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Erbschaft

Wenn diese Vermögenswerte in den kommenden Jahren vererbt werden – wird die nächste Generation nicht mehr arbeiten müssen?

Doch. Aber durch die Digitalisierung und Erbschaften wird sich die Erwerbsarbeit verändern. Wenn Erbschaften und Schenkungen als arbeitsloses Einkommen definiert werden, zeigt sich vor allem, dass wir es mit keinem Generations-, sondern einem Elitenphänomen zu tun haben – mit politischen, zivilgesellschaftlichen und sozialen Konsequenzen. Die in Deutschland aufgrund von Kriegen und Inflation bislang in solchem Ausmaß nur bedingt bekannte Vermögensnachfolge erzeugt „Goldkinder“, wie der Wiener Soziologe Thomas Druyen sie nennt, aber sie sind eine Minderheit.

Erzeugen Erbschaften Ungerechtigkeit?

Soziale Mobilität ist durch Erbschaften und Schenkungen jedenfalls nicht zu erwarten. Das lässt sich mit unterschiedlichen Studien veranschaulichen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) etwa hat zwischen 2011 und 2014 steuerfreie Unternehmensübertragungen in Höhe von 144 Milliarden Euro gezählt, von denen allein 37,3 Milliarden Euro an minderjährige Erben flossen. 29,4 Milliarden Euro teilten sich auf genau 90 Kinder unter 14 Jahren auf. Jedes von ihnen erhielt im Schnitt eine Summe, die man als abgeschlossene Vermögensbildung bezeichnen kann, als sich selbst finanzierenden Ruhestand: 327 Millionen Euro. 1199 weitere Kinder unter 14 erbten immerhin noch kleinere Millionenvermögen. Auffällig: Erben ist männlich. Mädchen sind in der Minderheit und bekamen nur halb so viel steuerfreie Unternehmensvermögen vermacht wie Jungen. Und aufgrund der sinkenden Geburtenrate ging seit dem Jahr 2000 auch die Zahl der Erben pro Erb- fall von 2,9 auf 2,1 zurück – während die Erbschaften im selben Zeitraum real um 19 Prozent anstiegen. Immer weiter steigende Vermögensnachfolge für immer weniger Nachfolger.

Eine zweite Studie von 2015 – beauftragt vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) – kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Die oberen zwei Prozent aller Hinterbliebenen vereinen etwa ein Drittel des gesamten Erbschaftsvolumens auf sich. Und das mit einem West-Ost-Gefälle: Denn im Osten (mit Ausnahme Berlins) werden in weniger als einem Drittel der Fälle bis 2024 Immobilien vererbt, im Westen dagegen knapp die Hälfte – bei dazu deutlich höheren Marktwerten.

Wie verändert das die Volkswirtschaft?

Der Ökonom analysiert, wie sich das ererbte Vermögen auf zukünftige Einkommens-Chancen auswirkt. Der Soziologe nennt das den Matthäus-Effekt: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Das hat Konsequenzen für die Immobilien- und Konsummärkte im Luxussegment, die sich in den kommenden Jahren über stabil steigende Preise freuen dürfen. Und das wirkt sich auch auf die Arbeitsmärkte aus, wo sich so mancher Arbeitgeber wundert, warum er kluge Köpfe nur noch zu maximal 80 Prozent anstellen kann. Wobei gerade Erben eine auffällige Neigung haben, mit dem elterlichen Vermögen das nächste aufzubauen – durch Gründungen und Unternehmertum oder zumindest Investitionen in Family Offices, die das Vermögen unternehmerisch verwalten. Auch Unternehmertum scheint im Post-Post-Weltkriegs-Deutschland erblich zu sein.

Das gilt vor allem für Familienunternehmen, die am liebsten steuerfrei an die nächste Generation weitergegeben werden.

