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Las Vegas spart Wasser

Ausgerechnet Las Vegas ist vorbildlich beim Wassersparen. Die Stadt hat das Glücksspiel mit dem wertvollen Rohstoff aufgegeben. Und geht mit ihm nun so clever um wie kaum eine andere Metropole.




• Touristen verschwenden keinen Blick auf den achteckigen Kasten am Rande des Las Vegas Strip gegenüber der falschen Sphinx des Luxor-Hotels. In dem Gehäuse steckt ein dickes weißes Rohr, das in die Hauptwasserleitung hineinragt. Unter der zehnspurigen Straße verläuft eine 90 Zentimeter dicke Leitung, durch die pro Tag mehr als 28 Millionen Liter Trinkwasser strömen. Spezielle Mikrofone erfassen die Fließgeräusche. Sobald ein ungewöhnliches Gurgeln oder Rauschen zu hören ist, das auf ein Leck deuten könnte, wird per Funknetz in der Zentrale der Wasserwerke des Las Vegas Valley (LVVWD) Alarm geschlagen.

Insgesamt 13 solcher Hydrofone der kanadischen Firma Echologics sind auf einem rund fünf Kilometer langen Teilabschnitt des Strip installiert. „Mit 70 000 Dollar pro Stück sind sie nicht billig, aber auf jeden Fall besser, als irgendwann die Straße aufzureißen, weil ein Hauptwasserrohr gebrochen ist und auf der Straße ein Kratersee vollläuft“, sagt der LVVWD-Mitarbeiter Bronson Mack bei einer Rundfahrt durch die Stadt, auf die die Sonne schon am frühen Morgen unbarmherzig hinunterbrennt.

Ein paar Minuten später hält er vor einem schlichten gelben Hydranten in einem ausgestorbenen Wohnviertel. Daran hängt ein hellgraues Kästchen, in dem sich ein Sensor mit Funkmodem verbirgt. Auch mit dieser Mini-Messstation versucht die Stadt, Lecks zu finden. Der sogenannte Pipeminder misst 128-mal pro Sekunde den Druck in der Leitung und meldet ungewöhnliche Spitzen ans Kontrollzentrum. Rund 37 000 Hydranten sind über die gesamte Stadt verteilt, und an einem Dutzend von ihnen hängen Messsonden der britischen Firma Syrinix, um Rohrbrüchen durch Materialermüdung vorzubeugen.

Das sind kaum ins Auge fallende Neuerungen in der mitten in der Wüste Nevadas gelegenen Stadt mit riesigen Hotels, in denen die Badewannen so groß wie kleine Swimming Pools sind und jeder Gast täglich einen Stapel frischer Handtücher bekommt. Wo Wasser durch künstlich angelegte Regenwälder und venezianische Kanäle plätschert – und auf mehr als 50 Golfplätzen auch bei Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius der Rasen sattgrün leuchtet.

Doch der Eindruck täuscht: Las Vegas ist nicht mehr der große Wasserverschwender. Obwohl im Jahr mehr als 40 Millionen Touristen hierherkommen, verbrauchen alle Hotels und Casinos am Strip nur 7,5 Prozent des städtischen Wassers – und speisen zwei Drittel davon wieder ins System ein. Die Stadt hat sich zu einem weltweit beachteten Vorbild in Sachen Wassersparen gewandelt und wird nach Meinung von Fachleuten auch dann nicht auf dem Trockenen sitzen, wenn der Tourismus weiter boomt.


Reservoir für mehr als 36 Millionen Menschen: der Lake Mead, noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

„Sie können in einem Hotel einchecken, alle Wasserhähne aufdrehen und jeden Tag zwei Vollbäder nehmen – das verändert unterm Strich nichts an unserer Wasserbilanz“, sagt Mack. „Die Stadt hat keine Wassersorgen.“

Diese Einschätzung erscheint verwegen, wenn man eine halbe Stunde in Richtung Osten zum Lake Mead fährt, dem gigantischen Stausee für den Colorado River. Noch nie war der Pegelstand so niedrig wie heute. Im Jahr 1998 war der künstliche See voll, heute ist das Reservoir nur noch zu 39 Prozent gefüllt. An den Kalkablagerungen am Ufer und den vier Ansaugstationen lässt sich ablesen, wovor Fachleute seit Langem warnen: Die sieben US-Bundesstaaten und Mexiko, die sich aus dem Colorado River bedienen, entnehmen Jahr für Jahr mehr Wasser, als der Fluss liefern kann.

