Wissenschaftliche Entdeckungen

Wir verdanken Unfällen, Fehlern und Schlampereien große Entdeckungen. Ein Überblick.





Ignaz Philipp Semmelweis (1818 –1865), Antisepsis
Ins Fleisch geschnitten

Ignaz Semmelweis war Arzt am Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Viele Frauen starben damals nach der Entbindung am Kindbettfieber. Sie zeigten die gleichen Symptome wie ein Kollege von Semmelweis, der sich bei der Untersuchung einer Leiche in den Finger geschnitten hatte und daraufhin starb. Was war das verbindende Element? Semmelweis erkannte als Erster, dass die Ärzte schuld am Tod der Frauen waren, weil sie Erreger übertragen hatten. Also wies er seine Mitarbeiter an, ihre Hände mit Chlorkalk zu reinigen. Die Sterberate auf der Station sank von 12,3 auf 1,3 Prozent. Lange bestritt die Ärzteschaft einen Zusammenhang. Semmelweis wurde in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen und starb dort.

 

Édouard Bénédictus (1878 –1930), Sicherheitsglas
Flasche zertrümmert

Als der Künstler und Chemiker Édouard Bénédictus sein Labor aufräumte, fiel ihm eine Flasche mit eingetrocknetem Cellulosenitrat zu Boden. Das Glas ging kaputt, aber es zersprang nicht. Ein klebriger Film hielt die Scherben zusammen. Bénédictus machte eine Notiz und vergaß den Vorfall. Bis er von einem Autounfall las, bei dem ein Mädchen durch Glassplitter verletzt worden war. Viele der Verletzungen bei Autounfällen stammten damals von umherfliegendem Fensterglas. Bénédictus erinnerte sich an seine Entdeckung und klebte zwei Glasscheiben mit einer Schicht Zelluloid zusammen. Er nannte sein Dreischicht-Sicherheitsglas Triplex. 1909 meldete er ein Patent an. Später wurde es in der Flugzeug- und Automobilindustrie eingesetzt.

Alexander Fleming (1881–1955), Penicillin
Kulturen verschimmelt 

Dem Mikrobiologen Alexander Fleming unterlief der wohl folgenreichste Lapsus. In seinem Labor am St Mary’s Hospital in London vergaß er eine Schale mit Staphylokokken-Kulturen (sie verursachen eitrigen Ausschlag). Die Kulturen verschimmelten. Um den Schimmel herum waren die Staphylokokken verschwunden. Der Pilz hatte das Bakterienwachstum gestoppt. Fleming beschrieb das Phänomen, aber erst in den Dreißigerjahren gelang es Howard Walter Florey und Ernst Boris Chain in Oxford, Penicillin in größeren Mengen herzustellen. Die drei bekamen 1945 den Nobelpreis für Medizin. Von 1940 an wurde Penicillin als Antibiotikum eingesetzt.

Edward Norton Lorenz (1917 – 2008), Chaostheorie
Schlampig getippt

Der Mathematiker und Meteorologe Edward Lorenz wollte 1961 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Wetterverläufe mithilfe eines einfachen Computermodells simulieren. Das Ergebnis vom Vortag sollte der Computer noch einmal durchrechnen. Lorenz tippte 0,506 in seinen Computer. Dann ging er einen Kaffee trinken. Die tatsächliche Zahl des Vortages lautete aber 0,506127. Als er zurückkam, unterschieden sich die Ergebnisse von denen des Vortages. Erst gab es nur ganz geringe Abweichungen, dann wurden sie immer größer, und schließlich hatten sie überhaupt nichts mehr miteinander gemeinsam. Die kleine Abweichung hatte die gesamte Wettersimulation durcheinandergebracht. Lorenz nannte das Phänomen Schmetterlingseffekt. Er gilt heute als Mitbegründer der Chaostheorie.

