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Extremus

Nichts lässt sich schwerer kalkulieren als das Risiko eines Anschlags. Extremus, der einzige deutsche Versicherer gegen Schäden durch Terror, versucht es trotzdem.





• 14 Jahre ist es gut gegangen. 14 Jahre ist nichts passiert. Und nun, am 19. Dezember 2016, tritt der Ernstfall für Leo Zagel und Gerhard Heidbrink doch noch ein. Gegen 20 Uhr lenkt der 24-jährige Tunesier Anis Amri einen Sattelschlepper über den Bordstein an der Berliner Gedächtniskirche und rast mit ausgeschalteten Lichtern in den gut besuchten Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Zwölf Menschen sterben, mehr als 50 werden verletzt.

Am nächsten Morgen stellt sich in einem unscheinbaren Kölner Bürogebäude an einer vierspurigen Ausfallstraße die Frage: Müssen wir zahlen? Und wenn ja: wie viel?

Die 2002 gegründete Extremus Versicherungs-AG ist das einzige deutsche Unternehmen, bei dem sich Kunden gegen Schäden durch Terrorakte versichern können, jedenfalls gegen die materiellen. Wenn ein Anschlag passiert, überprüft man in Köln als Erstes, welche Gebäude in der Nähe des Tatorts versichert sind. Das ist auf Karten verzeichnet. Der Breitscheidplatz, so zeigt sich, gehört zu den 125 Orten in Deutschland mit besonders hoher Sachwertkonzentration. Das heißt: In einem Radius von 200 Metern sind die versicherten Gebäude insgesamt mehr als eine Milliarde Euro wert.

Extremus-Vorstandschef Gerhard Heidbrink
Der Generalbevollmächtigte Leo Zagel.

Gerhard Heidbrink, 66 Jahre alt, der Vorstandsvorsitzende von Extremus, und sein Kollege Leo Zagel, 72, Generalbevollmächtigter des Unternehmens, strahlen jene Gelassenheit aus, die sich vermutlich einstellt, wenn man seit mehr als drei Jahrzehnten bei Versicherungen arbeitet. An jenem Tag schicken sie einen Gutachter nach Berlin, der überprüfen soll, wie groß der Schaden ist. Aber schon aus den Fernsehberichten können sie schließen, dass es wohl nicht sehr teuer wird. Der Attentäter hat zwar einige Buden auf dem Weihnachtsmarkt zerstört, aber es gibt keine großflächigen Schäden durch eine Explosion. Der Lkw ist in kein Gebäude gefahren, sondern noch auf der Budapester Straße, direkt vor dem Bikini-Haus, zum Stehen gekommen.

Am Ende stellt sich heraus, dass es sich bei dem einzigen beschädigten Objekt, das bei Extremus versichert ist, um eine der Weihnachtsmarkt-Buden handelt. „Der Schaden war so gering, dass er unterhalb der Selbstbeteiligung von 50 000 Euro lag“, sagt Heidbrink. Extremus muss also nicht einen einzigen Euro für die Begleichung eines Terrorschadens herausrücken. Wie bis jetzt immer seit der Gründung des Unternehmens. Und das bei einer Spezialisierung, die für eine Versicherung die wohl größtmögliche Herausforderung darstellt.

Die Grundlage des Versicherungsgeschäfts ist die Risikobewertung: Erdbeben, Stürme, Überschwemmungen, Tsunamis, Waldbrände – all diese wiederkehrenden Phänomene lassen sich anhand von statistischen Daten recht gut einschätzen. Dasselbe gilt für Schäden, die Menschen verursachen, sofern es ohne ihre Absicht geschieht – dazu gehören solche durch Wasser, Feuer oder Autounfälle.

Anders verhält es sich mit Schäden, die absichtlich herbeigeführt werden. Sie widersetzen sich hartnäckig den Formeln der Versicherungsmathematiker. Es gibt keine stabilen Durchschnitts- und Erfahrungswerte, die seriös etwas über die Zukunft aussagen könnten.

Dass Terrorschäden überhaupt versichert werden können, ist noch relativ neu. Erst zu Beginn der Neunzigerjahre boten in Großbritannien die ersten Gesellschaften solche Policen an – denn der Terror hatte eine neue Dimension erreicht. Bis dahin waren es Flugzeugbomben gewesen, die die größten Schäden angerichtet hatten. Doch diese überstiegen selten die Grenze von 100 Millionen US-Dollar. In den Jahren 1992 und 1993 dann verübte die nordirische Terrororganisation IRA in der Londoner City Bombenanschläge, bei denen Sachschäden von insgesamt mehr als einer Milliarde Britische Pfund entstanden. Ebenfalls 1993 kam es zum ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York; der Schaden belief sich auf 725 Millionen US-Dollar.