Mehr als 36 Millionen Menschen und mehr als 20 000 Quadratkilometer landwirtschaftlich genutzte Fläche müssen versorgt werden. Der vergleichsweise dünn besiedelte Staat Nevada und sein einziges Ballungszentrum Las Vegas, in dem zwei Drittel seiner Bürger wohnen, fallen da kaum ins Gewicht. Dennoch ist der Wasserstand des Lake Mead für Nevada ein Problem, denn 90 Prozent seines Trinkwassers stammt aus diesem einen Speicher. Wenn die Nachbarstaaten den Stausee leer pumpen, ist Las Vegas erledigt.

Deshalb hat die Stadt ihre Not zur Tugend gemacht. Für diese Wende steht vor allem Patricia Mulroy. Sie stieg zur mächtigsten Wasser-Beamtin der Region auf und leitete von 1989 bis 2014 die beiden kommunalen Einrichtungen, die für Angebot und Nachfrage verantwortlich sind. Ihr gelang dank politischem Geschick, Spar-Appellen und Vorschriften, dass Las Vegas seinen Wasserverbrauch zwischen den Jahren 2002 und 2016 um mehr als ein Drittel senkte, während sich die Bevölkerung in der Metropolregion verdoppelte.

Wer Mulroy gegenübersitzt, ahnt, dass sie eine harte Verhandlungspartnerin ist – und warum sie gelegentlich als Wasserhexe beschimpft wurde. Die resolute Frau wuchs in Deutschland auf und spricht bis heute mit hessischem Akzent. 1974 zog sie nach Las Vegas, um deutsche Literatur zu studieren. Statt Karriere im Außenministerium zu machen, entschied sie sich nach einem Praktikum für einen Job in der Stadtverwaltung. „Als ich 1985 dort anfing, war Wasser kein Thema“, erinnert sich Mulroy, die seit ihrem Rückzug aus der Kommunalpolitik für die renommierte Denkfabrik Brookings Institution arbeitet. „Es werde immer mehr als genug geben, hieß es, mindestens bis 2025. Ans Sparen dachte niemand.“

Damals hatte die Stadt ein Viertel der heutigen Einwohnerzahl und bediente sich großzügig aus dem Lake Mead. Kurz darauf allerdings erkannten die Verantwortlichen, dass die Wasserrechte, die die Staaten im Westen der USA in den Zwanzigerjahren ausgehandelt hatten, bei Beibehaltung des gewohnten Lebensstils nicht ausreichen würden. Nevada ist bei der Entnahme von Wasser aus dem Reservoir auf jährlich 370 Millionen Kubikmeter beschränkt – Grundlage war der Bevölkerungsstand des vorigen Jahrhunderts. Vor allem aber erhoben die anderen, bevölkerungsreichen Bundesstaaten Ansprüche. „Beim Wasser kämpfte jeder gegen jeden, um sich Rechte für die Zukunft zu sichern“, sagt Mulroy. „Wir mussten uns also irgendwie einigen.“

Deshalb versuchte sie zunächst, die Angebotsfrage in den Griff zu bekommen. Nach intensiven Verhandlungen richteten die Stadt und umliegende Kommunen im Jahr 1991 eine neue Regionalbehörde namens Southern Nevada Water Authority ein, die ab sofort das letzte Wort bei der Vergabe von Wasserrechten hatte. Ein weiterer wichtiger Entschluss war, jedes Jahr einen 50-Jahres-Plan fortzuschreiben, um Entwicklungsszenarien durchzuspielen. „Man weiß zwar nie, wie es in Jahrzehnten aussehen wird“, sagt Mulroy, „aber da wir diese Planung jedes Jahr anpassen, ist sie ein hervorragendes Werkzeug, um sich nicht in die eigene Tasche zu lügen.“

Bis zur Finanzkrise im Jahr 2008 wuchs Las Vegas unaufhörlich. Jedes neue Hotelzimmer sorgt im Schnitt für drei neue Arbeitsplätze, immer mehr Einfamilienhäuser wurden gebaut. Spätestens die große Dürre, die 2002 einsetzte und bis heute nicht abgeklungen ist, machte deutlich, dass es so verschwenderisch nicht weitergehen konnte. Private Haushalte sind für 60 Prozent des Wasserkonsums in der Stadt verantwortlich, doch beim Thema Sparen fehlte es an der richtigen Einstellung und an den Anreizen. „Nirgendwo in den USA regnet es weniger als hier. Wir mussten den Leuten klarmachen, dass man in der trockensten Stadt des Landes am besten Wüstenvegetation anpflanzt“, sagt Mulroy.

