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Mark Benecke im Interview

Der Kriminalbiologe Mark Benecke ist immer auf der Suche nach Tatsachen. Konventionen sind ihm deshalb egal. Ein Gespräch über den Nutzen der Naivität, die Faszination des Abseitigen und den Wert innerer Freiheit.




• Ein Freitagvormittag im Oktober, vor der Bühne bei den Science Days im Europa-Park Rust starren rund 400 Kinder gebannt nach vorn. Auf der Bühne erzählt Mark Benecke von Käfern, die auf Leichen leben und warum sie sich am liebsten in den Unterhosen der Toten verstecken. Das kann man auch sehen. Der 47-Jährige zeigt Bilder von Madenteppichen und Insektenfallen, erzählt, warum er Insekten so gern hat und warum Leichen zwar stinken, aber eigentlich doch nicht eklig seien.

Der Naturwissenschaftler Benecke füllt mit seinen Vorträgen regelmäßig Säle. Er spricht über Leichen und Insekten, über Mumien, Blutspuren und parawissenschaftliche Erscheinungen. Sein Fundus speist sich aus zahlreichen Quellen, etwa der Erforschung des Phänomens der plötzlichen menschlichen Selbstentzündung. Benecke ist auch Donaldist sowie Mitglied der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft. Und mit der Transylvanian Society of Dracula widmet er sich der Erforschung des Vampirismus.

Vor allem aber ist Mark Benecke Fachmann für Forensik. Als Kriminalbiologe und Insektenkundler untersucht er seit mehr als 20 Jahren Leichen und Tatorte, entschlüsselt die Umstände von vermuteten Tötungsdelikten und schweren Gewaltverbrechen, bildet Polizisten und Studenten aus. Er hat den Schädel von Adolf Hitler untersucht und die Mumien der Kapuzinergruft von Palermo. Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren studierte Biologie, bildete sich beim FBI weiter und gilt als Mann für die komplizierten Fälle.

brand eins: Herr Benecke, Sie sind Wissenschaftler. Was haben Sie in einem Vergnügungspark verloren?

Mark Benecke: Warum soll das ein Widerspruch sein? Wissenschaft bedeutet innere Offenheit. Früher bezahlten Studierende bei den Vorlesungen Hörergelder, da war völlig klar, dass der populär gehaltene Vortrag dazugehört, weil man als Wissenschaftler ja auch die Universität finanzieren musste. Ich trenne meine Lebensbereiche ohnehin nicht. Ob ich mit selbst erklärten Vampiren rede oder mir eine Leiche angucke – ich will immer das Prinzip verstehen und die Wahrheit herausfinden.

Ziehen Sie aus Ihren populärwissenschaftlichen Ausflügen einen Nutzen für Ihre forensische Arbeit?

Ich mache ja zwei verschiedene Sachen: Spurenkundlich untersuche ich beispielsweise, wie Insekten eine Leiche besiedeln, und ziehe daraus Rückschlüsse, etwa auf den Tatort und die Tatzeit. Bei Tatort-Rekonstruktionen versuche ich den Tathergang durch Blutspritzer, Winkel und Entfernungen zu ermitteln. Ich schaue, welche Gegenstände umgefallen sind und welche nicht. Blut, Speichel, Sperma, Urin, Kot – auch das können Spuren sein. Und der Raum ist wichtig, weshalb ich mich aufmerksam in ihm bewege und mir Fragen stelle: Was passiert, wenn ich hinfalle, wo würde ich mich festhalten? Anhand dessen schließe ich aufs Geschehen. Wenn ich ganz normalen Leuten oder Kindern davon erzähle, bekomme ich Feedback, das mir bei der Bearbeitung künftiger Kriminalfälle oft nützen kann.

Inwiefern?

Weil ich dadurch auf eine andere Sichtweise komme. Kinder machen keine fachlichen Vorannahmen, deshalb stellen sie andere Fragen. In der Biologie geht es immer nach Klasse, Ordnung, Familie, Gattung und so weiter. Doch die Kinder wollen einfach nur wissen, warum ein Insekt diese orangefarbenen Streifen hat. Der unverstellte Blick aufs Grundsätzliche hilft mir enorm.

