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Qlocktwo

Zwei Werber machen aus ihrer Agentur eine Manufaktur für Uhren ohne Zeiger und Ziffern. Ihr Erfolgsgeheimnis: Sie ticken ähnlich.




• Der Moment, als in Marco Biegert und Andreas Funk die Idee zur Gewissheit reift, dass sie ihre gut gehende Werbeagentur in eine Uhrenmanufaktur verwandeln werden, lässt sich relativ genau bestimmen. Es ist das Jahr 2009, die beiden sind auf einer Einrichtungsmesse in Dubai und präsentieren dort ihre neueste Erfindung: eine Wortuhr. Noch ist das quadratische Objekt, das weder Zeiger noch Ziffern hat, kein Serienprodukt, sondern das Produkt zweier Oberbastler.

Ganz zu Beginn hatten Biegert und Funk ihre Wortuhr – „einfach mal so“ – an eine Wand ihres Büros in der Werbeagentur gehängt, worauf Kunden und Mitarbeiter fragten: „Könnt ihr mir auch so eine bauen?“ Also zeigten sie ihre Erfindung auf einer Designermesse in Stuttgart – und hörten wieder: „Wo kann man das Teil kaufen?“

Dann Dubai, 2009: Es herrscht großer Andrang am Stand der zwei Schwaben, obwohl sie nur fünf Uhren ausstellen; Importeure und Händler aus aller Welt zeigen Interesse. „Wir waren geflasht von dieser Welt“, erinnert sich Andreas Funk.

Und dann klingelt in Dubai sein Telefon: Ein Kunde aus der Heimat ist dran, der Betreiber einer Fahrschule, deren Internetseite Biegert und Funk betreuen. Der Kunde bittet darum, ein Bild darauf auszutauschen. „Wir haben natürlich sofort zu Hause im Büro angerufen, damit das erledigt wird“, sagt Funk, „aber ich fand, dass irgendetwas nicht zusammenpasst.“ In Dubai wird den Agenturchefs klar: Sie müssen sich entscheiden. Und sie wissen jetzt, wie sie sich entscheiden.

Biegert und Funk, beide Mitte 40, stets schwarz gekleidet, beide mit halblangen Haaren, schwäbelnd. Es ist ihnen nicht zu entlocken, dass ihre Entscheidung in Dubai in irgendeiner Weise mit Konflikten, Krisen, Zweifeln, Bauchweh verbunden gewesen wäre. Alles ganz easy – das ist ihre Botschaft.

Die zwei Männer kennen sich seit mehr als 30 Jahren. Sie wachsen in einem Dorf bei Schwäbisch Gmünd auf, entdecken, dass sie beide einen Commodore 64 besitzen. Weil Beamer noch kaum verbreitet sind, zerlegen sie einen Tageslichtprojektor und projizieren mit einem hölzernen Trichter vom Commodore ein Rennspiel an die Wand. „Man hatte das Gefühl, im Rennauto zu sitzen, aber nur, wenn der Raum perfekt abgedunkelt war“, sagt Funk. „Wir haben dann nur ein paarmal damit gespielt, es ging uns ja vor allem darum, das Problem zu lösen.“ Lange bevor es Drohnen zu kaufen gibt, bauen sie Flugobjekte mit vier Rotoren, die immerhin ein bisschen in der Luft schweben. Sie programmieren, animieren, und einmal produzieren sie einen 24 Stunden langen Film, bei dem eine Kamera von einem Turm herab festhält, wie Menschen auf einer Wiese im Minutentakt Bierbänke so anordnen, dass sie die Ziffern einer digitalen Uhr nachbilden.

Wenn die beiden erzählen, führt der eine den Satz des anderen fort, ständig fallen sie sich ins Wort, ohne dass es so wirkt. „Wir ticken ähnlich, wir denken ähnlich, wir machen alles gemeinsam, wir entscheiden alles gemeinsam“, sagen sie, die in ihrer Firma eine gemeinsame E-Mail-Adresse haben. Nicht überraschend, dass ihre Uhrenmarke Qlocktwo heißt.

