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Krankenkasse Großbritannien

In Großbritannien gehört die Krankenkasse dem Staat und ist für alle kostenlos. Über eine sozialistische Insel im Mutterland des Kapitalismus.





• Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher hat während ihrer Amtszeit (1979 bis 1990) das Vereinigte Königreich ganz schön durcheinandergebracht. Sie hat mit dem Big Bang auf der Insel den Finanzmarkt entfesselt, die Gewerkschaften kleingekämpft, den privaten Immobilienbesitz ebenso gefördert wie Schulen und so ziemlich jedes Staatsunternehmen privatisiert, das es einmal gab: British Gas, Jaguar, British Telecom, BritOil, British Aerospace, British Steel, British Airways, British Petroleum, später auch die Wasserversorgung und die Elektrizitätswerke. Aber von einer Institution hielt sie sich fern: dem NHS.

Das Akronym steht für National Health Service. Der Nationale Gesundheitsdienst ist verhasst und den Briten doch heilig. Er ist eine sozialistische Insel im Mutterland des Kapitalismus – und er ist unzerstörbar. Thatchers Finanzminister Nigel Lawson ging sogar so weit, zu sagen, der NHS sei seinen Mitbürgern „eine Art Religion“. Das trifft es ziemlich genau.

Zum nationalen Denkmal erhoben wurde er während der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Während der von Danny Boyle inszenierten Zeremonie im Olympiastadion stürmten plötzlich als Ärzte und Krankenschwestern verkleidete Darsteller und Kinder auf das Spielfeld, begleitet von Mike Oldfield. Während etwa zehn Minuten tanzten sie auf 300 angestrahlten Betten, die zusammengeschoben drei Buchstaben ergaben: NHS. Eine Ehrung für den Gesundheitsdienst, live übertragen in die ganze Welt. Weitere britische Ikonen, die Boyle würdigte, waren die Beatles, der Regenschirm, das schwarze Taxi und der rote Doppeldecker-Bus.

Der NHS ist eine Umverteilungsmaschine. Jeder, der in Großbritannien lebt, wird in den Kliniken des Gesundheitsdienstes kostenlos behandelt. Finanziert wird das System durch Steuern. Und die sind auch noch niedriger als hierzulande. In Deutschland muss ein Alleinstehender laut OECD 49,4 Prozent von seinem Einkommen für Steuern und Abgaben abführen. In Großbritannien 30,8 Prozent.

Gegründet 1948, betreibt der NHS Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Arztpraxen. Er verfügt über Rettungssanitäter, Krankenwagenflotten, Hubschrauber. Im Notfall wählen die Briten 999, wenn sie sich unwohl fühlen 111. Bei 999 kommt der Krankenwagen. Unter 111 gibt es Beratung, wohin man sich mit Schwindel, Bauchweh oder geschwollenem Daumen wendet. Seit den Reformen der Regierung von Tony Blair (1997 bis 2007) kann man auf der Website des NHS auch nachschauen, wie andere Patienten einen Arzt bewerteten. Vor der Highbury Grange Medical Practice in London etwa wird mit einem roten Ausrufezeichen gewarnt: „Gehört zu den schlechtesten Ärzten.“ Das soll den Wettbewerb unter den Kliniken fördern.

Die Organisation ist ein gigantischer Apparat. 64,6 Millionen Menschen leben in Großbritannien, und alle werden vom NHS verarztet. Alle 36 Stunden müssen eine Million Patienten versorgt werden. 1,5 Millionen Menschen arbeiten für den NHS. Damit ist der Gesundheitsdienst der fünftgrößte Arbeitgeber der Welt, hinter dem US-Verteidigungsministerium, McDonald’s, Walmart und der chinesischen Volksbefreiungsarmee.

An der Haltung zum NHS zeigen sich in Großbritannien schnell zwei Dinge: die politische Orientierung und der Wohnort. Wer in Ballungszentren lebt, ist in der Regel deutlich besser versorgt als diejenigen, die auf dem Land zu Hause sind. Deshalb spricht die Landbevölkerung meist schlechter über ihre Erfahrungen mit Ärzten, Krankenpflegern und Sprechstundenhilfen. Ebenfalls wenig Gutes zu berichten haben die Anhänger der Konservativen Partei. Vergessene OP-Handschuhe im Bauch, den Arm statt das Bein amputiert, Operation ohne Narkose – alles hat es angeblich schon mal gegeben. Die Torys können wunderbar Kneipenabende mit derartigen Horrorgeschichten bestreiten, ohne dass einer im Raum müde würde.

Für Anhänger von Labour hingegen ist der NHS die letzte Instanz, die ihnen zeigt, dass trotz der Thatcher-Jahre noch nicht alles verloren, ein soziales Britannien möglich ist! Sie ziehen schnell eine Studie des Commonwealth Fund heran, wonach der NHS im Vergleich mit der Gesundheitsversorgung in Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Neuseeland, Norwegen, Schweden, der Schweiz und den USA herausragend sei. Der NHS sei das effizienteste und effektivste System.

Schade nur, dass für die Studie alles Mögliche untersucht wurde, nur nicht die Therapie-Ergebnisse für die Patienten. Daher sagt Kristian Niemietz: „Wir müssen endlich einsehen, dass der NHS das überschätzteste Gesundheitssystem der Welt ist.“ Dass er das sagt, ist insofern keine Überraschung, als der Ökonom am Institute of Economic Affairs forscht, dem Thinktank der Ultraliberalen, der einst die marktradikalen Reformen von Premierministerin Margaret Thatcher intellektuell begleitet hat.

Dass einer wie Patrick Diamond die Gegenrede führt, nimmt auch nicht Wunder. Er war Berater von Premierminister Tony Blair. Durch dessen Reformen wurde der NHS tatsächlich effizienter. Es wurde Wahlfreiheit bei den Kliniken eingeführt, und private Dienstleister wurden innerhalb des Systems zugelassen, um für Wettbewerb zu sorgen. Dafür gab es Applaus.

Diamond kann erklären, warum es das System noch gibt. „Es wäre für jede Regierung politischer Selbstmord, den NHS zu privatisieren“, sagt er. „Die Behandlung hat eine gute Qualität, und es ist ein preiswertes System.“ Das bedeutet nicht, dass es nicht reformiert werden müsste. Seit der Gründung des NHS wird genau darüber debattiert. Momentan fehlt es an Geld. Das wäre für Diamond durch höhere Steuern oder durch Gebühren für bestimmte Behandlungen zu lösen. Aber zum einen hat Diamond nichts mehr zu sagen. Und zum anderen sind das in einem Wahljahr recht unpopuläre Maßnahmen.

Aber abschaffen, das kommt auch im Jahr 2017 nicht infrage. Ein Systemwechsel bei der Gesundheitsversorgung sei, sagt Diamond, ohnehin nur in Zeiten des Umbruchs möglich. Etwa wenn Regime sich auflösen, so wie in Osteuropa nach 1989. Oder eben nach dem Zweiten Weltkrieg, als der NHS gegründet wurde. ---