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Wirtschaftsgeschichte: Libor-Satz

Wer den Libor-Satz bestimmt, kontrolliert die Finanzwelt. Dass er einmal manipuliert werden könnte, ahnte selbst sein Erfinder nicht.





• Bald nannten sie ihn den „griechischen Bankier“. Als Minos Zombanakis 1968 nach London kam, wurde er rasch bekannt, womöglich auch wegen seiner imposanten Erscheinung. Er war 1,93 Meter groß, stets akkurat gekleidet und hatte beste Manieren. Bislang hatte er seinen Arbeitgeber, die US-Bank Manufacturers Hanover Trust, genannt „Manny Hanny“, in Rom vertreten und sich vor allem um Kunden aus dem Nahen Osten gekümmert.

Aber das reichte ihm bald nicht mehr. In den Sechzigerjahren wurden die großen Geschäfte nicht in Rom gemacht, sondern in London. Die Stadt war bereits damals ein internationales Finanzzentrum, zog jedoch eine andere Klientel an als heute. Nach London kamen viele Russen, Chinesen, Iraner und Araber, die ihre Dollar nicht in die USA bringen wollten. Sie fürchteten, dort enteignet zu werden, oder wollten einfach nichts mit den Amerikanern zu tun haben. So entstand in London der Euro-Dollar-Markt, der größte Umschlagplatz für Dollar außerhalb der USA.

Dort witterte Minos Zombanakis seine Chance. Ausgestattet mit fünf Millionen Dollar von Manny Hanny eröffnete er ein Büro im edlen Stadtteil Mayfair und hatte eine Idee, wie er Kunden anlocken konnte: Er bot eine Alternative zu Unternehmensanleihen und offerierte Kredite, für die sich mehrere Banken zusammentaten. Dass er damit die Finanzwelt revolutionieren und ein System schaffen würde, das einmal den Preis von Krediten und Derivaten in Höhe von 300 Billionen Dollar beeinflussen sollte, ahnte er nicht. Ebenso wenig abzusehen war, dass er damit einen gigantischen Betrug ermöglichte.

Alles begann mit einem Kredit für den Iran. In Beirut hatte Zombanakis einen Mann kennengelernt, dem er vertraute: Khodadad Farmanfarmaian, Chef der iranischen Zentralbank. Als Khodadad Farmanfarmaian Geld brauchte, besuchte er Zombanakis in dessen Büro in der Upper Brook Street in Mayfair. Doch Zombanakis war schnell klar, dass der Freund diesmal zu viel wollte. Keine Bank würde dem Entwicklungsland Iran die gewünschten 80 Millionen Dollar leihen.

Also wurde Zombanakis bei anderen Instituten in der Nachbarschaft vorstellig und schlug ihnen vor, sich das Risiko zu teilen. Doch bei einem Zinssatz von acht Prozent und einer steigenden Inflation war vielen selbst dieses Geschäft noch zu riskant. Da machte Zombanakis einen Vorschlag: Wie wäre es, die Zinsen für den Kredit regelmäßig anzupassen?

Die Methode, die er vorschlug, war simpel: Die Banken würden einfach ihre Kosten für die Refinanzierung des Kredits kurz vor einem neuen Zinsschritt den anderen Gläubigern mitteilen. Die neue Rate würde sich dann aus dem Durchschnitt der genannten Sätze errechnen, plus einem Zuschlag als Gewinn für die Banken. Zombanakis nannte das die London Interbank Offered Rate, kurz Libor.

Die anderen waren einverstanden. Der Abschluss des Geschäfts wurde bei Manny Hanny auf der Dachterrasse gefeiert, die Iraner brachten Beluga-Kaviar mit, Zombanakis spendierte Jahrgangs-Champagner. Und die Idee sprach sich schnell herum: 1982 war der Markt der sogenannten Konsortialdarlehen 46 Milliarden Dollar schwer. Für praktisch alle diese Kredite galt der Libor-Satz.

Bald wurden auch Geschäfte außerhalb Londons mit Libor abgerechnet, nicht nur für Dollar-Darlehen. Aus einer Methode, mit der die Kosten für einzelne Kredite oder Anleihen ermittelt wurden, war eine feste Bezugsgröße geworden, nach der sich viele richteten.

Im Jahr 1986 wurde Libor offiziell eingeführt. Die British Bankers’ Association (BBA) rief mehrere Banken dazu auf, täglich ihre Refinanzierungskosten mitzuteilen. Mit der von Zombanakis entwickelten Methode wurde so der tägliche Libor-Satz für mehrere Währungen ermittelt. Ab 1990 war Libor eine Bezugsgröße für alles Mögliche – von Darlehen der Banken untereinander über Studienkredite bis zu Kreditkarten.

 Das System war anfällig für Betrug, doch die Warnungen verhallten ungehört. Es war tatsächlich nicht schwer, den Libor-Satz zu manipulieren: Die Händler sprachen sich einfach ab.

1997 ging es richtig los, als auch die Chicago Mercantile Exchange, eine der größten Börsen der Welt, den Libor-Satz für den Derivatehandel einführte. Warner wurden nicht ernst genommen, etwa Marcy Engel, eine Juristin bei der Investmentbank Salomon Brothers. Sie schrieb der amerikanischen Börsenaufsicht 1996, dass Libor für Betrügereien anfällig sei. „Eine Bank könnte ihre Gebote und Angebote vor Bekanntgabe derselben anpassen, damit sie davon profitiert.“ Doch die Aufsicht ignorierte das Schreiben.

Hätte man es ernst genommen, wäre der Finanzwelt wohl einiges erspart geblieben. Denn es war tatsächlich recht einfach, das System zu manipulieren. Die Banken, die an der täglichen Umfrage der BBA teilnahmen, mussten nur ihre Angaben nach oben oder unten korrigieren, um den Kurs zu beeinflussen.

Und genau das geschah. Händler sprachen sich untereinander ab und bewegten so den Referenzzinssatz in die gewünschte Richtung. Opfer des Betrugs waren die Kunden von Privatbanken, Investoren, Kreditkartenschuldner, Schuldner mit schlechtem Rating. In Ohio beispielsweise waren 2008 etwa 90 Prozent aller riskanten Immobilienkredite an den Libor-Satz gebunden. Der weltweit angerichtete Schaden war gigantisch.

Im Jahr 2011 flog der Betrug auf. Und er kam die Geldinstitute teuer zu stehen. Die britische Royal Bank of Scotland zahlte ein Bußgeld in Höhe von 612 Millionen Dollar, die Schweizer UBS 1,2 Milliarden Dollar, die Deutsche Bank 2,5 Milliarden Dollar. Ein ehemaliger Händler der UBS wurde in Großbritannien zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. 2014 schließlich wurde der British Bankers’ Association das Mandat für die Ermittlung des Libor-Satzes entzogen.

Minos Zombanakis, der inzwischen 90 Jahre alt ist, hat das alles von Kreta aus beobachtet, wo er inzwischen wieder lebt. Den Bloomberg-Reportern Liam Vaughan und Gavin Finch, die über den Libor-Skandal ein Buch geschrieben haben („The Fix – How Bankers lied, cheated and colluded to rig the World’s most important number“, 2016), sagte er: „Früher war der Markt klein, wir waren Gentlemen, und wir waren uns sicher, dass Gentlemen nicht versuchen würden, den Markt zu manipulieren. Aber je größer der Markt wurde, desto weniger konnte man den Akteuren trauen. Man konnte sie nicht kontrollieren.“ ---