Aus dieser Erkenntnis entstand das Programm Water Smart Landscape. Seit 2003 bezahlt Las Vegas Bürgern und Unternehmen Geld für jeden Quadratmeter Rasen, den sie entfernen – denn Wasser, das zum Gießen verwendet wird, verdunstet größenteils und kann nicht wieder in den Kreislauf eingespeist werden. Rund 17 Quadratkilometer Grünfläche sind dank des Programms wieder zu Wüste geworden.

Das Ziel: ein geschlossener Wasserkreislauf

Und wie sieht es mit Appellen aus, effizientere Wasserhähne, Duschen oder Waschmaschinen zu installieren? „Das ist nur Spar-Theater“, urteilt Patricia Mulroy. Denn Las Vegas fängt mittlerweile mehr als 93 Prozent des Abwassers aus Gebäuden auf, um es zu klären und in Trinkwasserqualität wieder in den Lake Mead einzuspeisen. Jeden recycelten Liter kann sich die Stadt für die künftige Entnahme gutschreiben lassen. Die Metropole spart so viel Wasser, dass sie inzwischen mit einer Netto-Entnahme von 290 Millionen Kubikmetern weit unter ihrer vertraglich zugesicherten Quote von 370 Millionen Kubikmetern bleibt.

Den Stausee pumpen derweil die anderen Anrainerstaaten leer, sagt James Thomas, Chef-Hydrologe am Desert Research Institute (DRI). Die Forschungseinrichtung wurde 1959 installiert, ursprünglich mit dem Auftrag, zu prüfen, ob Atomtests in der benachbarten Wüste Folgen für das Grundwasser haben. Heute beschäftigen sich dort 40 Hydrologen mit der Nutzung der Ressource. „Nevada hat – anders als Kalifornien oder Arizona – sein Grundwasser nicht angezapft und den Spiegel dadurch auf Dauer gesenkt, sondern arbeitet mit einem fast geschlossenen Kreislauf, bei dem nur sehr wenig verloren geht“, sagt Thomas. „Wir haben gelernt, gut hauszuhalten.“ Verbesserungsmöglichkeiten gebe es aber dennoch, und die seien vor allem technischer Natur.

So erklären sich die großen und kleinen Infrastrukturmaßnahmen der Stadt. Vernetzte Mikrofone und Druckmesser, die wie am Strip an vielen anderen Punkten das Leitungsnetz kontrollieren, minimieren Schwund. Las Vegas verliert – auch dank seiner jungen Infrastruktur, die wegen der jüngsten Expansion der Stadt oft nur 20 oder 30 Jahre alt ist – lediglich fünf Prozent seines Wassers durch Lecks und liegt damit weltweit an der Spitze, rechnet Thomas vor. „Großstädte mit älteren Leitungen verlieren normalerweise um die 15 Prozent.“

Diese Sparleistung soll nun mithilfe eines Inkubators namens Water Start zu einem dauerhaften Standortvorteil werden, der innovative Firmen nach Nevada lockt und ihnen bei der Finanzierung und Etablierung hilft. Geleitet wird die Organisation mit gerade einmal einer Handvoll Mitarbeiter von Nathan Allen, der dafür einen Job an der Universität von Arizona aufgab. Ziel sei es, neue Techniken zu testen „und so einen Cluster an fortschrittlichen Firmen zu schaffen“. Da Wasserwerke meist durch viele Gesetze gebunden und risikoscheu seien, hätten es Start-ups auf diesem Gebiet schwer. Sie bekämen „fast nie einen Fuß in die Tür“, sagt Allen.

