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Der goldene Aluhut

Wie eine Sektenaussteigerin dem alltäglichen Wahnsinn entgegentritt.




1.

Am Anfang war ein Witz. Am 3. September 2014, gegen zehn Uhr abends, saß Giulia Silberberger mit Freunden zusammen. Sie hatten schon etwas getrunken und redeten über Verschwörungstheorien. Über Menschen, die zum Beispiel daran glauben, dass die Erde eine Scheibe ist oder von Eidechsen-Menschen beherrscht wird.

Irgendwann sagte Silberberger, damals 33 Jahre alt, krankgeschrieben, ohne festen Job: „Wieso vergibt man nicht einen Preis für so etwas? Den goldenen Aluhut für die Verschwörungstheorie des Jahres!“ Die anderen fanden das großartig. Silberberger richtete noch in der Nacht eine Facebook-Seite ein.

Einige Tage später vergab sie den ersten goldenen Aluhut der Woche an einen Mann, der bei Facebook in einer Gruppe von Verschwörungstheoretikern ein Foto von etwas gepostet hatte, das aussah wie eine grüne Crack-Pfeife. Er behauptete, er habe damit „Gewitterfronten aufgelöst“. Aber: „Nicht weitersagen – gilt als Eingriff ins Wettergeschehen.“

Im Internet finden viele so etwas natürlich super. Von da an suchte Silberberger jede Woche nach den Perlen unter all dem paranoiden Zeug, das online, in Büchern und abstrusen Fernsehshows jede Woche veröffentlicht wird. Sie hatte Zeit. Und keine Lust mehr, den Wahnsinn, der in geschlossenen Facebook-Gruppen, auf Blogs und Foren wucherte, einfach so stehen zu lassen. Sie wusste ja, wie der wirkt. Sie war ja selbst eine Entkommene.

2.

Silberberger ist acht oder neun Jahre alt – so genau erinnert sie sich nicht mehr –, als ihre Mutter sie das erste Mal mitnimmt zu den Zeugen Jehovas. Sie sind in den Ferien auf Sylt. Dünen, Sand, Wind, Sonne – und eines Morgens sitzt sie, die bis dahin ganz ohne Religiosität, ganz ohne Gott erzogen wurde, auf einmal in diesem kargen Versammlungsraum, in dem es nach Holz und Kunststoff riecht. „Ich kann mich nur noch an das Gefühl einer ganz großen Bedrohung erinnern. Irgendjemand sagte mir, dass wir vernichtet würden, wenn wir nicht glaubten. Ich habe das erst überhaupt nicht verstanden.“

Zurück in Würzburg, wird ihr Leben und das der geschiedenen Mutter nun durch die Treffen der Zeugen Jehovas bestimmt. Silberberger wird in etwas hineingezogen, dem sie als Kind hilflos ausgeliefert ist. Fünfmal die Woche geht sie nun zu Bibelkreisen, zu Versammlungen, zum Beten. Im Denken der Zeugen Jehovas dreht sich alles um die kommende Apokalypse, bei der, so der Glaube, in einer Schlacht zwischen Gut und Böse all jene vernichtet werden, die kein gottesfürchtiges Leben geführt haben.

Sie ist ein neugieriges Kind, das lieber ins Planetarium geht, als mit Puppen zu spielen. In der Schule soll sie sich auf einmal von anderen Kindern fernhalten, die nicht gläubig sind. Dass sie „Raumschiff Enterprise“ mag, gilt nun als „Götzendienst“.

Aus einem glücklichen Kind wird eine depressive, ängstliche Jugendliche. Immer wieder sagt man ihr, dass sie „unwürdig“ sei. Zu unangepasst, nicht gottesfürchtig, nicht unterwürfig genug. „Ich war allein, komplett allein“, sagt sie.

Sie fängt an, Alkohol zu trinken, mit Jungs zu schlafen, zu kiffen. Und ist doch gefangen: „Ich hatte gleichzeitig im Hinterkopf, dass das alles Sünde ist, was ich mache. Ich hatte diese unglaubliche Angst in mir. Man hatte mir ja immer erzählt, dass ich ausgelöscht würde am Tag der Apokalypse, wenn ich keine gute Zeugin bin. Dass da nur das Nichts wäre, nur Dunkelheit. Als wäre ich nie geboren.“

Silberberger kann diese Ängste, wie fast alle, die jahrelang in Sekten leben, nicht einfach abschütteln. Sie entwickelt eine Angststörung und hat Selbstmordgedanken.