Nach dem Abitur studiert Funk Technik, Physik und Biologie auf Lehramt, wird aber nie Lehrer, sondern steigt nach dem Studium mit Biegert ins Werbegeschäft ein. Für kleine und mittlere Firmen in der Region programmieren sie Internetseiten und Datenbanken, produzieren Fotos im eigenen Studio, entwickeln 3-D-Postkarten, gestalten Broschüren, Kataloge, Fahrzeugbeschrif-tungen – klassisches Agenturgeschäft. Zuletzt beschäftigt die Firma 20 Mitarbeiter, darunter auch manche Quereinsteiger, die das Motto der Chefs leben: „Was man sich selber beibringt, sitzt tiefer.“

Überraschend und banal zugleich

„Uns interessiert fast alles, wir lassen uns ein bisschen treiben und sind dabei permanent am Lernen“, sagt Funk. Biegert ergänzt: „Wir haben uns die Fragen angewöhnt: Warum sind die Dinge so, wie sie sind? Könnten sie auch anders, besser sein? In diese Richtung laufen unsere Gehirne fast schon automatisch.“

Die Idee, die Zeit in Worten darzustellen, treibt sie seit bald 20 Jahren um. „Hundertmal durchdacht, wieder vergessen, wieder rausgeholt, Zeichnungen gemacht, wieder weggelegt“, sagt Biegert. Und irgendwann basteln sie die Uhr tatsächlich: ein hölzerner Bilderrahmen, eine Platine, LEDs und eine Diffusionsfolie, alles von Hand verlötet, darüber ein quadratisches Acrylglas mit 110 scheinbar sinnfrei angeordneten Buchstaben, die im Fünf-Minuten-Takt so von hinten beleuchtet werden, dass vorn die Wortuhrzeit erscheint: „Es ist fünf vor zwölf“, „Es ist halb sieben“, „Es ist zwanzig nach vier“, „Es ist neun Uhr“, „Es ist Viertel vor zehn.“

„Wir haben die Uhr eigentlich für uns gemacht, die Idee war nicht, ein vermarktbares Produkt zu schaffen“, sagt Biegert. „Es war wie beim Beamer in unserer Jugendzeit: Die Uhr hat funktioniert, so wie wir es wollten, damit war es eigentlich gegessen.“ Aber dann kamen die Anfragen, die Messen in Stuttgart und Dubai.

Oft, erzählt Funk, sagten die Menschen beim Anblick der Wortuhr nur „Aaahhhh“. Wie wenn man jahrelang einen Weg geht und plötzlich entdeckt, dass man die ganze Zeit wie blind an einer gut sichtbaren Abkürzung vorbeigelaufen ist: Plötzlich muss die Zeichensprache der Zeiger und Ziffern einer herkömmlichen Uhr nicht mehr in Worte übersetzt werden, weil die Uhrzeit schon in Worten dasteht – so wie Menschen sie im Gespräch einander mitteilen. Erscheint das Buchstabenquadrat auf den ersten Blick als Rätsel, löst es sich – durch die Beleuchtung weniger Worte – überraschend und banal zugleich auf. Und das in allen Sprachen. „Das ist wie ein einfacher Song, ein Schlager, der einen berührt“, sagt Funk. Besonders erlebt er das, wenn Betrachter der Wortuhr die Funktion der vier Eckpunkte begreifen, die – wenn beleuchtet – jeweils eine Minute anzeigen und so die vier fehlenden Minuten zwischen den Fünf-Minuten-Schritten der Buchstaben darstellen. Ganz einfach. Einfach intuitiv. Ein Kunde erzählte den Firmenchefs, dass ein Demenzkranker die Wortuhr noch lesen konnte, während er vor Zeigeruhren schon kapitulierte.