Die Lebensversicherung: der dritte Strohhalm

Um das zu ändern, hat er die Schlüsselindustrien des Bundesstaats beteiligt – von der Landwirtschaft und dem Bergbau, über Teslas Batteriewerk und die gewaltigen Rechenzentren von Apple & Co. bis hin zum Tourismus. „Die Unternehmen sagen uns, welche Probleme sie lösen müssen, und wir machen globale Ausschreibungen und bereisen die Welt, um die richtigen Antworten zu finden. Wer zu uns kommt, kann auf kürzestem Weg einen Pilotversuch starten und hat gleich einen großen Partner an der Hand“, sagt Nathan Allen.

Um das Netz so weit wie möglich auszuwerfen, hatte noch Patricia Mulroy Partnerschaften mit innovativen Wasserwerken wie unter anderem Thames Water in London oder Israels staatlicher Wassergesellschaft Mekorot angebahnt. „Wir müssen nicht alles neu erfinden“, sagt Allen, „vieles gibt es in anderen Teilen der Welt schon längt, nur weiß niemand davon.“

In den ersten beiden Jahren seines Bestehens hat Water Start 180 Ideen aus aller Welt gesammelt und 16 davon bereits getestet, darunter die Hydrofone von Echologics. In diese Pilotprojekte haben der Staat Nevada und Partner aus der Wirtschaft 1,2 Millionen Dollar investiert. Allen freut sich über Zusagen von elf Start-ups, in Las Vegas Forschungseinrichtungen oder Büros einzurichten, was knapp 100 Arbeitsplätze schaffen soll – und die kritische Masse, um weitere Gründer anzuziehen.

Auch die lokale Wirtschaft ist angetan von der Zusammenarbeit. „Wasser ist ein zentraler Faktor für uns – von den Betriebskosten bis zur Außenwahrnehmung unserer Gäste, die sich fragen, ob es ökologisch vertretbar ist, nach Las Vegas zu kommen“, sagt Cinda Ortega, die beim Tourismuskonzern MGM Resorts International als Chief Sustainability Officer die Frau fürs Grüne ist. MGM ist mit 22 000 Jobs und 13 Hotels und Casinos allein entlang des Strip der größte Arbeitgeber der Stadt.

Was MGM tut, wirkt sich unmittelbar auf die Energie- und Wasserbilanz der Kommune aus. Dazu zählt beispielsweise ein 100 Millionen Dollar teurer Park im Schatten des New York-New York Casinos, der Besucher zum ersten Mal dazu anregt, sich im Freien aufzuhalten statt in gekühlten Innenräumen. Eine wichtige Frage für Ortega ist, wie sich der Verbrauch der gewaltigen Klimaanlagen mit Verdampfungskühlung senken lässt, ohne die kein Hotel oder Casino auskommt – und die dafür verantwortlich sind, dass ein Drittel des Wassers im Tourismusgewerbe nicht wiedergewonnen werden kann.

Für den Fall, dass alle technischen Neuerungen und Sparmaßnahmen nicht mit dem Wachstum Schritt halten, hat Patricia Mulroy vorgesorgt. Im jüngsten 50-Jahres-Plan schreiben die Wasserplaner, es bestehe die „große Wahrscheinlichkeit“, dass der Pegel des Lake Mead im kommenden Jahrzehnt auf unter 1000 Fuß über null absinken werde. Damit ginge bald allen anderen Anrainerstaaten das Wasser aus, denn sobald die Füllhöhe des Stausees unter 890 Fuß fällt, liegen die Ansaugstutzen im Freien. Las Vegas hat einen Vorteil, denn es hat 2015 den sogenannten dritten Strohhalm in Betrieb genommen. Die rund anderthalb Milliarden Dollar teure Bohrung samt neuer Pumpstation stellt sicher, dass Südnevada den Stausee von ganz unten anzapfen kann.

„Der dritte Strohhalm war die beste Investition, die wir je getätigt haben“, sagt Mulroy. Aber selbst wenn die Wasserentnahme vertraglich zugesichert ist, steht Las Vegas bei anhaltender Wasserknappheit der größte Verteilungskampf aller Zeiten ins Haus. Kalifornien und Arizona werden bis 2050 schätzungsweise 61 Millionen Einwohner haben – und es nicht kampflos hinnehmen, wenn Ballungszentren wie Los Angeles auf dem Trockenen sitzen. „Das Risiko besteht, dass sie von uns verlangen werden, unseren Verbrauch weiter zu senken“, sagt Mulroy. „Da würden Fotos, auf denen die Brunnen in Las Vegas munter weitersprudeln, die Leute auf die Barrikaden treiben.“ ---