Es gibt ja den Kalauer: Frühes Schenken enterbt das Finanzamt. Seit einigen Jahren setzen sich Familienunternehmer intensiver mit den Doppelstiftungsmodellen auseinander, bei denen die Mehrheit der Kapitalanteile in einer gemeinnützigen Stiftung gehalten werden, wohingegen die Mehrheit der Stimmrechte von einer Familienstiftung gehalten wird. Damit entstehen steueroptimierte, aber eben auch zivilgesellschaftlich interessante Konstellationen. Familienunternehmen sind bei Steuerreformen so wach wie bei ihren Produkten und Kunden. Das kann man kritisieren oder als eine Form der Nachhaltigkeit betrachten: Das eigene Vermögen wird als von der nächsten Generation geliehenes Erbe verstanden. Diese Art der Vermögensnachfolge ist in Deutschland noch ungeübt, hat aber dennoch das Potenzial des „dynastischen Dynamits für die Gesellschaft“.

Wie ließe es sich entschärfen?

Alternativen sehe ich vor allem in den USA, aber auch in Afrika und Asien durch eine neue Kultur der unternehmerischen Philanthropie: Während wir in Europa bislang eher 80-jährige Stifter-Millionäre kennen, sehen wir nun eine neue Generation von 30-jährigen Milliarden-Erben und -Unternehmern, die unternehmerisch Vorsorge betreiben. Von Stiftungen getragene Sozialunternehmen sind das neue Mäzenatentum. Vermögen ist für sie Verantwortung.

Zwei Phänomene: Die von Bill Gates und Warren Buffet 2010 begründete Initiative „The Giving Pledge“ ist auf mehr als 140 Milliardäre angewachsen, die einen Großteil ihres Vermögens zu spenden versprechen. In Deutschland hat sich Entrepreneur’s Pledge gegründet – mit dem Versprechen der Beteiligten, mindestens ein Sozialunternehmen zu gründen und 50 Prozent der Erträge zu reinvestieren. Das sind noch Suchbewegungen bei den Millionären und Milliardären – und wir müssen diese gesamtgesellschaftlich beobachten, denn Privatvermögen wird die fünfte Gewalt der Gesellschaft.

Sie könnten ja auch einfach Steuern zahlen.

Vermögende leben nach dem oberschwäbischen Prinzip: Haben kommt von Behalten. Und Unternehmer trauen dem (Wohlfahrts-)Staat nicht zwingend zu, damit gut umzugehen. Umgekehrt ist Deutschland mit der überschaubaren Besteuerung von Erbschaften international in guter Gesellschaft: Niedrige Steuersätze und hohe Freibeträge gibt es in vielen Ländern, ab und an ohne jedwede Erbschaftsteuer wie in Österreich oder Schweden, den potenziellen Steuerflüchtlingsländern, wenn in Deutschland die Steuern angehoben würden. Die deutschen Steuereinnahmen haben sich dennoch seit dem Jahr 2000 von knapp drei auf noch immer sehr bescheidende sechs Milliarden Euro pro Jahr verdoppelt.

Eine sich lohnende Diskussion wäre die über eine intelligente Bildungssteuer – im Sinne des Chancen ermöglichenden Erbes für die nächste Generation. Dafür sprechen auch die meist kleinteiligen Engagements vieler Stiftungen im Bildungsbereich.

Die latente Gerechtigkeitsdebatte macht sich gern am Erben fest – zu Recht?

Erben ist das Beschreiten des zweiten Vermögensbildungsweges – und dazu bedarf es eines weiteren Vermögens im Sinne von Kompetenz. Mit einem erarbeiteten wie arbeitslos erlangten Vermögen umzugehen ist eine herausfordernde Aufgabe. Seneca bezeichnete nicht ohne Grund das große Vermögen als große Sklaverei. Mitleid mit Vermögenden ist zwar noch unüblich, aber Empathie kann durchaus nützlich sein: Denn die eingangs erwähnten Goldkinder in der Generation Y sind Multiplikatoren, die nicht nur den Willen, sondern auch das Geld für mehr Sinnstiftung in der Welt haben könnten. Ich setze gerade auf diese, um den österreichischen Kabarettisten Karl Farkas zu widerlegen, der doch meinte: „Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.“ ---





Prof. Dr. Stephan A. Jansen,

Leiter des Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS) an der Karlshochschule in Karlsruhe