Mit Anfang 20 zieht sie weg aus Würzburg, nach Berlin. Sie verkauft Computer in einem Elektromarkt, geht aber auch in der neuen Stadt zu den Treffen der Zeugen und hat Albträume, die immer wiederkehren. Darin sieht sie ihre Freunde im Weltuntergang sterben – und sich selbst eine Pistole an den Kopf halten.

Mit 26 Jahren endlich beginnt sie sich zu befreien: Sie geht nicht mehr zu den Treffen, reagiert nicht mehr, wenn jemand von den Zeugen Jehovas sie kontaktiert. Ihre Mutter steigt zur gleichen Zeit aus. Es ist vorbei. Auch wenn es noch etwas dauert, bis die Albträume aufhören.

3.

Dass Verschwörungstheorien zunehmend zum Problem werden, liegt nicht daran, dass immer mehr Menschen an sie glauben. Die Zahl der Verschwörungstheoretiker hat, so der Konsens in der Wissenschaft, in den vergangenen Jahren nicht auffallend zugenommen. Ein gewisser Teil der Bevölkerung hat schon immer an skurrile Geschichten geglaubt – auch bevor es das Internet, Facebook und Blogs gab.

Mittlerweile werden Verschwörungstheorien aber wieder gezielt politisch eingesetzt. Sie sind daher gefährlicher geworden. Man denke nur an Donald Trump, der behauptete, Barack Obama sei kein amerikanischer Staatsbürger. Und in Deutschland setzt eine Partei wie die AfD ganz bewusst Elemente aus Verschwörungstheorien in der politischen Propaganda ein, um Angst vor Zuwanderung zu schüren – unter anderem die Mär von der „Selbstabschaffung des deutschen Volkes“. Doch man kann etwas tun gegen diese Unvernunft.

4.

Verschwörungstheorien werden befeuert von Gefühlen. Sie sind Ausdruck von Angst, Wut, Enttäuschung. Der goldene Aluhut ist auch deshalb eine intelligente Antwort, weil er emotional funktioniert: mit Humor. „Die Verschwörungstheoretiker sind nicht unsere Feinde, wir wollen sie auch nicht dazu machen“, sagt Giulia Silberberger. Sie selbst lacht oft und herzhaft, für sie sind Witz und Humor die beste Art, wirrem Zeug zu begegnen. „Wer darüber einmal gelacht hat, glaubt hoffentlich später nicht dran.“

Das funktioniert so gut, dass aus dem goldenen Aluhut inzwischen eine kleine gemeinnützige Organisation geworden ist – die zwar nicht viel Geld einnimmt, aber viel zu tun hat. Einmal im Jahr findet in Berlin-Neukölln eine gut besuchte Preisverleihung statt; dort wird dann der goldene Aluhut für die beste Verschwörungstheorie vergeben.

Ausgezeichnet wurden bisher unter anderem ein Typ, der sich „der Honigmann“ nennt und daran glaubt, dass fremde Mächte das deutsche Volk mithilfe des Feminismus auslöschen wollen, und eine Frau, die Menschen mit der „Lichtenergie der Einhörner“ heilen möchte. Preisträger ist auch ein gewisser Xavier Naidoo. Der Sänger bekam den goldenen Aluhut für eine Rede bei einer Reichsbürger-Veranstaltung im Berliner Regierungsviertel.

Aber das Tagesgeschäft der Organisation findet auf ihren Facebook- und Twitter-Accounts statt, die zusammen mehr als 130 000 Follower haben, und auf einem Blog. 20 Freiwillige helfen Silberberger inzwischen dabei, all die verrückten Dinge zu sichten, auszuwählen und zu recherchieren, die Verschwörungstheoretiker im Internet verbreiten. Silberberger und ihre Mitstreiter betreiben sieben Fake-Accounts, die mehr als 150 offene und geschlossene Facebook-Gruppen beobachten, in denen sich Verschwörungstheoretiker auslassen. Daraus filtern sie das, was am Ende auf der Aluhut-Seite landet. So ist in den vergangenen zwei Jahren eine Übersicht entstanden über all die Abstrusitäten, an die Menschen in Deutschland glauben.

Da war zum Beispiel die Gruppe, die so fest daran glaubte, dass die Erde hohl sei, dass sie eine Expedition zu ihrem Kern starten wollten, mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne. Für die Expedition wollte man 32 310 Euro einsammeln. Es kamen ganze 9,66 Euro zusammen.

