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Ehrenamt

Millionen Menschen arbeiten unentgeltlich, aber nicht umsonst. Sie halten die Gesellschaft zusammen – und sparen dem Staat Milliarden.





• Jeden Freitag fährt Benno Schröder nach Volksdorf im Nordosten Hamburgs und besucht dort Kurt Peters. Jedes Mal stellt er sich Peters neu vor, dann setzt er sich zu ihm und unterhält sich. Besser gesagt: Er hört zu. Die Geschichten wiederholen sich, die von Helmut Schmidt und von der großen Flut erzählt Peters besonders gern. „Mir macht das nichts aus“, sagt Schröder. „Es geht ja nicht um mich, sondern um ihn.“

Schröder ist 66, schlank, sportlich, aktiv. Peters ist 95 und an Demenz erkrankt. Seit ein paar Wochen ist er in einer Pflegeeinrichtung. Schröder engagiert sich ehrenamtlich für das Malteser Hospiz-Zentrum, er begleitet alte und kranke Menschen, 25 waren es bislang. Es ist keine leichte Aufgabe, der Weg ist vorgezeichnet, er führt auf das unausweichliche Ende zu. Schröder war klar, dass er nach seiner Pensionierung etwas Sinnvolles tun, für andere da sein wollte. Für Menschen wie Peters und dessen Enkelin, die sich sonst um ihren Großvater kümmert und die Schröder mit seinem Engagement entlastet.

Menschen wie ihn gibt es viele: 30,9 Millionen engagieren sich in Deutschland außerhalb von Beruf und Familie. Das sind fast 44 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, wie das Freiwilligensurvey 2014 ergab, das alle fünf Jahre im Auftrag der Bundesregierung erhoben wird. Ein klassisches Ehrenamt bekleiden etwa 24 Prozent. Zwischen 2009 und 2014 ist die Zahl der freiwilligen Helfer insgesamt um 10 Prozent gestiegen. „Vor allem unter jungen, aber auch bei älteren Menschen nimmt das Engagement zu“, sagt der Sozial- und Rechtswissenschaftler Thomas Klie, der das Ehrenamt erforscht. 80 Prozent der Freiwilligen nennen Spaß als einen der Hauptgründe für ihr Engagement, rund 57 Prozent sagen, dass sie die Gesellschaft mitgestalten wollen. Die Mehrzahl der Freiwilligen investiert bis zu zwei Stunden pro Woche, immerhin 18 Prozent sechs Stunden oder mehr.

Im Freiwilligensurvey nicht mitgerechnet ist die große Zahl derer, die sich um ein Familienmitglied kümmern. 70 Prozent der gut 2,9 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, meist von Angehörigen. Bevor Kurt Peters in die Pflegeeinrichtung kam, wohnte er bei seiner Enkelin Petra Möller. Zehn Jahre lang hat sie sich um ihre Großeltern gekümmert, zuerst um die Großmutter, dann, nach deren Tod, um den Großvater. Es war ein Vollzeitjob, der Pflegedienst kam nur etwa 30 Minuten am Tag. Am anstrengendsten waren die ruhelosen Nächte. „Ich habe manchmal wochenlang nicht durchgeschlafen“, sagt Möller. „Immer habe ich auf Geräusche gelauscht und überlegt, ob ich noch mal aufstehen und nachsehen soll.“ Die Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder erzählt von der ständigen Anspannung, von Schuldgefühlen, von abgebrochenen oder nie angetretenen Familienurlauben. „Es war zu viel. Aber ich habe zu lange gewartet, bis ich mir Hilfe geholt habe“, sagt sie. Jetzt besucht sie ihren Großvater fast täglich in der Einrichtung in Volksdorf.

Bei Menschen, die ihre Angehörigen pflegen, steht an erster Stelle das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen und zu müssen. Petra Möller ist bei ihren Großeltern aufgewachsen, in dem Haus, in dem sie heute noch wohnt und die beiden gepflegt hat.

Dass sich so viele Menschen um ihre Mitmenschen kümmern, widerspricht dem Klischee einer hedonistischen, individualisierten Gesellschaft. Das Engagement ist unentgeltlich, umsonst ist es nicht. Eine Studie in Bayern ergab, dass jeder zur Unterstützung des Ehrenamtes ausgegebene Euro – aus öffentlichen Fördertöpfen, Spenden oder Eigenbeteiligung – sich mit 6,80 Euro auszahlt. Eine Rendite von mehr als 600 Prozent. Oder, andere Rechnung: Im Jahr 2009 arbeiteten alle Ehrenamtlichen zusammen 4,6 Milliarden Stunden, was 3,4 Millionen Vollzeitbeschäftigungen entspricht. Erhielten sie den Mindestlohn von 8,84 Euro, wären das insgesamt 40,7 Milliarden Euro. Bei der Pflege von Angehörigen ergäbe sich ein ähnlicher Wert: 37 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Die Pflegeversicherung nimmt jährlich etwa 30 Milliarden Euro ein.