Ich hatte mal eine Leiche, auf der lebten Käfer, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Als Biologe hätte ich das wohl aufs Mikroklima geschoben, aber als nun bewusst naiver Betrachter habe ich lieber etwas genauer hingeschaut und festgestellt, dass die Tiere verborgene Flügel hatten, mit denen sie sonst schlicht wegflogen, wenn wie üblich vor mir die Polizisten oder Rechtsmediziner an den Fundort kamen. Das war eine wichtige Erkenntnis, denn ich habe dadurch gelernt, dass diese Käfer öfter auf Leichen vorkommen, auch wenn man sie kaum dabei beobachten kann – was bedeutet, dass viele Löcher, die wir an Leichen sehen, von Käferfraß herrühren können. Solche Löcher werden aber oft mit Stich- oder Schussverletzungen verwechselt, und das kann schwere Folgen haben. Wie bei dem jungen Mann, der eine Freundin umgebracht hatte, in ihrem Rücken waren Löcher. Wären es Stichverletzungen gewesen, hätte der Staatsanwalt den Mann wegen Heimtücke angeklagt. Ich habe aber Larven aus diesen Löchern rausgezogen – so war es möglich, dass Käfer die Ursache sein konnten. Damit hatte sich die Heimtücke erledigt, was großen Einfluss auf die Anklage und das Strafmaß hatte.

Was haben Sie aus diesem Fall gelernt?

Dass Logik und der gesunde Menschenverstand bei der Spurenanalyse die falschen Ansätze sind. Bei Verbrechen bewegen wir uns nicht im Rahmen des Verständlichen. Diese Welt ist häufig irrational, wir verstehen Emotionen nicht wirklich, und auch Insekten verstehen wir nur zum Teil. Und kein Zehennagel, kein Mikroklima ist identisch. Umso entscheidender ist die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen und nicht nur auf Erfahrung zu setzen, aus der man seine Schlüsse einfach ableitet. Es geht darum, nach und nach alles auszuschließen, was nicht sein kann – dann bleibt am Ende die Wahrheit übrig. Und die kann dann auch jeder Vernunft widersprechen.

Was spricht dagegen, sich auf Erfahrungswissen und Vorannahmen zu verlassen?

Dadurch würde die Analyse immer in eine Richtung gelenkt, die sich an der Nachvollziehbarkeit des Geschehenen orientiert. Das hat aber nichts mit Wahrheit zu tun. Manche naheliegenden Annahmen wären schlichtweg falsch. Man würde vielleicht davon ausgehen, dass jedes Jahr dieselben Insekten auftreten, was aber nicht stimmt. Dann aber wäre auch die Analyse fehlerbehaftet. Sie könnte auch von Emotionen gelenkt sein, nach dem Motto: Guck mal, der Typ ist tätowiert und hat eine dicke Kriminalakte. Er war in der Nähe des Tatorts und hat bei der Befragung gelogen – wer soll denn sonst der Täter sein? Solche Gespräche führe ich mit Polizisten und Polizistinnen öfters, und ich frage dann einfach: Und was hat das mit den Spuren zu tun?

Wie schaffen Sie es, sich von Vorannahmen freizumachen?

Ich habe vielleicht einen leicht autistischen Zug, ich habe einfach keine Emotionen bei Fällen. Und ich schaue nur auf die Details. Bei einem Bild etwa interessiert mich sein Wert überhaupt nicht, ich will wissen, aus welchen Pigmenten es besteht.

Wenn Sie Vorannahmen und Hypothesen bei der Analyse eines Tatorts ausschließen, woran orientieren Sie sich, um die gesammelten Spuren zu einem schlüssigen Bild zusammenzuführen?

Ich halte mich vor allem an das, was man ausrechnen kann. Wenn man etwa den Auftreffwinkel von Blut an einer Wand kennt und das mit echtem Blut auch rekonstruieren kann, dann hat man eine klare Antwort, die frei ist von sozialen, kulturellen und sonstigen Konstrukten. Wir machen im Team eine Vielzahl an Berechnungen, und am Ende muss die Gleichung aufgehen. Zudem kenne ich meine Grenzen. Ich sage nie, dass sich eine Tat in bestimmter Weise wirklich vollzogen hat, sondern nur, dass dieser Hergang aus Sicht der Spurenbefunde möglich ist oder nicht.

Was ist mit dem Bauchgefühl?

Das nützt mir gar nichts. Bei der Analyse eines Raumes gibt es allerdings eine Art Körpergefühl. Nach allen Messungen setze ich mich in die Mitte eines Raumes, schließe die Augen und kann spüren, wie sich Personen darin bewegt haben können. Aber das ist nicht das Bauchgefühl, das sich aus Intuition speist. Bei mir wird der Körper eher zu einem Messgerät.

Welche Rolle spielt die Fantasie?