Man findet Leute, die mit Chlorbleiche Autismus auslösende Parasiten im Darm ihrer Kinder bekämpfen wollten. Die Bleiche wird von Esoterikern als Wundermittel „MMS“ vermarktet, dessen Wirksamkeit von der Pharmaindustrie ignoriert werde. Ein Dialog, den Silberberger gefunden hatte, ging so:

Person eins: „Hab heute intuitiv einen Einlauf gemacht. Puh, da kam wat raus.“

Person zwei: „Ah, danke fürs Erinnern! Hatte vor zwei Tagen schon mal einen Einlauf gemacht und mich prompt die Nacht mehrfach übergeben. Ob es am MMS lag, weiß ich aber natürlich nicht. Werde es heute wieder testen.“

Das, was die MMS-Nutzer für ausgeschiedene Parasiten hielten, identifizierten Gastro-Enterologen in mehreren Fällen als Teile der verätzten Darmschleimhaut.

Und es gibt diejenigen, bei denen die Erklärung für alles, was schiefläuft, folgende ist: dass wir von einer Rasse hyperintelligenter Eidechsen beherrscht werden, die aussehen wie Menschen, „Verbindungen in die vierte Dimension haben“ und „als Wesen unsterblich“ sind. Als prominenten Eidechsen-Menschen hat man unter anderem die Königin von England identifiziert – was zu interessanten rhetorischen Verrenkungen führen dürfte, sobald die Queen das Zeitliche segnet.

Es sind immer ähnliche Muster, die sich in ständig neuen Varianten wiederholen. Silberberger sagt, dass sie die „Schablone schon im Schlaf ausmalen kann“. Und dass diese Schablone der von religiösen Sekten sehr ähnlich sei.

Für Verschwörungstheoretiker gibt es immer einen Gegner, der bösartig ist, allgegenwärtig, mit besonderen Kräften ausgestattet, die es ihm erlauben, Wissen zu kontrollieren, Gedanken, Staaten, Firmen, Politiker, Journalisten und Wissenschaftler. Nichts ist Zufall. Es ist immer Endzeit, kurz vor zwölf, und sie selbst sehen sich als Avantgarde eines großen Umbruchs.

Und sie alle nutzen die Tatsache aus, dass unser Wissen heute zwangsläufig unvollständig ist, selten auf direkter Erfahrung beruht, fast immer aus zweiter Hand kommt. Ein Beispiel: In einem Experiment der Universität Stanford konnte die Mehrheit der Studenten nicht erklären, wie eine Toilettenspülung funktioniert. Wissen basiert zum großen Teil auf Vertrauen. Verschwörungstheoretiker legen dieses Vertrauen als Naivität aus. Und verlieren sich im Zweifel.

Auch deshalb findet Silberberger es so wichtig, dass viele der Leute, die ihr helfen, wirklich Bescheid wissen: Es sind Physiker dabei, Mediziner, Biologen und Pharmakologen.

5.

Auf die Frage, wieso Leute all dieses Zeug glauben, antwortet Silberberger mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche: „Wer allein hat Gründe, sich wegzulügen aus der Wirklichkeit? Wer an ihr leidet.“

Sie sitzt in ihrem großen Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg, unter vier Meter hohen Decken, um sie herum springen, liegen und räkeln sich fünf Katzen zwischen drei Bildschirmen. Es hängen Bilder vom Raumschiff Enterprise an der Wand – ein Fan der Serie ist sie geblieben, daran konnten auch die Zeugen Jehovas nichts ändern.

„Die Leute, die Verschwörungstheorien glauben, sind eigentlich meistens arme Schweine“, sagt sie. „Das sind keine glücklichen Menschen.“

Man vergisst leicht, dass derjenige, der an Verschwörungen glaubt oder sein Heil in apokalyptischen Sekten sucht, nicht nur etwas verliert: den klaren Blick auf die Welt. Sondern dass er dabei auch etwas gewinnt. Etwas, das ihm vielleicht wichtiger ist als Realitätssinn: Kontrolle.

„Ohnmachtsgefühle spielen eine große Rolle“, sagt Roland Imhoff, der als Professor für Sozial- und Rechtspsychologie an der Universität Mainz zu Verschwörungstheorien forscht. „Man klammert sich an Strohhalme, weil man so wenigstens das Gefühl hat, die Welt zu verstehen. Man kann es vielleicht nicht unbedingt ändern, aber man durchschaut es. Und fühlt sich dadurch wieder etwas besser.“

Der Glaube an Verschwörungen ist deshalb oft auch ein Hinweis darauf, dass im gesellschaftlichen Gefüge etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist: Wer prekär beschäftigt ist oder arbeitslos, wer wenig Geld hat und pessimistisch in die Zukunft blickt, lässt sich leichter verführen.