Mal sind sie Pioniere, mal Lückenbüßer

Um diese Zahlen weiß auch die Politik, die die Beteiligung von Bürgern in den vergangenen Jahren stark thematisiert und gefördert hat. Neue gesetzliche Regelungen sollen finanzielle Entlastung und Anreize schaffen. So können sich pflegende Angehörige befristet vom Job freistellen lassen oder Teilzeit arbeiten und Lohnausfälle durch ein zinsloses Darlehen ausgleichen. Die Pflege- kassen zahlen Schulungskurse und stocken die Rente auf, wenn helfende Angehörige ihren Beruf aufgeben müssen. Das seit 2013 geltende Gesetz zur Stärkung des Ehrenamtes sorgt unter anderem für besseren Versicherungsschutz und eine steuerfreie Übungsleiterpauschale von nun 2400 Euro im Jahr. In der Gesetzesbegründung heißt es unter anderem, dass das bürgerliche Engagement in Zeiten knapper Kassen wichtiger werde, da sich die öffentliche Hand wegen der Haushaltskonsolidierung auf ihre notwendigen Aufgaben konzentrieren müsse.

Ohne Freiwillige kämen weite Teile des gesellschaftlichen Lebens zum Erliegen. Die meisten Menschen engagieren sich für Freizeitaktivitäten, zum Beispiel als Trainer einer Kinderfußballmannschaft oder als Kassenwart im Kegelverein. Auch Kultur und Musik stehen weit oben. Das sind Aufgaben, an denen sich der Staat traditionell wenig bis gar nicht beteiligt.

In anderen Sphären treffen bezahlte Mitarbeiter auf Freiwillige. Ihre Beteiligung hat beispielsweise in Schulen und Kindergärten zugenommen. Lesepaten unterstützen Lehrer dabei, Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen, Juristen übernehmen an einigen Schulen Unterricht in Rechtskunde. Auch im sozialen Sektor gibt es immer mehr Freiwillige.

Bei der Pflege füllen sie so manche Lücke, die es auch gibt, weil Deutschland, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, verhältnismäßig wenig für diese Aufgabe ausgibt. Dabei steigt der Bedarf durch den demografischen Wandel enorm, allein in den kommenden 15 Jahren soll es um ein Drittel mehr Pflegebedürftige geben. Personalmangel herrscht schon jetzt. Ausgeschriebene Stellen in der Altenpflege sind durchschnittlich 181 Tage vakant, in der Krankenpflege 110 Tage. Davon kann auch Petra Möller erzählen: Sie wollte die Pflege für ihren Großvater aufstocken, aber der Dienst hatte keine Kapazitäten mehr frei. Die Engpässe kompensieren vor allem die Angehörigen, zu einem viel geringeren Teil auch Ehrenamtliche, darunter diejenigen der Freiwilligendienste FSJ und BFD.

Die Freiwilligen ersetzen keine Pfleger. Blutabnehmen und Medikamente verabreichen darf nur das Fachpersonal. Aber es fallen genügend andere Aufgaben an, was unter anderem die Gesuche dokumentieren, die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf den Seiten der Freiwilligenagenturen posten. Eine Klinik listet 22 Aufgaben auf: zum Beispiel Hilfe beim Gebrauch der Urinflasche, Ordnung halten in der Teeküche, Reinigung von Pflegeutensilien und Dokumentation der Vitalwerte der Patienten. Eine Mischung aus Haushaltshilfe und Pflegeassistenz.

Die Frage, was der Staat leisten muss und wie viel Eigenverantwortung von Bürgern erwartet werden kann, ist auch eine des politischen Standpunktes. Manche, wie die Autorin und Ehrenamtskritikerin Claudia Pinl, sehen im wachsenden Bedarf an Freiwilligen das Versagen einer Politik, die im Sozialen, bei Kultur und Bildung spart und sich aus ihrer Fürsorgepflicht zurückzieht. Das Gerede vom mündigen, selbstbestimmten Bürger ist für sie nur perfide Rhetorik, um an unbezahlte Arbeitskräfte zu kommen. Andere hingegen sehen die Bürger in der Pflicht, ihr Leben selbst zu gestalten.