Der 11. September 2001 schließlich übertraf alles, was man bis dahin von einer kleinen Gruppe Terroristen für möglich gehalten hatte. Der Versicherungsschaden lag gemäß der Berechnungen des amerikanischen Insurance Information Institute bei unfassbaren 32,5 Milliarden US-Dollar. Drei europäische Versicherungsunternehmen – die Allianz, die Münchener Rück und Lloyd’s of London – mussten davon etwa acht Milliarden übernehmen. Waren Schäden durch Terror bis dahin ein Bestandteil der Brandschutzversicherung, wurde den deutschen Versicherern nun klar, dass sie eine große, umfassende Lösung für das Problem brauchten.

Statt zu kapitulieren: das Risiko aufteilen

Assekuranzen verteilen Risiken eigentlich wie Bergsteiger: indem sie sich aneinanderketten. Sie schließen Verträge mit Rückversicherern ab, die ihnen einen Teil ihrer Verluste zurückzahlen, wenn Katastrophen eintreten. Nach dem 11. September jedoch kappten die Rückversicherer die Seile, um sich selbst vor dem Absturz zu retten. Keine einzige Gesellschaft wollte noch Verträge absichern, die weiterhin Zahlungen nach Terroranschlägen vorsahen. Das Risiko schien unkalkulierbar. „Wenn es zu dem Zeitpunkt hier in Deutschland zu einem großen Terroranschlag gekommen wäre, hätten Gesellschaften in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten kommen können“, sagt Heidbrink, der damals bei den Krisensitzungen der Versicherungsvorstände dabei war.

Der erste Reflex einiger deutscher Konzerne bestand darin, künftig überhaupt keinen Schutz mehr gegen Terrorismus anzubieten. Aber das wollte die Bundesregierung nicht hinnehmen – vor Terroristen knickt man nicht ein. Das Bundesfinanzministerium unter Hans Eichel machte deutlich, dass man ein „Marktversagen“ nicht akzeptieren werde.

Die Lösung liegt schließlich in gemeinschaftlichem Handeln. Wenn man ein Risiko kaum kalkulieren kann, sagen sich die Versicherer, dann muss man es auf viele Schultern verteilen. Für die Gründung der Extremus tun sich 16 deutsche Unternehmen zusammen – unter anderem Allianz, Münchener Rück, Swiss Re, HDI und Gerling –, um für 2,5 Milliarden Euro pro Jahr zu garantieren. Jedes Unternehmen beteiligt sich je nach Marktanteil. Die großen, Allianz und Münchener Rück, mit jeweils 16 Prozent, die deutlich kleineren Signal Iduna und DEVK mit je 2 Prozent. Außerdem gibt der Staat eine Garantie in Höhe von weiteren 7,5 Milliarden Euro – die allerdings nur angetastet wird, wenn Schäden von mehr als 2,5 Milliarden Euro im Jahr entstehen.

Zagel und Heidbrink sind damals als „Gründungsväter“ dabei, wie sie es nennen. Heidbrink nimmt als Mitglied des Vorstands von HDI an den Verhandlungen teil, Zagel als Vorstand bei Gerling. Man einigt sich darauf, dass Extremus ausschließlich Sachwerte jenseits der 25 Millionen Euro versichert. Bei niedrigeren Summen ist eine Versicherung gegen Terrorismus weiterhin automatisch in der Brandschutzversicherung enthalten. Es geht vor allem um Büros, Fabriken und Lagerhallen mittelgroßer bis sehr großer Unternehmen. Der größte Teil des Umsatzes ergibt sich von Anfang an aus einer kleinen Zahl sehr lukrativer Verträge mit deutschen Großkonzernen.

Heute arbeiten 13 Angestellte für Extremus. Die Firma hat 1343 Einzelverträge mit Unternehmen abgeschlossen und versichert 7805 über ganz Deutschland verteilte „Risikoorte“, die insgesamt mehr als 650 Milliarden Euro wert sind.

So kurios es klingen mag: Eine der Stärken des Unternehmens besteht darin, dass jedem Mitarbeiter bewusst ist, wie wenig belastbare Daten vorhanden sind. „Es gibt einfach kein sicheres statistisches Material“, sagt Zagel. „Und wir können auch nicht in die Köpfe der Terroristen reinschauen.“ Bei Extremus halten sie sich deshalb umso enger an das, was sie wissen: wo es wahrscheinlich ist, dass ein Anschlag passiert.

Acht sogenannte Underwriter sind bei Extremus damit beschäftigt, Terrorrisiken einzuschätzen und entsprechende Policen zu erstellen.

