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Mobile Sanitation

Eine Industriedesignerin hat im Studium ein Sanitärsystem erfunden, das mehrere Probleme auf einmal löst.





• Damit kein Missverständnis aufkommt: Mona Mijthab, 29, verkauft keine Toiletten. Immer wieder erkundigen sich Interessenten bei der Industriedesignerin nach dem von ihr gestalteten Trockenklosett. Einer wollte es in einer Öko-Alpenhütte installieren, ein anderer als Campingklo einsetzen. So sehr sich Mijthab über solche Anfragen freut, sie lehnt sie ab. Denn die Toiletten sind Teil eines ambitionierten Projekts: Bis 2030 sollen sie einer Million Menschen in Entwicklungsländern und Krisengebieten zugutekommen.

Die Welt steckt im Dreck, vielerorts im eigenen. Jeden Tag scheidet ein Erwachsener durchschnittlich 1,5 bis 2 Liter Urin sowie zwischen 200 und 500 Gramm Kot aus – und rund 2,5 Milliarden Menschen steht keine Toilette zur Verfügung. In Slums verunreinigen die Fäkalien das Trinkwasser, tödliche Krankheiten wie Typhus und Cholera sind oft die Folge.

Als Studentin hat Mijthab solche Zustände in Bangladesch gesehen, wo sie 2010 ein Praktikum bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) machte. Ihre Antwort darauf steht heute in ihrem Büro in der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK): eine Toilette aus Polyethylen, deren Prototyp sie im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit 2011 entworfen hat. Mijthab hat sie Mosan getauft, als Kurzform für Mobile Sanitation. Das Trockenklo separiert Urin und Feststoff in getrennte Sammelbehälter. So können die Fäkalien leichter weitergenutzt werden.

Die Toilette ist der Kern des Sanitärsystems, das Mijthab drei Jahre später in ihrer Master-Arbeit an der ZHdK entwickelt hat. Damit können Haushalte ihr eigenes Klo für zu Hause mieten und die Exkremente in eine Sammelstation bringen. Diese werden anschließend zum Beispiel zu Dünger, Biogas oder Brennbriketts verarbeitet und verkauft.

„Unser System verbessert nicht nur die Hygiene, sondern verhilft vor allem Frauen und Kindern zu mehr Sicherheit, weil sie nachts für den Toilettengang nicht rausmüssen“, sagt Mijthab. „Außerdem schafft es Arbeitsplätze an den Einsatzorten und schont die Umwelt. Denn wenn die Nutzer statt Feuerholz Brennstoff und Biogas aus menschlichen Fäkalien verwenden, wird weniger Kohlenstoffdioxid freigesetzt und Abholzung vermieden.“ Die Nutzungsgebühr werde voraussichtlich bei rund sechs Dollar im Monat liegen.

Neu ist die Idee der containerbasierten Toilette für Armutsgebiete nicht. Was ist das Besondere an Mijthabs Ansatz? „Die Kombination aus ökologischem, kreislauforientiertem Sanitärsystem, das auf einen weltweiten Einsatz angelegt ist und die Nutzer beim Aufbau der örtlichen Projekte mit einbezieht“, sagt sie. „Unsere Aktivitäten sind nicht lokal begrenzt oder von Spenden abhängig.“

Zudem sei die unmittelbare Trennung der Ausscheidungen für eine mobile Trockentoilette einzigartig, sagt Marc-André Bünzli, Fachgruppenchef Wasser und Siedlungshygiene vom Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe. „In Kombination mit der sicheren Entsorgung und der Wiederverwertung der Fäkalien bietet das Modell einen entscheidenden nachhaltigen Nutzen.“

In Pilotstudien wurde das System zwischen 2013 und 2015 in Kenia und dem Südsudan erprobt. Dort hat die Erfinderin beobachtet, dass die private Toilette auch als Statussymbol geschätzt wurde. Diverse Jurys haben das Konzept ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schweizer Seif-Preis für soziales Unternehmertum und dem Bestform-Designpreis aus Sachsen-Anhalt.


Wir erkunden andere Planeten und schicken Kameras durch unsere Blutbahn. Da müssen wir es doch schaffen, dass jeder Mensch Zugang zu einer anständigen Toilette hat.

2016 hat Mijthab mit ihrer Kollegin Eleonora Berra die Mosan GmbH mit einem Stammkapital von 20 000 Schweizer Franken gegründet und zwei Mitarbeiter eingestellt. Derzeit verhandelt die Firma mit potenziellen Investoren, damit 2018 die ersten Projekte beginnen können.

Womit will Mosan Geld verdienen? „Mit einem Hybridmodell“, sagt Mijthab, „Gemeinden oder Hilfsorganisationen bezahlen uns für den Aufbau des Systems. Das Tagesgeschäft inklusive der Aufbereitung der Exkremente und des Verkaufs von deren Recyclingprodukten wird gegen eine Lizenzgebühr an uns von einem Franchisenehmer übernommen. Das können Geschäftsleute sein oder wiederum Hilfsorganisationen und Gemeinden.“

In den kommenden Monaten will Mosan ein Musterprojekt in Guatemala oder Mexiko aufbauen und selbst betreiben, um es den lokalen Gegebenheiten anzupassen. Danach wolle man einen Franchisenehmer suchen. Beim Aufbau hilft das mexikanische Beratungsunternehmen Sarar Transformación. Deren Direktor Ron Sawyer sagt: „Nach den schweren Erdbeben in Mexiko bin ich zuversichtlich, dass wir dort ein erfolgreiches Pilotprojekt anschieben und später weitere Vorhaben in Mittel- amerika verwirklichen werden.“

Auch Mona Mijthab ist optimistisch: „Wir erkunden andere Planeten und schicken Kameras durch unsere Blutbahn. Da müssen wir es doch schaffen, dass jeder Mensch Zugang zu einer anständigen Toilette hat.“ ---