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Was wäre, wenn … niemand mehr Fleisch äße?

Ein Szenario.





• Manche Menschen ernähren sich ihrer Gesundheit zuliebe vegetarisch. Andere essen kein Fleisch, weil sie das Töten von Tieren nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Ein weiteres Motiv für den Verzicht sind die ökologischen Folgen von Fleischverzehr und Massentierhaltung. Doch was würde passieren, wenn niemand auf der Welt mehr Fleisch äße?

Mit fast 15 Prozent der schädlichen Emissionen ist die Fleischindustrie laut den Vereinten Nationen mitverantwortlich für den Klimawandel – und zwar mehr noch als Transport und Verkehr. Eine vierköpfige Durchschnittsfamilie in den USA beispielsweise verursacht durch ihren Fleischkonsum mehr Treibhausgase als durch ihre beiden Autos. Eine Studie der Universität Oxford kommt zu dem Ergebnis, dass eine fleischlose Ernährung 60 Prozent weniger Emissionen verursacht als eine fleischhaltige.

Dabei gibt es jedoch große Unterschiede zwischen einzelnen Nahrungsmitteln: Kopfsalat etwa schneidet laut einer Studie der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh in der Klimabilanz dreimal schlechter ab als Schweinebauch. Brokkoli, Auberginen, Reis, Kartoffeln, Spinat oder Weizen dagegen stünden in ihrer Klimabilanz erheblich besser da. Ähnlich sieht es beim Wasserverbrauch aus: Rindfleisch benötigt in der Erzeugung pro Kilokalorie rund 20-mal so viel Wasser wie Getreide. Nüsse aber verbrauchen pro Kilokalorie mehr Wasser als Hühner- oder Schweinefleisch.

Wenn niemand mehr Fleisch isst, werden laut einer Studie der Niederländischen Umweltprüfungsagentur rund 2,7 Milliarden Hektar Weideland frei sowie rund 100 Millionen Hektar Land, das derzeit für den Anbau von Futtermitteln genutzt wird. Diese Fläche entspricht knapp dem afrikanischen Kontinent. Doch könnte man mit all dem Getreide und Soja, das bei der Fleischerzeugung verfüttert wird, den Hunger auf der Welt beenden?

„Das ist zu einfach gedacht“, sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace. „Dass Menschen heutzutage hungern, liegt kaum daran, dass anderswo viel Fleisch gegessen wird. Sondern daran, dass sie zu wenig Kaufkraft haben, ihre Regierung eigennützig oder korrupt handelt oder dass sie durch Wetterphänomene wie El Niño schlechte Ernten einfahren.“ Letzteres sei allerdings mit dem Klimawandel verknüpft – weltweites Vegetariertum könne langfristig dabei helfen, die Zahl von Erntekatastrophen zu verringern.

Gleichzeitig würden sowohl die Preise für Land erheblich sinken als auch die Getreidepreise. „30 Prozent des weltweiten Getreides wird derzeit an Schweine und Geflügel verfüttert“, sagt Hofstetter. „Werden diese 30 Prozent frei, sinkt der Preis – wenn auch nicht grenzenlos, denn wenn Getreide im Vergleich zu den Energiepreisen zu billig wird, wird es zum Heizen genutzt.“ Besonders die sehr armen Bewohner großer Städte würden von einem niedrigeren Getreidepreis profitieren. „Denn die essen sowieso kaum Fleisch und könnten sich Brot, Reis oder Maisfladen besser leisten.“ Für die Landwirte – sowohl in Europa als auch in Entwicklungs- und Schwellenländern – wäre eine solche Preisentwicklung nach unten nachteilig.