Sie kann helfen, solange sie nicht dazu führt, sich irgendetwas auszudenken. Doch man sollte auch die überraschendsten Dinge für möglich halten – Fantasie bedeutet Offenheit. Wenn mir einer sagt, da drüben im Baum leben Kobolde, dann würde ich das prüfen. Das geht nur mit Experimenten. Wir haben bei zwei Tötungsdelikten mal überprüft, ob eine Frau einen Mann mit ihren Brüsten ersticken kann. Dafür haben sich Männer mit Frauen mit verschieden großen Brüsten, mit Implantaten oder ohne, auf Matratzen gelegt und die entsprechende Sexszene nachgestellt. Und was überraschend war: Alle Männer haben gesagt, dass das unter den bekannten Umständen gar nichts brächte, weil sie die Frau einfach wegschubsen könnten. Das konnte ich dann also ausschließen und entsprechend gesichert weiterarbeiten. Der Punkt dabei ist aber auch: Wir haben nicht einfach rumgesponnen, sondern den Hinweis zweier Zeugen überprüft, die das Paar beim Sex in der entsprechenden Stellung beziehungsweise ein Opfer im Krankenhaus mit Erstickungszeichen gesehen hatten.

Wie ist es, an einem Tatort zu sein und nicht zu wissen, was sich dort zugetragen hat?

Es ist scheinbar eine sehr unsichere Situation, und das macht Angst. Genau deshalb vermeiden ja viele Studierende diese Offenheit und wenden sich lieber Vorannahmen zu, weil sie die Arbeit extrem erleichtern. Wenn Studierende im Blutspurenkurs ein unstandardisiertes Protokoll schreiben sollen, schauen sie mich immer ratlos an. Selbst eine Struktur zu finden – viele sind davon abgeschreckt, dass sie die Abkürzung über Erfahrungswissen nicht nehmen dürfen.

Sind Sie selbst auch manchmal anfällig dafür?

Ich will es nicht, denn es führt nicht zur Wahrheit. Ich besinne mich eher auf meine Stärke – diesen Blick auf die Details, die naturwissenschaftlich gesichert sind. Damit habe ich die höchste Sicherheit, die überhaupt erreichbar ist. Also versuche ich, das zu maximieren. Ich traue nicht nur Menschen alles zu, sondern auch den Dingen, halte bestimmte Materialeigenschaften durchaus für möglich. Ich habe mir etwa ein Stück sehr schweres Pockholz besorgt, das im Wasser untergeht. Ich habe es zersägt, habe das ausprobiert – und es stimmte. Rausgehen, anfassen, ausprobieren, so gehe ich grundsätzlich vor. Ich zergliedere die Dinge im Kampf gegen die Unsicherheit, und irgendwann habe ich eine schlüssige Antwort und muss keine Angst mehr haben.

Welche Erkenntnis ist die für Sie überraschendste?

Wie klar und eindeutig die Wahrheit oft sein kann. In einer Welt ohne politische, soziale oder kulturelle Vorannahmen wird alles sehr einfach, und das ist sehr beruhigend. Mir kann jeder alles erzählen, das irritiert mich nicht, weil ich es entweder schlüssig prüfen oder widerlegen kann oder, andernfalls, es jenseits jeder Prüfung liegt.

Wir haben vor wenigen Wochen einen Kongress veranstaltet mit Leuten, die glauben, sie seien echte Vampire. Ich höre mir das seit Jahren neugierig und ernst an, und so finden wir heraus, was los ist. Da muss man keine Schreckensbilder aufbauen. Bei Kriminalfällen ist es im Grunde ganz ähnlich – Emotionen stören bei der Suche nach Spuren und Tatsachen. Vor Gericht erlebe ich beispielsweise immer wieder Zuschauer, die den Angeklagten am liebsten kopfüber aufhängen wollen. Eine Aufregung, die ich nicht teilen kann, eben weil Gefühle wenig mit Wahrheit zu tun haben.

Warum beschäftigen Sie sich auch ernsthaft mit Parawissenschaften und unerklärlichen Phänomenen? Ist es für einen Wissenschaftler nicht reine Zeitverschwendung, sich mit so etwas zu befassen, zumal von Ihrem Urteil andernorts reale Schicksale abhängen?

Das würden Sie wohl nicht so sehen, wenn Sie wie ich neben einer Frau gesessen hätten, deren Körper sich nach einem Spaziergang nachweislich ohne irgendeine bis dahin bekannte Zündquelle selbst entzündet hat und die dabei schwerste Verbrennungen erlitt, während die Kinder und ihr Hund danebensaßen. Die Frau hat Angst davor, dass das noch einmal passieren wird, und fürchtet, dass es womöglich genetische Ursachen hat und deshalb auch ihre Kinder in Gefahr sind. Da stellt sich die Frage einfach nicht mehr, ob die Arbeit an Kriminalfällen wichtiger ist. Eine solche Sache zu klären ist eine Aufgabe mit derselben Bedeutung und Verantwortung wie die vor Gericht.

