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Wirtschaftsgeschichte

Das ess‘ ich nicht!

Im Jahr 1919 nahmen Hamburger den Verbraucherschutz in die eigenen Hände.





• Jacob Heil war ein Mann mit dem Selbstvertrauen, das man braucht, um Dinge zu verkaufen. Seine Sülze nannte er nicht einfach so, sondern „Heilsche Delicatess-Sülze“. Weil sie angeblich nicht nur köstlich, sondern auch gesund war, pries er sie mit den Worten an: „Sülze von größtem Nährwert und delikatem Geschmack.“

Heil hatte lange in der Lederindustrie gearbeitet, als er gegen Ende des Ersten Weltkriegs seine Chance gekommen sah, schnell Geld zu machen. Die Not in Deutschland war zu jener Zeit groß, und es brauchte preiswerte Nahrungsmittel. Also begann Heil, Sülze herzustellen – und zwar so billig wie möglich. Seine Gelees ließ er aus Ochsenmäulern, aus Ochsenkopf- und Kalbskopfhäuten einkochen. Zutaten, die man bislang nur für die Lederherstellung genutzt hatte und die nun der „Ernährung der Menschheit“ zugutekommen sollten, wie er sich brüstete.

Das war zwar eine neue Idee. Sie war aber nicht appetitlich. Zumindest nicht in der Fabrik, die Heil in den Kellerräumen in der Kleinen Reichenstraße 6 in Hamburg betrieb. Die dortigen hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, was die Behörden bald bemerkten. Bereits am 21. September 1918 schrieb die Kriegsamtsstelle Altona der Deputation für Handel, Schifffahrt und Gewerbe, sie habe bei einer Prüfung der Fabrik entdeckt, dass dort enthaarte Kopfhäute zu Sülze verarbeitet würden. Der Betrieb habe einen „äußerst unsauberen Eindruck“ gemacht. Dass dieser Zustand ignoriert wurde, führte in Hamburg fast zur Revolution.

Am Morgen des 23. Juni 1919 hielt ein Fuhrmann vor der Fabrik von Jacob Heil, um verdorbene Fleischabfälle abzuholen. Doch beim Beladen des Fuhrwerks kippte ein Fass versehentlich um. Eine „breiige, undefinierbare Masse“ ergoss sich auf die Straße, wie es die Zeitung »Hamburgischer Correspondent« beschrieb. Das Zeug stank derart penetrant, dass einige Arbeiter, die zufällig in der Nähe standen, sofort kamen, um nachzuschauen, was da so übel roch. Da Heil in der Nachbarschaft ohnehin schon einen miserablen Ruf hatte, hielten sie die Masse für verdorbene Sülze. Zufällig anwesende Mitglieder der Preisprüfungsstelle und des Arbeiterrates schauten nach, was in den Fässern steckte. Einer rief: „Hurra, da haben wir ja einen Hundekopf!“ Daraufhin stürmten mehr als 150 aufgebrachte Bürger die Fabrik, um herauszufinden, woraus Heil seine Sülze kochte.

Was sie alles fanden, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. Ein Gerichtsurteil, das der Historiker Sven Philipski für eine umfassende Arbeit zum Thema zitiert, gibt aber Hinweise darauf: ein „Haufen von Fellen und Häuten“, die „mit einer Schimmelschicht überzogen waren“. Bald waren 1000 Menschen in der Fabrik und davor auf der Straße, schreibt Philipski, die Stimmung war aggressiv. Die Aufgebrachten verprügelten Heil und riefen: „Wenn die Behörde uns nicht helfen kann, dann helfen wir uns selber!“

Schließlich packten die Eindringlinge den verletzten Heil und fuhren ihn zum Rathausmarkt, wo sie ihn von der Schleusenbrücke in die Alster warfen. Polizisten zogen den Fabrikanten aus dem Wasser und brachten ihn im Rathaus in Sicherheit. Als die Menge es daraufhin zu stürmen versuchte, versprach ein Kriminalinspektor die „strengste Untersuchung“. Jacob Heil wurde vorerst festgenommen, weil der Verdacht bestand, er habe mit Lebensmitteln gepanscht.

Aber das genügte nicht, um die Menschen zu beruhigen. Am folgenden Morgen versammelten sich aufgebrachte Bürger vor der Fabrik von Heil, sie versammelten sich vor dem Rathaus und stürmten weitere Hamburger Fleischwarenfabriken. Auch dort wurden stinkende Abfälle entdeckt. Die Mitarbeiter der Firmen wurden zum Rathausmarkt verschleppt. Einer wurde dazu gezwungen, die von ihm hergestellte Sülze in aller Öffentlichkeit zu essen.


Wenn die Behörde uns nicht helfen kann, dann helfen wir uns selber!

Bald kursierten die wildesten Geschichten. Tote Marder und Ratten seien zu Sülze verarbeitet worden. Die »Hamburger Volkszeitung« berichtete von „halb verarbeiteten Katzen, Hunden und Ratten“. Aus Wut warfen die Menschen Fenster des Rathauses ein. Es kam zu Schießereien zwischen einer Freiwilligeneinheit und Aufständischen. Das Hamburger Untersuchungsgefängnis und das Polizeigefängnis in Altona wurden gestürmt.

Weil die Polizei die Lage nicht in den Griff bekam, erteilte der zuständige Minister Gustav Noske (SPD) am 27. Juni der Reichswehr den Befehl, in Hamburg einzumarschieren. Die Soldaten gingen äußerst brutal vor. Die Aufständischen wurden entwaffnet, vermeintliche Rädelsführer verhaftet, auch Unbeteiligte starben bei den Kämpfen. Nur wenige Tage nachdem alles begonnen hatte, war der Hamburger Sülze-Aufstand niedergeschlagen.

Als alles vorbei war, verurteilte ein Gericht Jacob Heil zu drei Monaten Gefängnis und zu einer Geldstraße von 1000 Reichsmark wegen der unhygienischen Zustände bei der Herstellung von Lebensmitteln. Kurz darauf eröffnete er eine neue Fleischfabrik.

Trotzdem war der Aufstand nicht vergeblich gewesen. Im September 1919 verabschiedete der Reichstag das „Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungs- und Genussmitteln“. Dort heißt es in Paragraf 12, dass mit Gefängnis bestraft wird, wer „vorsätzlich Gegenstände, welche bestimmt sind, anderen als Nahrungs- oder Genussmittel zu dienen, derart herstellt, dass der Genuss derselben die menschliche Gesundheit zu beschädigen geeignet ist, ingleichen wer wissentlich Gegenstände, deren Genuss die menschliche Gesundheit zu beschädigen geeignet ist, als Nahrungs- oder Genussmittel verkauft, feilhält oder sonst in Verkehr bringt“. ---