Auch Andrew Jarvis vom Internationalen Zentrum für Tropische Agrarforschung in Kolumbien spricht von einem zweischneidigen Schwert: „In entwickelten Ländern hat Vegetarismus jede Menge positiver Umwelt- und Gesundheitsfolgen. In den Entwicklungsländern würde er die Armut jedoch verschlimmern.“ Laut dem Bericht der Vereinten Nationen „Livestock’s Long Shadow“ ist Nutztierhaltung für 1,4 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes verantwortlich. Und selbst wenn man wollte, könnte man nicht jedes Weide- in Ackerland verwandeln. „Manchmal nutzen Rinder auch Flächen, die der Mensch gar nicht anderweitig nutzen kann“, sagt Hofstetter. „In gewissen Höhenlagen lässt sich kein Getreide oder Ähnliches mehr anbauen, und manche Hanglagen sind zu steil, um sie als Acker zu bewirtschaften.“

Was ist mit den Kühen, die der Milcherzeugung dienen? Kann man die nicht an diesen anderweitig schwer nutzbaren Stellen halten? Doch Milch- und Fleischerzeugung lassen sich kaum trennen. Damit die rund 4,2 Millionen Milchkühe in Deutschland weiter Milch geben, müssen sie theoretisch jedes Jahr ein Kalb bekommen. Jährlich werden also rund zwei Millionen männliche Kälber geboren, die man nicht melken kann. Dazu kommen jährlich rund 1,3 Millionen Milchkühe, die zu alt für die Milchproduktion geworden sind, denn eine Kuh wird durchschnittlich drei Jahre lang gemolken. „Für den normalen Milchbauern ist der Verkauf des Fleisches zwar nur ein Nebenverdienst“, sagt Bernhard Hörning, Experte für ökologische Tierhaltung der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, „aber er hat Einnahmen daraus – und die männlichen und alten Tiere müssen ja irgendwohin.“

Als großen Vorteil eines weltweiten Fleischverzichts nennt Hörning die sinkende Belastung der Böden, des Grundwassers und letztlich des Menschen. „Mehr als 90 Prozent der Ammoniak-Emissionen kommen aus der Tierhaltung. Das regnet später wieder ab, versauert Naturschutzgebiete und so weiter.“ Die Nitrat- und Stickstoffbelastung des Grundwassers ginge Hörning zufolge hingegen wohl kaum zurück, da anstelle von Gülle dann Mineraldünger eingesetzt würde.

Wenn niemand mehr Fleisch isst, gehen auch die Tier-Arzneimittelrückstände wie Antibiotika zurück, die den Menschen einerseits beim Fleischverzehr direkt, aber auch indirekt über Gülle und Grundwasser belasten. Die US-Bundesbehörde für Krankheitskontrolle und Prävention CDC schätzt, dass mehr als 400 000 US-Bürger jedes Jahr an Infektionen erkranken, die durch antibiotikaresistente Bakterien in Lebensmitteln verursacht werden.

Das Forscherteam um Marco Springmann von der Universität Oxford hat berechnet, dass eine weltweite vegetarische Ernährung etwa sieben Millionen weniger Todesfälle pro Jahr zur Folge hätte. Die Sterberate sänke um sechs bis zehn Prozent, vor allem weil es seltener Herz- und Krebserkrankungen gäbe sowie weniger Diabetes- und Schlaganfallpatienten. Die Einsparungen bei der Krankenversorgung und den Kosten für Klimafolgeschäden summieren sich global laut der Studie auf knapp 1,5 Billionen US-Dollar.

Die reale Entwicklung geht jedoch in die andere Richtung: Eine wachsende Bevölkerung und zunehmender Wohlstand sorgen dafür, dass der Fleischverbrauch weiter steigen wird – prozentual am stärksten in China, aber auch in den USA gehen OECD-Berechnungen von einer stark steigenden Produktion vor allem von Geflügel und Schweinefleisch bis zum Jahr 2023 aus. In Europa wird nur die Erzeugung von Rind- und Lammfleisch ein wenig sinken. Doch die Produktion und der Konsum von Fleisch insgesamt wird weiterhin zunehmen – trotz des Trends zu vegetarischer oder veganer Ernährung in bestimmten Kreisen. ---