Partner von
Partner von

Free Hugs

Ein kleines Lehrstück in fünf Akten über Gratis-Umarmungen und menschliche Schwächen.





• Dies hätte eine Heldengeschichte sein können. Die Geschichte eines Mannes, der der Menschheit die Liebe geschenkt hat. Aber es sollte nicht sein. Er nennt sich Juan Mann, ein Pseudonym. Wir wissen, dass er Australier ist, wohl nicht älter als 40 und Gründer des „Free Hugs Movement“. Seine Geschichte geht so:

Erster Akt

Juan Mann ist verzweifelt, nachdem seine Familie aus seinem Heimatort wegzog und er als Einziger zurückgeblieben ist. Er verbringt viel Zeit zu Hause. Eines Tages geht er auf eine Party und wird von einer Frau umarmt, weil er mit seinem Drink in einer Ecke steht und so verloren wirkt. Die Umarmung tut ihm gut. Mann merkt, dass es menschliche Wärme war, die ihm die ganze Zeit gefehlt hat. Auf die Erleuchtung folgt die Mission: Umarmungen für die Menschheit!

Zweiter Akt

Juan Mann stellt sich in einem bordeauxroten Jackett mit Jesus-Frisur und einem Schild, auf dem „Free Hugs“ steht, in eine Fußgängerzone. Erst traut sich niemand, aber dann hat er innige Begegnungen mit fremden Menschen, die ihm sagen, wie sehr sie sich einfach nur nach einer Umarmung gesehnt haben. Shimon Moore, ein Freund und Musiker filmt ihn. Moore schneidet ein Video zusammen aus lauter Umarmungsszenen und unterlegt es mit Musik seiner Band Sick Puppies.

Dritter Akt

Juan Mann stellt das Video online. Millionen Menschen sehen es sich bei Youtube an. Mann wird für seine tolle, warme, menschliche Idee berühmt. Sitzt bei Oprah Winfrey auf der Talkshow-Couch, umarmt Oprah.

Shimon Moore und seine Band bekommen einen Plattenvertrag mit Virgin Records und ziehen nach Los Angeles, um ihren Traum zu leben.

Und überall auf der Welt tauchen Menschen in Fußgängerzonen auf mit großen Schildern, auf denen Free Hugs steht oder: Abrazos Gratis, Câlins Gratuits, Gratis-Umarmungen. Inspiriert von Juan Mann spenden Menschen körperliche Nähe an jeden, der mag. Klasse Geschichte. Bis dahin.

Vierter Akt

Der Musiker Moore hat nun einen Plattenvertrag, und seine Band verkauft Merchandising-Artikel mit Free-Hugs-Slogans. Die Einnahmen gehen an die Band und nicht an Mann. Zumindest sagt der das in einem Interview mit dem amerikanischen Wirtschaftsportal „Business Insider“. Dann verschwindet er von der Bildfläche, gerüchteweise in eine Surfer-Kommune bei Sydney.

Shimon Moore sagt im britischen »Guardian« über Juan Mann: „Er hat sich total verändert, als er berühmt wurde. Aber ich will nicht, dass die Leute sich jetzt darauf konzentrieren. Es geht hier um Liebe und nicht um zwei Jungs, die sich zoffen.“
Juan Mann sagt über Shimon Moore: „Wir sind natürlich keine Freunde mehr.“

Fünfter Akt

Irgendwann taucht Juan Mann wieder auf. Er, der ursprünglich mal Geschichtslehrer werden und ein einfaches Leben führen wollte, ist jetzt Motivationstrainer. Er redet vor Angestellten von 30 Forbes-500-Unternehmen, zumindest steht das auf seiner Website. Seine Themen sind demnach „soziale Verbindungen am Arbeitsplatz, nachhaltiges Wachstum durch soziale Medien“ sowie „Auseinandersetzung mit Stakeholdern auf einer professionellen und menschlichen Ebene“. Ob dazu festes Drücken und herzhafte Umarmungen zählen, ist nicht bekannt. ---