den Regenbogenreflex, der über die Wand des Zimmers huscht. Wie früher, denke ich, und will reinhören. Nur wie? Mein Laptop hat kein CD-Laufwerk. In der Kammer müsste meine Stereoanlage sein, irgendwo. Die Sache beginnt anstrengend zu werden.

Bevor ich Anfang der 2000er auf die Musiktauschbörse Napster stieß, kaufte ich mir CDs. Ich ging in einen Laden, der nach Staub und gepresster Musik roch, und blätterte mich durch die langen Reihen aus Plastikboxen, klapp, klapp, klapp. Ich baute einen kleinen Stapel, mit dem ich mich anstellte, um an einem der Player reinzuhören. „Maximal 5 CDs!“ stand auf einem selbstgemalten Schild am Tresen.

Kaufte ich eine CD, hatte ich Zeit, Mühe und Geld investiert. Noch bevor ich sie in meine Stereoanlage schob, hatte sie einen ideellen Wert für mich. Zu Hause hörte ich mir jeden einzelnen Song an, bei Spotify habe ich das noch nie getan.

In den Wirtschaftswissenschaften gibt es das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Es beschreibt den Effekt, dass der Nutzen eines Gutes abnimmt, sobald man eine bestimmte Anzahl konsumiert hat. Bier ist ein gutes Beispiel, wobei das Maximum an Wohlgefühl hier stark vom Individuum abhängt. Der Effekt dieses Gesetzes ist interessant, weil er auch bei Flatrates eintritt.

Ich glaube, die Grenzenlosigkeit begann mit der Digitalkamera, die letztlich nichts anderes ist als eine Flatrate-Fotomaschine. Seit so gut wie jeder eine besitzt, hat sich die Zahl der Abbilder dieser Welt vervielfacht. Es ist ein Bilderstrudel entstanden, das Foto hat sich von seiner einstigen Funktion gelöst. Es ist zur Floskel geworden, auf die man keine Reaktion erwartet, wie auf ein „Wie geht’s?“ im Vorbeigehen.

Das nächste So-viel-du-willst-Angebot, das meinen Alltag veränderte, war die Telefon-Flatrate. Zunächst war ich begeistert, in Ruhe telefonieren zu können, ohne an den steigenden Rechnungsbetrag denken zu müssen. Dafür dehnten sich Gespräche manchmal bis zur Langeweile. Ich telefonierte, weil ich es eben konnte, auch wenn ich nichts zu sagen hatte. Getrieben von der unbewussten Idee, den Service, für den ich ja bezahlt hatte, auch auszunutzen.

Eine Flatrate ausnutzen, genauso gut könnte man versuchen, das Schlaraffenland leer zu essen. Um mal ganz grundsätzlich zu werden: Vielleicht löst die Flatrate per se Unbehagen aus, weil sie im Missverhältnis zur Begrenztheit unserer Existenz steht. Als Mensch habe ich weder unendlich Zeit noch unendliche Kapazitäten. Ich muss verarbeiten, was ich sehe und höre, ich muss verdauen, was ich esse und trinke, und ich muss gelegentlich sogar schlafen. Vom Tod ganz zu schweigen. Ein Angebot, dessen USP die Unendlichkeit ist, passt einfach nicht in mein endliches Leben.

Kürzlich besuchte ich meine Tante in Brüssel, drei Tage, kein Laptop, dafür ein Fernseher mit beachtlicher Diagonale vorm Hotelbett. Am zweiten Abend lief einer meiner liebsten Weltuntergangsfilme aus den Neunzigern. Um den Anfang nicht zu verpassen, musste ich eben zur richtigen Zeit auf dem Bett liegen und einschalten. Ich passte mich ins Programmschema ein, und ich genoss es. Statt mich durch die Netflix-Bibliothek zu arbeiten, selbst entscheiden zu müssen, empfand ich es als Glück, dass ausgerechnet an jenem Abend ausgerechnet dieser Film lief.

Ich verstehe auch nicht, warum manche behaupten, Musik oder Filme per Flatrate aus der Cloud zu streamen spare Platz auf Regal oder Festplatte. An sich mag das ja stimmen, doch dafür nehmen die Flatrates viel zu viel Raum meines Hirns ein. Meine CD-Sammlung dagegen passt in drei Schuhkartons.

Ich finde Alben von Ice-T, Guns N’ Roses, Fatboy Slim, die neueste Platte ist von 2006: „Dreams“ von The Whitest Boy Alive. Jedes Cover weckt Erinnerungen und den Wunsch, die Kammer nach der Stereoanlage zu durchwühlen. Ich schmeiße eine Hängelampe runter und krieche hinter die Besuchermatratze, bevor ich den richtigen Umzugskarton finde.

Ich trage ihn ins Wohnzimmer, packe den CD-Player aus, schließe den Verstärker an, klemme die Boxen dran. Alles schwere, schwarze Geräte, früher hätte man „wertig“ gesagt. Und dann, noch vor dem ersten Ton, das Geräusch der CD-Lade: pffft, auf; pffft, zu. Mechanik.

Seit Jahren kaufe ich keine Musik mehr, sondern nur noch den Zugang dazu. Jedes Mal, wenn ich Spotify starte, stehe ich in einem Plattenladen, so groß, dass ich dessen Ende nicht sehen kann. Bei dieser Fülle haben Songs keine Zeit mehr zu überzeugen, Liebe auf den ersten Akkord oder ewige Versenkung. Anstatt mich der Musik zu widmen, muss sie mich „abholen“, und zwar sofort. Im Flatrate-Meer gehen die B-Seiten unter.

Ich bin fast ein wenig aufgeregt, als ich endlich „play“ drücke. Eine unerklärliche Erwartungshaltung flutet mich, obwohl ich The Whitest Boy Alive auch auf Spotify hören kann. Das Schlagzeug pocht, die E-Gitarre setzt ein, nach einer halben Minute die helle Stimme des Sängers. Die Sekunden scheinen sich zu ziehen, sie leuchten fett und blau von der Digitalanzeige ins Halbdunkel des Zimmers. Die Boxen vibrieren. Die halbe Nacht höre ich meine alten CDs und blättere durch abgegriffene Booklets, furchtbar wehmütig.

Mir ist bewusst, dass da auch Sentimentalität mitschwingt, die Erinnerung an ein Leben ohne Empfehlungsalgorithmus. Dauerhaft würde ich trotzdem nicht auf meine Flatrates verzichten wollen. Der Kunde in mir hätte das Gefühl, den besten Deal auszuschlagen, draufzuzahlen. Aber ist es tatsächlich der beste Deal, alles vor die Füße gekippt zu bekommen? ---