Roy Plunkett (1910 –1994), Teflon

Gasflasche vergessen

Der Chemiker Roy Plunkett experimentierte auf der Suche nach einem neuen Kältemittel mit dem Gas Tetrafluorethylen. Eine seiner Gasflaschen hatte über Nacht an Druck verloren. Plunkett fand nur noch ein weißes, wachsartiges Pulver im Behälter. Die Moleküle des Gases hatten sich zu langen Ketten verbunden – dem Polytetrafluorethylen. Es reagierte mit keinem anderen Stoff, war korrosionsresistent, hatte eine geringe Oberflächenhaftung und hohe Hitzebeständigkeit. Plunkett nannte den neuen Kunststoff Teflon. 1941 erhielt er ein Patent dafür. Mitte der Fünfzigerjahre kam die Firma Tefal auf die Idee, mit Teflon Pfannen zu beschichten. Später wurde es auch in der Raumfahrt eingesetzt, und Robert Gore entwickelte daraus 1969 das Kunstgewebe Gore-Tex.

Antoine Henri Becquerel (1852 –1908), Radioaktivität

Auf Sonnenschein gewartet

Woher kommen Röntgenstrahlen? Der französische Physiker Antoine Henri Becquerel wollte es herausfinden. Er nahm an, dass die Sonnenstrahlen etwas damit zu tun haben. Also wickelte er eine Fotoplatte in schwarzes Papier und Alufolie, legte Urankristalle darauf und stellte alles zusammen in die Sonne. Wie von ihm erwartet, wurde die Fotoplatte belichtet. Das Uran musste, angeregt durch die Sonne, Röntgenstrahlen abgegeben haben. Bei einem zweiten Versuch war der Pariser Himmel aber so von Wolken verhangen, dass Becquerel seine Versuchsanordnung erst einmal in einer dunklen Schublade aufbewahrte. Verblüfft stellte er hinterher fest, dass auch diese Fotoplatte dunkle Abdrücke der Urankristalle aufwies, also belichtet worden war. Das Uran hatte auch ohne die Sonne Strahlung abgegeben.

Für seine Entdeckung erhielt er 1903 den Nobelpreis für Physik, den er sich mit Marie und Pierre Curie teilte.

 

Constantin Fahlberg (1850–1910), Süßstoff
Richtig Hände waschen

Der deutsche Chemiker Constantin Fahlberg biss abends in eine Scheibe Brot und stellte einen unerwartet süßlichen Geschmack fest. Er kam von seinen Händen. Bei der Oxidation von Kohlenwasserstoffen aus Teer war ein Versuchsansatz übergekocht und ihm über die Hände gelaufen. Das sogenannte Benzoesäuresulfimid klebte noch an seinen Fingern. Er nannte den Stoff Saccharin, nach dem altgriechischen Wort für Zucker. Der Süßstoff wird heute in zahlreichen diätetischen Lebensmitteln und Süßwaren eingesetzt.

Pfizer, Viagra
In die Hose gegangen

Die Firma Pfizer testete Anfang der Neunzigerjahre den Wirkstoff bei Patienten mit Herzbeschwerden. Das Mittel war jedoch kaum wirksam. Dafür berichteten männliche Probanden von unerwarteten Nebenwirkungen. Pfizer startete eine neue Studie, diesmal an Probanden mit Erektionsstörungen. Schon während der Versuchsphase bestätigte sich die hohe Wirksamkeit als Potenzmittel. 1998 erhielt Viagra die Zulassung als Medikament.

Percy Spencer (1894 –1970), Mikrowelle
Schokoriegel geschmolzen

Der Ingenieur Percy Spencer arbeitete in den Vierzigerjahren an einer Radaranlage, als ihm in der Hosentasche ein Schokoriegel schmolz. Er erkannte als Erster das Potenzial, das Mikrowellen boten. Nach Versuchen mit Mais (der aufplatzte) und Eiern (die explodierten) entwickelte er 1947 den ersten Mikrowellenherd: 1,80 Meter hoch und 340 Kilogramm schwer. Das Gerät erzeugte eine Leistung von 3000 Watt – dreimal so viel wie heute üblich. In rund 74 Prozent aller deutschen Haushalte steht heute eine Mikrowelle.

John Walker (1781–1859), Streichhölzer
Rührstab in Flammen

Der britische Apotheker John Walker mischte aus Neugier Antimon-Sulfid und Chlorsalz mit Gummi arabicum und Stärke. Ein Rest der Verbindung blieb an einem Rührstab haften, den er zufällig an einer rauen Oberfläche rieb. Es gab eine Stichflamme. 1827 verkaufte Walker die ersten modernen Streichhölzer der Welt. ---