Genau deshalb ist der Ausstieg auch so schwer – weil man dann einer Realität ins Auge blicken muss, die oft alles andere als rosig ist.

6.

Silberberger sagt, dass sie nach ihrem Ausstieg Jahre gebraucht habe, bis sie „nicht mehr das Gefühl hatte, eine leere Stelle in mir füllen zu müssen“. Sie hat eine Therapie gemacht, gelernt, ihre Angst zu kontrollieren und das Gefühl, dass kleine Fehler katastrophale Konsequenzen haben können. „Das begleitet mich aber immer noch.“

Auch deshalb hatte sie lange Zeit Probleme damit, in der Arbeitswelt zu funktionieren. Sie war oft krankgeschrieben, zwischenzeitlich arbeitslos. Erst der Kampf gegen die Verschwörungstheorien hat die Leere gefüllt. Da ist jetzt etwas, für das es sich lohnt.

Sie verbringt oft 50 Stunden die Woche mit der Arbeit für den goldenen Aluhut, zahlt sich selbst aber nur 250 Euro Gehalt aus. „Ich mache es nicht fürs Geld, so viel ist sicher.“ Die Welt ein bisschen weniger irrational zu machen würde ihr schon reichen.

Fast jede Woche schreiben ihr Menschen, deren Partner, Kinder, Eltern anfangen, an verrückte, manchmal gefährliche Dinge zu glauben. Kurz vor und nach Feiertagen sind es mitunter dreimal so viele wie sonst. Dann sitzen die Familien zusammen und merken, dass einer nicht mehr ganz bei sich ist.

Mehrmals hat Giulia Silberberger E-Mails von Jugendlichen bekommen, deren Eltern ihnen Krankheiten andichteten, die sie gar nicht hatten. Auch den umgekehrten Fall kennt sie: Ein krankes Kind schrieb ihr, an dem die Eltern „Germanische Neue Medizin“ ausprobiert hatten. Deren Anhänger glauben zum Beispiel, dass Krebs ein Heilungsprozess des Körpers ist, der keinerlei Behandlung benötigt. Es melden sich Ehefrauen, deren Männer abgehauen sind, um sich einer Sekte anzuschließen – und Männer, deren Frauen vor lauter Paranoia kaum noch aus dem Haus gehen.

Sie versucht allen, so gut es geht, zu helfen. Sie vermittelt Therapeuten, die Ausstiegstherapien anbieten. Sie versucht die Angehörigen darin zu bestärken, dass sie das Richtige tun, wenn sie Hilfe suchen. Aber nicht immer kann sie etwas ausrichten.„Ich kann die Leute da nicht allein rausholen“, sagt Silberberger. „Das geht nicht. Wenn jemand richtig tief drinsteckt, erreichst du ihn mit Argumenten und Beweisen ja überhaupt nicht mehr.“

7.

An einem Samstag im September geht Silberberger zu einer Demonstration von Impfgegnern in Berlin. Die Sonne scheint noch warm, aber es weht schon ein kalter Wind, und Silberberger steht zwischen Eltern, die Schilder in die Höhe halten, auf denen steht: „Kein Gift in unsere Kinder.“

Einen Tag zuvor hatte sie über genau solche Eltern gesagt: „Was mich immer tierisch aufregt, sind die Fälle, in denen Kinder mit reingezogen werden. Wenn sie benutzt werden für die komischen Ideen ihrer Eltern. Das geht gar nicht.“ Es erinnert sie an ihre eigene Kindheit.

Etwa 650 Leute sind gekommen, es wird viel gezetert, gewettert und gejammert gegen eine medizinische Innovation, die nach Schätzungen von Wissenschaftlern der Universität Illinois in den vergangenen 50 Jahren zehn Millionen Menschenleben gerettet hat. Silberberger trägt eine Sonnenbrille, die vor allem dafür sorgen soll, dass man sie nicht sofort erkennt. Sie macht Fotos von den Plakaten, schreibt Reden mit, um am Ende einen kleinen Blogeintrag zu veröffentlichen.

Und immer wieder murmelt sie, mehr zu sich als zu irgendjemandem: „Was für ein Schwachsinn.“ Und sie scheint – auf eine sehr grimmige Art und Weise – glücklich. ---