Einer von ihnen ist Jörg Reinecke, ein 43-jähriger, schlaksiger Mann mit dicken Brillengläsern und alterslosem Gesicht. Kommt ein Kunde zu ihm, benötigt Reinecke zuerst eine Liste mit allen Gebäuden, die versichert werden sollen. Um jedes dieser Gebäude zieht er dann auf einer Karte einen Kreis mit 200-Meter-Radius und errechnet, wie viel es kosten würde, wenn innerhalb dieses Gebietes alle Gebäude durch einen Anschlag beschädigt oder gleich ganz zerstört würden.

Bei Extremus nennen sie das eine „Kumul-Zone“ – ein Gebiet, auf dem theoretisch alle Gebäude von derselben Explosion betroffen sein könnten. Die teuerste Kumul-Zone ist 5,3 Milliarden Euro wert und liegt in der Innenstadt von Frankfurt am Main. Je konzentrierter die Werte, desto teurer wird für den Kunden die Police. Aus zwei Gründen: Da Terroristen möglichst viel Schaden anrichten wollen, gelten solche Gegenden als besonders gefährdet. Und wenn dort etwas passiert, wird es für Extremus weitaus teurer, als wenn es nur um ein Einzelobjekt geht.

Um all dies zu berücksichtigen, hätten die Underwriter beim Preis der Policen ziemlich viel Spielraum, sagt Reinecke. „Das ist anders als bei der Brandschutzversicherung, wo sich der Preis nach objektiven Kriterien, wie Sprinkleranlagen und Brandschutztüren, berechnet. Wir müssen viel mehr aus dem Bauch heraus entscheiden.“

Die Underwriter können den Preis um das Zehnfache senken oder erhöhen, wenn sie es für richtig halten: „Die Prämien, die wir festlegen, bewegen sich alle im Rahmen von 0,3 Promille des Versicherungswerts für die teuersten, riskantesten Gebäude und 0,03 Promille für die billigsten – zum Beispiel wenn jemand ein Gebäude auf dem flachen Land versichern möchte.“

Eine Terrorversicherung für Objekte mit einem Wert von insgesamt 100 Millionen Euro beispielsweise in der Lüneburger Heide ist bereits für 3300 Euro im Jahr zu haben, während Gebäude in den Innenstädten von Hamburg, Berlin, München und Frankfurt am Main als riskant gelten. Ebenso wie Orte, an denen viele Menschen zusammenkommen: Flughäfen, Fußballstadien, Museen, Bahnhöfe und Einkaufszentren.

Bestimmt den Preis von Policen: Jörg Reinecke, Underwriter

Wer heikle Produkte herstellt, zahlt mehr

Die Lage allein ist jedoch nicht immer entscheidend. Vor Kurzem kam der Manager eines Metallverarbeiters auf Extremus zu. Die Fabrik lag auf dem Land, aber es gab einen kleinen Haken: Zwar haben Reinecke und seine Kollegen bei ihrer Arbeit keinen Zugang zu Geheimdienstinformationen, aber es war ihnen bekannt, dass die Firma Teile für einen Waffenhersteller produzierte, der wiederum die Waffen in ein Land lieferte, in dem es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen könnte. Das Unternehmen musste am Ende eine mehr als doppelt so hohe Prämie zahlen wie eine Firma in derselben Region, die keine brisanten Produkte herstellt.

Reinecke weiß allerdings, dass er mit den Prämien nicht zu hoch gehen darf, denn die Konkurrenz hat zugenommen. „Gerade Lloyd’s of London sorgt dafür, dass wir in den vergangenen Jahren mit den Preisen immer weiter runtergegangen sind. Wenn es zu teuer ist, gehen die Kunden natürlich woanders hin.“

Das ist der Grund, weshalb Extremus in den vergangenen zehn Jahren zwar 200 zusätzliche Verträge abgeschlossen hat, der Umsatz im selben Zeitraum jedoch um fast 20 Millionen Euro gesunken ist – auf 43,8 Millionen im Jahr 2016. Der Gewinn betrug zuletzt 300 000 Euro. Den Verantwortlichen geht es aber weniger um einen möglichst hohen Überschuss als um Risikominimierung. Es gibt Schadenobergrenzen, Kumul-Zonen und klar formulierte Verträge. „Das Wichtigste ist, dass jede der 16 beteiligten Versicherungen jetzt genau weiß, wie viel sie maximal bezahlen müsste“, sagt Heidbrink.

So würde auch der größte Schaden keine Einzelversicherung überfordern. Selbst der schlimmste Fall – eine riesige Bombe in der Frankfurter City – kostete die Allianz oder die Münchener Rück, die beide mit 16 Prozent an der 2,5-Milliarden-Euro-Kapitaldeckung von Extremus beteiligt sind, maximal 400 Millionen Euro. Das ist eine Summe, die ein solcher Konzern ohne Not aufbringen kann.

Leo Zagel und Gerhard Heidbrink können sich ihre Entspanntheit also durchaus leisten. ---