Jetzt entwickeln und pflegen Biegert und Funk ihre Marke. Sie fanden Zulieferer, die fast ausschließlich aus der Region stammen. Sie kauften eine ehemalige Pressenfabrik am Rand der Stadt für die Endmontage und das Lager. In Schwäbisch Gmünd, bekannt für seine verblichene Schmuck- und Silberwarenindustrie und eine höchst lebendige Designerszene, hängten sie eine tonnenschwere, fünf mal fünf Meter große Wortuhr an die Außenwand der Hochschule für Gestaltung. Sie entwickelten neue Uhrfronten aus Platin, verrostetem Edelstahl oder mit Blattgold belegt. Sie fügten mehr als 20 Sprachen und Dialekte hinzu, von Arabisch bis Schwäbisch, von Mandarin bis Schweizerdeutsch, Katalanisch oder Schwedisch: „Sono le sette e mezza“; „Het is half acht“; „Es isch haubi achti“; „Klockan är halv åtta.“ Sie programmierten ihre Uhren sogar so, dass sie – je nach Sprachgewohnheit in Deutschland – „viertel vor sieben“ oder „dreiviertel sieben“ anzeigen. Sie bauten ihre Markenfamilie aus, zu der jetzt auch Tischuhren, Armbanduhren, Übergrößen und Sondereditionen gehören. Sie erweiterten ihr Netz an Importeuren, die Einrichtungshäuser, Uhrenfachgeschäfte und Juweliere in mehr als 70 Ländern beliefern. Sie eröffneten in Stuttgart ihren ersten eigenen Laden.

„Alles ganz easy“

Und sie tüfteln weiter an den Feinheiten – von der Haptik bis zum Design der Fernbedienungen, vom Onlineshop und einer App bis zur Gestaltung der Verpackungen. Ihre neue, alte Firma beschäftigt jetzt 40 Mitarbeiter. Im Jahr 2016 haben sie 16 200 Uhren verkauft, Zahlen zum Umsatz nennen die Geschäftsführer allerdings nicht.

Alles ging „Schritt für Schritt, organisch, überschaubar, schwäbisch“, wie sie sagen. Hilfe von außen hätten sie nicht gebraucht, sagt Biegert: „Keine Berater, keine Marktstudien, kein Businessplan, kein Bankkredit, kein Investor. Nur Herrn Funk und Herrn Biegert.“ Die Werbeagentur fahren sie langsam zurück, informieren Kunden, verweisen sie an andere Agenturen, vermitteln einige Mitarbeiter dorthin. „Wirklich: Alles ganz easy“, sagt Funk.

Längst gibt es im Internet Anleitungen für den Eigenbau von Wortuhren samt aller Bauteile. Nur das Design der Uhrfronten haben sich die Bastler schützen lassen; auch andere Anbieter verkaufen heute Wortuhren in ähnlicher Optik. „Wenn Fans sich solche Uhren für private Zwecke zusammenbasteln, ist das für mich eher eine Hommage an unsere Arbeit“, sagt Funk. Über gewerbliche Nachahmer mag er nichts sagen.

Die Werkstatt der Firmenchefs liegt hinter einer Stahltür in ihrem Verwaltungsgebäude, einer ehemaligen Schmuckfabrik in der Innenstadt. Dort malen sie, manchmal am selben Bild, experimentieren im Tonstudio und mit Kameras, basteln mit Schrauber, Standbohrmaschine, Säge, Schere und Klebeband. „Freie Arbeiten, die nichts mit Uhren zu tun haben müssen. Einfach um zu schauen, ob es grundsätzlich funktioniert“, sagt Funk. In der Mitte des Raumes sind ein paar alte Server und Rechner wie zu einer Skulptur aufeinandergetürmt. „Das ist die alte Agentur“, sagt Funk. „Die Daten sind noch drauf.“ ---