Manchmal werden sie in Kommunen, die bestimmte Leistungen nicht mehr erbringen, auch vor die Wahl gestellt: anpacken oder zusehen, wie das Gemeinschaftsleben verarmt. Freiwillige renovieren Schwimmbäder, pflegen öffentliche Gärten, kümmern sich um die Straßenreinigung, fahren Busse. Mehr als 150 Bürgerbusse fahren inzwischen durch Deutschland, einer davon durch Bad Krozingen. Bis zum Jahr 2003 gab es hier noch einen City-Kur-Bus, von der Gemeinde finanziert. Dann wurde er eingestellt, trotz Bürgerprotesten. Jetzt bedienen 48 Ehrenamtliche die drei Linien, viele davon, wie Werner Ott, Rentner. Er war begeistert von der Idee, Menschen zu helfen, die nicht mehr so mobil sind. „Viele kommen mit Rollatoren, wir fahren sie zum Einkaufen“, sagt er. Seit 2004 ist die Zahl der Fahrgäste von 4000 auf 100 000 im Jahr gestiegen.

Auch Bibliotheken wurden von Ehrenamtlichen vor der Schließung bewahrt. Laut Deutschem Bibliotheksverband kommen auf etwa 3200 hauptamtlich geführte mittlerweile 5900 ehren- oder nebenamtlich geführte Büchereien, wie die Thomas-Dehler-Bibliothek in Berlin-Schöneberg. Bärbel Tirl teilt sich die Arbeit mit einem Kollegen, unentgeltlich. Nach der Frühpensionierung suchte die Lehrerin nach einer neuen Aufgabe. Jetzt investiert sie bis zu 20 Wochenstunden. „Wir werden immer mal wieder gefragt, ob wir nicht jemandem den Job wegnehmen“, sagt Tirl. „Aber es gibt hier ja keine Stelle für einen Hauptamtlichen.“ Weder sie noch Werner Ott erhalten Geld für ihr Engagement, keine Ehrenamtspauschale, keine Aufwandsentschädigung. Sie erwarten es auch nicht.

Freiwillige können nicht nur mithelfen oder Lücken füllen, sondern auch Pionierarbeit leisten. Sie erkennen oft als Erste Missstände und Handlungsbedarf in der Gesellschaft, weil sie nah dran sind an den Problemen und sich schnell und spontan organisieren können. Die Aids-Hilfe etwa begann als rein ehrenamtliche Initiative, ebenso wie die Hospizarbeit, in der Benno Schröder sich engagiert. Nach einer Weile steigen dann staatliche oder private Träger mit hauptamtlichen Mitarbeitern ein.

Manch einer lebt vom Ehrenamt plus Mini-Job

Die positiven sowie die negativen Facetten des freiwilligen Engagements lassen sich derzeit besonders gut bei der Hilfe für Geflüchtete beobachten. Jeder Zehnte hierzulande hat sich seit 2015 für diese Menschen engagiert, Kleidung gesammelt, Deutschunterricht gegeben, bei Behördengängen geholfen. Eine große Welle der Solidarität.

Doch bei einigen Helfern ist die Stimmung mittlerweile gekippt. Sie fühlen sich von den zum Teil noch immer überforderten staatlichen Institutionen im Stich gelassen – der Wunsch, helfen zu wollen, ist dem Gefühl gewichen, helfen zu müssen, weil es sonst niemand tut. Freiwillige klagen über die hohe Belastung und den Eindruck, nicht mit, sondern gegen Staatsbedienstete zu arbei- ten, von denen sie sich oft nicht ernst genommen fühlen.

Hier zeigt sich eine allgemeine Crux des Engagements: Bürger können oft nur die Symptome lindern, politischen Gestaltungsspielraum haben sie kaum. Sie können Menschen helfen, aber die Flüchtlingspolitik nicht mitgestalten. Sie können, etwa über die Tafeln, Essen verteilen, aber die Ursachen der Armut nicht bekämpfen. Das kann frustrieren.

Thomas Klie sagt, dass es wichtig sei, Freiwilligen Gestaltungsspielraum zu eröffnen, statt ihnen Strukturen vorzugeben. „Engagement kann eigensinnig sein. Fremdbestimmung und Funktionalisierung schaden, dann ist schnell die Luft raus.“

Für falsch hält Klie den Trend zur Vergütung freiwilliger Arbeit. „In einigen Bereichen wird das Ehrenamt immer mehr mit Geldzahlungen verbunden, der Gesetzgeber hat das ja aktiv befördert“, sagt er. Immer häufiger würden Freibeträge wie die Übungsleiterpauschale mit anderen Zahlungen wie dem Mini-Job kombiniert. So lassen sich jährlich immerhin 7800 Euro steuer- und sozialabgabenfrei verdienen. „Das führt zu einem verkappten Niedriglohnsektor“, sagt Klie. Besonders bei Pflegetätigkeiten sieht er diese Gefahr. Dadurch änderten sich die Motive für das Engagement – das Prinzip „freiwillig und unentgeltlich“ werde ausgehöhlt. ---