Glauben Sie ernsthaft an Selbstentzündung?

Ich glaube daran, dass alles seinen Grund hat, und ich gehe naturwissenschaftlich vor, ebenso wie bei den Kriminalfällen. Es stellte sich heraus, dass die Frau während des Spaziergangs unwissentlich ein Stück Phosphor aufgesammelt hatte. Das wickelte sie zunächst in ein feuchtes Taschentuch, was erst mal okay war. Dann aber hat sie im Auto neben der Heizung gesessen, die hat das Taschentuch getrocknet, und trockener Phosphor fängt dann spontan an zu brennen. In Dutzenden weiterer Fälle lag es aber wieder anders – passiert und dokumentiert sind sie alle.

Nützt Ihnen eine solche Erkenntnis auch bei den Kriminalfällen?

In diesem Fall nicht direkt, aber die Beschäftigung mit Parawissenschaften hilft mir sehr, weshalb ich das immer gern mache. Wenn ich in Gebiete gehe, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe, kann ich überhaupt keine Vorannahmen treffen, und es kommt zwangsläufig zu Überraschungen. Das dient dazu, den Kopf freizumachen, damit ich Überraschendes grundsätzlich wahrnehmen und bewerten kann. Das ist die Grundlage der Spurensuche. Es ist das Training einer inneren Haltung, einer Grundvoraussetzung, so elementar wie das Atmen. Und ob etwas Unsinn ist, lässt sich durch Meinen und Glauben nur schwer sagen, selbst in den Naturwissenschaften. Als ich studiert habe, wäre ich sofort aus der Prüfung geflogen, hätte ich behauptet, dass sich Umwelteinflüsse auf Gene auswirken. Das galt damals als Geisterglaube, heute ist es eine gesicherte Erkenntnis.

Wie erklären Sie sich Ihr Interesse für Vampire?

Wir haben immer mal wieder Fälle, bei denen vampireske Dinge stattfinden. Ich habe mit Experten gesprochen, habe mal geschaut, um welche Blutmengen es geht und welchen Vorstellungswelten diese Menschen überhaupt folgen. Ich kondensiere also auch hier Schauergeschichten auf beweisbare Tatsachen herunter, und mit diesem Wissen kann ich dann mit allen Beteiligten vernünftig reden. Das hat sehr reale Auswirkungen, etwa wenn ich nachweisen kann, dass angebliche Vampirverbrechen gar keine sind. Das ist wichtig für die Polizei, die sich in solchen Fällen auch für Prävention einsetzt. Ich habe schon Polizisten mit ängstlichen Gesichtern gegenübergesessen, die wollten in Schulen gehen und die Kinder warnen, dabei gab es dafür gar keinen Grund.

Geht es Ihnen allein um die Vernunft bei der Betrachtung des Abseitigen?

Es geht um Trennschärfe. Wir haben auch mal getestet, wie eine Wahrsagerin zu ihren manchmal verblüffend treffenden Aussagen kommt. Daraus kann man Schlüsse ziehen für die Beweiskraft von Zeugenaussagen. Die Beschäftigung mit dem angeblich Irren führt zu mehr Klarheit in der realen Welt. Dafür muss man dem Irren aber tatsachenmäßig auf den Grund gehen.

Mit dieser Haltung gelten Sie nicht umsonst als recht speziell. Finden Polizisten, Richter und Anwälte das alles nicht ziemlich seltsam?

Das mag sein, aber sobald sie selbst davon betroffen sind, erscheint es ihnen überhaupt nicht mehr krude. Die fragen sich einfach: Nützt uns der Benecke oder nicht? Und wenn er was nützt, ist es völlig egal, ob es lustig, verrückt, überpräzise, autistisch oder sonst was ist.

Um Ihren Ruf scheinen Sie sich nicht zu sorgen.

Das ist mir sowieso egal, denn ein guter Ruf hat nichts mit der Wahrheit zu tun. Und ich kann nur die Wahrheit zeigen. Wenn jemandem das dann nicht gefällt, ist das in Ordnung. Muss ja nicht. Ich mache nur ein Angebot, und wenn meine Dienste nicht erwünscht sind, kann ich auch Pizza backen. ---